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Wie ihr eurer Familie an Weihnachten Schweizer Rap 2018 erklärt

Nein Mama, "079" ist kein Rap!

von Claire Braun
13 Dezember 2018, 3:54pm

Fotos: S.O.S: Jojo Schulmeister | Loredana: instagram.com/loredana | Danitsa: zvg || Bearbeitung: Noisey

Endlich wieder Weihnachten! Der Baum glitzert, eckige Päckchen schmücken den Wohnzimmerboden. Und Helene Fischers Weihnachtsplaylist jagt zum zehnten Mal durch das selbstgeschmückte Weihnachtswunderland. Tante und Onkel begrüssen euch mit den spiessigen Drei-Backen-Küsschen und einem etwas arg festen Händedruck.

Wie's im Leben so läuft? Gut. Wie's mit dem Job so läuft? Gut. Wie's allen so geht? Gut, gut, gut. Toll, dann hätten wir den obligatorischen Smalltalk abgehakt. Oma bringt den Fünf-Kilo-Braten und alle quietschen entzückt. Irgendwann stellt sich die unausweichliche Frage nach euren Interessen. "Naja, Schweizer Rap, zum Beispiel", sagt ihr schulterzuckend. "Wollt ihr mal hören?"

Omas Braten plumpst mit einem dumpfen Klatschen auf den roten Teppich. Laufende Gespräche verstummen. Sogar Helene Fischer hört auf zu singen. "Rap an Weihnachten?", haucht Tante Trudi empört. Es ist soweit. Jetzt könnt ihr eurer Familie endlich mal Schweizer Rap erklären. So in etwa könnte das Ganze ablaufen:

Ach kommt, es gibt bestimmt Songs, die ihr auch cool findet!
Mutti: Ja, "078" von Lo & Leduc! Der ist richtig fätzig. Oder wie sagt ihr heutzutage? Catchy?
Alle kleinen Cousins kreischend im Chor: Tütütüt het sie gseit, tütüt!
Oma: Lo und was?


Noisey-Video: The People Vs. Lo & Leduc


Nein, bitte nicht "079". Und schon gar nicht "078". Das ist kein Rap. Obwohl Lo ja ein richtiger Freestyle-Meister ist. Aber da gibt's noch ein paar weitere Namen, die ihr kennen solltet. Habt ihr schon mal von S.O.S gehört?
Vati: Der ABBA-Song? Klar, das war unser Hochzeitslied. Nicht wahr, Liebling?
Mutti: Was bist du wieder ein Charmeur, Markus. Was ist denn S.O.S?

Ich meine nicht den ABBA-Song. S.O.S ist eine Rap-Gruppe aus Bern. Da gehören Nativ, Dawill und Produzent Questbeatz dazu. Und neuerdings arbeitet auch Newcomer Cobee mit ihnen. Die haben dieses Jahr alle richtig gute Alben rausgebracht.
Onkel Tom: Worüber rappen die denn? Es gibt doch gar nicht viel zu sagen hier. Die sind ja nicht wie Eminem super arm aufgewachsen, sondern haben wahrscheinlich alle studiert und wohnen noch Zuhause.

Es gibt hier ganz viel zu sagen, Onkel Tom. Nativ, zum Beispiel, ist auf seinem Album Baobab so politisch wie noch nie. Etwa in diesem Song:

In "Nicce" geht's darum, wie ignorant und zerrüttet die Schweizer Gesellschaft ist.
Oma: Macht der denn auch glückliche Lieder? Ist doch deprimierend, so was an Weihnachten zu hören! Dann lieber zurück zu Helene Fischer.

Nein, wartet! Klar macht der auch glückliche Songs! Mit Buds Penseur, zum Beispiel. Die nennen sich zusammen psycho'n'odds. In "Koolae" rappen sie über ihre gute Laune. Hört mal:

Opa: Toll, das gefällt mir! Da können sogar meine alten Hüften noch bisschen mitwackeln. Ich wusste gar nicht, dass Bud Spencer Musik macht.

Fast, Opa. Buds Penseur gehört zur Bieler Rapgruppe La Base. Er ist der Bruder von Pegasus-Sänger und -Gitarrist Noah Veraguth, so nebenbei. Der, mit den Locken.
Kleine Schwester Lisa: Ach, der mit den Locken ist ja auch soooo hübsch!
Oma: So viele Gruppen! Da hat man ja gar keinen Überblick mehr! Sind die denn nett zueinander? Oder machen sie Lieder, in denen sie – böse Dinge sagen?

