Der Zürcher Loco Escrito will der größte Latin-Künstler der Welt werden

Features mit Schweizern? Will er nicht. Für Loco Escrito zählt nur noch der Durchbruch in Südamerika. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

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21 Januar 2019, 3:29pm

Foto: Sony Music Switzerland

Loco Escrito hat schon Gold und Platin, doch er will mehr. Der Zürcher Latin-Star sprintet über alle Schweizer Berge bis nach Kolumbien, wo er im Februar seinen Durchbruch schaffen will. In der Schweiz war 2018 für den 28-Jährigen ein Erfolgsjahr: Sein Reggaeton-Sommerhit "Adiós" schaffte es auf den vierten Platz der Schweizer Charts, mit "Mi Culpa" setzte er noch einen Hit obendrauf. Doch dabei soll’s nicht bleiben.

Der Schweizer mit kolumbianischen Wurzeln, der eigentlich Nicolas Herzig heißt, wagt sich in Kolumbien in einen übersättigten Latin-Pop-Markt. Doch er ist von seinem Talent und der Arbeit seines Teams überzeugt. Wir wollten wissen, was er sich aus einem Monat Aufenthalt erhofft, warum ihm die Schweiz nicht genügt und wie er mit seiner Musik an die Spitze will.

Noisey: Was ist dein Traum?
Loco Escrito: Ich will der grösste Latin-Künstler der Welt werden. Das sage ich auch ohne Angst. Ich habe vor Kurzem einen Kommentar zu mir gelesen: "Er hatte seit fünf Jahren keinen Urlaub, irgendwann hat er ein Burnout." Das stimmt nicht, denn ich arbeite ja jeden Tag für etwas, was ich gerne mache. Im Februar fahre ich für einen Monat nach Kolumbien. Es war schon immer mein Hauptziel, nicht nur schweizweiten, sondern weltweiten Erfolg zu haben.

Wie willst du da herausstechen?
Genauso wie ich bin: mit meiner Geschichte und meiner Liebe zur Musik. Ich bin ein sehr überzeugter Künstler und habe das Glück, ein genauso überzeugtes Team hinter mir zu haben. Damit habe ich das Potenzial, zu den Größten zu gehören. In der Schweiz war es durch meinen Ehrgeiz einfacher soweit zu kommen – im Ausland ist die Konkurrenz aber viel stärker. Es wird ein steiniger Weg. Ich weiß, dass ich Gas geben muss, um mich durchzusetzen.

Du lebst schon von deiner Musik, richtig?
Ja, schon länger. Auch schon mit sehr wenig Geld. Aber der Schweizer Pass ist eine Lebensversicherung, darum sollte man als Schweizer eigentlich erst recht etwas wagen.


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Fängst du in Kolumbien bei Null an?
Nein, ich habe da schon eine Fanbase und ein Produzenten-Team, das schon bei früheren Projekten mitgewirkt hat. Rund die Hälfte aller Nachrichten von Fans kommen aus dem Ausland. Bevor ich "Sin Ti" aufgenommen habe, habe ich gemerkt, dass es da viel Potenzial gibt. Und dass mein Aussehen, das mich früher immer gestört hat, etwas auslöst. Es gibt noch keinen blauäugigen Reggaeton-Künstler.

Fühlst du dich mehr als Schweizer oder mehr als Kolumbianer?
Ich bin mit sechs Monaten aus Kolumbien in die Schweiz gekommen, aber ich habe mich schon immer dort mehr zu Hause gefühlt als hier. Hier steigst du in einen Zug und alle sehen frustriert aus, obwohl sie einen Job haben. Ich verstehe nicht, wie man hier so unglücklich sein kann. Aber ich will nicht verallgemeinern und versuche immer, den perfekten Mix zu finden: die Pünktlichkeit und Organisation eines Schweizers und die Leidenschaft eines Kolumbianers. Schlussendlich bin ich in beiden Ländern der Ausländer.

Findest du hier überhaupt Inspiration für deine Musik?
Für mich sind Menschen und Geschichten Inspiration, nicht unbedingt der Ort, an dem ich bin. Meine größte Inspiration war schon immer die Liebe. Was mich immer wieder schockiert, sind manchmal Rapper hier, die auf krass machen. Wenn du wirklich Scheiße erlebst, willst du das nicht auch noch in deinen Texten erwähnen.

