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sexuelle übergriffe

Junge Menschen erzählen, wie sie von ihren Fahrlehrern belästigt wurden

"Da musst du keine Angst haben, Mäuschen, da fahr ich mit dir mal auf einen ganz dunklen Parkplatz und zeig dir in Ruhe alle Lichter – und vielleicht noch was anderes."

von VICE Staff
08 Dezember 2017, 9:48am

Symbolbild | Foto: Grey Hutton

"Auf einmal lag seine Hand zwischen meinen Brüsten." Als ihr Fahrlehrer Lina belästigt, versteht sie erst nicht, was da passiert. Er behauptet, er habe den Sicherheitsgurt richten wollen. Erst später wird ihr bewusst, dass ihr Fahrlehrer wiederholt ihre Grenzen überschritten und sie sexuell belästigt hat. Lina heißt eigentlich anders, aber sie will anonym bleiben. Sie war nach den Vorfällen in der Fahrschule in psychologischer Behandlung, aus ihrem Umfeld weiß niemand von den Vorfällen.

Wie Lina geht es vielen Frauen in Fahrschulen. Manchmal fängt es mit unangebrachten Worten an, in anderen Fällen mit einer scheinbar zufälligen Berührung beim Schalten oder der Hand auf dem Knie: Es gibt viele Formen der sexuellen Belästigung, in Fahrschulen und anderswo. Doch besonders in Fahrschulen sehen Betroffene oft keine Möglichkeit, gegen die Fahrlehrer vorzugehen. "Die Dunkelziffer ist hoch", sagt eine Sprecherin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes über sexuelle Belästigung in Fahrschulen. Auch die Bundesvereinigung der Fahrlehrervereinigung sagt, es gebe "keine auch nur annähernd zutreffenden Zahlen" über die Fälle. In einem Report hatte VICE die Erfahrungen von Marie* veröffentlicht, die von ihrem Fahrlehrer belästigt wurde und sich gegen diesen wehrte. Um zu zeigen, wie verbreitet sexuelle Belästigung in Fahrschulen ist, haben wir daraufhin Leserinnen und Leser gebeten, uns ihre Geschichten zu erzählen.

VICE liegen die Namen der Verfasserinnen vor, viele von ihnen möchten anonym bleiben. Sie haben Angst, dass ihre Fahrlehrer oder ihre Arbeitgeber sie erkennen, oder möchten ihren Namen öffentlich nicht in dem Kontext lesen. Die Fälle sind nicht öffentlich, wir haben die betreffenden Fahrschulen oder Fahrlehrer nicht mit den Berichten konfrontiert. Weder Lina noch die anderen Frauen haben Anzeige erstattet. Weil vor Gericht Aussage gegen Aussage gestanden hätte, sie den Führerschein so schnell wie möglich abschließen wollten oder die emotionale Belastung zu hoch war. Ihre Erfahrungen wollten die Betroffenen trotzdem teilen – auch, um andere dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen.

Lina*, 22: "Zu Hause stand ich vorm Spiegel und überlegte, ob ich wirklich zu viel Haut zeige."

"Ich habe im August 2012 mit meinem Führerschein begonnen, in einer Fahrschule in Braunschweig. Wir sollten uns nach dem Theorieunterricht einen Fahrlehrer aussuchen, und meine Wahl fiel auf einen anscheinend witzigen Typen, damals Anfang 40, ziemlich schwer und starker Raucher. Zu dem Zeitpunkt konnte ich natürlich nicht ahnen, dass er meine Grenzen überschreiten würde.

Als mein Fahrlehrer in der ersten Fahrstunde merkte, wie nervös ich war, hat er mir immer mal wieder die Hand auf die Schulter gelegt. Ich dachte erst, er wolle mich nur beruhigen. In der zweiten Fahrstunde war es aber ähnlich: Als ich es nach mehreren erfolglosen Versuchen endlich schaffte, korrekt anzufahren, ohne dass der Motor absoff, lächelte ich ihn stolz an. Er reagierte, indem er über meine Wange strich. Eine sehr intime Geste, und ich fühlte mich zum ersten Mal etwas unwohl. Weil ich ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte und nicht wusste, was ich hätte sagen sollen, ignorierte ich auch das. Je mehr Fahrstunden wir miteinander hatten, desto seltsamer wurden seine Aussagen: 'Mit deinen Kurven machst du die ganzen Männer bestimmt wahnsinnig', sagte er.

