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Gefängnis

Ex-Häftlinge erzählen von ihren schlimmsten Zellenkumpanen

"Als ich in die Zelle einzog, sagte er: 'Ich habe hier ein Vorhängeschloss in der Socke. Damit kann ich dich sofort töten, wenn du schläfst.'"

von Nick Chester
04 Januar 2018, 6:00am

Foto: Iain Masterton/Alamy

Das Problem am Gefängnis ist nicht nur, dass man eingesperrt ist, sondern dass man dort mit einem ganzen Haufen anderer Menschen eingesperrt ist. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass ein paar dieser Menschen noch unberechenbarer sind als die, denen du draußen begegnest – Gefängnisse haben, schätzen Verhaltensneurobiologen, einen unangenehm hohen Anteil an Psychopathen. Wie deine Zeit da drin wird, hängt also auch davon ab, wie viel Glück du mit deinen Zellengenossen hast.

Entgegen des allgemeinen Klischees verbringen Gefängnisinsassen selten ihre gesamte Haftzeit mit dem gleichen Zellenkumpanen. In Großbritannien (wo diese Interviews geführt wurden) teilen sich Insassen im Laufe ihrer Haft die Zelle bei kurzen oder mittellangen Haftstrafen wegen Verlegungen oder Freilassungen mit bis zu 20 verschiedenen Menschen.

Aber wie ist es, sich ein winziges Zimmer mit Menschen teilen zu müssen, mit denen man eigentlich nicht zusammenleben will? Wir haben wir vier Ex-Häftlinge zu ihren schlimmsten Zellenkumpanen befragt.


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Jack nach seiner Freilassung | Alle folgenden Fotos: privat

Ich teilte meine Zelle mit einem Typen, der früher Soldat gewesen war und an posttraumatischen Belastungsstörungen litt. Weil gerade Herr der Ringe im Fernsehen gelaufen war, diskutierten wir eines Tages über Elben. Er fragte: "Wusstest du, dass J. R. R. Tolkien das gesamte Konzept der Elben erfunden hat?" Ich sagte, dass das nicht stimme, und der Autor sich nur die Elben von Herr der Ringe und die dazugehörige Sprache ausgedacht hätte. Die Antwort meines Zellenkumpanen: "Schließ sofort die verdammte Zellentür!" In anderen Worten: Er wollte sich prügeln. Ich war bereit, sagte "OK" und dann ging es rund. Noch als ich die Tür schloss, rannte er auf mich zu und packte mich am Hals. Dann würgte und schlug er mich eine Weile und rief dabei immer wieder, dass ich keine Ahnung hätte.

Vor unserer Tür hatte sich derweilen der gesamte Zellenblock versammelt und alle versuchten, durch den Schlitz einen Blick zu erhaschen. Mein Zellenkumpane prügelte mir die Scheiße aus dem Leib, bis er irgendwann nicht mehr konnte und von mir abließ. Ich trug eine Gehirnerschütterung und mehrere Wunden am Kopf und am Hals davon. Dennoch fühlte ich mich als Sieger, weil ich nicht klein beigegeben hatte und er sich nur noch mit Gewalt zu helfen wusste. Nachdem sich die Lage wieder beruhigt hatte, wollte mein Zellenkumpane auch nicht mehr über Elben reden.

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Mein schlimmster Mithäftling befand sich gar nicht in meiner Zelle, sondern in der nebenan. Er hasste den jungen Kerl, mit dem ich mir tatsächlich die Zelle teilte und der als Schwächling galt. Der Typ neben uns blieb die ganze Nacht wach, machte Lärm und bedrohte ihn. Dass er sich damit selbst zum Ziel machte – alle anderen Insassen waren davon angepisst –, schien ihm egal zu sein. Dem Arschloch war es auch egal, wenn er selbst morgens mit dunklen Augenringen aus der Zelle kroch, weil er nicht geschlafen hatte. Er wollte einfach nur meinen Zellenkumpanen quälen. Und der konnte dem Ganzen natürlich nicht entkommen, er musste es über sich ergehen lassen. Irgendwann wurde es ihm zu viel und er brachte sich um.

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Einer meiner Zellenkumpanen achtete nicht wirklich auf seine Hygiene und duschte nur selten. Ich sagte ihm immer wieder, dass so etwas noch viel widerlicher ist, wenn man auf engstem Raum zusammen eingesperrt ist. Im Gefängnis waschen sich viele Insassen nur selten und benutzen Deo als Ersatz für Wasser. Der Gestank wird dann von Tag zu Tag schlimmer.

Weil sein Verfahren noch lief, war mein Zellenkumpane nervös und ließ sich gehen. Schließlich sagte ich: "Hör mal, ich muss hier mit dir zusammenleben. Hättest du eine Einzelzelle, könntest du von mir aus machen, was du willst. Wir sind aber zu zweit. Reiß dich zusammen!" Irgendwann checkte er, was ich meinte, und fing an, sich regelmäßig zu waschen. Abgesehen davon verstanden wir uns eigentlich ganz gut.

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Mein schlimmster Zellenkumpane war ein berüchtigter Einbrecher und Folterer, der Drogendealer entführte und ihre Kniescheiben mit einem Hammer zertrümmerte. Er wollte mich nicht als Zellenkumpanen, weil ich neu im Gefängnis war und dementsprechend keine Ahnung von nichts hatte. Außerdem passten wir nicht wirklich zusammen: Seine Hobbys waren Crystal Meth, Heroin und illegale Gefängnis-Tattoos. Meine waren Lesen und Schreiben.

Als ich in die Zelle einzog, sagte er: "Ich habe hier ein Vorhängeschloss in einem Socken. Damit kann ich dich sofort töten, wenn du schläfst." Er hielt sich dann aber doch zurück, weil er kurz davor Ärger bekommen hatte und nicht noch mehr wollte. Er hatte einen Privatprozess gegen einen Sexualstraftäter abgehalten, der damit endete, dass mehrfach auf den Mann eingestochen wurde. Also beauftragte er ein 130 Kilo schweres Aryan-Brotherhood-Mitglied, mich anzugreifen, als ich auf dem Weg zu meinem Besuch war.

Als ich wieder zurück in meine Zelle kam, war mein Zellenkumpane voll auf Meth und zeigte mir das Schloss, mit dem er mir den Schädel einschlagen wollte. Letztendlich musste meine Mutter bei der britischen Botschaft anrufen, damit die Mitarbeiter dort meine Verlegung in ein anderes Gefängnis beantragten. Ich fürchtete wirklich um mein Leben. Zum Glück schafften sie es, ohne dass dabei rauskam, dass mein Zellenkumpane mich bedroht hatte, so dass ich nicht als Petze galt. Dennoch machte mich die ganze Situation richtig fertig. Man sollte es sich auf jeden Fall gut überlegen, bevor man das Gesetz bricht.

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