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Menschen

Zwei sind einer zu viel: Was es heißt, solosexuell zu sein

Solosexualität hat nichts mit Asexualität zu tun. Tatsächlich haben solosexuelle Menschen sogar sehr gerne Sex—nur eben nicht mit anderen Menschen.

von Mish Barber Way
23 November 2016, 8:20am

Image via Guille Faingold / Stocksy

In dem Video „The Joys of Being Solosexual" begrüßt einen ein stereotypisch nerdiger Mittzwanziger, der in die Kamera grinst. Er verkündet stolz, dass er seit Juni 2010 „solosexuell" ist. Laut kinkly.com bedeutet das, dass er „Erregung und sexuelle Befriedigung in Masturbation findet und gleichzeitig kein Interesse an sexuellen Aktivitäten mit einem Partner hat." Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Menschen als solosexuell identifizieren. Laut Kinkly zählen hierzu unter anderem „Ängste hinsichtlich der Risiken, die mit dem sexuellen Kontakt zu anderen einhergehen (z.B. die Möglichkeit sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken und Schwangerschaften), soziale Ängste oder einfach nur eine Vorliebe für die eigene sexuellen Aufmerksamkeit."

Der junge Mann in dem Video beschreibt, wie er zu seiner Selbsterkenntnis gekommen ist: Nach einigen gescheiterten Beziehungen fand er sich selbst auf einem „solosexuellen Date" wieder, während er in der New Yorker U-Bahn saß und unterwegs schweigend auf seinen Computer starrte. Auf einmal hatte er eine Idee. Die U-Bahn-Durchsage kündigte seine Haltestelle an, weil er seinen Gedankengang allerdings nicht unterbrechen wollte, fuhr er einfach ein paar Stationen weiter und nahm dort den nächsten Zug zurück nach Hause. „Keine große Sache", erklärt er seiner potenziellen YouTube-Zuschauerschaft. „Das Ding ist, wenn ich mit einer Frau da gewesen wäre, hätte sie ziemlich wahrscheinlich einen riesigen Aufstand gemacht und hätte mich aus der U-Bahn gezerrt. Wir hätten uns gestritten und dabei hätte ich meine Idee vermutlich einfach wieder vergessen."

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„Vor mir selbst muss ich mich nicht rechtfertigen", sagt er. Er ist der Meinung, eine Freundin sei nichts weiter als eine Bürde und Beziehungen stünden einem nur im Weg, wenn man Besseres zu tun hat—bei der Arbeit, im Studium oder, wie in seinem Fall, wenn man um drei Uhr nachts aufstehen möchte, um sich im Laden um die Ecke eine Tafel Schokolade zu holen.

1948 hat Alfred Kinsey die sogenannte Kinsey-Skala entwickelt, die anhand eines Spektrums von eins bis sechs bestimmen soll, wie homo- beziehungsweise heterosexuell eine Person ist. Aus heutiger Sicht wirkt diese Skala ziemlich starr wirkt. Mittlerweile ist Genderfluidität in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist sogar ziemlich modern. Es gibt keine Regeln mehr. Die Generation Y interessiert sich nicht für archaische Spektren, sondern tummelt sich in einem Schmelztiegel unterschiedlicher sexueller Identitäten, die aufeinanderprallen wie beim Autoscooter. Gleichzeitig kamen mit der zunehmenden sexuellen Fluidität immer mehr Bezeichnungen für sexuelle Orientierungen auf, die auf Außenstehende oftmals seltsam spezifisch oder starr wirken: Es gibt Menschen, die sich als demisexuell identifizieren (Menschen, die intensive Emotionen benötigen, um sich auf einen Partner einlassen zu können), andere bezeichnen sich selbst als sapiosexuell (Menschen, denen Intelligenz wichtiger ist als alle anderen Merkmale ihrer Partner) und eben auch die immer beliebter werdende Community der Solosexuellen.


