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In Ghana beherrschen Frauen und „Marktköniginnen” die Wirtschaft

Das westafrikanische Land ist einer der wenigen Orte auf der Welt, in der es mehr Frauen als Männer gibt, die ihr eigenes Geschäft haben. Die ghanaischen Frauen beherrschen die Märkte des Landes und fordern damit auch ihr politisches Mitspracherecht...

von Maggie O'Neill
30 November 2016, 8:00am

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Der bewölkte Himmel kündigt schlechtes Wetter an. Doch obwohl die meisten kein Dach über dem Kopf oder über ihren Waren haben, bleiben die Verkäuferinnen auf dem Makola Market, der sich über mehrere Häuserblocks zieht und die Gehwege der ghanaischen Hauptstadt einnimmt, gelassen.

Frauen jeden Alters schwirren über den Markt und balancieren Säcke und Kisten voller Erdnüsse, Ananas, Haarbürsten oder Wannen voller kalter Getränke und stapelweise Zeitungen auf ihren Köpfen. In dem Labyrinth aus endlosen Gängen und Ziegelwänden, hinter denen sich die Lagerräume befinden, wo die Frauen ihre Waren organisieren, hat man kaum Platz sich zu bewegen. Als Kunde muss man immer darauf achten, nicht eine der Bananenkisten umzuwerfen oder in einen meterhohen Stapel Kleider zu stolpern.

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Die Frauen, die so hektisch über die Marktplätze rennen, haben zwar keine politische Macht, dafür treiben sie gemeinsam die Verbraucherwirtschaft des Landes voran, dessen Bevölkerung 2012 rund 25 Millionen Menschen zählte. Die Regierung versucht deshalb unentwegt, sich mit den Marktfrauen gut zu stellen. Laut dem statistischen Amt von Ghana zählen die Märkte zu den Hauptbeitragenden des ghanaischen Dienstleistungsektors, der die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Das war allerdings nicht immer so. Während der Militärdiktatur in den 1970er- und 1980er-Jahren gerieten die Markthändler—insbesondere Frauen—oft ins Visier der Regierung: Sie wurden beschuldigt, die Preise nach oben zu treiben, um eine wirtschatliche Krise anzuzetteln und—in den Worten eines damaligen Politikers—„eine moralische Dekadenz und wirtschaftliche Schwächung herbeizuführen." Wenn Frauen ihre Geschäfte dennoch weiterführten, lebten sie mit dem Risiko pleite zu gehen oder ihnen wurde damit gedroht, dass ihre Waren beschlagnahmt würden. Viele Frauen wurden verprügelt oder sogar ermordet. Im Jahr 1979 platzierten Soldaten Sprengsätze inmitten des Zentrums von Makola und jagten alles in die Luft. Dabei kam auch die damalige Marktkönigin um.

Heutzutage gründen Frauen in Ghana deutlich häufiger ein Geschäft als Männer. Anders als auf den Märkten in Nordafrika, wo die muslimische Kultur das Leben auf den Märkten bestimmt, beherrschen in Ghana die Frauen die Märkte. Die Stände auf den ghanaischen Märkten werden von sogenannten Marktleitern beaufsichtigt, die sich meist auf ein Produkt spezialisiert haben: Es gibt einen für Tomaten, einen für Süßkartoffeln usw. Über ihnen stehen die Marktköniginnen, die den gesamten Marktplatz überwachen. Die Marktköniginnen von Accra haben sich wiederum zu der Führungsebene der Greater Accra Markets Association (GAMA) zusammengeschlossen.

Mercy Naa Afrowa Needjan ist die aktuelle Präsidentin von GAMA. Sie erklärt, dass die Händler von Accra jeden Tag in andere westafrikanische Länder reisen, um dort Handel zu treiben. Gleichzeitig kommen auch Händler aus anderen Ländern wie Nigeria oder Niger nach Accra, um dort dasselbe zu tun. „Wir sind immer in Bewegung", sagt sie. Needjan sagt, dass sich GAMA monatlich trifft um über „Dinge, die Frauen, das Gesetz und ihre Rechte betreffen" zu diskutieren.

