Das Kebabistan-Festival will den Döner neu erfinden
Berlin

Das Kebabistan-Festival will den Döner neu erfinden

Der allmächtige Döner Kebab. Kann man ihn noch besser machen?
25.7.16

Ein Donnerstagabend in Berlin. Unter dem Glühbirnenschein versammeln sich Tausende Berliner in der Markthalle Neun in Kreuzberg. Mit Ellenbogentechnik schlage ich mir meinen Weg vorbei an einem Stand mit peruanischem Ceviche, einem indischen Imbiss mit frisch gebackenem Naan und einem ägyptischen Stand, der Kichererbsen, die nach Kreuzkümmel duften, an die hungrigen Massen verteilt. Die Street Food Thursdays gibt es seit 2013 und schnell wurden sie zum Zentrum der jungen Berliner Gastro-Szene und zum Ausgangspunkt einer ganzen Bewegung.

Kebabistan Adana Kebab

Adana Kebab. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Berlin Food Stories

Heute interessiert mich aber nicht das leckere Fleisch von Big Stuff Smoked BBQ oder die veganen Donuts von Brammibal's. Ich will wissen, was sich Großes im hinteren Teil der Halle zusammenbraut. Hier, in einem kleinen Büro, sitzt ein halbes Dutzend Leute mit Wein und ein paar Plastikbechern und bereitet alles für den Start von Kebabistan vor—eine Mischung aus Strassenfest und Fest für den unbesungenen Helden der Berliner Multikulti-Food-Welt: den allmächtigen Döner Kebab.

Als ich reinkomme, unterhält sich Cevat Akpolat gerade mit Cory Andreen, einem jungen Expat aus Washington D.C. über die verschiedenen Nuancen beim Ayran. Und beide haben durchaus was dazu zu sagen. Akpolat gehört seit über 20 Jahren das Adana Grill-Haus in Kreuzberg, eines der ersten seiner Art. Andreen will das erfrischende Getränk bei dem Event vom Fass servieren.

Kebabistan Maras Ice Cream

Maraş-Eis

Akpolat strahlt förmlich vor Stolz, als ich ihm erzähle, wie sehr ich sein Restaurant bewundere. Seit mehreren Jahren gönne ich mir hier riesige Berge Mezze und gegrilltes Lammfleisch. „Jede Woche verarbeiten wir eine Tonne Fleisch, aber nur das Beste—Lämmer aus Freilandhaltung von besonderen Höfen in der Nähe von Mannheim und Stuttgart", erklärt er mir und zeigt mir ein paar Fotos auf seinem Smartphone „Wir grillen das Fleisch über Kokosnussschalen, weil das weniger stark riecht. Die kosten zwar drei Mal so viel, aber egal. Mir geht es dabei nicht ums Geld, sondern darum, alles was ich mache, mit Liebe zu tun."

Seine Hingabe zu seiner Arbeit steht im Konflikt zu den hartnäckigen Vorurteilen über den Döner Kebab als eher anspruchsloses Essen. Obwohl man es überall findet, wird der Galionsfigur des Berliner Street Food und kulinarischen Exportschlager in seiner Heimat wenig Respekt gezollt. Die meisten Berliner essen immer mal wieder einen, aber sobald man sich mit ihnen darüber unterhält, fällt schnell ein spöttischer Kommentar über die Herkunft des Fleischs. Mit Kebabistan will Souk Berlin, ein sich immer weiter entwickelndes Projekt zur Kultur der Immigranten in der Hauptstadt, den beschmutzten Ruf des Döners wiederherstellen und die Menschen feiern und ehren, die ihn erfunden haben.

Kebabistan Khwan

Khwan beim Kebabistan

Und mittendrin: die Britin Kavita Meelu (a.k.a. Kavita Goodstar), auf deren Konto sowohl die Street Food Thursdays als auch Mother's Mother und Burgers & Hip-Hop gehen. Sie ist ein echter Wirbelwind, wechselt von einer Sekunde auf die andere vom Englischen ins Deutsche, während das Team gemeinsam an den letzten Details für das Event arbeitet. In nur drei Tagen ist es so weit, es gibt Thai-Döner von Khwan und gegrilltes Lamm mit Granatapfelsirup, Walnüssen und Pistazien von Fes Turkish BBQ, dazu läuft türkische Musik und arabischer Funk. Und gleich danach plant das Team schon das nächste Festival, United Street Food, und für den Herbst einen Bio-Halal-Döner.