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Kennzeichnend für solosexuelle Menschen ist ihr fehlendes Interesse an Geschlechtsverkehr beziehungsweise an einer Beziehung mit einem anderen menschlichen Wesen. Obwohl es auch solosexuelle Menschen gibt, die sagen, dass sie gelegentlich Sex mit anderen haben, bevorzugen sie es normalerweise zu masturbieren und haben kein Interesse an „normalen" monogamen Beziehungen. Asexuelle Menschen haben hingegen einen extrem geringen oder nicht vorhandenen Sexualtrieb beziehungsweise kein Interesse an sexuellen Aktivitäten, interessieren sie sich in der Regel aber trotzdem für romantische Beziehungen, die ihr Bedürfnis nach einer emotionalen Bindung befriedigen. Solosexualität ist also so etwas wie die Antithese zu Asexualität: hormongeladen, aber nicht willens, sich emotional auf eine andere Person einzulassen.

Sie folgen alle demselben Mantra: Warum sich mit anderen verabreden, wenn man sich auch selbst einen runterholen kann?

Laut Salon gibt es solosexuelle Menschen aus sämtlichen Spektren der Kinsey-Skala—homosexuell, bisexuell und heterosexuell. Sie folgen alle demselben Mantra: Warum sich mit anderen verabreden, wenn man sich auch selbst einen runterholen kann?

Natürlich muss man auch über Pornografie reden, wenn man über Selbstbefriedigung spricht. In einem TEDx Talk aus dem Jahr 2012 stellte Gary Wilson den sogenannten „Coolidge-Effekt" vor. Hierbei handelt es sich um ein biologisches und psychologisches Phänomen, das bei Säugetieren beobachtet werden kann, wenn Männchen (und in geringerem Maße auch Weibchen) eine Reihe von unterschiedlichen Partnern zur Auswahl gestellt wird. Man kann dabei beobachten, wie ihr sexuelles Interesse wieder erneuert wird, was im Grunde heißt, dass sie Sex haben können bis sie umfallen. Wenn sie dagegen immer wieder denselben Partner präsentiert kriegen, haben sie zwar weiter Sex, verlieren aber das Interesse an dem Vorgang selbst. Der Punkt ist, dass Männchen so viele Weibchen wie möglich schwängern möchten, sagt Wilson, weil es aus evolutionärer Sicht vorteilhaft für die jeweilige Spezies ist.

„Sonst gäbe es auch keine Pornos im Netz", meint Wilson. Dieser Theorie nach folgt ein Mann, der sich Pornos ansieht, letztendlich nur seinen grundlegendsten Instinkten und versucht jede Frau, die er auf dem Bildschirm sieht, zu schwängern. Wenn er kommt, wird sein Gehirn mit Dopamin überflutet, was ihn letztendlich süchtig macht. Wenn es um echte, lebendige Frauen geht, übernimmt der Coolidge-Effekt dann die Kontrolle, glaubt Wilson: „Warum sollte sich ein Mann mit einer Partnerin abmühen, wenn er nach Hause gehen und sich innerhalb einer Stunde zu fünf verschiedenen Frauen einen runterholen kann und dabei dasselbe Hochgefühl verspürt?

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„Natürlich liebt die Pornobranche Männer, die sich gerne einen runterholen—sie verdienen schließlich ihr Geld damit", sagt Christian XXX, ein bekannter Pornodarsteller und -produzent. Er sagt, dass es vollkommen in Ordnung ist häufig zu masturbieren, solange es einen nicht von seinen täglichen Aufgaben und Pflichten abhält. „Wenn jemand lieber masturbiert als mit anderen Menschen auszugehen, steckt meiner Meinung nach immer ein ganz anderer Grund dahinter—sei es Übergewicht, soziale Ängste, Arbeitslosigkeit, ein gestörtes Selbstwertgefühl oder Depressionen. Es gibt eine ganze Reihe an Eigenschaften oder Faktoren, die Männer davon abbringen können, eine Beziehung führen zu wollen."

