ARD retuschiert Anti-AfD-Sticker aus 'Polizeiruf'

Erst hyperventilieren Rechte, weil im Krimi antifaschistische Poster und Aufkleber zu sehen sind. Dann knickt der Sender tatsächlich ein.
19.11.18
Das Büro der "Polizeiruf"-Kommissarin Katrin König. Zu sehen sind antifaschistische Aufkleber und Poster.
Screenshot: Volksverpetzer

Es ist das Lieblingsnarrativ der AfD und der Neuen Rechten: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erhebe nicht nur Zwangsgebühren, sondern indoktriniere seine Bürger zu "merkeltreuen" und "linksgrünversifften" Gutmenschen. Journalisten wie Tina Hassel, Georg Restle oder Patrick Gensing wurden in den vergangenen Monaten immer wieder kritisiert und heftig beleidigt. Dass sich Rechtspopulisten irgendwann auch ARD-Spielfilme zum Feindbild machen würden, war abzusehen. Dass die ARD nach Kritik vom rechten Rand einknickt, ist neu.

Vergangenen Sonntag strahlte das Erste den Rostocker Polizeiruf Für Janina aus. Darin ermitteln die Kommissare gegen einen Familienvater, der vor 30 Jahren ein Mädchen vergewaltigt und ermordet haben soll. Nach gut 20 Minuten wird das Büro der Kommissarin Katrin König eingeblendet. Und dieses Büro ist, oh Schreck, verziert mit: einem "Atomkraft? Nein Danke"-Wimpel, einem "Refugees Welcome"-Tape, einem Antifa-Plakat und "FCK NZS"- und "FCK AFD"-Stickern.

Es dauerte nicht lange, bis das rechte Internet auf die Büroausstattung aufmerksam wurde. "Als der Polizeiruf noch im DDR-Staatsfernsehen lief, war die Propaganda subtiler", schrieb die Hamburger AfD auf Twitter. Die Partei kündigte an, beim Rundfunkrat Beschwerde gegen den NDR einzulegen. Die AfD-Politikerin Karin Wilke stellt zu dem Thema sogar eine Anfrage im sächsischen Landtag. Auch die Junge Union München-Nord kritisierte die Spielfilmmacher – und im Internet tobte plötzlich ein Shitstorm.

Auf Facebook antwortete der Polizeiruf zuerst recht souverän. "Die Büroeinrichtung von Frau König gibt es bereits seit vielen Folgen, alle Plakate, alle Aufkleber", schreibt das Social Media-Team. "Wie jedes Arbeitsumfeld eines Menschen stellt auch dieses den Charakter der Film-Figur Katrin König dar." Es ist also Fiktion. Doch die ARD wäre nicht die ARD, wenn sie nicht zeitgleich ein spektakuläres Eigentor schießen würde. In einer weiteren Nachfrage stellt der Polizeiruf nämlich klar, dass der AfD-Sticker dort bereits seit neun Jahren kleben würde – was angesichts der Tatsache, dass die AfD erst 2013 gegründet wurde zumindest … unglücklich erscheint.

Das Social Media-Team des Polizeiruf reagiert auf Facebook.

"Der NDR knickt vor der AfD ein!"

Eigentlich hätte die Geschichte über groteske Schnappatmung rechter User und schlechtes Krisenmanagement der Öffentlich-Rechtlichen an dieser Stelle enden können. Doch eine Woche später ist Das Erste eingeknickt – und hat den "FCK AFD"-Aufkleber im Film retuschiert. In der Mediathek findet sich nun folgende Beschreibung: "Der NDR-Film 'Für Janina' aus der Reihe 'Polizeiruf 110' [...] ist für eine weitere Ausstrahlung einer digitalen Bildbearbeitung unterzogen worden. In einigen sehr kurzen Sequenzen war unbeabsichtigt im Hintergrund ein kleiner Anti-AfD-Aufkleber zu sehen." Schaut man den Film jetzt an, sieht man nur noch eine Version ohne Aufkleber.

Die neue Version des Polizeiruf 110

In der neuen Version findet sich kein "FCK AFD"-Aufkleber mehr

Man muss kein Social Media-Experte zu sein, um zu erahnen, dass die ARD damit alles eher schlimmer macht. Rechte User fühlen sich bestätigt und feiern die Entscheidung. Auf der anderen Seite gibt es auch ordentlich Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen. "Der #NDR knickt vor der AfD ein!", twittert der Gewerkschafts-Account "Ver.di im NDR". Der _stern_-Redakteur Dirk Liedtke kritisiert "Selbstzensur", andere Twitter-Nutzer sprechen von "Rückgratlosigkeit".

Dass Rechtspopulisten in einem fiktiven Spielfilmszenario "Propagandamaterial" sehen und eine Verschwörung wittern, erscheint absurd – überrascht aber nicht weiter. Dass aber der öffentlich-rechtliche Rundfunk einlenkt und kapituliert, ist erschreckend. Am gestrigen Sonntag lief übrigens der Hamburger Tatort Treibjagd. Darin jagen die Kommissare organisierten Einbrecherbanden hinterher. Mal sehen, was der AfD daran nicht passt. Denn: Wem man den kleinen Finger gibt, der will meistens auch die ganze Hand.

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