Wohin sind die Trends der Jugendkultur verschwunden?
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Wohin sind die Trends der Jugendkultur verschwunden?

Wo sind die Emos, Goths und Krocha hin und müssen HipHopper sich schämen, wenn sie ab und zu eine Wanda-Platte auflegen?
30 März 2018, 10:21am

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man mit einem Blick auf den Pausenhof einer Schule erkennen konnte, wer von den umherschwirrenden Jugendlichen HipHop hört, wer abends am besten zu Metallica einschlafen kann und wer der Fraktion Ö3 zugehörig ist und sich einfach das letzte Nirvana-Shirt im H&M-Abverkauf unter den Nagel gerissen hat, ohne zu wissen, wer dieser Kurt eigentlich sein soll.

Mittlerweile schaut das aber anders aus und die Masse der Popkultur-Anhänger scheint sich immer ähnlicher zu werden und verkommt zu einem Einheitsbrei der Industrie. Das Internet hat dazu beigetragen, dass jeder neumodische SoundCloud-Rapper meint, er habe den neuesten Trend losgetreten und oftmals finden sich schnell ein paar Anhänger, die das Ganze untermauern. Um Strömungen, die tatsächlich individuellen Charakter aufweisen, geht es dabei nur noch selten. Wir haben uns mit Mag. Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung Wien unterhalten, um die verschwindende Szenezugehörigkeit unter Jugendlichen zu beleuchten.

Ab wann spricht man von Trends?

Foto: Mag. Philipp Ikrath

"Man muss zwischen Trends und Moden unterscheiden. In den Sozialwissenschaften bezeichnen wir als Trend eher längerfristige Entwicklungen. Also etwas, das sich mit leichten Signalen ankündigt, die sich dann immer weiter verstärken", beschreibt der Jugendforscher die grundsätzliche Definition von Trends. Längerfristig meint dabei eine Zeitspanne von zwei bis fünf Jahren. Mit der begrifflichen Trennung verhält es sich ähnlich wie mit den Trends: Sie verschwindet zusehends.

Das rührt daher, dass vor allem seit dem Internet unsere Zeit schnelllebiger und unvorhersehbarer geworden ist. Was heute noch der heißeste Shit ist, kann morgen schon niemanden mehr interessieren.

Das Internet als Verderben der Individualität

In Memoriam: Leute, denen man ihren Musikgeschmack auf drei Kilometer angesehen hat

Während es noch vor ein paar Jahren verpönt war, als HipHop-Fan auch nur Anzeichen zu machen, etwas anderes als generische 808-Beats zu feiern, ist es heute völlig normal, dass kaum jemand seinen Geschmack eindeutig beschreiben kann. Das könnte einerseits an der exzessiven Schubladisierung liegen, in die sich die Musikindustrie heutzutage zwängt, um unbedingt jedem Track auf einem Album eine neue Genrebezeichnung zu verleihen.

Jugendforscher Ikrath nennt als Grund dafür die ständige Verfügbarkeit aller musikalischen Strömungen: "Die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle. Dieses Phänomen hat meinen Beobachtungen nach dann begonnen, als diese ganzen Downloading-Plattformen aufgepoppt sind in der ersten Hälfte der 2000er."

Als die Leute angefangen haben, Gigabyte-weise Musik auf den Schulhöfen zu tauschen, sei also der individuelle Geschmack ein Stück weit gestorben.

"Wenn ich ein Hipster-Typ bin, werd ich alles, was aus dem Volkstümlichen kommt, wie ein Gabalier zum Beispiel, ablehnen. Wenn ich aber eher einen mainstreamingen, Ö3-geschulten Geschmack habe, wird mir das auf FM4 ein bisschen zu verkopft vorkommen."

Doch das muss nicht unbedingt schlecht sein. "Es gibt heute auch weniger Restriktionen als früher. Wenn man damals in einer bestimmten Szene war, durfte man gewisse Musik auch einfach nicht hören, weil es als peinlich gegolten hat", meint der Experte. Geschmacksverwirrung als Demonstration der eigenen Freiheit, quasi.

