Verbrechen

Zwangsabtreibungen im 9. Monat: Die Verbrechen von Hector Buitrago

Der Mann, der auch "die Krankenschwester" genannt wurde, nahm hunderte Zwangsabtreibungen bei Guerilla-Kämpferinnen vor und soll sich an Folter und Vergewaltigungen beteiligt haben. Nun steht er in Kolumbien vor Gericht.

von Sirin Kale
14 März 2017, 7:40am

Photo courtesy of VICELAND

Viele Menschen kennen Hector Arboleda Albeidis Buitrago nur unter dem Namen "Die Krankenschwester", in Wahrheit hat der ehemalige Guerillakämpfer aber keinerlei medizinische Ausbildung. Was ihm an Wissen fehlte, schien er allerdings durch seine Brutalität auszugleichen. Während seiner Zeit bei den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) soll Buitrago angeblich hunderte Zwangsabtreibungen an den weiblichen Kämpferinnen vorgenommen habe. Einige von ihnen sollen bereits im neunten Monat schwanger gewesen sein.

Nach einem langwierigen diplomatischen Prozess wurde Buitrago nun von Spanien an die kolumbianischen Behörden ausgeliefert, damit ihm der Prozess gemacht werden kann. Der 41-Jährige wurde bereits im Jahr 2015 in Madrid festgenommen. Die kolumbianischen Behörden haben seither daran gearbeitet, ihn nach Kolumbien zu überführen. Buitrago wird nicht nur vorgeworfen, hunderte Zwangsabtreibungen vorgenommen zu haben, er soll sich auch an Folter und Vergewaltigungen beteiligt haben. Wie Latin American Herald Tribune berichtet, wurde der Auslieferungsantrag schon am 27. Januar 2017 von den spanischen Behörden genehmigt und nun vollstreckt. Es wird erwartet, dass Buitrago bis zum Prozessauftakt in Haft bleibt.

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Die bewaffneten Unruhen zwischen der kolumbianischen Regierung, der FARC – einer marxistisch-leninistische Guerillagruppe – und der weniger bekannten Nationalen Befreiungsarmee (ELN) dauerten mehr als ein halbes Jahrhundert lang an. Die kolumbianische Regierung ist aktuell noch immer dabei, die Verbrechen aus dieser Zeit aufzuarbeiten. Zeitweise kontrollierte die FARC ein Gebiet von der Größe der Schweiz, allerdings wurden die Kämpfer mit der Unterstützung der USA im Verlauf der 1990er- und 2000er-Jahre rasch durch die kolumbianische Regierung zurückgedrängt.

Mit dem steten Rückgang der Kämpferzahlen, wurde es allerdings umso wichtiger, die verfügbaren Kräfte zu bewahren. Da die weiblichen Mitglieder der FARC meist Seite an Seite mit ihren männlichen Kollegen kämpften, war eine schwangere Guerillera nichts weiter als eine verlorene Kämpferin, die ihre Waffen nicht mehr gegen die kolumbianische Regierung richten konnte.

Foto: VICELAND

Laut eines Berichts der kolumbianischen Zeitung El Espectador stellte man im Rahmen einer Untersuchung fest, dass in den Lagern der FARC jährlich 1.000 Zwangsabtreibungen durchgeführt wurden. Die Menschenrechtsorganisation ABColombia gibt an, dass "geplante Zwangsabtreibungen zur Politik der FARC gehörten. Die einzigen, die von dieser Regel ausgenommen waren, waren die Frauen der Kommandanten. Laut Zeugenaussagen sind viele der weiblichen Kämpfer vor den Guerilleros geflohen, um ihre ungeborenen Kinder zu schützen." In einigen Fällen, berichtet Human Rights Watch, wurden die Zwangsabtreibungen bei Mädchen vorgenommen, die gerade mal 12 Jahre alt waren.

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Im Rahmen einer Pressekonferenz im Dezember 2015 sprach auch der ehemalige kolumbianische Generalstaatsanwalt Eduardo Montealegre über die Abtreibungspolitik der FARC. "Wir haben Beweise dafür, dass Zwangsabtreibungen zur Politik der FARC gehörten. Ihre Politik beruhte darauf, weibliche Kämpfer zur Abtreibung zu zwingen, um sie nicht als Kriegsinstrument zu verlieren", sagte Montealegre gegenüber den Reportern.

Im Zuge der Friedensgespräche, die im November 2012 begannen, sind immer mehr Kämpfer zu ihrem zivilen Leben zurückgekehrt und begannen, über ihre Erfahrungen in den Lagern der Guerilla zu sprechen. Broadly hat sich im März 2016 mit einer der Frauen unterhalten. "[In den Lagern der Guerilla] wird dir beigebracht, dass Guerilleras dieselben Rechte haben wie ihre männlichen Kollegen", sagt Camila. "Doch letztendlich ist und bleibt man eine Frau und Frauen haben es im Krieg immer schwer."

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Im Gespräch mit Broadly erklärte Jose Miguel Vivanco von Human Rights Watch, wie sie die Auslieferung und den bevorstehenden Prozess von Buitrago beurteilten. "Die Auslieferung der sogenannten 'FARC-Krankenschwester' sollte nur die Spitze des Eisbergs sein und zu einer massiven und ausführlichen Ermittlung gegen die zahlreichen Sexualverbrechen an Frauen führen, die die Guerilla begangen hat", erklärt Vivanco.

"Die Verfolgung dieser verabscheuungswürdigen Verbrechen, die von der FARC lange Zeit über geleugnet wurden, ist ein Gradmesser für die Glaubwürdigkeit der Übergangsjustiz im Zuge des Friedensgespräche."

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