Kristina Hänel zeigt sich auf einer Demonstration gegen §219a am Samstag in Gießen. Der Kleiderbügel ist ein Symbol dafür, wie gefährlich Frauen ohne ärztliche Aufklärung Abbrüche vornehmen || Foto: epd | imago

Nach Abtreibungs-Kompromiss: Ein Gespräch mit der Ärztin, mit der alles begann

"Alle schauen mit Kopfschütteln auf Deutschland", sagt Kristina Hänel. Sie glaubt nicht, dass die Debatte vorbei ist – im Gegenteil.

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29 Januar 2019, 3:48pm

Kristina Hänel zeigt sich auf einer Demonstration gegen §219a am Samstag in Gießen. Der Kleiderbügel ist ein Symbol dafür, wie gefährlich Frauen ohne ärztliche Aufklärung Abbrüche vornehmen || Foto: epd | imago

Ärzte und Ärztinnen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, bekommen viel Gegenwind. Der Papst nannte sie öffentlich Auftragsmörder, andere bezeichnen die Abbrüche als "Babycaust" und vergleichen das Töten von Ungeborenen mit dem Holocaust. Die Gegner wollen keine Kompromisse und wünschen sich ein Verbot von Abtreibungen.

Aber auch die Pro-Choice-Befürworter stehen für "Keine Kompromisse". Unter diesem Motto sind am Wochenende in Hessen und anderswo Hunderte Frauen auf die Straße gegangen und haben für eine Streichung des Paragrafen 219a protestiert. Der sieht vor, dass Ärzte und Ärztinnen nicht für Schwangerschaftsabbrüche "werben" dürfen. Und dazu zählt bislang auch, dass das Wort "Schwangerschaftsabbruch" nicht als Leistung auf der Website vermerkt werden darf.

Für beide Seiten soll nun aber doch ein Kompromiss kommen, auf den hat sich die Große Koalition geeinigt, wie am Montagabend bekannt wurde. Durch einen Zusatz des Paragrafen sollen Ärzte in Zukunft angeben können, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Weitere Informationen sollen dann auf neutralen Websites stehen, die verlinkt werden dürfen. Es soll eine zentrale Liste geben, die monatlich aktualisiert wird, mit allen Ärztinnen und Ärzten, die Abbrüche vornehmen. Zusätzlich soll die Pille für Frauen zwei Jahre länger, bis zu ihrem 22. Lebensjahr, bezahlt werden, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden.

Kristina Hänel ist Allgemeinmedizinerin aus Gießen. Sie hatte auf ihrer Website vermerkt, dass sie Abtreibungen anbietet und wurde dafür im Oktober 2018 zu einer Geldstrafe verurteilt. Ihr Fall hat die Debatte maßgeblich geprägt, die die Regierung nun abschließen will. Wir haben ein paar Fragen und erreichen die Fachärztin für Allgemeinmedizin per Telefon.

VICE: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie vom Kompromiss zur Lockerung des §219a gehört haben?
Hänel: Es ist ein Anfang. Ich bin glücklich über diesen ersten Schritt und darüber, dass sich die Politik weiter konkret damit befasst. Ich freue mich auch über die geplanten Listen der Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, das ist längst überfällig und wurde von uns schon lange gefordert.


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Also ist dieser Vorschlag ein Erfolg?
Das ist definitiv weder der große Erfolg noch das Ende der Debatte. Der Vorschlag bedeutet ja nur, dass Ärzte und Ärztinnen endlich den Fakt angeben dürfen, dass sie überhaupt Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Viel wichtiger sind tiefere ärztliche Informationen, zum Beispiel mit welcher Methode der Arzt den Abbruch vornimmt, was das kostet und was die Frau erwartet. Ich begrüße es, dass dann auf neutrale Websites verlinkt wird, die weitere Infos bereithalten, aber das reicht noch nicht. Frauen sind, solange es den Paragrafen 219a gibt, immer noch derart entmündigt und in ihrer sexuellen Selbstbestimmung gedemütigt.

Das heißt Frauen werden in Zukunft bei einem Schwangerschaftskonflikt nicht angstfreier zu einem Pro-Choice-Arzt gehen?
Nein. Durch Formulierungen im Kompromissvorschlag, wie "grob anstößige Werbung für Schwangerschaftsabbrüche", wird immer noch Misstrauen gegen uns Ärzte gesät. Die Politik impliziert, dass Abtreibungen verwerflich sind. Es gibt in keinem anderen Land einen solchen Paragrafen oder die Unterstellung, dass Informationen von Ärzten zu Abtreibungen in irgendeiner Form "werblich" seien. Alle schauen mit Kopfschütteln auf Deutschland, dass uns hier die nötige Aufklärung fehlt, um Frauen eine sichere Basis zu geben.

