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Kunst

Warum eine amerikanische Sex-Bloggerin nach Berlin flüchtete

Mit ihren Beiträgen über Gender und Sexualität machte sich Lena Chen nicht nur Freunde. Die wirkliche Hölle begann allerdings erst, als einer ihrer Ex-Freunde Nacktfotos von ihr veröffentlichte.

von Sophie Fenella Robins
26 Juni 2017, 7:00am

Foto: Red Your Blues (redyourblues.com)

Was würdest du tun, wenn sich das Internet gegen dich stellen würde? Wenn dein Name zu einem Schimpfwort werden und die Anonymität im Netz Fremden die Möglichkeit geben würde, dich zu belästigen und öffentlich zu beschimpfen? Wie würdest du dich davon erholen?

Lena Chen studierte in Harvard, als sie begann, auf ihrem Blog Sex and the Ivy über Sexualität und Geschlechterrollen zu schreiben. Mit ihren Beiträgen über Sex, Gender und Dating erreichte sie schon nach kurzer Zeit zahlreiche Follower und eine nationale Leserschaft in den USA. Wie viele Autor_innen, die sich online zu körperlicher Selbstbestimmung äußern, stieß sie mit ihren Beiträgen allerdings nicht nur auf Gegenliebe.

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Die komplette Härte konzentrierten Internethasses traf sie allerdings erst, als einer ihrer Ex-Freunde an Weihnachten 2007 Nacktfotos von ihr öffentlich machte. Was danach folgte, war ein fünfjähriger Ritt durch die Hölle. Online-Trolle und Stalker erstellten Hate-Blogs, um die Nacktfotos weiter zu verbreiten, veröffentlichten Namen und Adressen ihrer Freunde und Familie und setzten sogar das Gerücht in Umlauf, dass sie ihr damaliger Partner vergewaltigt hätte.

Noch lange bevor es ein Wort dafür gab, wurde Chen zu einem der ersten Opfer von Rachepornografie.

Die Schikanen gingen auch dann weiter, als Chen 2008 ihren Abschluss in Harvard machte. Sie beschloss, nach Deutschland auszuwandern, um in Berlin ein neues Leben zu beginnen. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen.


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Sie hatte Schwierigkeiten damit, neue Freunde zu finden, weil sie immer befürchtete, dass ihr Geheimnis durch eine kurze Google-Suche ans Licht kommen würde. Es war nicht genug, in ein anderes Land auf einem anderen Kontinent zu ziehen, also änderte sie ihren Namen – wenn auch nicht offiziell. Anderen Leuten stellte sie sich in Berlin nur noch als "Elle Peril" vor und begann auch ihre Karriere als Model und Autorin unter ihrem neuen Namen.

"Als ich vor vier Jahren nach Berlin kam, wollte ich von vorne anfange", erklärt sie Broadly. Elle Peril habe sie erschaffen, um "mich vor meinem Stalker zu verstecken und meine Interessen im Kreativbereich auszuloten."

Elle Peril war dabei mehr als nur ein Künstlername. Mit ihrem neuen Namen konnte Chen auch endlich neue Freunde kennenlernen, Ausstellungen organisieren, für Künstler und Fotografen modeln, selbst auftreten und sich ein Netzwerk in der Kreativszene Berlins aufbauen. Die meisten ihrer Freunde und Kollegen haben erst vor Kurzem erfahren, dass Elle Peril eigentlich Lena Chen heißt.

Lena Chen hat als "Elle Peril" für über 50 Künstler und Fotografen gemodelt. Foto: Zlena Van Lunarem

Nachdem sie über Jahre hinweg Freundschaften und Kontakte geschlossen hatte, hatte sie endlich das Gefühl, sich nicht länger verstecken zu müssen. "Ich wollte, dass die Menschen die Wahrheit über mich erfahren. Ich wollte, dass sie mich als vollständigen Menschen wahrnehmen und nicht nur als Fragment einer Frau."

