Foto: Jan Karon

Polnische Obdachlose haben ihren Wodka mit uns geteilt und erzählt, warum sie in Berlin sind

"Wir können an öffentlichen Plätzen Alkohol konsumieren, in Parks schlafen, in der U-Bahn betteln – dafür wären wir in Polen längst verhaftet worden", sagt der 43-jährige Robert.

von Jan Karon; Fotos von Jan Karon
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07 September 2018, 6:57am

Foto: Jan Karon

Als eine Kindergartengruppe im Entenmarsch durch den Berliner Tiergarten stiefelt, reißt sich Daniel sein T-Shirt vom Leib und zeigt auf seine zehn Zentimeter lange Bauchnarbe. "Ich habe einiges gesehen, was du mit deinen 25 Jahren noch nicht gesehen hast", lallt er auf Polnisch in meine Richtung und pausiert auffällig lang, bevor er hinterherschiebt: "Und wahrscheinlich auch nie sehen wirst." Die Sonne knallt auf seine angeschwollene Stirnader. Der nimmt noch einen großen Schluck aus der vor ihm stehenden Gorbatschow-Pulle.

Der 43-Jährige ist nach Schätzungen der polnischen Regierung einer von etwa 2.000 obdachlosen Polen in Berlin. Keine andere Nation ist so zahlreich auf den Straßen Berlins vertreten – und wächst so schnell. "Berlin als dynamische Großstadt zieht viele Menschen aus den osteuropäischen Ländern an, die dort in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen leben", sagt Karin Rietz von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Was bewegt die Polen und Polinnen, nach Berlin zu kommen, und wie erleben sie Deutschland – immerhin das Land, das Polen vor 79 Jahren überfallen und zugrunde gerichtet hat?

Ein Mann sieht sich sein T-Shirt über den Kopf, auf seiner rechten Brust trägt er ein Tattoo, darunter spannt sich eine breite Narbe
Eine Narbe bedeckt Daniels Bauch: "Ich habe einiges gesehen, was du mit deinen 25 Jahren noch nicht gesehen hast."

"Co on kurwa chce?"

Am Bahnhof Zoo weht mir nicht mehr der Geist von Christiane F. entgegen. Heute ist es der Geruch von gegrilltem Hähnchen von "Ris A Chicken", einer Art arabischer KFC in Berlin. Vor der Bahnhofsmission rottet sich mittags um halbeins ein Pulk von 30 Obdachlosen um einen fast zwei Meter großen Streetworker mit Zopffrisur. Hagere Männer verlangen nach frischer Kleidung. Eine Bulgarin rollt im Rollstuhl vorbei. Acht polnische Obdachlose sitzen auf der Straße und trinken "Adelskrone" aus der Plastikflasche. Als ich mich dazu setze, werde ich erstmal mit der Strenge eines Oberfeldwebels gemustert. "Co on kurwa chce?", was zum Teufel will der von uns, fragt einer in der Gruppe, nicht ahnend, dass ich ihn Wort für Wort verstehe.

Es vergeht eine Stunde, bis ich Vertrauen gewonnen habe. Nicht jeder aus der Gruppe will mit mir sprechen. Aber die Kombination aus Polnischkenntnissen und Neugier bringt schließlich zwei von ihnen, dazu, sich mit mir zu unterhalten: Daniel und Robert. Der Rest ist dabei, will sich aber nicht äußern, geschweige denn fotografiert werden. Die beiden torkeln mit mir über den Asphalt der Hardenbergstraße zum Supermarkt "Ullrich". "Wir können hier tun und lassen, was wir wollen", sagt Robert, als er den Laden oberkörperfrei betritt.

Das sie hier tun können, wonach ihnen der Sinn steht – das ist für sie ein Luxus, der ihnen zuhause in Polen verwehrt bleibt. Wir verlassen den Supermarkt mit einer Flasche "Gorbatschow", vier Bieren und billigem Zitroneneistee zum Nachspülen. "Wir können an öffentlichen Plätzen Alkohol konsumieren, in Parks schlafen, in der U-Bahn betteln – dafür wären wir in Polen längst verhaftet worden", sagt der 43-jährige Robert. Nach einem fünfminütigen Spaziergang stehen wir im Tiergarten und Daniel zieht sich aus.

Ein Mann sitzt vor einer Auswahl an Getränken im Gras
Vier Flaschen Bier, eine Pulle Gorbatschow und billiger Pfirsicheistee zum Nachkippen werden während des Gespräches getrunken

"Deutschland bedeutet Freiheit für mich"

Die Narbe auf seinem Oberkörper stamme aus einem polnischen Gefängnis, erzählt mir Daniel. In den 1980er-Jahren sei er gezwungen worden, Schrauben und Nägel zu essen. Warum, will er nicht erzählen. Es handele sich um eine Folterpraxis aus der Zeit des Staatskommunismus. Ärzte schnitten Daniel mehrfach auf. "Nach der Zeit im Knast schockiert mich das Leben auf der Straße nicht mehr", sagt er.