Geschmack als Mittel der Abgrenzung

Eine komplette Änderung in Bezug auf Trends und deren Wenden gab es allerdings nicht. Noch immer lassen sich Erkenntnisse aus den 70ern auf die 2010er-Jahre umlegen. Ikrath erwähnt dazu eine wegweisende Studie von Pierre Bourdieu, der festgestellt hat, dass Geschmäcker alles andere als individuell, sondern viel mehr von unserem sozialen Umfeld "erlernt" sind: "Das Einzige, was heute noch ist wie früher, ist, dass der Musikgeschmack nie etwas war, das man sich individuell ausgesucht hat. Das hat immer mit der sozialen Herkunft korreliert. Bourdieu hat damals ein gesellschaftliches Hierarchiemodell entwickelt. Dabei ist er draufgekommen, dass diese vermeintlich individuellen Geschmäcker stark mit der sozialen Lage korrelieren."

"Es ist viel eklektischer geworden und die Leute wollen sich weniger auf etwas festlegen, als das früher der Fall war."

Aus heutiger Sicht beschreibt er das so: “Wenn ich ein Hipster-Typ bin, werd ich alles, was aus dem Volkstümlichen kommt, wie ein Gabalier zum Beispiel, ablehnen. Wenn ich aber eher einen mainstreamingen, _Ö3_-geschulten Geschmack habe, wird mir das auf FM4 ein bisschen zu verkopft vorkommen."

Laut dem Jugendforscher zeichnet sich ab, dass junge Menschen sich einfach nicht mehr festlegen wollen: "Es ist viel eklektischer geworden und die Leute wollen sich weniger auf etwas festlegen, als das früher der Fall war.” Genau deshalb sei auch die häufigste Antwort auf die Frage nach dem Musikgeschmack von Jugendlichen ein simples 'Alles'".

Mit seinem vermeintlich einzigartigen Geschmack will man sich also von der Masse abheben, aber dennoch nicht zu stark festlegen. Durch sogenanntes "kulturelles Kapital" – also die Fähigkeit, hauptsächlich anspruchsvolle Kunstformen zu mögen und auf seine Weise richtig zu verstehen – möchte man sich über andere stellen und seinen Geschmack als den ultimativen durchsetzen. Die Sinnhaftigkeit dessen lässt sich in der Kunst als das Paradebeispiel der subjektiven Erfahrung nur in Frage stellen.

Was sind die Trends der Zukunft?

Mit Prognosen geht Ikrath sehr vorsichtig um. "Scharlatane" nennt er diejenigen, die von sich behaupten, Trends erkennen und vorhersagen zu können: "Gerade die letzten Jahre sind ein Zeitraum, über den es sehr schwer zu sprechen ist, weil die Zerfaserung besonders große Ausmaße angenommen hat. Aber ich würde sagen, der Trend zu dieser neuen Folk-Musik ist einer, der relativ vorhersehbar war. Das sind vor allem Künstler, die das eigene Innenleben thematisieren und weniger die Lage da draußen."

Aber die Abgrenzung zur Außenwelt und die Konzentration auf die eigene Gefühlswelt könnte durch die politischen Umbrüche, in denen wir uns derzeit befinden, schnell wieder ein Ende nehmen: "Vielleicht sind die momentanen politischen Ereignisse auch ein Auslöser dafür, dass die Popmusik wieder politischer wird – aber es ist momentan noch kaum ein Anzeichen dafür zu erkennen."

Auf die Frage, ob der Musikgeschmack in Zukunft wieder als identitätsbildende Eigenschaft hervortun wird, hat Ikrath keine klare Antwort – er hält es allerdings durchaus für möglich. Vielleicht wird aus "Gucci Gang" also doch bald wieder "Fuck Trump".

Sandro auf Twitter: @vorarlwiener

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