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"Wir können gealterte Zellen jünger machen" - Forschern gelingt Erfolg gegen menschliches Altern

Eine neue Studie macht Hoffnung für den Kampf gegen altersbedingte Krankheiten. Doch nicht alle Wissenschaftler teilen die Euphorie um das Telomerase-Enzym.

von Kate Lunau
02 August 2017, 5:00am

Bild links: Umberto Salvignin | flickr | Lizenz: CC BY 2.0 | Bild rechts: Shutterstock | Collage: Rachel Pick 

Die einzige Gewissheit im Leben ist, dass wir irgendwann alle sterben werden. Gegen dieses ernüchternde Naturgesetz kämpft der Mensch schon lange an. Wir versuchen, das Altern aufzuhalten oder gar ewig zu leben. Diesem Ziel eines längeren Lebens sind wir möglicherweise gerade ein entscheidendes Stück näher gekommen: Forscher vermelden, dass es ihnen gelungen ist, den Alterungsprozess in menschlichen Zellen umzukehren.

"Wir können gealterte Zellen jünger machen", erklärte der Kardiologe Dr. John Cooke, der Hauptautor einer neuen Studie, die am Montag im Journal of the American College of Cardiology erschien.

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Cookes hatte mit seinem Team die Zellen von Kindern mit Progerie-Syndrom untersucht, einer seltenen genetischen Erkrankung, die die betroffenen Kinder rapide altern lässt. "Diese Kinder verlieren ihre Haare und leiden unter Osteoporose. Sie sehen ausgelaugt und älter aus", erklärte Cooke gegenüber Motherboard. Die Lebenserwartung der erkrankten Kinder liegt bei etwa 14 Jahren – dann sterben sie für gewöhnlich an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Daher ist für diese Patientengruppe eine lebensverlängernde Behandlung enorm wichtig.

Die These: Längere Telomere gleich längeres Leben

Cooke und sein Team entnahmen den erkrankten Kinder und Jugendlichen Zellen und untersuchten diese vor allem auf die sogenannten Telomere. Bei Telomeren handelt es sich um die Endstücke von Chromosomen. Forscher haben beobachtet, dass die Länge dieser Telomere mit zunehmendem Alter abnimmt, und bringen sie daher mit dem Alterungsprozess in Verbindung.

An der Studie nahmen 17 Patienten im Alter von 1 bis 14 Jahren teil. Zwölf von ihnen hatten laut der Forscher verkürzte Telomere, die man normalerweise in den Zellen eines gesunden 69-Jährigen erwarten würde. Die These der Wissenschaftler: Gelänge es ihnen, die Telomere zu verlängern, könnten sie die Zellfunktion verbessern und möglicherweise auch die Effekte der Progerie umkehren und das überschnelle Altern stoppen.

Bei der Behandlung der Zellen im Reagenzglas wandten die Forscher eine sogenannte RNA-Therapie an, um die Lebensdauer und Funktion der Zellen im Versuch zu verbessern. Dabei werden Ribonukleinsäure (RNA)-Stränge, die für die Informationsübertragung in Zellen verantwortlich sind, direkt in die Zellproben geleitet. Die Zellen der Progerie-Patienten sollten so zur Produktion von Telomerase anregen, ein Enzym, das Telomere verlängert. Vor der Behandlung "vermehrten sich die Zellen nur schlecht und starben dann", erklärte Cooke. Durch die RNA-Behandlung "vermehrten sich die Zellen normal. Es war eine drastische Verbesserung."

Auch Alterungsanzeichen, wie zum Beispiel die vermehrte Abgabe von entzündlichen Proteinen, konnten bei den Zellen so reduziert werden. Cooke erklärte gegenüber Motherboard, dass die Forschungsergebnisse auch wichtige Hinweise auf den Alterungsprozess in gesunden Zellen liefern können.

Natürlich verhalten sich Zellen in einem Reagenzglas anders als im menschlichen Körper. Doch Cooke glaubt, dass die Forschungsergebnisse für den weiteren Kampf gegen altersbedingte Krankheiten eine wichtige Grundlage bilden. "Wenn wir die Telomere verlängern, können wir damit einige Probleme umkehren, die mit dem Altern in Verbindung stehen", erklärt er in einem Video zur Studie.

Video: Houston Methodist/Vimeo

Liegt der Schlüssel zum ewigen Leben im Telomerase-Enzym?

Cookes Studie tritt in die Fußstapfen anderer Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenspiel von Telomeren und dem Alterungsprozess und den möglicherweise verjüngenden Eigenschaften der Telomerase beschäftigten. 2010 beschrieb ein viel beachtetes Paper im Fachmagazin Nature, dass Mäuse, denen ein Telomerase-Mangel angezüchtet wurde, vorzeitig alterten.

Führte man den Tieren anschließend das Telomerase-Enzym jedoch wieder zu, ließ sich der Alterungsprozess scheinbar umkehren, und sie wirkten wieder jung und munter. Schnell wurde auch die Anti-Aging-Industrie auf die Telomerase aufmerksam, und schon heute findet man in Online-Shops Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich die Telomerase-Produktion anregen sollen.

Der Krebsforscher Dr. Peter Lansdorp sieht diesen Trend jedoch kritisch. Für den Professor der Genetik von der University of British Columbia sind die Versprechen von Telomer-verlängernden Mitteln in erster Linie "Quacksalberei". Er meint, dass es in diesem Bereich nach wie vor noch viel zu erforschen gebe.


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Zwar schrumpfen die Telomere tendenziell, während wir altern, doch laut Lansdorp gibt es hier keinen eindeutigen Zusammenhang. "Es ist nicht schwer, einen 70-Jährigen zu finden, der längere Telomere als ein Teenager hat", erklärte er gegenüber Motherboard in einer E-Mail. Es gibt außerdem einen guten Grund dafür, dass Telomere während des Alterns zurückgehen: Lansdorp bezeichnet diesen Vorgang als "Mechanismus zur Tumor-Unterdrückung". Wenn die Telomere zu kurz werden, können sich Zellen nicht mehr teilen und sterben schließlich. Passiert das nicht, wäre das Risiko der Krebsbildung laut Lansdorp höher.

Auch Lansdorp glaubt, dass in Telomerase-aktivierenden Behandlungen viel Potenzial steckt – jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen. "Wenn es beispielsweise möglich wäre, die Telomer-Länge in blutbildenden Stammzellen zu beeinflussen, könnten diese Zellen möglicherweise für neue Therapieverfahren bei ausgewählten Patienten eingesetzt werden", meint er. Hingegen hält er es nach wie vor für "Science Fiction", beschädigte Organe wie Herzen oder Nieren allein aus den Zellen des Patienten zu regenerieren.

Cooke dagegen ist zumindest optimistisch, dass sich die Ergebnisse, die er und sein Team bei den Zellen im Labor erzielt haben, auch auf Patienten übertragen lässt – vor allem auf Kinder mit Progerie-Syndrom. Der Forscher meint, dass man möglicherweise Nanopartikel einsetzen könnte, um die Therapie direkt an den Zellen der Patienten durchzuführen. Er glaubt, dass es in den nächsten Jahrzehnten Therapien geben wird, die auf den Alterungsprozess abzielen, und somit auch altersbedingte Krankheiten behandelbar werden.

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