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Cyber-Bullying: Was wir vom Tod des Pornostars August Ames lernen können

Die Darstellerin beging nach einem Shitstorm Suizid. Ein Podcast rollt den Fall nun auf und zeigt die Pornobranche in neuem Licht.

von Graham Isador
13 November 2019, 3:00pm

Foto von Facebook

August Ames starb im Dezember 2017 durch Suizid. Sie wurde 23 Jahre alt. Zwei Tage davor hatte die Kanadierin einen Tweet gepostet, für den sie heftig kritisiert worden war. Die Menschen aus ihrem engeren Umfeld machten entsprechend Internet-Bullying für den Tod der Darstellerin verantwortlich. Die Flut an hasserfüllten Kommentaren sei zu viel für junge Frau gewesen. Der öffentliche Pranger hätte sie psychisch an ihre Grenzen gebracht. Jetzt hat sich der britische Journalist Jon Ronson in seinem Podcast The Last Days of August intensiv mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt.

Ames, mit bürgerlichem Namen Mercedes Grabowski, wurde in Antigonish im kanadischen Bundesstaat Nova Scotia in eine Militärfamilie geboren. Sie hatte eine schwierige Kindheit. Die Scheidung ihrer Eltern lastete schwer auf der Familie. Ames sagte ihrem Vater, dass sie von einem Mann aus dem Familienumfeld wiederholt missbraucht worden sei. Der Vater beschuldigte sie zu lügen und Ames kam in ein Pflegeheim. Später wurde bei ihr eine manisch-depressive Störung festgestellt. Sie litt unter depressiven Episoden.

Mit 19 versuchte Ames, den Problemen ihrer Kindheit und der Kleinstadt zu entfliehen. Sie bewarb sich als Model in der Pornoindustrie. Wenige Wochen später wurde sie von einer Agentur nach Kalifornien geflogen und begann, als Pornodarstellerin zu arbeiten.

In den folgenden vier Jahren spielte August Ames in über 270 Pornos mit, drehte mit den größten Firmen und wurde für mehrere Preise nominiert, inklusive Beste Darstellerin des Jahres. Allein auf PornHub hatten ihre Clips über 460 Millionen Views.


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Im Winter 2017 nahm Ames' Karriere eine scharfe Wendung. Sie weigerte sich, mit einem Darsteller zu drehen, weil dieser davor in Schwulenpornos mitgespielt hatte. Und sie veröffentlichte dazu einen Post bei Twitter. Auf den Tweet folgte ein Shitstorm. User bezeichneten sie als homophob und engstirnig. In einem Tweet wurde ihr sogar nahegelegt, Zyanid zu schlucken. Als Ames ihren Post verteidigte – sie wolle mit niemandem schlafen müssen, mit dem sie nicht schlafen will –, erntete sie nur noch mehr Kritik.

Zwei Tage nach ihrem Post war Ames tot. Ihr letzter Tweet: "fuck y'all".

In seinem Bestseller In Shitgewittern: Wie wir uns das Leben zur Hölle machen untersucht Jon Ronson, wie sich Internet-Bullying auf das Leben von Menschen auswirken kann. Er beschreibt darin Fälle wie den von Justine Sacco. 2013 war Sacco zum internationalen Twitter-Trend geworden, nachdem sie einen rassistischen Witz gepostet hatte. Bis zu dem Vorfall hatte sie nur 170 Follower. Wegen des Posts verlor Sacco ihren Job. In Online-Netzwerken wurde sie mit Beschimpfungen bombardiert, User drohten ihr mit Gewalt und Vergewaltigungen.

Auch wenn Ronson keinen Zweifel daran ließ, wie verwerflich er Saccos Tweet fand, fragte er sich nach dem Fall: War konzentriertes Online-Shaming die angemessene Reaktion auf einen abscheulichen Post? Was macht es mit der Psyche eines Menschen, so am Pranger zu stehen?

Ursprünglich war Ronson davon ausgegangen, dass auch die Geschichte von August Ames ein weiteres Beispiel für die Folgen eines solchen Online-Prangers sei. Schnell wurde ihm allerdings klar, dass die Umstände in diesem Fall komplizierter waren.

