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Popkultur

Wer wissen will, warum Promis sich freiwillig im TV blamieren, muss 'Das Sommerhaus der Stars' gucken

Patricia Blanco und Micaela Schäfer machen Witze über ihre OPs, damit es niemand anderes tut. Am Schluss entscheidet trotzdem RTL, wer noch ein bisschen Restwürde behalten darf.

von Lisa Ludwig
10 Juli 2018, 12:25pm

Nico Gollnick und Patricia Blanco | Alle Fotos: MG RTL D 

Trash-TV ist eine überaus interessante Unterart der Unterhaltungsindustrie. Immer und immer wieder entblößen Menschen vor laufenden Kameras Abgründe, nach denen viele nicht einmal bei Google suchen würden, ohne anschließend den Browserverlauf zu löschen. Sie weinen, kotzen, saufen, schwanken, vögeln und streiten auf engstem Raum, alles vor den Augen Millionen Deutscher. Mit verschmiertem Make-up und schweißverfärbten T-Shirts starren sie mit großen Augen in die Kameras und scheinen darauf zu warten, dass sie jemand erlöst, oder rettet. Vielleicht sogar vor sich selbst. Denn am Ende haben sie selbst die Entscheidung getroffen, für Zehntausende Euro ins Dschungelcamp zu ziehen, oder bei Big Brother mitzumachen, oder in Formaten wie Schwiegertochter gesucht oder Der Bachelor nach jemandem zu suchen, der sie endlich, endlich lieben kann.

Und wir sitzen vor den Fernsehern und amüsieren uns darüber, wie dumm diese Menschen sind. Warum machen die da überhaupt mit? Haben die in den letzten zehn Jahren Reality-TV denn nichts gelernt? Wer verstehen will, warum es nach wie vor Menschen gibt, die glauben, dass sie sich der RTL-Dramaturgie entziehen und sich mit einem kleinen bisschen Restwürde in ihren nächsten Karriereabschnitt als Influencer und Z-Promi retten können, der muss die neue Staffel von Das Sommerhaus der Stars gucken.


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Acht semiprominente Paare leben für zwei Wochen in einem deutlich zu kleinen Ferienhaus in Portugal mit- und gegeneinander. Wer es schafft, bis zum Schluss nicht rauszufliegen, wird "DAS Promipaar 2018" und gewinnt 50.000 Euro. Im vergangenen Jahr stritten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem darum, wer das bessere Sexleben hat. Nach der ersten Folge der neuen Staffel lässt sich klar sagen: Trotz Bildern von wild geschwungenen Penissen und herzförmigen Brustwarzen versuchen die neuen Pärchen verzweifelt zu beweisen, dass sie kein Trash sind.

Da wäre zum Beispiel Patricia Blanco. Die Tochter von Roberto Blanco war bereits im Dschungelcamp und datete nackt bei Adam sucht Eva. Dank diverser Boulevard-Medien wissen wir außerdem, dass ihr nach einer missglückten OP die Brustwarzen abstarben und jetzt "zwei Löcher" sind, wo sich mal die Nippel der 47-Jährigen befunden haben. "Wie viel schlimmer kann es noch werden?", denkt sich Patricia deswegen wahrscheinlich folgerichtig und gibt die bewusst offene und selbstironische Z-Prominente, die jeden Witz über ihre zahlreichen Schönheitsoperationen lieber selbst macht, bevor es jemand anderes tut.

Das funktioniert am Anfang auch. Die "Promi-Tochter", laut RTL.de ihre offizielle Jobbeschreibung, wirkt nahbar und unterhaltsam. Eine, die verstanden hat, was das Format von ihr verlangt, und deswegen ganz kontrolliert peinlich ist, ohne unauthentisch zu wirken. "Ich hatte immer ganz schreckliche Männer neben mir", sagt sie zum Beispiel, und wirkt dabei nicht nur ehrlich sympathisch, sondern auch ein bisschen gebrochen. "Ich möchte endlich mal was gewinnen."

