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'The Great Hack': Über den größten Facebook-Skandal aller Zeiten

Die neue Netflix-Doku ist deshalb so stark, weil sie fünf Probleme hervorhebt, die jeden von uns treffen.

von Eike Kühl
26 Juli 2019, 8:43am

Brittany Kaiser hat für Cambridge Analytica gearbeitet | Foto: Netflix

Es war der größte Datenskandal des vergangenen Jahres und einer der größten in der Geschichte des Internets. Im März 2018 kam heraus, dass die britische Firma Cambridge Analytica unrechtmäßig Zugriff auf zig Millionen Profile von Facebook-Nutzerinnen und Nutzern hatte. Geburtstage, Anschriften, Hobbys, Freunde – all das nutzten die Verantwortlichen, um daraus komplexe Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Ziel war unter anderem die Manipulation von Meinung, oder genauer von Wählerinnen und Wählern. Cambridge Analytica hatte sowohl für die Präsidentschaftskampagne von Donald Trump gearbeitet als auch mit den Brexit-Befürwortern in Großbritannien.

Die neue Netflix-Doku The Great Hack erzählt diese Geschichte. Die beiden Filmemacher Karim Amer und Jehane Noujaim, die mit der Tahrir-Platz-Doku The Square bereits für einen Oscar nominiert waren, sprachen dafür mit Datenschützern wie dem Designprofessor David Carroll, der wissen wollte, welche Daten Cambridge Analytica von ihm besaß und dafür vor Gericht zog. Sie sprechen mit der britischen Journalistin Carole Cadwalladr, die an der Enthüllung der zwielichtigen Machenschaften maßgeblich beteiligt war. Die spannendste Person in der Doku ist Brittany Kaiser, eine ehemalige Mitarbeiterin von Cambridge Analytica. Sie hat sich inzwischen auf die Seite der Datenschützer geschlagen und sagte während der Untersuchung sowohl in den USA als auch in Großbritannien als Kronzeugin aus.

The Great Hack lohnt sich, weil der Film die verworrene Geschichte von Cambridge Analytica spannend und verständlich erzählt: Es ist eine Geschichte zwischen England und den USA, zwischen Donald Trump und Nigel Farage, zwischen geschniegelten Businesstypen und pinkhaarigen Nerds. Es ist die Geschichte davon, wie eines der größten und mächtigsten sozialen Netzwerke der Welt das Vertrauen seiner Nutzerinnen und Nutzer verspielt hat. Die Doku ist auch deshalb so stark, weil sie fünf Probleme hervorhebt, die jeden von uns treffen.

1. Deine Daten verdunsten nicht

Erinnerst du dich noch an deinen Facebook-Post vom 12. Januar 2013? Nein? Facebook tut es. Und möglicherweise alle Dritten, die seitdem in irgendeiner Form Zugriff auf dein Profil hatten. Aus deinem Gedächtnis mag er verschwunden sein, doch deine Timeline vergisst nichts. Wie zu Beginn von The Great Hack erzählt wird, hinterlassen wir überall im Netz Spuren, die zu Tausenden Datenpunkten zusammengefasst ein komplexes Bild über unsere Persönlichkeit geben. Nur zu häufig denken wir bloß von einer Instagram-Story zur nächsten, denken über die unmittelbare Wirkung nach. Dabei sollte uns bewusst sein, dass soziale Medien fast nichts vergessen – und dass auch der Post vom 12. Januar 2013 möglicherweise Teil eines Datenpakets ist, das irgendwo über dich gespeichert ist.

2. Facebook wieselt sich immer wieder durch

The Great Hack ist keine Facebook-Doku. Mark Zuckerberg kommt nur einmal vor, und zwar, als er vor dem US-Kongress aussagen musste. Das ist einerseits verständlich, schließlich soll es um die Machenschaften von Cambridge Analytica gehen. Aber es ist auch bezeichnend, denn es passt zum Narrativ von Facebook, sich selbst als Opfer eines unerlaubten Datenzugriffs zu inszenieren. Nur zwischen den Zeilen wird erwähnt, dass Facebook durch seine Datensammlung überhaupt erst Anreize für deren Missbrauch schuf – und es dann auch noch versäumte, diesen einzudämmen und strafrechtlich zu verfolgen.