Daniel ist erst vor wenigen Tagen nach Berlin gekommen, mit einer kleinen Tasche, drei Paar Socken, Unterwäsche, ein paar Kleidungsstücken. Robert, zwölf Jahre jünger, kennt er aus der polnischen Stadt Bydgoszcz. Auch dort haben sie, ihre Tage auf der Straße verbracht. In Polen seien sie allerdings oft vertrieben worden. "Die Caritas und andere Hilfsstellen in Polen sind ein Witz", sagt Robert, schwarze Dreiviertelhose, weiße Fila-Schuhe und Boxerschnitt. "Deutschland bedeutet Freiheit für uns."

Robert ist so etwas wie der Nomade der Gruppe. Bevor er nach Berlin kam, lebte er als Obdachloser in London, Warschau, Paris und Prag als Obdachloser. "Pennertourismus" nennt er das lächelnd, und klingt dabei nicht verbittert, nicht wie jemand, der das Leben auf der Straße als Problem oder gar Qual empfindet. Ob er nicht Angst habe, bei der Sommerhitze und dem vielen Alkohol zu dehydrieren? "Nein, der Winter ist schlimmer, da müssen wir wirklich aufpassen und Unterschlupf finden."

Erst kürzlich beschloss die polnische Regierung, Sozialarbeiter aus Polen nach Berlin zu entsenden. Sie sollen Menschen wie Daniel und Robert davon überzeugen, nach Polen zurückzukehren. Ich frage, ob sie sich vorstellen könnten, nach Polen zurückzukehren. Daniel lacht kurz auf und schaut anschließend mit ernster Miene weg. Robert fragt: "Was sollen wir da?".

Ein junger Mann hockt im Gras und trinkt Eistee
VICE-Autor Jan Karon hatte 22 Jahre seines Lebens nur die polnische Staatsbürgerschaft und spricht Polnisch

Einen Schluck für die Toten

Irgendwann kommt ein aufgelöster Mann an uns vorbei, er hat Geheimratsecken so groß wie Freimaurer-Anwesen, Tränen in den Augen und eine Wunde über seiner Lippe. Er schluchzt und schmeißt mit russischen Schimpfwörtern wie "bljet" um sich. Meine polnischen Kumpanen erkennen ihn, springen auf und nehmen ihn in den Arm. Artjom ist Litauer, spricht weder Deutsch noch Polnisch, und sein Englisch steht auf dem Niveau von jemanden, der gerade die Grundschule verlassen hat. In einem grotesken Mix aus Gestik und bruchstückhaften Sprachfetzen erklärt er uns, dass er gerade vom Tod seines Vaters in Vilnius erfahren hat. Die Polen laden ihn ein mitzutrinken. Zusammen kippen sie einen Schluck Wodka auf den vertrockneten Rasen. Gemeinsames Trinken schweißt zusammen. Solidarität unter Osteuropäern kennt allem Anschein nach keine Sprachbarrieren.

Ob sie sich schlecht dabei fühlen, Essens- und Sachspenden in einem fremden Land in Anspruch zu nehmen, frage ich. "Nein, aber wir wissen, dass wir darauf angewiesen sind. So ist das nun mal als Obdachloser", sagt Daniel. Aber sie seien "Merkel" sehr dankbar, dass sie sich solidarisch und mitfühlend zeige. Merkel, das sei für sie ein tolles Staatsoberhaupt.

Warum das so ist, wird wenig später klar. Als das Gespräch zu stocken beginnt, platzt es aus Robert raus: "Unsere PiS-Regierung tut einen Scheiß für Obdachlose." Immer wieder heiße es, dass die rechtskonservative Regierung um den Parteivorsitzenden Jarosław Kaczyński so sozial und solidarisch sei. "Für Obdachlose wird aber nichts getan." Daniel nickt zustimmend. "Hier in Deutschland sind alle Menschen gleich, egal welcher Hautfarbe oder Nationalität", fügt er hinzu.

Nach fast drei Stunden nehme ich noch einen letzten, inzwischen zu warmen Schluck Wodka, und will mich verabschieden. Da kramt Daniel in seinem Rucksack. Er übergibt mir ein Buch auf Polnisch: "Die Zitadelle", ein unvollendeter Roman von Antoine de Saint-Exupéry, der 1948 posthum veröffentlicht wurde. "Ich werde es nicht lesen, aber du kannst das bestimmt gut gebrauchen", sagt er. Er erwarte keine Gegenleistung. Daniel liegt zu dem Zeitpunkt schon schlafend neben uns in der Mittagssonne. Robert schiebt hinterher: "Saint-Exupéry soll vor seinem Tod gesagt haben: 'Wenn ich sterbe, werde ich es nicht bedauern.'"

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