Du warst selbst früher bei der HipHop-Crew LDDC. Worüber habt ihr damals denn gerappt?
Über gesellschaftskritische Themen, über Hoffnung und Dankbarkeit. Musik soll für mich Freude vermitteln und uns das Leben verschönern. Südamerikanische Musik ist super fröhlich. Die fröhlichste Musik kommt immer aus den ärmsten Ländern.

Zieht es dich deshalb zurück nach Kolumbien?
Wenn man Kinder hat, wie ich, ist die Schweiz das Paradies. Die Kriminalität und Korruption in Kolumbien schockieren mich sehr. Und die Schere zwischen Arm und Reich.

Wie nimmst du Arm und Reich in der Schweiz wahr?
Viele Schweizer regen sich darüber auf, dass Asylsuchende mit einem iPhone rumlaufen. Das gegenseitige Verständnis fehlt. Wie soll sich denn jemand verhalten, der früher 18 Stunden arbeiten musste, um zu überleben und nun in ein Land kommt, in dem er nicht arbeiten darf? Ich appelliere immer daran, dass man seinen Verstand mehr benutzen sollte. Ich bin ein gläubiger Mensch und die größten Werkzeuge von Gott sind nicht die Bibel oder der Koran, sondern Herz, Verstand und Seele.

Viele kritisieren das Latin-Genre, weil sie finden, alle Songs klingen gleich. Wie reagierst du auf solche Aussagen?
Diese Leute spüren die Musik nicht. Es geht um Emotionen. Alle in meinem Team dürfen Inputs bringen, aber ich entscheide. Ich muss derjenige sein, der am meisten davon überzeugt ist, wenn ich andere überzeugen will.

Wie hast du dein Team kennengelernt?
Meine Manager, Fabio und Nick, kenne ich, seit ich 14 bin. An der Handelsmittelschule wollte ich, offen gesagt, jemandem das Portemonnaie stehlen. Der Typ hat’s gemerkt. Ich tat so, als hätte ich geglaubt, das sei mein eigener Rucksack. Und er glaubte mir. So kamen wir ins Gespräch. Zu der Zeit war er der DJ einer Gruppe, in der Fabio und Nick rappten. Als die zwei meine Musik hörten, hängten sie ihre Karriere an den Nagel, weil sie lieber mich unterstützen wollten.

Krasse Freunde.
Voll! Der Spruch "Vergiss deine Wurzeln nicht" hat nicht unbedingt mit der Nationalität zu tun, sondern mit den Leuten, die immer zu dir stehen.

Du bist für die Swiss Music Awards nominiert, wie auch Lo & Leduc und Bligg. Interessierst du dich überhaupt für sie?
Klar! "079" ist ein riesiger Segen, auch wenn der Song oft kritisiert wird. Lo & Leduc haben den Markt extrem vergrößert. Ich sehe das als riesige Motivation.

Gibt es Leute in der Schweiz, mit denen du gerne einen Song machen würdest?
Nicht unbedingt. Es würde mir nicht viel bringen, auch wenn ich jeden Künstler in der Schweiz bewundere. Klar könnte ich mit einem Schweizer Artist noch einen Song machen und noch den letzten "Bünzli Schwiizer" abholen. Mein Ziel ist der weltweite Erfolg.

Es ist bemerkenswert, dass du in der Schweiz mit einer Sprache erfolgreich bist, die die Mehrheit nicht versteht.
Das ist nicht mal so ein großes Problem. Es geht um die Gefühle, die man mit der Musik vermittelt. Das Problem der Schweizer ist eher, dass sie diese Gefühle nicht verstehen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man hier nicht so gefühlsbetont aufwächst wie in Kolumbien. Das möchte ich den Schweizern näherbringen.

Was für ein Publikum sprichst du an?
Das überlege ich mir gar nicht. Klar sind die meisten Frauen. Bei Reggaeton gehen Frauen einfach lieber auf Konzerte. Doch generell hat ein Latino viel weniger Probleme damit, zu sagen, dass er etwas geil findet, was ein anderer Mann macht. Die Eifersucht untereinander gibt es bei uns schon auch, aber in Kolumbien ist man offener.

Und was gibst du deinem Publikum weiter?
Ich sage einfach das, was ich spüre. Darauf kriege ich viele gute Reaktionen. Ich widme jeden Tag eineinhalb Stunden meinen Fans, schließlich haben sie geholfen, mich großs zu machen. Jemand hat mir geschrieben, dass er wegen "Adiós" keinen Suizid begangen hat. Ich freue mich, dass ich mehr als nur Musik weitergeben kann.

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