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Dieser Amoklauf-Simulator soll Lehrer auf den Ernstfall vorbereiten

"Niemand kann hier gewinnen."
9.1.18
Bild: CESI | Screenshot YouTube

"Das ist kein Spiel", sagt John Verrico, wenn man ihn nach der ungewöhnlichen Software fragt, die er vertritt. Zumindest auf den ersten Blick scheint der Sprecher des US-Ministeriums für Innere Sicherheit zu irren: Aus der Ego-Perspektive beobachten wir eine Gruppe verängstigt kreischender Schüler, wie sie chaotisch durch ein virtuelles Klassenzimmer stürmen. Das Spiel, sorry, die Simulation spielen wie aus der Sicht eines "Lehrers", während eine Bild-im-Bild-Funktion zeigt, dass ein bewaffneter Angreifer auf dem Weg zu uns ist.

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Der "Lehrer" muss nun schnell reagieren: Mit einem Tastendruck ruft er eine Auswahl von Anweisungen: Aus dem Fenster hüpfen? Unter die Tische hocken? Der Lehrer entscheidet sich für die erste Option: "Presst euch an die Wand!" – gerade rechtzeitig, um den Schüssen des Angreifers vom Gang zu entgehen. Haben wir die Runde damit gewonnen? Wenn es nach John Verrico geht, stellen wir damit die falsche Frage: "Das ist eine Lernsimulation, ein Serious Game. Niemand kann hier gewinnen."

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Die Software irgendwo zwischen Videospiel und Lernsimulation, um die es hier geht, heißt EDGE. Sie ist keine makabere Mod für Counter-Strike oder einen anderen Shooter, die markante Abkürzung steht für "Enhanced Dynamic Geo-Social Environment", eine Simulation, die eine ganz besondere Aufgabe verfolgt: Sie soll Lehrern beibringen, wie sie sich im Fall eines Amoklaufs richtig zu verhalten haben – ein Szenario, das in den Vereinigten Staaten alles andere als selten ist: Alleine in den letzten drei Jahren kam es zu insgesamt 81 Amokläufen an Schulen in den USA, neun davon alleine im Jahr 2017.

Wie auf diese Krise reagiert werden soll, darüber gibt es in der US-Politik und Gesellschaft keine Einigung: Während in Bundesstaaten wie Colorado ausgewählte Lehrer bewaffnet und im Umgang mit Schusswaffen geschult werden, um Amokläufer im Notfall selbst abwehren zu können, verlangen einige andere Politiker striktere Waffengesetze. EDGE soll eine andere mögliche Antwort auf die Krise sein.

"Je mehr du an diese Situation gewöhnt bist, desto größer sind deine Überlebenschancen."

Entwickelt wird die Software vom US-Heimatschutzminsterium in Kooperation mit der Firma Cole Engineering Services, Inc. (CESI), die auf die Programmierung von Militärsimulationen zur Ausbildung von Soldaten und Wachpersonal spezialisiert ist. Das Programm wurde bereits im Juni 2017 vorgestellt und ist seit Herbst 2017 auf Anfrage für alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst überall in den Vereinigten Staaten verfügbar. Während das erste spielbare Szenario den Amoklauf in einem großen Hotel simulierte, ist mittlerweile auch das zweite Szenario fertig gestellt: Ein Amoklauf an einer Schule. Dieser Angriff ist in mehreren Schwierigkeitsstufen spielbar und die Lehrkräfte müssen die einzelnen Herausforderungen erfolgreich gemeistert haben, bevor sie den Schwierigkeitsgrad weiter nach oben drehen dürfen.


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In einem Interview mit der US-Website Glixel erklärt John Verrico, Sprecher des Ministeriums für Innere Sicherheit, dass zu Trainingszwecken ein Polizist die Rolle des virtuellen Schützen übernimmt, weil die KI sich nicht so realistisch wie ein echter Amokläufer verhalten könne. Dabei betont er, dass eine Veröffentlichung der Software für die Öffentlichkeit auf keinen Fall geplant sei. Auch gegenüber Glixel betont Verrico, dass EDGE keinesfalls als Spiel wahrgenommen werden sollte, rühmt aber gleichzeitig die Technik der Software. Sie ist in der Unreal Engine entwickelt worden, die gleiche Engine, die auch bei Spielen wie BioShock oder Mortal Kombat zum Einsatz kommt.

Amoklaufsimulator: günstiger als echtes Training

EDGE als Lernsimulation ist in dieser Form bisher einzigartig und soll laut offizieller Pressemeldung des Ministeriums für Innere Sicherheit eine Schwäche bei den klassischen Fortbildungen ausgleichen. Dort heißt es: "Praktische Übungen machen zwar unmittelbarer mit der Situation vertraut, aber sind dabei oft sehr kostspielig, zeitaufwändig und werden nur unregelmäßig angeboten." Das virtuelle Training hingegen sei die ideale Alternative, weil kostensparend und theoretisch landesweit Lehrkräfte in verschiedenen Szenarien immer und immer wieder trainiert werden können.

Der Amokschütze wird nicht von der KI gesteuert, sondern von einem anderen Menschen, meist ein Polizist | Bild: CESI, Screenshot YouTube

Tamara Griffith, Mitarbeiterin des US-amerikanischen Army Research Laboratory, bestärkt im Interview mit Gizmodo den Nutzen und Sinn von EDGE: Kein Lehrer habe sich je freiwillig ausgesucht, Zeuge oder sogar Opfer eines Amoklaufs zu werden. Weil aber ausgerechnet Amokläufe immer mehr Teil des alltäglichen Lebens seien, müsse Lehrern das richtige Verhalten in einer solchen Situation beigebracht werden. Für Griffith läuft das auf eine einfache Erkenntnis hinaus: "Je mehr du an diese Situation gewöhnt bist, desto größer sind deine Überlebenschancen."

Ein deutscher EDGE-Simulator scheint aktuell unwahrscheinlich

In Deutschland fand nach dem Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002 ein Umdenken bei Schulen und Lehrern statt, als der Schüler Robert Steinhäuser im Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen tötete. Wie zuletzt die Augsburger Allgemeine anlässlich des Jahrestags der Tat berichtete, habe Erfurt "alles verändert", wie Gisela Tamm von der Schulleitung des örtlichen Gymnasiums beschreibt. Notfallpläne und Verhaltensroutinen wurden an allen deutschen Schulen formuliert und mit den Lehrkräften besprochen, regelmäßig und von den Lehranstalten lokal organisiert finden Auffrischungsübungen statt. Eine virtuelle Trainingssoftware wie EDGE gibt es hierzulande bisher nicht. Das mag neben den grundsätzlich strengeren Waffengesetzen zumindest in Teilen auch daran liegen, dass die deutsche Politik und Videospiele seit Jahren ein angespanntes Verhältnis pflegen, das sich nur allmählich lockert. Die großen, flächendeckenden Debatten um "Killerspiele" sind zwar passé, aber wohl noch nicht gänzlich aus den Köpfen der Politik verschwunden, woran uns zuletzt der damalige Bundesinnenminister De Maizière im Jahr 2016 mit seinen Äußerungen erinnerte als er Spiele für einen Amoklauf in München zum Teil verantwortlich machte. Zumindest aktuell scheint die Veröffentlichung eines "Amoklauf-Simulators" zur Lehrzwecken nicht denkbar – zumal bisher noch handfeste Ergebnisse fehlen, wie effektiv die Trainingssoftware aus Amerika tatsächlich ist.

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