Ich bewerbe mich als Bürgermeister einer Kleinstadt

In Empfingen will niemand Bürgermeister werden. Die Kleinstadt sucht deshalb jetzt per YouTube nach einem Ortsvorsteher. Ein Bewerbungsschreiben.

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25 Juli 2017, 8:04am

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Bürgerinnen und Bürger,

bezugnehmend auf Ihre Ausschreibung vom 19. Juni 2017 auf der Videoplattform YouTube bewerbe ich mich hiermit als Bürgermeister der Gemeinde Empfingen im südlichen Baden-Württemberg.

Zugegeben, ich verfüge über keinerlei politische Erfahrung. Dafür bin ich jung (27), visionär und charismatisch. Ich bin der Prototyp des modernen Politikers. Halb so schlimm also, dass ich weder Ihre Gemeinde noch einen Ihrer knapp 4.000 Einwohner persönlich kenne. Ich verlasse mich darauf, wenn Sie in der Ausschreibung Empfingen eine "attraktive, lebenswerte Gemeinde an der A81" nennen.

Ich habe für Empfingen einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, der Sie umhauen wird.

Kleiner Vorgeschmack? Stadtmarketing im 21. Jahrhundert heißt: emotions, emotions, emotions. Übersetzt: Ihre bisherige Strategie ist Mist. "Mein produktives Empfingen" – da schläft man ja ein, bevor man zur dritten Silbe gekommen ist. Marketingexperten sprechen von "Umwerten durch Umworten". Auch wir Bürgermeister sind Verkäufer, unsere Ware ist die Lebensqualität unserer Bürger. Viel besser wären also: "Empfingen empfinden!", weil die Leute Reime mögen. "Empfingen empfangen!", um als Technologie-Standort für die Mobilfunkbranche interessant zu wirken – oder für alle, die Kinder zeugen wollen. Oder "Empfingen embracen", um hochqualifizierte Expats anzulocken.

Es ist doch so: Sie finden keinen Nachfolger für Bürgermeister Albert Schindler, der im Herbst nach dreißig Jahren sein Amt niederlegen wird. Ich kann Sie beruhigen. Denn erstens bin ich ja jetzt da und zweitens: Sie sind nicht allein. Auch in Gemeinden wie Granzow oder Leutershausen wollte niemand vor Ort Bürgermeister werden, deshalb suchten auch dort die Stadträte per öffentlicher Ausschreibung. Es ist ein gesamtdeutsches Problem, dass lokale Politik niemanden interessiert. Bei Kommunalwahlen wählt oft nicht einmal jeder Zweite. Und junge Menschen interessiert – wenn überhaupt – Europa. Aber doch nicht der Bau von Umgehungsstraßen in Süderbrarup oder Fürstenfeldbruck.

Unser Empfingen muss endlich aus diesem Dornröschen-Schlaf der Belanglosigkeit wachgeküsst werden. Und zwar von mir! Meine Antwort auf das langsame Sterben der Kleinstadt lautet: die Freude zurück in den Landkreis Freudenstadt bringen. Neben meinem offensichtlichen Talent für Premium-Wortspiele überzeugen Sie sicher folgende Visionen, die sich lose an Ihrem Zukunftspapier Empfingen 2025 orientieren:

  • Wir müssen aufhören, uns ständig mit der Kreisstadt Horb am Neckar zu vergleichen. Wir brauchen keinen Anschluss an die Metropolregion. Wir brauchen Rivalität, aus der wir Kapital schlagen können. Ich will T-Shirts mit "Proud to be a Empfinger" und "Alerta, alerta, Fuck Horb am Neckar!"
  • Ich werde das Naherholungsgebiet um den Stauweiher ausbauen und dafür aggressives Guerilla-Marketing betreiben: Es wäre denkbar, einen Anwalt zu beauftragen (habe einen in der Familie!), der Empfingen wegen irreführender Werbung im Fall "Bodenloser See" verklagt. Weil der in Wirklichkeit überhaupt nicht bodenlos ist, sondern neun Meter tief. Dieser Fall würde bei Gerichten sicher abgewiesen – die Aufmerksamkeit der ansässigen und überregionalen Medien ( BILD, Schwarzwälder Bote, VICE) aber wäre uns sicher.
  • Unsere SG Empfingen muss raus der Bezirksliga Nördlicher Schwarzwald und rein in die Champions League. Skrupel können andere haben, ich will die 50+1-Regel kippen. Als ersten Schritt verkaufen wir die Namensrechte an unserem Verein und rufen den "Empfinger Em-Eukal Pokal" aus. Denn wie sage ich immer? Auch ein frischer Atem kann eine Trophäe sein.
  • Ich werde Leerstand in Empfingen luxussanieren und Tübinger Studenten provisionsfrei zur Verfügung stellen. Und Horb am Neckar wird das bezahlen.
  • Die Tälesee-Halle soll das kulturelle Nervenzentrum des Großraums Karlsruhe werden. Mit der Beatparade verfügen wir bereits über eine hervorragende Veranstaltung in Empfingen. Doch statt uns auf Partytouristen zu verlassen, müssen wir die Bewohner einbinden, die Senioren. Stichwort: demografischer Wandel. Deshalb: Techno und Tradition kombinieren! Crossover ist das Stichwort, Synergie die Zauberformel. Freddy Quinn feat. Westbam, Chemsex trifft Tanztee.

Wenn Sie jetzt nicht überzeugt sind, lügen Sie! Im Sinne aller Bürgerinnen und Bürger von Empfingen hoffe ich, dass Sie diese Bewerbung überzeugt, sodass ich mich zur Wahl am 15. Oktober aufstellen lassen kann.

Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören.

Mit besten Grüßen
Niclas Seydack

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