Als Peril hat Chen für mehr als 50 Künstler und Fotografen gemodelt – darunter auch viele Maler, Illustratoren, Filmemacher und Aktkurse. Die meisten von ihnen hat sie über die Networking-Datenbank Model Mayhem gefunden, aber auch Instagram, Facebook und Tumblr haben ihre dabei geholfen, Shootings zu buchen. Manchmal entstanden daraus Kollaborationen mit dem Fotograf oder dem Künstler. Manchmal hatte der Künstler aber auch schon eine bestimmte Idee, die sie gemeinsam realisiert haben. Im Mai 2017 hat sie einige ihrer Arbeiten im Rahmen einer Ausstellung in Berlin präsentiert. Der Titel der Ausstellung: "The Life and Death of Elle Peril", also "Leben und Tod von Elle Peril." Sie zeigte eine Frau, die die wiedergewonnene Macht über ihren eigenen Körper ergreift.

Chen bei ihrem Auftritt in Berlin. Foto: Sophie Le Roux

"Mein Ex-Freund hat intime Fotos von mir an die Öffentlichkeit gegeben, um mich bloßzustellen und an Pranger zu stellen. Ich habe Jahre damit zugebracht, mich selbst kleiner und leiser zu machen als ich bin, in der Hoffnung, dass die Beleidigungen und die Schikanen aufhören würden", sagt Chen. "Es war unglaublich entmündigend." Erst ihre Arbeit als Nacktmodel habe ihr die Möglichkeit gegeben, die Selbstbestimmung über ihren Körper wiederzuerlangen, sagt sie. Elle Peril war also nicht nur ein Deckname, mit dem sie Cyberstalking und Mobbing entkommen wollte. Es war ein Neuanfang für sie als Person.

"Wir erleben alle Schmerz, Trauer und machen schwere Zeiten durch. Man kann sich entweder davon zerstören lassen oder die Gefühle nutzen, um etwas daraus zu schaffen."

Chen: "Kunst und Schreiben haben mein Leben gerettet." Foto: Gershon Kreimer

Dass ihre jahrelange Bekannte eigentlich ganz anders hieß, überraschte ihre Freunde. Sauer waren sie allerdings nicht darüber, erst jetzt von der wahren Identität Chens zu erfahren. Viel schockierender war in ihren Augen, dass ihre Freundin jahrelang im Internet belästigt und schikaniert wurde.

"Die meisten Menschen, die mich als Lena Chen kennen, hatten keine Ahnung, dass ich in Berlin eine andere Identität hatte. Eigentlich ist es nichts ungewöhnliches, dass Künstler und Modelle ein Pseudonym haben. Meines war allerdings mehr als nur ein alberner Künstlername. Ich habe versucht, meiner gesamten Vergangenheit zu entkommen und sie neu zu schreiben."

Der künstlerische Schaffensakt hatte für Chen auch etwas Heilendes. Ihre Kreativität wurde zu einer Überlebensstrategie, um mit dem Trauma und der Angst umzugehen. "Wir leben in einer kranken Welt und Kunst ist meine Medizin. Kunst und Schreiben haben mein Leben gerettet", erklärt sie.

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Dadurch, dass sie über ihre Erfahrung schreibt und spricht, hofft Chen, auch anderen Opfer von Rachepornos und anderen Formen von sexualisierter Gewalt dazu zu ermutigen, über ihre Erfahrung zu sprechen. Sie möchte anderen Menschen helfen, in dem sie das Schweigen bricht.

An die anonymen Trolle, die sie jahrelang belästigt und beleidigt haben, hat Chen nur eine Botschaft: "All eure Anstrengungen, mein Leben zu zerstören, waren vergeblich. Ich habe euren Hass zu meiner Kunst gemacht. Ich hoffe, ihre findet euren Frieden, denn alles andere ist reine Zeitverschwendung."

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