Außerdem sind die Gepflogenheiten von Verabredungen und Beziehungen äußerst kostspielig—ganz besonders dann, wenn man nicht das Gefühl hat, dass es sich lohnt. „Ich glaube, junge Menschen haben das Gefühl, dass solche ökonomischen Freiheiten außerhalb ihrer Reichweite sind und wissen, dass man für Beziehungen Geld braucht", sagt Christian. „Sich zu Pornhub einen runterzuholen kostet nichts und World of Warcraft kostet auch nur 12,99 im Monat. Mit jemandem auszugehen, kostet dagegen vergleichsweise viel."

Durch interaktive Masturbationsseiten wie Bateworld und Chaturbate wird der solosexuelle Lebensstil zusätzlich erleichtert und lässt ihn anscheinend auch immer beliebter werden. Die Nutzer können ihre Webcam einstecken, sich einen runterholen und sich durch Tausende anderer Nutzer klicken, die genau das Gleiche tun. Im Grund genommen sind das nichts weiter als DIY-Pornos. „Bateworld ist eine der größten Adressen für alle möglichen männlichen Masturbationspraktiken wie Solosex, Buddybates und Gruppenmasturbation", erklärt mir Paul Rosenberg, Gründer und Manager eines schwulen Masturbationsclubs in Seattle, per Mail. „Sex im Netz ist meist virtuell—verschiedene ‚Wichsvorlagen', die die Fantasie der Leute anheizen, wenn sie allein masturbieren." (Als ich mich zum ersten Mal bei Chaturbate eingeloggt habe, habe ich eine nackte junge Frau getroffen, die mit der einen Hand durch ihr Handy scrollte, während sie sich mit der anderen Hand selbst befriedigt hat. Nach und nach haben sich immer mehr Nutzer versammelt—Penis über Penis—, während sich die Nachrichten und Reaktionen häuften.)

Obwohl Solosexualität etwas zu sein scheint, worauf vor allem Männer stehen (eine demografische Tendenz, die sich in thematischen Blogs und Foren widerspiegelt), gibt es auch Frauen, die unter diese Kategorie fallen. So wie Genevieve, 24, Schriftstellerin, die sich ihrer sexuellen Identität nach einer Reihe von schlechten Erfahrungen auf Tinder bewusst wurde.

Ich hatte bei keinem der Männer, mit denen ich in der Vergangenheit aus war, das Gefühl, dass ich den Sex genießen würde.

„Ich bin mit einem Typen ausgegangen, den ich auf Tinder getroffen habe. Später schrieb er mir, dass er sich gerne mal wieder mit mir treffen würde und ich habe total die Krise bekommen", erzählt sie mir per Mail. „Mir ist es auch schon früher immer wieder so gegangen—sowohl mit Männern, die ich im Internet getroffen habe, als auch mit Männern, die ich im echten Leben kennengelernt habe. Das war der letzte Strohhalm. Ich wollte ihn nicht wiedersehen, obwohl wir eine gute Zeit zusammen hatten und ich ihn ziemlich süß fand. Ich habe angefangen, mich selbst zu fragen, was falsch mit mir ist. Ich habe versucht herauszufinden, warum mich das so nervös machte, bis ich irgendwann festgestellt habe, dass ich allein die Vorstellung, mit ihm Sex zu haben, extrem nervenaufreibend fand."

Foto: John Rocha | Pexels

„Ich hatte bei keinem der Männer, mit denen ich in der Vergangenheit aus war, das Gefühl, dass ich den Sex genießen würde—ich verschließe mich der Möglichkeit, dass es eines Tages passieren könnte, aber auch nicht. Ich kann es mir einfach nur nicht vorstellen. Immer wenn ich dachte, dass eine Begegnung auf Sex hinauslaufen könnte, fühlte ich mich extrem unwohl. Das ging soweit, dass ich das Gefühl hatte, fast wahnsinnig zu werden und einfach nur noch vor der Situation weglaufen wollte."

