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Emos, Goths, Nu Metaler: Es gibt keine neuen Jugendkulturen mehr

Ein Experte für Jugendkulturforschung hat uns erklärt, wie sich Trends entwickeln und wo die Zukunft hingeht.

von Sandro Nicolussi
06 April 2018, 1:49pm

Foto: imago/Danita Delimont

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Wiener Redaktion.

Es war mal einfacher, mit nur einem Blick auf den Pausenhof zu erkennen, wer von den umherschwirrenden Jugendlichen welche Musik hört. Da gab es die Leute, die HipHop mochten, die Metaler, die Indie-Rocker und die "eigentlich alles"-Hörer, die sich einfach das letzte Nirvana-Shirt im H&M-Ausverkauf unter den Nagel gerissen hatten, ohne zu wissen, wer dieser Kurt eigentlich sein sollte.

Mittlerweile scheint sich die Masse der Popkultur-Anhänger immer ähnlicher zu werden und zu einem Einheitsbrei der Industrie zu verkommen. Das Internet hat dazu beigetragen, dass jeder weitere SoundCloud-Rapper meint, er habe den neuesten Trend losgetreten. Oftmals finden sich schnell ein paar Anhänger, die das Ganze untermauern. Um Strömungen, die tatsächlich individuellen Charakter aufweisen, geht es dabei nur noch selten. Wir haben uns mit Mag. Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung Wien unterhalten, um die verschwindende Szenezugehörigkeit unter Jugendlichen zu beleuchten.

Ab wann spricht man von Trends?

"Man muss zwischen Trends und Moden unterscheiden. In den Sozialwissenschaften bezeichnen wir als Trend eher längerfristige Entwicklungen. Also etwas, das sich mit leichten Signalen ankündigt, die sich dann immer weiter verstärken", beschreibt der Jugendforscher die grundsätzliche Definition von Trends. Längerfristig meint dabei eine Zeitspanne von zwei bis fünf Jahren. Mit der begrifflichen Trennung verhält es sich ähnlich wie mit den Trends: Sie verschwindet zusehends.

Das rührt daher, dass vor allem seit dem Internet unsere Zeit schnelllebiger und unvorhersehbarer geworden sei. Was heute noch der heiße Shit ist, könnte morgen schon niemanden mehr interessieren.

Das Internet als Verderben der Individualität


Während es noch vor ein paar Jahren verpönt war, als HipHop-Fan auch nur Anzeichen zu machen, etwas anderes als HipHop zu feiern, ist es heute völlig normal, dass kaum jemand seinen Geschmack eindeutig beschreiben kann. Jugendforscher Ikrath nennt als Grund dafür die ständige Verfügbarkeit aller musikalischen Strömungen: "Die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle. Dieses Phänomen hat meinen Beobachtungen nach dann begonnen, als diese ganzen Downloading-Plattformen in der ersten Hälfte der 2000er aufgepoppt sind."

Als die Leute angefangen haben, Gigabytes an Musik auf den Schulhöfen zu tauschen, sei also der individuelle Geschmack ein Stück weit gestorben. Doch das muss nicht unbedingt schlecht sein. "Es gibt heute auch weniger Restriktionen als früher. Wenn man damals in einer bestimmten Szene war, durfte man gewisse Musik auch einfach nicht hören, weil es als peinlich gegolten hat", meint der Experte.

Geschmack als Mittel der Abgrenzung

Eine komplette Änderung in Bezug auf Trends und deren Wenden gab es allerdings nicht. Noch immer lassen sich Erkenntnisse aus den 70ern auf die 2010er-Jahre umlegen. Ikrath erwähnt dazu eine wegweisende Studie von Pierre Bourdieu, der festgestellt hatte, dass sich Geschmäcker nicht selbstständig entwickeln, sondern vom sozialen Umfeld geprägt sind: "Musikgeschmack war nie etwas, das man sich individuell ausgesucht hat." Es hätte stattdessen immer mit der sozialen Herkunft zusammengehangen. Aus heutiger Sicht beschreibt er das so: "Wenn ich ein Hipster-Typ bin, werd ich alles, was aus dem Volkstümlichen kommt, wie ein Gabalier zum Beispiel, ablehnen."

"Es ist viel eklektischer geworden und die Leute wollen sich weniger auf etwas festlegen, als das früher der Fall war", beschreibt er eine Folge der Digitalisierung. Genau deshalb sei auch die häufigste Antwort auf die Frage nach dem Musikgeschmack von Jugendlichen ein simples "Alles".

Mit seinem vermeintlich einzigartigen Geschmack will man sich also von der Masse abheben, aber dennoch nicht zu stark festlegen. Man will zeigen, dass man hauptsächlich anspruchsvolle Musik mag, um sich über andere zu stellen und den eigenen Geschmack als den ultimativen durchzusetzen. Was eigentlich überhaupt keinen Sinn macht, ist Musikgeschmack doch sowieso komplett subjektiv.

Was sind die Trends der Zukunft?

Mit Prognosen geht Ikrath sehr vorsichtig um. Scharlatane nennt er diejenigen, die von sich behaupten, Trends erkennen und vorhersagen zu können: "Gerade die letzten Jahre sind ein Zeitraum, über den es sehr schwer zu sprechen ist, weil die Zerfaserung besonders große Ausmaße angenommen hat. Aber ich würde sagen, der Trend zu dieser neuen Folk-Musik ist einer, der relativ vorhersehbar war. Das sind vor allem Künstler, die das eigene Innenleben thematisieren und weniger die Lage da draußen."

Aber die Abgrenzung zur Außenwelt und die Konzentration auf die eigene Gefühlswelt könnte durch die politischen Umbrüche, in denen wir uns derzeit befinden, schnell wieder ein Ende nehmen: "Vielleicht sind die momentanen politischen Ereignisse auch ein Auslöser dafür, dass die Popmusik wieder politischer wird – aber es ist momentan noch kaum ein Anzeichen dafür zu erkennen."

Auf die Frage, ob der Musikgeschmack in Zukunft wieder identitätsstiftend sein kann, hat Ikrath keine klare Antwort – er hält es allerdings durchaus für möglich. Vielleicht wird aus "Gucci Gang" also doch bald wieder "Fuck Trump".

Sandro auf Twitter: @vorarlwiener

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