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Sexismus

Eine neue Studie beweist: Sexismus schadet auch Männern

Eine aktuelle Untersuchung hat bestätigt, was viele Forscher in der Vergangenheit bereits vermutet haben: Sexismus und stereotype Männlichkeitsbilder schaden nicht nur Frauen, sondern gefährden auch die psychische Gesundheit von Männern.

von Sarah Hagi
28 November 2016, 7:50am

Sexismus kann für jede Menge Probleme verantwortlich gemacht werden—von der Gehaltslücke bis hin zur Gewalt gegen Frauen. Allerdings betreffen die meisten dieser Probleme überwiegend Frauen. Eine neue Studie hat nun aber gezeigt, was Forscher schon eine ganze Weile vermutet haben: Stereotype Männlichkeitsbilder und Sexismus schaden auch den Männern selbst.

Durchgeführt wurde die Untersuchung von der Indiana University Bloomington. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Männer, die bestimmten stereotypen männlichen Verhaltensweisen zu entsprechen versuchen, „häufiger unter psychischen Problemen leiden und sich seltener psychologische Hilfe suchen." Hierzu werteten sie die Ergebnisse aus 78 Studien mit insgesamt fast 20.000 Teilnehmern aus und untersuchten, welchen Einfluss die Einhaltung traditioneller maskuliner Verhaltensweisen auf die psychische Gesundheit von Männern hat und wie wahrscheinlich es ist, dass sie sich bei psychischen Problemen professionelle Hilfe suchen.

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Im Fokus der Forscher standen elf verschiedene Normen, die ihrer Einschätzung nach am besten widerspiegelten, was von der Gesellschaft als „typisch männlich" angesehen wird. Hierzu zählten unter anderem Merkmale und Verhaltensweisen wie die Abneigung gegen Homosexualität, das Primat der Arbeit, Autarkie, sexuelle Promiskuität, die Machtausübung über Frauen und eine hohe Risikobereitschaft. Die meisten Merkmale und Verhaltensweisen standen in irgendeinem Zusammenhang mit psychischen Problemen. Allerdings schienen drei von ihnen besonders deutlich mit negativen Folgen für die psychische Gesundheit in Verbindung gebracht werden zu können: sexuelle Promiskuität, Autarkie und die Machtausübung über Frauen.

Im Gespräch mit Broadly meint Joel Wong, der führende Autor der Studie, dass die Ergebnisse nicht unbedingt überraschend sind. „Es unterstützt und bestätigt die Untersuchungen der letzten 60 Jahre, bei denen immer wieder festgestellt wurde, dass Menschen, die dem klassischen Männlichkeitsbild entsprachen, häufiger unter psychischen Problemen litten." Dennoch erwiesen sich einige Ergebnisse der Studie als äußert interessant: Das Verhältnis zwischen psychischer Gesundheit und Männlichkeit variierte je nachdem, welches stereotype männliche Merkmal man betrachtet. Ein Beispiel, das in Wongs Augen hervorstach, war der Zusammenhang zwischen der psychischen Gesundheit der Teilnehmer und der Betonung des Primats der Arbeit (also, dass die Arbeit als besonders wichtig angesehen wird). „Dieses Merkmal stand in keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen Folgen für die psychische Gesundheit."

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Professor Andrea Davis, Vorsitzende des Fachbereichs für Geisteswissenschaften an der York University in Toronto ist der gleichen Meinung wie Wong und sagt auch, dass die Ergebnisse der Studie nicht weiter überraschend sind. Im Gespräch mit Broadly meint Davis: „Es zeigt, dass die Demonstration von Männlichkeit auch zur Folge hat, dass jedes Zeichen von ‚Schwäche' die Fassade, die man sich über die Zeit sorgfältig aufgebaut hat, zum Einsturz bringen kann." Doch nicht nur das: Die Studie deutet auch daraufhin, dass Sexismus und maskuline Stereotypen die Antwort auf verschiedene Formen von Stress sein könnten, unter denen viele Männer leiden. „Da von Männern erwartet wird, dass sie Zugang zu Macht haben, könnten Männer, die keinen Zugang zu solchen Machtmerkmalen besitzen oder noch nicht einmal den traditionellen Männlichkeitsmerkmale entsprechen, den vermeintlichen Mangel dadurch auszugleichen versuchen, dass sie Macht über Frauen ausüben." Davis ist der Meinung, dass dies auch zeigen könnte, dass mit unserem gesellschaftlichen Verständnis von Männlichkeit etwas nicht stimmt.

Könnte es nicht auch sein, dass Männer bestimmten stereotypen Männlichkeitsbildern folgen, weil sie daraus einen Vorteil ziehen können? Auf die Frage, ob Männer, die sexuell promiskuitiv sind, sich so verhalten, weil sie irgendwie davon profitieren, meint Wong, dass „die Ergebnisse der Studie die Vorteile eines solchen Verhaltens nicht unterstützen."

Das Bedenklichste an den Ergebnissen der Untersuchung ist allerdings nicht nur, dass Männer überhaupt nicht davon profitieren, wenn sie sich wie Arschlöcher benehmen. Es hindert sie oftmals auch daran, sich behandeln zu lassen, wenn sie unter psychischen Problemen leiden. Laut Davis und Wong gibt es viel, was die Gesellschaft tun kann, um diese vermeintlich typisch männlichen Verhaltensweisen abzubauen.

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„Ich glaube, dass es möglich ist, diese Normen infrage zu stellen und abzubauen", sagt Wong. „Zwei Dinge: Zum einen sind Menschen in der Lage, sich zu ändern, zum anderen verändern sich solche Normen auch mit der Zeit. Das sollte uns in der Geschlechterdiskussion Hoffnung machen." Wie lässt sich das Ganze umsetzen? Zunächst müssen Frauen und Männer anfangen, derartige Normen zu hinterfragen. Ein Beispiel, das ihm Hoffnung gemacht hat, war der Widerstand gegen Donald Trumps sexistische Kommentare während des US-Wahlkampfs. „Äußerungen, die von vielen Menschen als sexistisch empfunden wurden, stießen auf Widerstand—und zwar nicht nur aus der Bevölkerung. Auch aus den Reihen seiner Unterstützer äußerten sich viele Menschen kritisch über sein Verhalten."

Davis meint, dass wir zuerst erkennen müssen, dass Männlichkeit selbst nur ein Konstrukt ist. „Ich denke, dass sich Männer, die reflektiert sind und ihr Verhalten ändern wollen, auch dazu in der Lage sind, wenn sie sich dessen bewusst werden", sagt sie. Außerdem, sagt sie weiter, muss die weiter gefasste Diskussion über Geschlechterrollen, Sexualität und Männlichkeit in unser gesellschaftliches Bewusstsein vordringen: „Wir [als Gesellschaft] haben keine besonders gute Arbeit geleistet, wenn es darum geht, Sexismus und das normative Verständnis von Geschlechterbeziehungen infrage zu stellen."

Vor allem aber, glaubt Davis, dass ein intersektionaler Ansatz bei gesellschaftlichen Problemen weiterführende Diskussionen erleichtern könnte: „Wir müssen mehr über dieses Problem sprechen und uns im Klaren darüber sein, wie Geschlechterrollen mit Ethnien und Gesellschaftschichten zusammenhängen, um Platz zu schaffen, sodass wir all diese Fragen zu Ende denken können."


Foto: Victor ilunga | Pexels | CC0