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Was ich mir alles anhören musste, weil ich einen Gig von Kollegah und Farid Bang verhindert habe

Diejenigen, die uns vorwerfen, die Gewalt in Musik viel zu ernst zu nehmen, drohen uns mit Gewalt.

Als das Konzert von Farid Bang und Kollegah abgesagt wurde, sass ich gerade in einem defekten Zug irgendwo im Berner Nirgendwo fest. Ich starrte ungläubig auf die Push-Nachrichten von Blick und 20 Minuten. Klar, gefreut über die Absage habe ich mich – aber ich war vor allem ganz schön überrascht. Seit wann werden sexistische Konzerte überhaupt abgesagt?

Dass deutscher Battlerap sexistisch sein kann, ist keine Debatte wert. Ich könnte sämtliche Texte der beiden Rapper ausdrucken, an die Wand hängen, mit verbundenen Augen einen Dart schiessen und wohl trotzdem eine Zeile treffen, in der gerade eine Frau gewaltvoll zwangspenetriert oder sonstwie erniedrigt wird. Sexismus ist ja auch nicht einfach nur "Frauen sind doof" – schliesslich anerkennt Farid in seiner Rolle offiziell, dass sie Menschen sind –, sondern auch die Abwertung von allem, was nicht hypermännlich ist. Rapper werden schon seit Jahren gedisst, indem ihnen Sex mit Männern vorgeworfen wird. Deutscher Battlerap bedroht also nicht nur 51 Prozent der gesamten Weltbevölkerung, sondern auch alle Homos (laut Schätzungen übrigens auch etwa ein Zehntel aller Menschen).

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Ich bin Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz, ich bin also quasi von Beruf homosexuell. Patrick Portmann aber rief mich nicht etwa wegen meiner professionellen Funktion an, als er einen Monat vor Konzertdatum den Post von Farid Bang und Kollegah sah – sondern weil wir uns seit Jahren kennen, zwei linke Junge aus der sonst doch recht rechten Schweizer Kleinstadt Schaffhausen. Patrick ist nicht nur SP-Kantonsrat, sondern selbst Rapper. "Wir müssen irgendetwas dagegen unternehmen", fand Patrick am Telefon, und ich stimmte ihm vage zu. Gegen was, war uns klar. Wie, war uns unklar. Wir wollten das Konzert einfach nicht geschehen lassen in der Stadt, in der wir aufgewachsen sind. Ich holte zusätzlich Isabelle Lüthi ins Boot, weil sie sich als Teil der Gruppierung Frauenstammtisch für feministische Kultur in Schaffhausen einsetzt – und weil auch sie eine gute Freundin und Verbündete ist. Links sein in der Kleinstadt verbindet.


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Klar, das Timing war denkbar gut: Die Debatte um Farid und Kollegah läuft in den deutschsprachigen Medien schon seit Wochen rund, weil ein bisschen Antisemitismus entdeckt wurde. Versteht mich nicht falsch, Judenfeindlichkeit find ich arg beschissen; mein Nachname dürfte für sich sprechen. Die riesige Antisemitismus-Debatte aber – ist die eine Zeile bloss ein unangebrachter Vergleich oder blanke Beleidigung? – lässt es so wirken, als wär der Rest der Texte eigentlich voll easy.

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Schon seit Jahren ist die Diskografie mancher deutscher Rapper von Frauenfeindlichkeit und Schwulenhass getränkt, explizit und auch für Laien total offensichtlich. Alleine schon deshalb schrieb ich nun gemeinsam mit Patrick und Isabelle einen offenen Brief, für den wir Unterzeichnende einholten: Patrick und Isabelle aus Parteien und feministischen Kreisen, ich in den Organisationen der Homos. Den offenen Brief sendeten wir einerseits den Konzertorganisatoren und Hallenverantwortlichen, andererseits den lokalen Medien. Dann lancierte Isabelle mit dem Frauenstammtisch eine Online-Petition, die recht eifrig unterzeichnet wurde. Langsam begannen lokale Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, darüber zu berichten – dann bissen auch die grössten Schweizer Medien wie 20 Minuten an. Wie gesagt: Das Timing war denkbar gut. Hätte das Konzert vor dem Echo stattgefunden, hätten uns Fernsehen und Presse wohl nicht vor die Kamera und ans Telefon geholt. Das ist auch gut so. Manchmal muss Aufmerksamkeit gebündelt werden. Lieber zu spät kommen als gar nicht kommen.