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Der Historiker und ehemalige Bürgermeister von Accra, Nat Nunoo Amarteifio, betont, dass die Frauen des organisatorischen Rates die Regierung zwingen können, in ihrem Interesse zu handeln. Er sagt auch, dass die Regierung aufgrund ihrer Organsationsstrukturen lieber gleich direkt mit ihnen zusammenarbeitet. „Wenn die Regierung irgendwelche Gesundheitspläne hat, dann sind die Märkte normalerweise involviert—vor allem, wenn es um Frauen oder Kinder geht", sagt er.

Die Märkte gelten als Teil der ghanaischen Schattenwirtschaft. Das heißt, dass sie nicht unter dem Registrar General's Department von Ghana registriert sind. Obwohl die Markfrauen Steuern an die Lokalverwaltung zahlen, die sich bemüht, die offiziellen Marktplätze mit sanitären Anlagen und Wasser zu versorgen, werden die Frauen noch immer als Mitglieder der Schattenwirtschaft betrachtet, die laut Amarteifio 80 Prozent von Ghanas Gesamtwirtschaft ausmacht. Wie groß der Anteil wirklich ist, ist nur schwer zu sagen, doch Experten bestätigen, dass die Markfrauen einen bedeutenden Einfluss auf die Wirtschaft haben.

Neben Lebensmitteln wird auf den Märkten auch Kleidung angeboten. Die Verkäufer fahren oft nach Europa und Asien, um Secondhand-Kleidung zu kaufen, die sie dann in Ghana weiterverkaufen. „Der Markt ist ein zentraler Bestandteil der Schattenwirtschaft. Schätzungsweise 90 Prozent der Menschen, die man auf der Straße sieht, tragen Secondhandkleidung", sagt Amarteifio. „Wenn ich also schätzen müsste, wie viel Prozent [der Verbraucherwirtschaft] von den Frauen kontrolliert werden, würde ich sagen, dass es leicht 70 bis 80 Prozent sind, weil nur wenige Ghanaer ins Einkaufszentrum gehen, um sich T-Shirts der Hosen zu kaufen."

Die Marktplätze bieten auch Frauen mit besonderen handwerklichen Talenten einen Ort, an dem sie ihre Waren verkaufen können. Mehrere Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben gesagt, dass einige Frauen aufgrund der kulturellen Gegebenheiten in einigen Gemeinden in der nordöstlichen Region Ghanas dazu gezwungen sind, für ihre Eltern zu sorgen und nicht heiraten dürfen. Allerdings werden sie dazu angehalten, Kinder zu bekommen, da der Wert einer Frau im Norden Ghanas oft anhand der Zahl ihrer Kinder gemessen wird. „Bis der Mutterleib erschöpft ist, hat die Frau keine Ruhe", erklärt James Suran-Era, ein Touristenführer aus dem Nordosten Ghanas. Die Frauen sind folglich gezwungen, ihre Kinder allein großzuziehen.

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Eine solche Gruppe von alleinerziehenden Müttern verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie ihre Waren auf den Markt von Bolgatanga verkauft. Den Großteil ihres Einkommens verdienen sie mit der Herstellung und dem Verkauf von Körben. Die Preise der Körbe hängen von der Größe ab. Einige der größeren Körbe kosten 30 Ghana Cedis (rund 7 Euro), sagt Modester Aasisb. Die 19-Jährige hat selbst keine Kinder, stellt aber gemeinsam mit den anderen Frauen Körbe her und sorgt so schon seit fast zehn Jahren für sich selbst. Wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, selbsterzeugte Produkte auf dem Markt zu verkaufen, hätten die Frauen keine Möglichkeit, für sich selbst zu sorgen. „Körbe sind das Günstigste, womit wir handeln können. Das ist besser, als Reis zu verkaufen", sagt Celia Atambire, Sekretärin der Organisationsgruppe der alleinerziehenden Mütter, die die Körbe verkaufen.

Obwohl das Land von seinen Märkten so stark abhängig ist, spiegelt sich das nicht in der allgemeinen Meinung über die Marktfrauen wider. „Ghanaer und ganz besonders mittelständische Ghanaer neigen dazu zu glauben, das nur ungebildetete Frauen oder Analphabetinnen als Händlerinnen enden. Diese Denkweise ist tief in ihren Köpfen verwurzelt. Man stößt immer wieder auf eine herablassende Haltung und eine gewisse Bevormundung, die ganz besonders irritierenden ist, weil diese Frauen zehnmal mehr verdienen als diese Kinder oder ihre Eltern."