Genevieve identifiziert sich selbst nicht als ausschließlich solosexuell. Sie sagt, dass sie zwischen Solosexualität und Asexualität schwankt. Außerdem hat sie, wie sie sagt, platonische Gefühle in ihren Beziehungen zu anderen und denkt sich oft: „Ich würde einen Hund mit dieser Person adoptieren" oder „Ich würde eine Band mit dieser Person gründen." Allerdings geht es nie darüber hinaus—dafür masturbiert sie. Das ist ihr einziges sexuelles Verlangen.

Die Vorstellung, Sex mit jemandem zu haben oder mich auch nur vor jemanden auszuziehen, reizt mich nicht und hat mich auch noch nie gereizt

Was wäre, wenn sie sich ihren Ängsten stellen würde? Genevieve ist noch Jungfrau. Wie kann sie auf Sex verzichten, bevor sie diese Erfahrung überhaupt gemacht hat? „Die Vorstellung, Sex mit jemandem zu haben oder mich auch nur vor jemanden auszuziehen, reizt mich nicht und hat mich auch noch nie gereizt", sagt sie. „In gewisser Weise finde ich es sogar abtörnend. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich es ausprobieren muss, bevor ich sagen kann, dass ich es nicht mag, weil ich allein die Vorstellung schon so unangenehm finde."

Sex hat in unserer Gesellschaft einen extrem hohen Stellenwert. Der Verlust der Jungfräulichkeit wird aus irgendeinem unerfindlichen Grund als ein unglaublich wichtiger Schritt im Leben eines Menschen angesehen. Einerseits ist es das natürlich auch, aber andererseits auch wieder nicht. Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie ich meine Unschuld verloren habe. Dafür kann ich mich ganz genau daran erinnern, wie mein erster Freund und ich gelernt haben, was Sex ist—von meinen unbeholfenen Versuchen, alles richtig zu machen über die ersten Blowjobs bis hin zu meinen ersten lesbischen Erfahrungen. All diese Momente, die ich über die Jahre so erlebt habe, waren äußerst wichtige sexuelle Begegnungen, die viel damit zu tun hatten, Selbstvertrauen in Bezug auf meinen Körper, meine Anziehungskraft und meine sexuelle Ausstrahlung aufzubauen. Braucht man all das, um ein erfülltes Leben zu führen?

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Rachel Hills schreibt in ihrem Buch The Sex Myth: „In der allgemeinen Wahrnehmung spielt Sex eine entscheidende Rolle bei der Definition von Jugend, Freiheit und Spaß. Moderne Medien und die Popkultur sagen uns immer wieder, dass junge alleinstehende Menschen ein Buffet von nahezu unbegrenzten sexuellen Möglichkeiten vor sich haben—und „richtig" Sex zu haben, heißt, dass man diese Möglichkeiten ausnutzt." Ist das noch immer so? Wie wird das Ganze in Zukunft aussehen? Schirmen sich introvertiertere Menschen tatsächlich vor menschlichen Interaktionen ab, wenn sie lieber im Schutze eines Chatrooms masturbieren? Wie Christian sagt: Es ist leichter, als sich durch die Komplexität von Dates und Sex zu wühlen—sowohl finanziell als auch emotional. Wenn wird davon ausgehen, dass Sex ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Daseins ist, sind solosexuelle Menschen dann nicht einfach nur dabei, Sex für eine Generation, die sich das Bett mit neuen Technologien teilt, neu zu definieren?

„Ich finde es gut, dass es durch die neuen Technologien einfacher geworden ist, eine Community von Leuten zu finden, die genauso sind wie du und dich in deiner sexuellen Identität bestärken—ob man nun queer oder asexuell ist oder irgendeinen Fetisch hat", meint Genevieve. „Ich hoffe, dass es durch das Internet für zukünftige Generationen noch leichter werden wird, ihre sexuelle Identität zu erkennen. Ich bin sicher, wenn ich mit 14 oder 15 gewusst hätte, dass ich asexuell oder solosexuell sein könnte, dann hätte mir das ziemlich viel erspart."


Foto: David M | Flickr | CC BY-SA 2.0

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