Im "Sommerhaus der Stars" wird begeistert getrunken

Mit dem 28-jährigen Nico Gollnick soll jetzt alles anders werden. Auch wenn Patricia in Nizza lebt und Nico in Berlin gerade eine ehemalige Currywurst-Bude angemietet hat, um aus ihr heraus Holzblöcke zu verkaufen, an denen man sein Fahrrad an die Wand hängen kann. Wegen dem deutlichen Altersunterschied scheint sich das Paar beinahe ein bisschen revolutionär zu fühlen. Auch wenn der auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich ist, weil Patricia Blanco seit Jahren nicht mehr aussieht wie Patricia Blanco und mit dem richtigen Instagram-Filter vielleicht sogar als Mittdreißigerin durchgehen würde. Als ihr das von den anderen Paaren bestätigt wird, weiß sie ganz genau, bei wem sie sich dafür bedanken muss: "Danke Gott und Botox, dass ihr mir helft. Ich danke dir, mein Chirurg!" Endlich hat sie ihre eigene Geschichte im Griff, endlich bestimmt sie selbst, worüber sich bei ihr lustig gemacht wird. Oder?

Nach mehreren Flaschen Sekt ist klar: Patricia Blancos Rolle für diese Sommerhaus-Staffel wird eine andere sein. Sie ist die, die ein bisschen zu schnell und ein bisschen zu viel trinkt, dann ein bisschen zu laut lacht und ein bisschen zu sehr glaubt, dass sich hier doch alle ganz fantastisch verstehen. "Die kippt sich ja ein Glas nach dem anderen", merkt Micaela Schäfer irritiert an. Auch andere im Sommerhaus glauben, dass Patricia "kein Problem mit Alkohol" hat. Und die Beziehung zu Nico? Bestimmt nicht echt, mutmaßen die Büchners. RTL zeigt Blanco nach ihrer großen Präsenz zu Beginn im weiteren Verlauf der Folge nur noch, wenn sie ein volles Glas in der Hand hält oder irgendeinen Witz über ihren Alkoholkonsum macht. Der beste Selbstvermarktungsplan wird wirkungslos, wenn man nicht selbst im Schnittraum sitzt.

Jens und Daniela Büchner

Ein anderes Paar, das glaubt, die Mechanismen hinter Reality-Formaten verstanden zu haben, sind Jens und Daniela Büchner. "Bekannt" geworden, wenn man so möchte, ist Jens durch die VOX-Sendung Goodbye Deutschland! Die Auswanderer, als frischgebackener Boutique-Besitzer auf Mallorca. Danach versuchte er sich unter anderem als Schmuckdesigner und Badehosenmodel, mittlerweile verdient er als Schlagersänger und Trash-TV-Teilnehmer seinen Lebensunterhalt. Seine größten Hits? "Pleite aber Sexy", "Arme Sau", "Augen zu und durch die Nacht" und "Hau ab, Du bist kein Alkohol".

Trotzdem ist es in der ersten Folge vor allem seine Frau, die im Gedächtnis bleibt. Café-Inhaberin Daniela ist nicht gekommen, "um Freunde zu finden". Sie glaubt, wie so viele Reality-Format-Teilnehmerinnen vor ihr, dass es reicht, tough zu sein, um über allem zu stehen. Sich nichts gefallen zu lassen, um nicht in die Defensive zu geraten. Vor allem aber müssen sie und ihr Mann sich immer wieder versichern: Wir sind zwar in derselben Sendung wie die anderen hier, aber uns kennen die Leute zumindest. Und unseren Mercedes haben wir von Jens' Dschungelcamp-Geld bar bezahlt!

