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Tragödie

4.500 Meter Höhe und 80 km/h: Dieser Mann hat einen Absturz mit dem Fallschirm überlebt

"Als ich sah, dass beide Schirme geöffnet waren und nichts brachten, akzeptierte ich, gleich zu sterben."

von Patrick Heardman
28 Juli 2017, 1:19pm

Stell dir vor, du gehst Fallschirmspringen. Die Bedingungen sind perfekt und zusammen mit deinem Tandemlehrer befindest du dich im freien Fall. Dann öffnen sich weder der Fallschirm noch der Rettungsfallschirm. Ihr schlagt ungebremst auf den Boden auf. Du rechnest fest damit zu sterben. Alles andere wäre unlogisch.

Genau so ist es Brad Guy am 1. August 2013 ergangen. Wie durch ein Wunder überlebte er aber. Wir haben mit ihm über das Unglück und dessen Folgen gesprochen.


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VICE: Hey Brad. Anfangs lief dein Sprung ja noch wie geplant, richtig?
Brad Guy: Wir waren auf 4.500 Metern Höhe. Im Flugzeug wurde noch herumgealbert, mein Tandemlehrer Bill wollte zum Beispiel wissen, ob ich noch irgendwelche letzten Worte hätte. Ich meinte ganz trocken: "Hoffentlich geht mein Fallschirm auf." Ich habe das Ganze quasi heraufbeschworen. Ich denke auch heute noch oft darüber nach, ob ich selbst für alles verantwortlich bin.

Als wir uns der Tür näherten, klammerte ich mich an allem fest, was ich fassen konnte. Ich dachte nicht, das nicht machen zu können, sondern mehr: "Scheiße, das ist echt nicht leicht." Dann sind wir gesprungen. Die ersten sechs oder sieben Sekunden waren unglaublich. Meine Angst war komplett weg.

Wann sollte sich der erste Fallschirm öffnen?
Eigentlich nach diesen sechs oder sieben Sekunden. Mir war vorher erzählt worden, was passieren sollte, also wartete ich auf einen großen Ruck, aber der kam nicht. Da schrillten bei mir die ersten Alarmglocken. Bill hat hinter mir herumgefuchtelt. Ich glaube, er wollte alles lockern und den Fallschirm so öffnen. Ich hing einfach nur an ihm und flippte richtig aus. Alles lief falsch – und zwar rasend schnell.

Schließlich kam der zweite Fallschirm raus. Ich sah nur ein Gewirr aus zwei Fallschirmen, die beide nicht geöffnet waren und uns kein bisschen bremsten. Ich konnte das alles nicht verarbeiten. Gleichzeitig wies Bill mich schreiend an, meine Füße unten zu halten und meinen Körper zusammenzuziehen. Wir fingen nämlich an, uns unkontrolliert zu drehen.

Wie weit wart ihr da noch vom Boden entfernt?
Ich konnte immer mehr Dinge erkennen. Alles ging so schnell. Als ich sah, dass beide Fallschirme geöffnet waren und nichts brachten, akzeptierte ich, gleich zu sterben. In so einem Moment ist es aber auch schwer, die vielen Gedanken zu erfassen, die einem durch den Kopf schießen.

Komischerweise war ich relativ ruhig – so nach dem Motto "OK, das passiert jetzt. Ich werde erst die schlimmsten Schmerzen meines Lebens verspüren und dann tot sein." Ich fand mich damit ab. Ich erinnere mich noch an die immensen Schuldgefühle. Meine Familie war ja da und musste mir jetzt beim Sterben zusehen. Ich sah sie vor meinem geistigen Auge und es tat mir unglaublich leid.

"Anfangs war ich nur außer Atem, aber dann schossen plötzlich diese stechenden Schmerzen durch meinen ganzen Körper."

Wie lief der Aufprall ab?
Im Grunde waren es mehrere Aufpralle, weil wir in das abschüssige Ufer einer Sees auf einem Golfplatz krachten. Wir lagen also am Rand dieses Sees, teilweise sogar im Wasser. Ich öffnete meine Augen, sah den Himmel und berührte den Boden. Ich stand in diesem Moment so unter Schock, dass ich nur nach Luft schnappte, als ich eigentlich schreien wollte. Im Grunde war ich auf meinem Tandemlehrer gelandet, aber ich fing den Aufprall mehr mit meinem Rücken und er mehr mit seinen Beinen ab.

Wie groß waren die Schmerzen in diesem Moment?
Anfangs war ich nur außer Atem, aber dann schossen plötzlich diese stechenden Schmerzen durch meinen ganzen Körper. Die Schmerzen waren so stark, dass ich nichts anderes mehr spürte. Ich dachte, meine Wirbelsäule brennt. Ich kann das nicht mal richtig beschreiben. Das waren wohl die schlimmsten Schmerzen überhaupt. Ich meine, ich bin aus 4.500 Metern Höhe mit 80 km/h auf die Erde gekracht.