Als er mich mal an meiner Schule abholte, erzählte er, dass er selbst nochmal zur Schule gehen würde, wenn 'Mädels wie ich' in seiner Klasse seien. Dabei starrte er mir in den Ausschnitt. Ich ignorierte ihn, war verwirrt und wusste nicht, was ich antworten sollte. War es am Ende nur ein Kompliment und ich zu dramatisch? Zur Sicherheit zog ich meine Jacke an. An dem Tag machte ich mir die ganze Fahrstunde über Gedanken und überlegte, ob ich sie früher beenden könnte, so unwohl habe ich mich gefühlt. Zu Hause stand ich vorm Spiegel und überlegte, ob ich wirklich zu viel Haut zeige. Klar, der Ausschnitt war tief. Aber rechtfertigte das, dass mein Fahrlehrer mich anderthalb Stunden anstarrt? Bei der nächsten Stunde legte er die Hand kurz auf meinen Oberschenkel, wieder reagierte ich nicht, sondern versuchte stattdessen, mit ihm über meine Schullektüre zu reden. Das Gespräch war locker und er fragte mich, ob er für die nächste Stunde, die Überlandfahrt, ein Hörbuch mitbringen solle. Auf einmal lag seine Hand zwischen meinen Brüsten – er habe den Gurt richten wollen. Ich war geschockt, er entschuldigte sich und ich redete mir ein, dass das als Fahrlehrer sein Job sei."

Lina wechselte ihren Fahrlehrer, nachdem er ihr bei der Überlandfahrt Sex-Szenen aus Fifty Shades of Grey vorgespielt hatte. Sie sagt, sie habe ihn nicht angezeigt, weil sie Angst hatte, dass man ihr nicht glaubt oder ihre Erfahrungen verharmlost werden. Bis zur Verschärfung des Sexualstrafrechts im November 2016 wäre sexuelle Belästigung nicht einmal strafbar gewesen. Über das Erlebte hat Lina bis heute nur in der Therapie gesprochen.

Anna*, 18: "Bereits in der ersten Stunde nannte er mich 'Mäuschen'."

"Im April habe ich mit dem Führerschein angefangen, im Oktober die Führerscheinprüfung bestanden. Dazwischen hatte ich eine traumatische Erfahrung mit meinem ersten Fahrlehrer. Er war etwa 65 und ein widerlicher Kerl. Bereits in der ersten Stunde nannte er mich 'Mäuschen'. Damit hörte er auch bis zuletzt nicht auf, obwohl ich ihm gesagt hatte, dass er es lassen soll. Er hat vor allem bei den ersten Schaltversuchen immer meine Hand genommen und 'geführt', wie er es bezeichnete. Als ich dann schalten konnte, hat er oft wie unabsichtlich meine Hand oder mein Bein berührt und 'Gönn mir doch mal ein bisschen Körperkontakt!' gesagt.

Einmal hab ich gefragt, ob wir die Fahrstunde in der Innenstadt enden lassen können, weil ich dort eine Verabredung hatte. Daraufhin wurde er aggressiv: 'Was soll das? Mit wem triffst du dich? Ein Kerl oder was? Seid ihr nur zu zweit?' Als ich ihm sagte, dass ich mit Freunden fürs Abi lerne, sagte er: 'Na dann viel Spaß. Pass auf, dass du dich nicht schwängern lässt.' Die Reißleine habe ich gezogen, als wir auf die Nachtfahrt zusteuerten. Mein Fahrlehrer sagte: 'Da musst du keine Angst haben, Mäuschen, da fahr ich mit dir mal auf einen ganz dunklen Parkplatz und zeig dir in Ruhe alle Lichter – und vielleicht noch was anderes.' Ich bin daraufhin zur Fahrschule gegangen und habe gesagt, dass ich nicht mehr zu ihm ins Auto steigen werde."

Nachdem sie drei Monate lang mit Angst und Herzrasen zu den Fahrstunden gegangen war, wechselte Anna und bekam eine Fahrlehrerin. Konsequenzen für ihren ersten Fahrlehrer habe es nicht gegeben, sagt sie, sie habe keine eindeutigen Beweise gehabt.


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Yasmin*, 24: "Er zeigte mir Bilder von sich in Badehose und fragte, ob ich das heiß finden würde."

"Vor sieben Jahren habe ich meinen Führerschein in Nürnberg gemacht. Mein Fahrlehrer, zu dem Zeitpunkt etwa Ende 30, erzählte schon bei den ersten Fahrstunden viel von sich, seiner Frau, seinen Kindern und seinen Hobbys. Relativ am Anfang offenbarte er aber auch, dass seine Ehe ziemlich scheiße laufe und er sich von seiner Frau ignoriert fühle. Ihm fehle Nähe und Geborgenheit, sagte er, dabei streichelte er immer wieder mein Bein oder meine Schulter. Wie ich später herausfand, hatte er diese 'Mitleidstour' auch bei anderen Schülerinnen angewandt. Schon da war ich von ihm angewidert.