Nein, die sind nett. Die Szene ist ja klein, da muss man einander aushelfen. Nicht wie in den USA oder Deutschland, wo die sich gegenseitig mit Disstracks statt mit Weihnachtsgeschenken überhäufen.
Oma: Und Frauen gibt's wohl keine, was? HippieHop, oder wie auch immer das heisst, ist ja schon eher eine Männer-Sache.

HipHop heisst das Ding, Oma. Eine Männer-Sache? Gar nicht! Klar gibt's da auch Frauen. Kennt ihr Danitsa? Sie lebt in Genf. Ihre Musik hört sich etwa so an:

Mutti: Und die ist wirklich aus der Schweiz? Sie klingt, als sei sie aus Jamaica oder so. Ich finde, ihre Stimme würde super zu einem Reggae-Lied passen.

Ja, ist sie. Tatsächlich hat sie Wurzeln in Kongo, Chad, Serbien, Spanien und Frankreich. Ihr Vater ist Produzent für das Reggae-Label Skankytone. Daher kommt auch ihr Reggae-Flow. Den hört man in ihrem letzten Album Ego ganz deutlich.
Opa: Schön, da spürt man schon fast die warmen Sonnenstrahlen auf den Wangen.

Das ist wohl der Rotwein, Opa. Dann gibt's da auch noch KT Gorique aus Sion. Sie rappt auf Französisch und hat 2012 den Weltmeistertitel von End Of The Weak im Freestyle Rap gewonnen. Und Nicky B Fly, die mit ihrem Song "Mischling" über ihren Nationalitätenmix rappt. Und Loredana aus Luzern, die kam aus dem nichts und ist in Deutschland und in der Schweiz in die Charts. Seht ihr? Ganz viele Frauen.
Vati: Mir fehlt da einfach die Melodie. Es macht ja wirklich einfach nur "bumbumbum" und irgendjemand redet etwas schneller als gewohnt.
Tante Trudi: Ja, finde ich auch. Mir ist das alles viel zu hart. Ich höre da lieber 80er-Pop oder so. Hach ja, das war noch richtige Musik. Da hat man auch immer gleich gute Laune.
Onkel Tom: Ausserdem passt Schweizerdeutsch einfach nicht zu Rap. Oder zumindest die meisten Dialekte nicht. Lieber wie Eminem: Englisch.

Ja, Onkel, wir wissen, wie sehr du Eminem liebst. Für dich gibt's heute EAZ und Xen vom Zürcher Label Physical Shock. In "Nasty Girl" rappen sie in drei Sprachen. Inklusive Albanisch und sogar Englisch!
Onkel Tom: OK, nicht schlecht. Du hast wohl auf alles eine Antwort, was?
Tante Trudi: Wie wär's mal mit etwas Gefühlvollem? Wo's um Liebe geht? Wie in den 80ern?

Ganz viele Newcomer rappen über Gefühle. Im Angebot haben wir Landros Album Nostalgia, "Call" von Jamal und Cobees neues Album Chaos. Es geht zwar nicht in erster Linie um Liebe, aber Herzschmerz ist da reichlich vorhanden. Mit einer grossen Portion Verzweiflung als Beilage? Kommt sofort.

Mutti: Och, was ist denn mit den armen Jungen passiert? Das ist ja richtig traurig. Und ziemlich düster, finde ich. Aber ich mag die beiden. Sie singen ja auch ganz viel – so kommt wieder etwas Melodie rein. Hast du noch mehr davon?
Oma: Sind wir schon durch? Wann hören wir wieder Helene Fischer?

Bald, Oma. Aber wenn ich hier erstmal durch bin, wollt ihr vermutlich gar keine Helene Fischer mehr hören. Und ja, ich hab noch mehr davon. Und zwar Akira und P Vlex vom Zürcher Künstlerkollektiv Babylon Music. Melodisch, melancholisch und düster.

Vati: Toll, jetzt hören wir hier nur noch trauriges Zeugs. Und das zu Weihnachten. Vielen Dank auch.

Ach was, ich hab euch ja jetzt eine ganze Palette Schweizer Rap geliefert. Und das waren ja auch bloss einige wenige Namen, die ihr kennen müsst. Es gibt noch ganz, ganz, ganz, ganz, ganz viele andere.

Seht ihr, es hat für alle was dabei. Das ist mein Weihnachtsgeschenk an euch: gute Musik. So, habt ihr auch Hunger? Wo bleibt denn der Braten?

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