Damit Frauen angstfreier werden können, müssen unsere Gesetze liberaler werden, die Aufklärung enttabuisiert und Frauen sollten konkret an Informationen bei ihrem Pro-Choice-Arzt kommen. Ich habe viele Patientinnen, die bei so einem Eingriff wissen möchten, wer ich als Ärztin bin. Da reichen keine allgemeinen Infos auf einer neutralen Website, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und dafür zu sorgen, dass sich Patientinnen bei so einem intimen Eingriff wohler fühlen.

Das bedeutet, die Formulierungen sollten weniger wertend sein?
Genau das. Wir brauchen nicht nur liberale Gesetze, sondern auch liberale Worte, um es allen Frauen leichter zu machen, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen. Die Politik sollte die Diskussion versachlichen und nicht unnötig emotionalisieren. Ich bin schon froh, dass eine Formulierung aus der Diskussion im Dezember in diesem Vorschlag nicht mehr vermerkt ist. Dort stand, dass die "seelischen Belastungen" nach einer Abtreibung für Frauen mehr erforscht werden sollten. Dabei ist immer noch die größte Belastung, wie sehr wir den Frauen ihre Entscheidung erschweren.

In einer aktuellen Lancet-Studie der WHO von September 2017 wird aufgezeigt, dass die geringsten Abbruchzahlen in den Ländern sind, die liberale Gesetze haben und einen medizinisch sicheren Zugang zu Abbrüchen gewähren. Würden wir unser obsoletes System in Deutschland ändern, bin ich mir sicher, dass auch die Zahl der Abbrüche sinken würden. Und dafür muss Paragraf 219a komplett weg.

Für Pro-Choice-Ärzte wird es auch nicht leichter, nur weil sie jetzt "Schwangerschaftsabbruch" auf ihre Website schreiben dürfen. Denn der Kompromiss bedeutet quasi: wenn man nur ein Wort zu viel schreibt, landet man im schlimmsten Fall im Gefängnis. Das macht auch vielen Kollegen und Kolleginnen Angst.

Wie finden Sie den zusätzlichen Vorschlag, dass die Kosten für die Pille zwei Jahre länger übernommen werden? Verhindert das wirklich mehr ungewollte Schwangerschaften?
Nein, das ist nur ein Zusatz, der sich mit diesem Kompromissvorschlag als Bonus gut verkaufen lässt. Für ungewollte Schwangerschaften spielt es keine Rolle, ob eine Frau die Pille nun zwei Jahre länger bezahlt bekommt oder nicht. Außerdem ist die Pille nur ein Verhütungsmittel von vielen. Alle Verhütungsmittel sollten allgemein Kassenleistungen werden, das wäre ein Fortschritt.

"Ich bereue nichts. Denn ich weiß genau, für wen ich das hier alles mache." – Kristina Hänel, Ärztin

Frauen sind am fruchtbarsten zwischen 25 und 35 Jahren und in dieser Altersspanne werden auch die meisten Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Und nicht nur, weil eine Frau nicht richtig verhütet hat. Das Timing für diesen zusätzlich Vorschlag halte ich für ungünstig, da er nicht zur Sache beiträgt.

Durch ihre Verurteilung haben Sie die Debatte maßgeblich mit beeinflusst. Sie mussten den Preis für etwas bezahlen, das mit dem Kompromiss jetzt erlaubt wäre. Bereuen Sie irgendetwas?
Ich bereue nichts. Denn ich weiß genau, für wen ich das hier alles mache. Ich erlebe beinahe täglich Frauen, die Angst haben. Die nicht wissen, an wen sie sich bei einem Schwangerschaftskonflikt wenden sollen. Frauen, die nicht nur abtreiben möchten, weil eine Verhütung nicht geklappt hat, sondern auch aus anderen, ganz persönlichen Gründen. Zum Beispiel einer finanziellen Notlage. Diese Frauen fühlen sich alleingelassen bei der Beratung. Der individuelle innere Druck jeder dieser Frauen ist größer und schwerer zu tragen als das, was ich erlebt habe.

Deshalb werde ich mit meinem Urteil auch bis zum Verfassungsgericht ziehen. Frauenrechte sind Menschenrechte und dafür möchte ich weiter kämpfen. Und dazu gehört auch das Informationsrecht. Ich bin mir sehr sicher, dass der Paragraf auf kurz oder lang verschwindet.

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