Leider spiegelt das die Realität wider: Obwohl Facebook seit vergangenem Jahr verstärkt in der Kritik steht, hat das soziale Netzwerk außer kleineren technischen Anpassungen, viel PR-Charme und noch mehr Phrasendrescherei kaum etwas an seiner Praxis geändert. Es sammelt weiterhin Daten im großen Stil, analysiert seine Nutzenden – und lässt sich sogar von Strafen in Milliardenhöhe, wie gerade von der US-Handelsaufsicht auferlegt, kaum beeindrucken.

3. Die ärmsten Länder waren Testgebiete

Der Einfluss von Cambridge Analytica auf das Meinungsklima, heißt es in der Doku, soll maßgeblichen Anteil an Donald Trumps Sieg bei der US-Wahl gehabt haben. Der tatsächliche Einfluss ist bis heute umstritten, und auch The Great Hack liefert hier keine neuen Erkenntnisse. Interessant sind aber geleakte Dokumente und Aufnahmen der Verantwortlichen von Cambridge Analytica, die sich damit brüsten, wo sie noch so überall tätig waren. Nämlich in Ländern wie Malaysia, Ghana oder Trinidad und Tobago.

In Tobago wollen sie schon 2010 eine Graswurzelkampagne initiiert haben, die junge, schwarze Wählerinnen und Wähler davon abhalten sollte, überhaupt zu wählen. Als Zeichen des Protests. Tatsächlich soll hinter der Aktion aber die politische Konkurrenz gestanden haben, so sagen es die Mitarbeiter von Cambridge Analytica. Sie soll auch dadurch an die Macht gekommen sein, dass sie mehr Wählende mobilisieren konnte. "Cambridge Analytica war in Afghanistan aktiv, in Irak, in Osteuropa", sagt die Journalistin Carole Cadwalladr. "In allen Kampagnen in den Entwicklungsländern ging es darum, neue Technologie zu testen, um Wähler oder die Wahlbeteiligung zu beeinflussen." Nachdem sie wussten, wie es geht, seien sie zu größeren Ländern wie den USA oder Großbritannien übergegangen.

4. Jeder lügt. Jeder.

Dr. House wusste es eh, aber auch The Great Hack macht uns noch einmal deutlich, dass man eigentlich niemanden trauen kann. Schon gar nicht, wenn es um unsere Daten geht. Da ist der Chef von Cambridge Analytica, der abstreitet, dass seine Firma mit der britischen Brexit-Kampagne kooperiert hat, obwohl sein Firmenname auf offiziellen Dokumenten steht, die in der Doku zu sehen sind. Da ist die Ex-Mitarbeiterin Brittany Kaiser, die in einem thailändischen Infinity Pool steht und sinngemäß erzählt, dass sie die Welt eigentlich immer nur verbessern wollte – und in diesem Moment offenbar vergessen hat, dass sie mit Menschen wie dem homofeindlichen Abtreibungsgegner, US-Senator Ted Cruz, und dem britischen Nationalisten Nigel Farage zusammengearbeitet hat. Da ist Mark Zuckerberg, der Kenntnis über den unerlaubten Datenzugriff abstreitet. Und streng genommen ist auch der Titel des Films geflunkert, denn ein Hack bezeichnet eigentlich ein unerlaubtes Eindringen in ein gesichertes System, während es sich im Fall von Cambridge eher um einen unerlaubten Datenverkauf handelte.

5. Sei kein "Persuadable" – sei nicht manipulierbar

Als "Persuadables" bezeichnen die Cambridge-Analytica-Bosse jene Menschen, die durch gezielte Werbeanzeigen und Online-Kampagnen manipulierbar sind. Es sind genau diese potenziellen Wählerinnen und Wähler, die im Mittelpunkt der Propaganda-Aktionen standen. An einer Stelle beschreibt es Brittany Kaiser so: "Wir bombardierten sie über Blogs, Webseiten, Artikel, Videos, Anzeigen – jede Plattform, die zur Verfügung stand –, bis sie die Welt so sahen, wie wir es wollten." Es sind erstaunlich offene Worte, die wir als Warnung und als Aufforderung verstehen sollten, und die gleichzeitig die wichtigste Message von The Great Hack enthalten: sei kein "Persuadable". Lass dich nicht zu leicht triggern, wenn dich ein Beitrag bei deinen Emotionen packt. Überprüfe die Fakten, Google es, hol dir eine zweite Meinung. Teile nichts, ohne nicht vorher noch einmal in Ruhe darüber nachgedacht zu haben. Und vor allem: Vergiss nicht, dass viele Leute im Internet dich auf eine falsche Spur locken wollen.

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