geschichte

Wie eine einzige Frau unser Denken über Sex revolutionierte

“Sex ist mehr als nur eine Reihe von Geschlechtsakten” war nur eine von vielen Maximen der vergessenen Wegbereiterin der sexuellen Aufklärung, Dr. Mary Steichen Calderone.
30.3.17
Photo via Getty Images

"Beim Sex geht es darum, wer du bist und nicht darum, was du tust", schrieb Dr. Mary Steichen Calderone 1967 im Albuquerque Journal. Die ehemalige medizinische Leiterin von Planned Parenthood und Gründerin der Organisation Sexuality Information and Education Council of the US (SIECUS) war bekannt für ihre offenen und plakativen Maximen, mit denen die vergessene Wegbereiterin der sexuellen Aufklärung unsere moderne Sichtweise auf Sex und Sexualität geprägt hat. Sie forderte, "eine gesunde Sexualität" als "Geburtsrecht" zu betrachten und wurde zu einer maßgeblichen "Stimme der Vernunft" in einer Zeit, als die Haltung gegenüber Sex noch durch Angst und Unterdrückung geprägt war – allerdings änderte sich das schon bald entscheidend.

Calderone erlebte beinahe das gesamte 20. Jahrhundert und konnte die Entstehung und Veränderung verschiedenster Bewegungen beobachten, die unser gesamtes Denken über Verhütung, Feminismus und sexuelle Aufklärungen verändert haben. Calderone wurde 1904 in einer großbürgerlichen Familie geboren und verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Paris, während die Ehe ihrer Eltern langsam zerbrach. Ihr Vater war ein bekannter Fotograf, der mit Picasso und Matisse befreundet war. (Als Mary sechs Jahre alt war, soll sie dem rumänischen Bildhauer Constantin Brancusi gesagt haben, dass er seinen Vögeln hochgehobenere Köpfe geben sollte – was er schließlich auch tat.) Ihre Mutter war hingegen von den prüden viktorianischen Werten durchdrungen. Sie zwang die kleine Mary unter anderem, beim Schlafen "Fäustlinge" aus Metall zu tragen, um zu verhindern, dass sie masturbierte – ein Grund, den Calderone später immer wieder als prägenden Einfluss auf ihre Karriere als sexuelle Befreierin nannte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zog ihre Familie in die USA – der Heimat ihrer Mutter. Als sich das Paar trennte und entschied sich Mary, bei ihrem Vater in New York zu bleiben, wo sie eine Privatschule besuchte. Im Jahr 1921 – fünf Jahre nach der Gründung von Planned Parenthood durch Margaret Sanger – begann sie am Vassar College Chemie zu studieren.

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An diesem Punkt begann Calderone Schwierigkeiten zu bekommen: Anstatt ihr Studium in Chemie zu beenden, beschloss sie Schauspielerin werden. Laut Jeffrey Moran, einem Geschichtsprofessor von der Universität in Kansas und Autor von Teaching Sex: The Shaping of Adolescence in the 20th Century, wollte Calderone nur Schauspielerin werden, "weil sie wirklich hübsch war, aber wie sich herausstellte, war das nicht genug, um als Schauspielerin Karriere zu machen." Sie heiratete schließlich einen Schauspieler und bekam zwei Kinder von ihm. Wie Calderone später sagen würde, gab sie ihren Traum nach kurzer Zeit wieder auf, weil ihr klar wurde, dass sie "niemals so gut werden würde, wie Katherine Cornell – das war's."

Was dann folgte war, in Morans Worten, "eine Phase der persönlichen Turbulenzen": Sie und ihr Mann ließen sich scheiden (das Ergebnis, wie sie später sagte, "sexueller Unterdrückung") und um über die Runden zu kommen, begann Calderone Toaster in einem Kaufhaus zu verkaufen – sie "liebte die Toaster aber … hasste die Leute." Schließlich nahm sie ihr Chemiestudium wieder auf und begann – auf Drängen ihres Freud'schen Psychoanalytikers – Vorbereitungskurse in Medizin zu besuchen. Doch schon damals gab es Anzeichen dafür, dass sie nicht den Weg einer traditionellen Ärztin einzuschlagen würde. Einmal sagte ein Professor zu ihr: "Es scheint, als wären sie nicht besonders vertraut mit den Lipiden." Kurze Zeit später starb ihre 8-jährige Tochter an einer Lungenentzündung. Obwohl Calderone in Depressionen versank, setzte sie ihr Medizinstudium 1939 fort und machte ihren Master in Public Health. Auf diesem Weg lernte sie auch ihren zweiten Ehemann, Dr. Frank Calderone, kennen, der später für die WHO und die UN tätig war.