Isabelle und ich erhielten Lob und Anerkennung dafür: Unsere linken, feministischen Freundinnen und Freunde fanden natürlich genial, was wir machten. Patrick hingegen traf es härter. Bei ihm meldeten sich Rapfans und Dudebros, die gar nicht gern sahen, dass ein Mann sich dafür einsetzte, dass andere nicht auf die Bühne dürfen. "Du bisch en spasst patrick fick dich is chnü und wend witer faxe machsch gitz ärger", lautet etwa einer der Kommentare, die Patrick erhielt und ihn bei unseren Telefonaten nach und nach immer leiser werden liessen. Die Drohungen machten ihm, verständlicherweise, Angst. Er wurde bezeichnet als schwanzlutschender Hurensohn, der zukünftig besser vorsichtig sein solle: "Wer eine grosse Fresse hat, wird tief in den Mund gefickt", heisst es in einer anderen Nachricht. Mit der Absage des Konzerts wurden die Nachrichten mehr.

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Langsam kriegte auch ich Kritik ab. Teils freiwillig, weil ich mir auf Facebook die Kommentare antat, in denen Leute auf die Absage reagierten. Die meisten fanden, es sei doch klar, dass Farid Bang und Kollegah nicht die Realität abbildeten und ihre Fans sehr wohl zwischen ihrer Kunst und dem echten Leben unterscheiden könnten.

Ein Tag nach der Absage klingelte mein Telefon. Ein mir unbekannter Mann begann ungefragt zu erklären, weswegen er die Absage für eine schlechte Idee hielt. Kollegah und Farid seien wie fiktive Figuren, die ihre eigenen Inhalte eigentlich gar nicht so meinten, was richtige Fans eben verstünden. Ich realisierte erst nach und nach, dass er einfach meine Telefonnummer ergoogelt und beschlossen hatte, mir das Ganze mal aus seiner Sicht zu erklären. In einem Monolog. Zehn Minuten am Stück. Dann beendete ich das Telefonat, was gar nicht so einfach war. Ganz schön ironisch: Da ruft mich ein Mann an, um zu erklären, dass Farid und Kollegah nicht sexistisch sind – aber lässt mich nicht ausreden, ignoriert mein Nein und hält seinen Monolog offenbar für sehr, sehr wichtig.

Ein zweites Mal klingelte mein Telefon vor wenigen Tagen. "Warum haben Sie das Konzert verhindert?", fragte ein anderer, ebenfalls unbekannter Mann. "Aus allen Gründen, die ich die vergangenen Tage ausführlich in den Medien geschildert habe", antwortete ich freundlich, aber bestimmt. "Die beiden wollt ihr nicht reinlassen, aber all die Scheissasylanten…", begann er zu schimpfen, worauf ich entgegnete, dass ich das Gespräch beenden möchte. Der Unbekannte holte kurz Luft. "Ich hoffe du stirbst an Krebs, du Dreckslesbe", sagte er, "fick dich ins Knie." Dann legte er auf.

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Habe ich einen solchen Anruf erwartet? Nein. Hat er mich verwundert? Überhaupt nicht. Unser Thema polarisiert, und in dem Moment, in dem man sich bedroht fühlt – etwa von einem Trio, das heiter Konzerte verbieten will –, fährt man die Krallen aus. Ausserdem bin ich mit genügend Aktivistinnen befreundet, um zu erahnen, welche Formen Hassrede so annehmen kann. Dass ich solche Reaktionen also hätte erwarten können, macht sie aber noch lange nicht legitim. Es ist das eine, die Konzertabsage auf Facebook in einem mittelmässigen Kommentar zu kritisieren. Es ist etwas komplett anderes, einer Person am Telefon Krebs zu wünschen und sie als Dreckslesbe zu beleidigen.

Hassrede fällt natürlich auf, weil sie laut und hässlich ist. Dabei erhielt unser Trio vor allem Lob und Bestärkung: Nachrichten auf allen möglichen Kanälen und ein beherztes Verbreiten der Petition.

Die negativen Reaktionen waren aber nicht umsonst. Sie boten uns eine Art perfide Bestätigung: Die, die uns nach der Absage des Konzerts beschimpften, waren nicht einfach enttäuschte Fans, die über die Grenzen von Kunst diskutieren möchten. Es waren Beleidigungen, die Schwanzlutschen und Pussys abwerteten. Die Gewalt androhten oder sehr direkt beinhalteten. Es braucht weder Linguistinnen noch Soziologen, um zu erkennen, dass die Fans von Farid Bang und Kollegah uns mit genau denjenigen Formen von Diskriminierung entgegenkommen, die wir ihren Idolen ankreiden: Sexismus und Homophobie. Diejenigen, die uns vorwerfen, die Gewalt in Musik viel zu ernst zu nehmen, drohen uns mit Gewalt.



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