Justiz

Der Umgang mit dem Fall Gina Lisa ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft

Das Model Gina Lisa Lohfink steht wegen Falschaussage vor Gericht, weil sie ihre auf Video festgehaltene mutmaßliche Vergewaltigung angezeigt hat. Wie Justiz, Medien und Öffentlichkeit in diesem Fall agieren, ist nicht nur schockierend, es macht wütend.

von Anne Wizorek
10 Juni 2016, 8:35am

Gina Lisa Lohfink bei der ProSieben Völkerballmeisterschaft 2016. Foto: imago | osnapix

Ich sitze im Zug nach Berlin als ich das hier schreibe und bin auch nach dem zweiten Kaffee einfach müde. Müde, denn allein in den letzten Wochen fühlt es sich mal wieder an, als hätte ich über kaum ein anderes Thema gesprochen: sexualisierte Gewalt. Aber: Sie wird auch Thema dieses Artikels sein.

In Deutschland ist jede 3. Frau von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt betroffen. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist jährlich mehr als 7.300 angezeigte Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen in Deutschland aus. Das sind 20 am Tag, wobei die Dunkelziffer noch mal höher liegt. Im Jahr 2012 kam es lediglich bei 8,4 Prozent von allen angezeigten Vergewaltigungen zu einer Verurteilung. Wobei 85 bis 95 Prozent aller Menschen, die vergewaltigt wurden, erst gar keine Anzeige erstatten.

Als Feministin weiß ich diese Zahlen in- und auswendig. Würde man mich nachts wecken, könnte ich sie auf Nachfrage sofort herunterbeten. Heute zähle ich jede dritte Frau, die mit mir im Waggon sitzt oder vorbeiläuft: Allein während der kurzen Fahrt bin ich bereits auf sechzehn gekommen.

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Die Realität dieser Zahlen umgibt uns und ist gleichzeitig unsichtbar. Zu groß ist immer noch das Stigma als Opfer erkennbar zu werden und dafür kämpfen zu müssen, dass dir einfach geglaubt wird, was passiert ist.

Gina-Lisa Lohfink hat sich entschieden, sichtbar zu werden. Nicht zuletzt, weil es Videosequenzen gibt, die dokumentieren, wie ihr Gewalt angetan wurde und weil diese wiederum, millionenfach geklickt, im Netz weiter existieren.

Entstanden sind sie im Juni 2012 als Lohfink nach eigener Aussage in einer Clubnacht in Berlin einen Filmriss erlitt und schließlich in einer Wohnung festgehalten wurde. Die Videos zeigen sie weggetreten und wie sie mehrmals „Hör auf" sagt. Erst als die Videos gegen ihren Willen veröffentlicht worden waren und sie diese daraufhin sah, realisierte sie, was passiert war. Erinnerungen kamen bruchstückhaft zurück, zum Beispiel, dass sie nach der Polizei rief und die Wohnung verlassen wollte. Lohfink zeigte die beiden Täter wegen Vergewaltigung an und äußerte die Vermutung, dass ihr K.O.-Tropfen verabreicht worden waren, da sie sich die Geschehnisse anders nicht erklären könne. Sie selbst erkannte sich in den Aufnahmen quasi nicht wieder.

Als hätte man nichts aus #aufschrei gelernt, nichts aus #KölnHbf und den damit verknüpften Debatten.

Gegen die Männer wurde wegen Verdacht auf Vergewaltigung ermittelt. Den Vorwürfen wurde jedoch nicht stattgegeben, lediglich ein Täter musste eine geringe Strafsumme zahlen, weil er die Videos unerlaubt verbreitet hatte. In einem ausführlichen Artikel auf Stern.de wird der Fall, der sich bereits sehr lang hinzieht und viele offene Fragen in der Vorgehensweise und nach Urteilsspruch hinterlässt, chronologisch nachgezeichnet.

Es blieb allerdings nicht bei der Niederlage vor Gericht, denn seit Beginn dieses Jahres muss sich Gina-Lisa Lohfink nun gegen den Vorwurf der falschen Verdächtigung wehren. Sie hätte die Männer angeblich wissentlich fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt. Die Strafbefehlsumme ist von der Staatsanwaltschaft mit 24.000 Euro angesetzt.

Seitdem wird in den Medien wieder über den Fall berichtet. In den meisten Fällen der Berichterstattung können wir allerdings erneut sehen, wie Medien ihrer Verantwortung nicht nachkommen, wenn sie Fälle sexualisierter Gewalt thematisieren. Als hätte man nichts aus #aufschrei gelernt, nichts aus #KölnHbf und den damit verknüpften Debatten.