Ich konnte meinen Körper weder spüren noch richtig bewegen. Ich blickte zu Bill rüber und sah, dass er bewusstlos war. Mit letzter Kraft drückte ich seine Hand, damit er wieder zu sich kam. Ich sagte: "Bitte wach auf, Bill. Du musst jetzt durchhalten. Es tut mir so leid." Ich fühlte mich für alles verantwortlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er wirklich wieder zu sich. Bis dahin dachte ich, auf einer Leiche zu liegen.

Was geschah dann?
Er fing an zu schreien, weil er ebenfalls schlimme Schmerzen hatte. Seine Beine und sein Becken waren gebrochen und ich konnte wegen der Gurte nicht von ihm runter. Also schrien wir beide, bis drei Golfer ankamen, uns voneinander lösten und uns aus dem Wasser zogen. Einer von ihnen meinte: "Alles wird gut, ihr schafft das." Bill schrie aber immer noch. Sie versuchten, meinen Rücken und mein Genick zu stabilisieren, und redeten mir weiter gut zu.

Dann kamen die Notärzte. Bill wurde in einem Helikopter weggebracht, während ich in einem Krankenwagen landete. In diesem Moment kam meine Familie dazu und alle erzählten mir, wie sehr sie mich liebten. Ich entschuldigte mich immer wieder, weil ich mich so schuldig fühlte. Derweilen strömte das Morphium durch meinen Körper, meine Klamotten wurden weggeschnitten und ich heulte. Das war ganz schön viel auf einmal.

Ihr hattet Glück, dass euch die Fallschirme trotzdem etwas gebremst haben und ihr im genau richtigen Winkel auf dem Boden aufgeschlagen seid.
Ja, stimmt. So nah am See war der Boden etwas weicher. Da kamen echt viele Faktoren auf wundersame Weise zusammen – wie und wo wir gelandet sind, das Wetter, wie wir zusammengegurtet waren und so weiter. Manche Dinge kann man einfach nicht erklären.

Wie lief es dann im Krankenhaus ab?
Die erste Nacht war der absolute Horror. Ich konnte nicht schlafen, weil mein Gehirn nicht abschalten wollte. Ich war immer noch total hysterisch. Jedes Mal, wenn ich die Augen zumachte, kam es mir so vor, als würde ich fallen. Erst am Tag darauf konnte ich wieder klarer denken und spürte auch meine Extremitäten wieder. Die Ärzte sagten mir, dass mein Rückgrat zwar gebrochen war, ich aber wieder gesund werde. Ich selbst ging davon aus, nie wieder ordentlich laufen zu können.

"Meine posttraumatische Belastungsstörung zeigte ihre hässliche Fratze."

Warst du erstaunt, überhaupt noch zu leben?
Ich war absolut nicht erstaunt. Von positiven Gedanken keine Spur. Trostlosigkeit und Qual, Ich hatte nur einen Gedanken: "Scheiße, mein Körper und mein Verstand sind im Arsch – und das für den Rest meines Lebens." Die typischen Anzeichen von Depressionen setzten bald ein.

Und daran hat sich auch in den darauffolgenden Monaten nichts geändert?
Ich schloss mich im Grunde vier Monate lang in meinem Zimmer ein und sprach mit niemandem. Ich hatte Depressionen. Ich aß nichts, duschte mich nicht und brüllte meine Eltern an, weil ich mir wie ein Monster vorkam. Meine posttraumatische Belastungsstörung zeigte ihre hässliche Fratze. Ich litt unter Albträumen und Flashbacks. Ich wachte immer schreiend auf und rastete vollkommen aus. Meine Mutter musste mich richtig niederdrücken und beruhigen. Irgendwann wurde aber alles besser. Wenn ich offen mit der Sache umgehe, zeige ich, wie wichtig es ist, sich in einer solchen Situation Hilfe zu suchen.

Wann warst du wieder gesund?
Es hat letztendlich vier Monate gedauert. Ich bin heute noch in Physio- und Psychotherapie. Ich kann wieder laufen und mein Körper funktioniert – wenn auch nur eingeschränkt. Wie früher Sport zu machen, ist zum Beispiel nicht drin. Ich kann nicht ins Fitnessstudio gehen und nicht Fahrrad fahren. Jeden Tag habe ich Rücken- und Genickschmerzen. Bei der Arbeit brauche ich einen speziellen Stuhl. All das sieht man mir jedoch nicht an. Die Genesung hat mich viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet. Mit noch mehr Physiotherapie kann ich hoffentlich bald wieder mein altes Leben leben.

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