Für The Last Days of August sprach Ronson auch mit Kevin Moore, dem Ehemann von Ames. Die Darstellerin hatte den 20 Jahre älteren Pornoproduzenten kurz nach ihrem Einstieg ins Geschäft geheiratet. Auch Moore betonte eindringlich, dass es die Anfeindungen bei Twitter gewesen seien, die Ames getötet hätten.

Aber zahlreiche Akteure der Porno-Industrie, mit denen Ronson gesprochen hatte, misstrauten Moore. Einige spekulierten sogar, dass er seine Frau umgebracht hat. Dazu hatte Ames sechs Wochen vor ihrem Tod eine Szene gefilmt, in der ihr Drehpartner besonders brutal mit ihr umgegangen war. Dieses Erlebnis habe dunkle Erinnerungen an ihre Vergangenheit hervorgebracht.

Aber The Last Days of August ist kein Murder-Mystery-Podcast wie etwa Serial. Wie Ronson in einem Gespräch mit VICE erklärt, wolle er damit die täglichen Probleme im Leben von Sexarbeiterinnen darstellen und Menschen porträtieren, die von der Allgemeinheit oft abgelehnt werden.

"Als ich The Butterfly Effect gemacht habe, den Podcast über den Einfluss kostenloser Streamingseiten auf die Pornoindustrie, habe ich eine Frau gefragt, ob sie die Namen der Darsteller aus den Filmen kennt, die sie sich anschaut. Sie sagte, dass sie die Namen nie lernen würde und verglich das mit dem Töten eines Rehs: Wenn du ein Reh tötest, gibst du ihm keinen Namen, weil du es sonst nicht mehr essen kannst", sagt Ronson. "Diesen Vergleich hatte ich im Hinterkopf, als ich über die Geschichte von August nachdachte. Warum kommen Menschen mit Pornostars nur klar, wenn sie auf einem Bildschirm sind? Und was macht das mit den Darstellenden selbst?"

In The Last Days of August betont Ronson, dass es im Pornogeschäft auch Menschen gibt, die ein gesundes Leben führen und die Spaß an ihrer Arbeit haben. Menschen, denen die Aufmerksamkeit und die gute Bezahlung gefallen. 2018 kam es in der Branche allerdings zu einer Reihe von tödlichen Überdosen und Suiziden – Indizien dafür, dass es in der Szene große Probleme mit Sucht und psychischen Krankheiten gibt. Die Stigmatisierung von Sexarbeit drängt die Darstellenden zusätzlich ins Abseits und erschwert die Suche nach medizinischen Fachleuten, die unvoreingenommen und offen sind. Viele Menschen schauen regelmäßig Pornos, aber über die Lebensumstände der Darstellenden wollen sie nicht nachdenken.

Ronson ist der Meinung, dass diese Scheinheiligkeit am Ende tödlich sein kann. "Menschen wollen nicht über ihre eigenen Gewohnheiten nachdenken. Schnell verurteilen sie die Profis der Pornobranche", sagt er. "Aber Pornos spielen gesellschaftlich eine große und wichtige Rolle. Die Tatsache, dass das vielen unangenehm ist, macht es umso wichtiger, Geschichten wie die von August Ames zu erzählen."

Auch The Last Days of August kann nicht beantworten, warum Ames Suizid beging. Über sieben Folgen zeigt der Podcast, wie schlecht die Darstellerin von ihren Kolleginnen, den Menschen in ihrem Umfeld und der Industrie als Ganzes behandelt wurde. Tragisch ist nicht nur ihr Tod, sondern wie sehr Ames versuchte, ihren zerstörerischen Lebensumständen zu entkommen und Menschen zu gefallen, die sie am Ende im Stich ließen. Vor dem Hintergrund einer extremen Biografie zeigt Ronson die allzu menschliche Geschichte einer Person, die versuchte, ein gutes Leben zu führen, und am Ende daran scheiterte. Gerade weil sich momentan so viele Podcasts auf spektakuläre Kriminalfälle konzentrieren, ist The Last Days of August etwas Neues, wenn auch extrem ernüchternd.

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Suizid denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe.

Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist: 143. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind weitere Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Schweiz aufgeführt.

Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist: 142. Auch hier gibt es einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden in Österreich bei Organisationen wie SUPRA Hilfe.

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