Mit der Zeit kamen aber immer mehr Annäherungsversuche hinzu: Er zeigte mir während des Autofahrens Bilder von sich in Badehose und fragte, ob ich das heiß finden würde. Dann versuchte er, mich während der Fahrt zu kitzeln. Als seine Hand dabei irgendwann komplett in meinem Dekolleté verschwand, wurde es mir zu viel. Ich checkte ruhig die Umgebung nach anderen Autos ab und zog das Lenkrad abrupt nach rechts. Die Straße war sehr breit und ich hätte höchstens einen Bordstein erwischt, aber mein Fahrlehrer hat sich natürlich sehr erschrocken. Nachdem er sich gefangen hatte und mich fragte, was das sollte, rastete ich aus: Ich drohte ihm, das Auto beim nächsten Mal zu Schrott zu fahren und der Polizei zu erzählen, wie es zum Unfall kam – anderen würde ich das zwar nicht unbedingt empfehlen, aber in meinem Fall hat es gewirkt. Ab dem Zeitpunkt nahm ich meine Freundinnen mit zu den Fahrstunden und mein Fahrlehrer hat mich weder berührt noch etwas Unsittliches gesagt. Ich würde anderen Frauen nicht dazu raten, mit ihrem Fahrlehrer alleine die Nachtfahrten zu machen."

Yasmin erzählte dem Fahrschulinhaber danach, was passiert war. Er glaubte ihr nicht – womöglich auch, weil er der Schwiegervater des betreffenden Fahrlehrers war, vermutet sie. Ohne Beweise habe sie ihren Fahrlehrer zudem nicht anzeigen wollen, in ihrer Heimatstadt habe sich der Vorfall aber rumgesprochen. Drei Jahre später sei der Fahrlehrer entlassen worden. Ob die Kündigung mit der sexuellen Belästigung in ihrem Fall zusammenhängt, weiß Yasmin bis heute nicht.

Bastian, 33: "Den ganzen Rückweg über beschimpfte er mich, bis ich heulend am Steuer saß."

"Mein Fahrlehrer hat mich zwar nicht angefasst, war in den Fahrstunden aber so übergriffig, dass ich mich vor ihm ekelte. Immer wieder erzählte er bei den Fahrten von seinen 'Frauengeschichten'. Dafür dass ich aus einem kleinen konservativen Kaff komme, klangen die Storys einerseits wie eine Befreiung: Er erzählte von Dreiern, seinen wechselnden Partnerinnen und den Dingen, die er mit ihnen machte. Ich fand die Art und Weise, wie er sie erzählte, allerdings von Anfang an ekelerregend.

Irgendwann fing er an, nach meiner Mutter zu fragen. Er wusste, dass sie alleinerziehend ist und wollte, dass ich ihm ihre Nummer gebe – oder andersrum: 'Sag deiner Mutter doch mal, sie soll mich anrufen.' Ich tat das natürlich nicht, war aber extrem verstört. Ich wollte ja die Prüfung bestehen und hatte das Gefühl, dass er verärgert war, weil ich ihm die Nummer nicht gegeben hatte. Dieser Eindruck verstärkte sich, als Freunde von mir mit viel weniger Stunden früher zur Prüfung zugelassen wurden. Am Ende war ich so aufgeregt, dass ich die praktische Prüfung versemmelt habe: Ich fuhr über Rot und wurde dabei geblitzt, der Fahrlehrer musste zahlen, weil er nicht rechtzeitig bremste. Den ganzen Rückweg über beschimpfte er mich, bis ich heulend am Steuer saß und der Prüfer ihm sagte, er solle mich in Ruhe nach Hause fahren lassen: 'Der ist doch bestraft genug.' Danach wechselte ich die Fahrschule – und schaffte die Prüfung."

Seine Freunde berichteten Bastian später, dass der Fahrlehrer ihn auch weit nach seiner Prüfung in späteren Theorie-Lehrgängen als "Muttersöhnchen" bezeichnet habe. Der Fahrlehrer sei im Dorf dafür bekannt gewesen, es habe Gerüchte über weitere Belästigungen, Steuerhinterziehung und Drogen gegeben. Bastian wohnt seit Längerem nicht mehr in seinem Heimatort. Irgendwann sei die Fahrschule nicht mehr da gewesen, sagt er.

Unseren Bericht über Belästigung in Fahrschulen, kannst du hier lesen. Was du tun kannst, wenn dir dein Fahrlehrer zu nahe kommt, erfährst du hier. Willst du VICE deine eigene Geschichte erzählen, erreichst du uns unter fahrschule@vice.com.

*Namen geändert

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