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Nach dem Studium begann Calderone halbtags als Schulärztin zu arbeiten. Allerdings begann sie ihre Arbeit, die kaum Beachtung fand, schon nach kurzer zu frustrieren – insbesondere da ihr Mann unterdessen für seine Arbeit gefeiert wurde. Erst als er in Ruhestand ging, wurde Calderone als Schlüsselfigur der sexuellen Aufklärung bekannt: Im Jahr 1953, im Alter von 49 Jahren, wurde sie die medizinische Leiterin von Planned Parenthood – ein weiterer Halbtagsjob, den sie – wie sie selbst sagte – annahm, weil sie "keine feste Praxis und nichts zu verlieren hatte und kein qualifizierter männlicher Arzt, den Job angenommen hätte."

Trotz der bescheidenen Verhältnisse war es eine bedeutende Zeit für die Organisation, die erst kurz zuvor mit einer breit angelegten Kampagne angefangen hatte, ihr Bildungs- und Forschungsprogramm auszubauen, bevor die Antibabypille im Jahr 1960 dann schließlich allgemein verfügbar wurde. Im Jahr 1964 ging Calderone gegen die Politik der American Medical Association vor, die verhindern wollte, dass Ärzte Patientinnen über Mittel zur Empfängnisverhütung informierten. Als sich der Kampf um die Verfügbarkeit von reproduktiven Gesundheitsdiensten zuspitzte, setzte sich Calderone ein neues Ziel: Sie wollte den dringenden Bedarf der Amerikaner nach sexueller Aufklärung decken.

"Ich glaube, ihre Interesse wurde vor allem dadurch geweckt, dass sie mit durchschnittlichen Amerikanern gesprochen hat", sagt Moran. "Im Rahmen ihrer Arbeit bei Planned Parenthood bekam sie tonnenweise Briefe von verunsicherten jungen Menschen, die in ganz unterschiedlichem Maße aufgeklärt beziehungsweise unwissend waren." Genau diese Unwissenheit gab ihr das Gefühl, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Im Jahr 1964 verließ Calderone dann schließlich Planned Parenthood und wurde einer der Mitbegründerinnen des Sexuality Information and Education Council of the United States (SIECUS), einer nationalen Non-Profit-Organisation, deren Ziel es ist, Menschen mit Aufklärungsangeboten und Informationen über reproduktive Gesundheit zu versorgen.

Diese Arbeit nahm den Rest ihres Lebens ein. Zur damaligen Zeit war die Einstellung gegenüber sexueller Aufklärung äußerst "schizophren", wie Moran sagt. Calderones Ansatz war dagegen ungewohnt direkt. Es gab zwar bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Bewegung, die sich für eine formale sexuelle Erziehung einsetzte, diese war allerdings ziemlich zurückhaltend. Meist drehten sich solche Aufklärungsprogramme nur um Themen wie Abstinenz. Außerdem predigten sie gesellschaftliche Anpassung und informierten darüber, wie man ein "wertvolles Mitglied einer weißen, mittelständischen Familie" wird. Das Ziel von SIECUS schien hochgesteckt, aber absolut sinnvoll:

Ziel ist die Darstellung menschlicher Sexualität als Bestandteil der Gesundheit: die Identifikation spezieller Merkmale, die Sexualität von der menschlichen Reproduktion unterscheiden und zugleich dazugehören; die Anerkennung von Sexualität durch einen offenen Umgang sowie Studien und wissenschaftliche Untersuchungen, um ein tieferes Verständnis von Sexualität zu schaffen und sie vor Ausbeutung zu schützen; die Weiterbildung der Fachwelt sowie der Gesellschaft, um Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer eigenen Sexualität zu verhelfen und Sex als kreative und schöpferische Kraft in ihre persönliche Lebensgestaltung zu integrieren.

"Es war ziemlich mutig von ihr, sich von Anfang an daran zu beteiligen", sagt Moran. Schließlich konnte die Verbreitung von Broschüren mit Informationen über sexuelle Gesundheit bis in die 1970er- und 1980er-Jahre wegen Obszönität strafrechtlich verfolgt werden. Vielleicht war sie keine Revolutionärin im wortwörtlichen Sinn, dennoch wurde Calderone schon nach kurzer Zeit der Titel "emsigste Aufklärerin der Welt" verliehen.