Vor der ersten Paar-Challenge, in der Weintrauben in einen Korb geworfen und anschließend zu Wein zerstampft werden sollen, hypen sich die beiden mit ihrem Kampfslogan "Die Büchners sind die Geilsten!" hoch. Jens trägt über große Teile der ersten Folge ein enges, rotes T-Shirt, auf dem "Büchner Allstars" steht. Das Paar glaubt, eingespielt und souverän genug zu sein, um Lagerkoller und Anfeindungen aus allen Richtungen überstehen zu können. Doch schlussendlich sitzt RTL am längeren Hebel: Nach der ersten Nacht zeigt der Sender Jens unter der Dusche und mit wackelndem Penis.

Daniela sieht man, wie sie breitbeinig im Flur steht und sich ausgiebig im Schritt kratzt. Später wird sie gezeigt, wie sie zunehmend kurzatmiger ihre Aussage verteidigt, dass ihre Tochter mit 18 Jahren bestimmt noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt hat. Daniela wollte sich mit ihrer No-Bullshit-Attitüde als ehrlich und direkt positionieren. Jetzt ist sie die ungeliebte Oberzicke, die von ihrem Mann immer wieder daran erinnert werden muss, was sie sich eigentlich vorgenommen hatten: freundlich sein, aber ans eigene Vorankommen denken, und so schlussendlich die 50.000 Euro mit nach Hause nehmen.

Felix Steiner und Micaela Schäfer

Wirklich souverän und kontrolliert wirkt eigentlich nur ein Paar in dieser ersten Folge: Micaela Schäfer und Felix Steiner. Sie Erotik-Model, er laut RTL "Unternehmer und Redakteur". Sie schillernd, selbstironisch, gerne nackt. Er irgendwie farblos. Wenn man nach mehr Infos zu ihm sucht, spuckt Google das Wikipedia-Profil von Felix Martin Julius Steiner aus – einem ehemaligen SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Unter "Felix Steiner Unternehmer" findet sich zumindest ein verwaistes Linkedin-Profil für jemanden, der irgendetwas im Baubereich macht. Ansonsten findet Felix nur in Verbindung mit seiner Freundin statt.

Die weiß ganz genau, was die Leute sehen wollen. Und dass viele womöglich besser wissen, wie ihre herzförmigen Brustwarzen aussehen als ihr Gesicht. Ganz so, als hätte Micaela bereits fest einkalkuliert, dass RTL erst auf ihre Brüste zoomt, bevor sich die Kamera in Richtung ihres Kopfes bewegt. Und auch ihr Freund spielt mit. Die 34-Jährige habe beim ersten Treffen mit seiner Mutter "bei einem wunderbaren Bootsfahrt am Wörthersee erstmal ihre Brüste gezeigt", erzählt er.

Auch im Sommerhaus wird sich Micaela aller Voraussicht nach ausziehen. Erst einmal haben sie und ihr Partner aber die erste Paar-Challenge gewonnen. "Ich habe nicht nach oben geguckt, weil ich Angst hatte, dass die Trauben mein teures Gesicht zerschmettern", sagt sie über eine Situation, in der sich Felix schwertat, in den Korb zu zielen. "Das ist ja komplett alles Plastik."

Und vielleicht ist das tatsächlich auch das Geheimnis ihrer vermeintlichen Unangreifbarkeit. Micaela Schäfer hat jeden Teil ihres Körpers optimiert, das Gesicht, die Brüste, den Hintern, den Bauch. Alles hat sie schon gezeigt, ob auf dem roten Teppich, bei DJ-Auftritten oder im Dschungelcamp. Sie hatte zum Start der WM für einen Erotikanbieter Sex mit Pappaufstellern deutscher Nationalspieler und ist auch in diesem Jahr wieder Gesicht der Venus. Micaela weiß, was die Leute erwarten, und sie weiß, was RTL von ihr braucht. Und weil sie es RTL gibt, ihre Nacktheit, ihren Körper, muss sie nicht bloßgestellt werden.

Vielleicht ist das der einzige Weg, um wirklich unbeschadet aus einem Trash-TV-Format hervorzugehen. Alles zu geben, was die Leute wollen. Und das für sich zu behalten, was sich in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr kontrollieren lässt.

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