So ist zum Beispiel oft von einem „Sex-Video" die Rede. Ein Begriff, der eindeutig verharmlost, denn Vergewaltigungen sind kein Sex, sondern Gewalttaten: Sexuelle Handlungen werden hier gezielt eingesetzt, um Macht zu missbrauchen. Die Tatsache, dass die Videos an Boulevardmedien verkauft werden sollten und generell gegen den Willen von Gina-Lisa Lohfink verbreitet wurden, untermauert diesen Missbrauch nur.

Nicht ein Hauch von Empathie—oder wenigstens Respekt—weht durch die meisten Zeilen zum Fall, dafür aber umso mehr Häme, Unterstellungen und Klischees. Wir wissen doch schließlich, was für eine „Skandalnudel" sie sonst ist! Warum sollten wir ihr also jetzt glauben? „Lohfink, der Name steht für Skandale, die meisten selbst inszeniert" heißt es dann in der WELT.

Warum spielt außerdem der Brustumfang des Opfers eine Rolle („Die vollbusige Blondine"), um über einen Vergewaltigungsfall berichten zu können? Wieso sind die Klamotten bei der Gerichtsverhandlung relevant („Als Hingucker auf dem tristen Gerichtsflur kam sie: Auf High Heels, mit Sonnenbrille, dezent geöffneter Bluse")? Warum müssen Schönheits-Operationen erwähnt werden („Die Blondine, die sich bereits diversen Beauty-OPs unterzogen hat")? Die Party-Vergangenheit, das Sexleben, oder auch einfach: Ihre Haarfarbe? Immer wieder ist sie schlicht „die Blondine".

Medienmacher_innen reduzieren Gina-Lisa Lohfink so bewusst auf einen Objektstatus und rufen zugleich Bilder auf, die eng mit Vergewaltigungsmythen verbunden sind.

Gina-Lisa Lohfink ist kein „perfektes Opfer"—weil es eben keine „perfekten Opfer" gibt. Die Realität sexualisierter Gewalt sieht anders aus.

Vergewaltigungsmythen verharmlosen sexualisierte Gewalt und durchziehen unsere gesellschaftlichen Vorstellungen solcher Taten. Diese Mythen entschuldigen das Verhalten von Täter_innen und suchen stattdessen die Schuld beim Opfer. Es sind Annahmen wie, dass die Kürze eines Rocks oder Offenheit einer Bluse, Übergriffe erst provozieren würde. Dass eine Frau, die gerne viel und auch casual Sex hat, eine Schlampe sei und es damit ja nicht besser verdient habe. Oder die Behauptung, dass Männer nicht vergewaltigt werden könnten, weil sie angeblich eh immer Sex wollen würden. Es ist auch die weitgehend vorhandene Denkweise, dass es pures Glück sei, wenn du als Frau Party machst, dabei viel Alkohol trinkst und trotzdem nicht vergewaltigt wirst.

Eine betrunkene Frau gibt mit ein paar Wodka Redbull aber nicht automatisch ihr Recht ab, über ihren eigenen Körper bestimmen zu dürfen. Sich wie Gina-Lisa Lohfink in einen Club zu setzen und zu erwarten, dass dein besoffener Partyzustand nicht ausgenutzt wird, um dir Gewalt anzutun, ist nicht naiv—es ist unser gutes Recht. Es ist die Freiheit sexueller Selbstbestimmung, die für alle Menschen in unserer Gesellschaft schlicht gegeben sein sollte. Etwas Gegenteiliges zu denken, entlarvt wiederum unsere gesellschaftliche Abgestumpftheit und Normalisierung bezüglich sexualisierter Gewalt - vor allem, wenn sie sich gegen Frauen richtet.

Wenn eine mediale Berichterstattung, Opfer sexualisierter Gewalt auf Begriffe wie „Busensternchen" reduziert, zementiert sie das Bild, die betroffene Person nicht ernst nehmen zu müssen, sie sogar als schuldig zu sehen.

Und dies geschieht schließlich nicht in einem Vakuum: Zahllose Menschen lesen das, schauen dabei zu und hören, wie durch solche Bilder und Vergewaltigungsmythen die Glaubwürdigkeit des Opfers immer wieder in Frage gestellt wird. Der Effekt: Menschen, denen sexualisierte Gewalt widerfahren ist, zweifeln daran, ob sie überhaupt richtig einschätzen, was ihnen passiert ist bzw. verstehen, dass auch sie keine Chance auf eine faire Behandlung hätten und trauen sich noch seltener, die Täter_innen anzuzeigen. Außerdem wird vermittelt, dass es damit offenbar OK sei, sich über ein „Hör auf!" einfach hinwegzusetzen.