Sie selbst dürfte diesen Titel aber eher negativ aufgefasst haben. Sie wollte einen offenen Dialog zwischen Eltern und ihren Kindern anstoßen und ihnen nichts vorpredigen. "Sie wollte, dass die Menschen kritisch über sexuelle Aufklärung sprechen. Es sollte nicht nur um den Akt selbst gehen – wie es bei vielen anderen sexuellen Aufklärungsprogrammen der Fall war – oder darum, wie man seine Hochzeit plant", erzählt Moran. "Sie wollte die körperlichen Aspekte von Sexualität mit den moralischen Aspekten von Sexualität verbinden und ins soziale Miteinander integrieren." Das People Magazine beschrieb Calderone 1980 als "die aristokratische Frau mit den blauen Wegdwood-Augen, der königlichen Manier und der lyrischen Ausdrucksweise" – auch weil sie ihre Botschaft mit zitierfähigen Maximen und einer geradlinigen Herangehensweise verbreitete. Ihre sex-positiven Ansichten wirken fast, als würden sie aus progressiven Aufklärungsmaterialen von heute stammen: "Sex ist mehr als nur eine Reihe von Geschlechtsakten"; "Eltern spiegeln die Genophobie unserer Gesellschaft wider"; "Männerfreundschaften werden durch die nahezu pathologische Angst vor Homosexualität in diesem Land erheblich behindert"; "Fakt ist, dass Pornografie nicht die Ursache von Verbrechen ist. Der Mangel hingegen schon viel eher." Außerdem war sie bekannt dafür, ihre Kurse zu fragen: "Welches Wort mit acht Buchstaben endet auf H und ist ein anderes Wort für Geschlechtsverkehr?" Nach einem Moment der peinlichen Verwirrung verriet sie ihnen dann die Antwort: "Gespräch."

Die jungen Zuhörer schätzten Calderones Offenheit. Allerdings machte sie diese Eigenschaft auch häufig zum Ziel von konservativen Gruppierungen wie den Christian Crusade, der John Birch Society und der Moral Majority. Im Jahr 1969 investierten rechte Gruppen umgerechnet rund 38 Millionen Euro in eine üble Schmierenkampagne, deren einziges Ziel es war, die "moralisch verkommene" und "gealterte sexuelle Befreierin" (die sie darüber hinaus auch beschuldigten, eine Kommunistin zu sein) zu ruinieren. Da half es auch nicht unbedingt, dass der Playboy der prominenteste Verfechter von SIECUS war. Calderone ließ sich dennoch nicht aufhalten. In einem Brief an den Herausgeber, der 1974 in der New York Times erschien (in diesem Jahr wurde sie 70 Jahre alt), belehrte Calderone eine ihrer Kritikerinnen namens E. Rounault über ihre augenscheinlich falschen Vorstellungen von sexueller Aufklärung.

"Ich würde vorschlagen, dass E. Rounault sich die Zeit nehmen sollte, Man and Woman, Boy and Girl von Money und Eerhardt zu lesen", schrieb Calderone. "Wenn sie in der Lage ist, zumindest die Hälfte davon zu verstehen, dann kann ich ihr garantieren, dass sie nie wieder versucht sein wird, sich lautstark über etwas auszulassen, womit sie sich nicht auskennt […] Mittlerweile haben 95 Prozent der medizinischen Fakultäten in den USA Lehrveranstaltungen über die menschliche Sexualität in ihren Lehrplan aufgenommen. Ihre Medizinstudenten und Tausende andere geschulte Ärzte wären die Ersten, die E. Rouaults Mangel an faktischem Wissen anprangern und sie zugleich bemitleiden würden."

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Die Entwicklungen, die Calderone hier anspricht, sind vor allem ihren persönlichen Leistungen zu verdanken. Doch letztendlich zwangen sie ihre konservativen Gegner, als Geschäftsführerin von SIECUS zurückzutreten. (Sie behielt dennoch bis 1982 eine führende Rolle innerhalb der Organisation.) "Calderone geriet so in den Mittelpunkt der Kritik, dass die anderen Mitglieder von SIECUS sie schließlich aus dem Sattel heben wollten", sagt Moran. "Der Widerstand richtete sich oftmals nur gegen sie. Sie war eine polarisierende Persönlichkeit und gab nie nach. Ihr wurde schließlich bewusst, dass sie zu einer Belastung geworden war."

Natürlich hatte auch Calderone ihre blinden Flecken. "Sie blieb nach wie vor besorgt darüber, dass junge Menschen, insbesondere junge Frauen, nicht zu früh anfangen sollten, Sex zu haben", sagt Moran. Einerseits forderte sie Toleranz, auf der anderen Seite befürwortete sie es allerdings auch, Homosexualität einzugrenzen. Nichtsdestotrotz war sie mit ihrer Entschlossenheit, unser Verständnis von Sexualität zu verbessern, ein bedeutendes Vorbild für viele Frauen weltweit. Als sie von einem Reporter gefragt wurde, ob die Bereitschaft der Gesellschaft, öffentlich über Sex zu sprechen, mittlerweile zu weit ginge, antwortete sie: "Die Wahrheit kann niemals zu weit gehen."