Gina-Lisa Lohfink ist kein „perfektes Opfer"—weil es eben keine „perfekten Opfer" gibt. Die Realität sexualisierter Gewalt sieht anders aus, aber weder unsere Gesetze dazu, noch unser Justizsystem bilden diese Wirklichkeit ab. Gina-Lisa Lohfink bringt es selbst auf den Punkt wenn sie sagt: „Tattoos, Brüste, Nägel, Haare—ich bin doch 'n Mensch." Genau das. Und jeder Mensch hat es verdient, dass die sexuelle Selbstbestimmung geschützt und als grundlegendes Menschenrecht anerkannt ist. Ein Umstand, der in Deutschland aber faktisch nicht gegeben ist, wie nicht zuletzt die eingangs genannten Zahlen belegen.

Ich würde gerne sagen können: Als in Deutschland die sexuelle Selbstbestimmung gesetzlich geschützt wurde, war ich 35 Jahre alt.

Wir leben in einem Land, wo den Betroffenen aus Köln vermittelt wird, dass sie eine bessere Chance auf etwas Gerechtigkeit hätten, wenn ihnen das Handy geklaut worden wäre. Und wo ein „Hör auf" von Gina-Lisa Lohfink gleich komplett ignoriert wird—selbst wenn ein Videobeweis existiert—weil unser Sexualstrafrecht ein „Nein" nicht als Nein akzeptiert, sondern die wehrhafte Verteidigung der sexuellen Selbstbestimmung vorsieht.

Das Vorgehen der Richterin und Staatsanwältin im Fall Gina-Lisa Lohfink zeigt, wie tief verwurzelt Vergewaltigungsmythen eben auch im Justizsystem selber sind. Oder wie es ein Facebook-Kommentar angesichts des erschreckend milden Urteils einer Vergewaltigung in Stanford zusammenfasste: „In einer Rape Culture ist das Muster zu erkennen, dass wir bei weiblichen Opfern ihre Vergangenheit betrachten und nach Gründen suchen, warum sie es ja verdient haben. Bei männlichen Tätern wird wiederum in deren Zukunft geschaut und was sie zu verlieren hätten."

„Wenn das Vorgehen in Berlin Schule macht, traut sich bald keine sexuell genötigte Frau mehr in Deutschland zur Polizei," hält Lohfinks Anwalt Burkhard Benecken daher auch treffend fest. Gina-Lisa Lohfink sagt selbst, dass sie mit ihrem heutigen Wissen und den bisher gemachten Erfahrungen nicht mehr zur Polizei gehen würde.

Natürlich reichen Gesetze und Sensibilierung Justizbediensteter allein nicht aus, um das Problem der sexualisierten Gewalt anzugehen, aber sie sind ein wichtiger Baustein um eine Gesellschaft zu erreichen, die diese Formen von Gewalt gar nicht erst toleriert und zustande kommen lässt.

Dass die Debatte zur Sexualstrafrechtsreform endlich wieder eingehend geführt wird, ist daher unendlich wichtig. Dass sie vor allem auch deswegen geführt wird, weil sie durch die Übergriffe in Köln rassistisch instrumentalisiert wurde, ist bereits ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Lasst uns nicht ein weiteres Armutszeugnis ausgestellt bekommen, weil verhindert wird, dass sexuelle Selbstbestimmung durch eine fehlgeleitete Reform erneut ungeschützt bleibt. Als in Deutschland nach fast 25 Jahren Debatte Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde, war ich 16 Jahre alt. Ich würde so unglaublich gerne sagen können: Als in Deutschland endlich die sexuelle Selbstbestimmung gesetzlich geschützt wurde, war ich 35 Jahre alt.

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Am 27. Juni wird der Prozess von Gina-Lisa Lohfink in Berlin fortgeführt. Derzeit drücken Menschen im Netz bereits unter dem Schlagwort #TeamGinaLisa ihre Unterstützung aus, aber auch für den Prozesstermin formieren sich mittlerweile solidarische Aktionen, die vor Ort beim Amtsgericht Tiergarten stattfinden sollen.

Sexualisierte Gewalt existiert nicht erst seit 2016. Aber ich wünsche mir, dass wir uns bei all den erschreckenden, ekelerregenden und fassungslos machenden Fällen und Schlagzeilen, die dieses Jahr bereits hervorgebracht hat, auf unsere größte Kraft besinnen: Solidarität. Dazu gehört im Fall von Gina-Lisa Lohfink auch, sich all die „Ich kann sie ja eigentlich nicht leiden"-Einschübe bei unterstützenden Kommentaren zu verkneifen.

Wie wäre es denn, wenn Menschen aller Geschlechter am 27. Juni beim Amtsgericht auftauchen und einfach ihre Solidarität zeigen würden? Laut, leise, sichtbar? Ich bin nämlich nicht nur müde. Ich bin auch wütend. Es ist die Wut, die gerade Frauen immer noch als unberechtigt abgesprochen wird. Diese Wut, die wir allerdings als wichtigen Motor brauchen, wenn es darum geht, Gerechtigkeit und Selbstverständlichkeiten einzufordern.

Deshalb: Ich gehöre zum #TeamGinaLisa.