Kavita hat sich kurz Zeit genommen, um sich mit mir über Kiezarbeit, das Problem mit der Foodie-Kultur und die Liebe zum Döner Kebab zu unterhalten.

Anzeige

MUNCHIES: Fangen wir mal von vorn an. Wie bist du hierher gekommen? Kavita Meelu: Ich bin insgeheim der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Dann wollte ich unbedingt herausfinden, wie man mit Essen Kulturen und Geschichten „erzählen" kann, wie Menschen zusammenfinden können und wie man so Differenzen überwinden kann. Essen ist etwas sehr Demokratisches: Jeder liebt gutes Essen und diese Geselligkeit, wenn so eine Gemeinschaft durch Essen entsteht.

Kebabistan Khwan Kebab

Kebab von Khwan

Wann entstanden die Street Food Thursdays? Diese Idee eines Markts gab es schon immer, um die ganze Szene etwas internationaler zu machen. Die Restaurants hier sind alle etwas traditioneller, Old School, und ich verstehe auch warum. Immerhin war Berlin bis noch vor ein paar Jahrzehnten ein Kriegsgebiet.

Mittlerweile gibt es ja auch andere Street-Food-Events, das war aber das erste in der Größenordnung. Welchen Einfluss hatte das deiner Meinung nach? Damit konnten die Gastronomen sehen, dass es vollkommen in Ordnung ist, Dinge zu machen, die ein bisschen anders sind. Beim ersten Mal kamen 14.000 Leute, das war verrückt, einfach verrückt. In nur einer Stunde war alles ausverkauft. Daraufhin meinten wir: „Scheiße man, das war großartig. Lasst uns was Neues ausprobieren."

Shawarma by Fiesta Fiesta at Kebabistan.

Shawarma von Fiesta Fiesta beim Kebabistan

Es läuft definitiv gut. Aber warum was Neues? Das Ganze ist ein Prozess, der großartig war. Aber vor ein paar Jahren wurde ich ein bisschen wütend auf mich selbst. Das Ganzeist mittlerweile eine Platform für Leute wie mich, die eine ähnliche Geschichte haben, die verschiedene Länder gesehen haben, die facettenreiche Persönlichkeiten haben—Expats quasi—, die hierherkommen und ihre Ideen mitbringen. Oft suchen wir uns die Inspiration nur außerhalb, weit weg.

Hm, so sehr wie ich das Essen hier liebe, du hast schon Recht. Essen ist zu einem Lifestyle geworden. Wir wollen alle in dieses eine Café, zu diesen Street-Food-Märkten und in diesem einen Restaurant essen. Das ist irgendwie eindimensional. Wir reden alle von "regional", aber beziehen uns nur auf die Bauern, Zutaten und vergessen dabei, dass das doch auch für unsere Nachbarn gelten müsste.

Kebabistan Dancers

Disco Kebabistan

Das ist jedoch in vielen Städten so, nicht nur in Berlin. Ich bin wohl ein bisschen besessen von dieser ganzen Situation. Neulich war ich in Toronto und habe mir verschiedene Talks angehört.Da habe ich erkannt, dass wir glücklicherweise nicht die einzigen mit diesem Problem sind. In all den internationalen Metropolen weltweit gibt es so viele Leute, die es genauso verhauen. Wir kreieren Foodie-Ghettos. Teil unseres Konzeptes sind eben diese Gebiete, dieser urbane Zerfall, die billigen Mieten. Mir geht es vor allem darum, dass wir oft nicht erkennen, was es Großartiges in unmittelbarer Nähe gibt.

In vielen anderen deutschen Städten wird über kulinarische Traditionen diskutiert, hier eher nicht so. Gibt es so etwas überhaupt? Es gibt definitiv kulinarische Traditionen und kulturelles Erbe, dass viele Immigranten hierher gebracht haben. Die schrecklichen Kapitel der deutsche Geschichte mal beiseite geschoben, Deutschland war immer ein Einwanderungsland, das ist schon was Besonderes. Hier kamen Menschen her, konnten sich etwas Neues aufbauen, vor allem in Berlin. Deshalb ist die Stadt so besonders und wahrscheinlich deshalb sind auch wir hier. Ich denke, dass wir die alten Esskulturen der Immigranten mit einbeziehen müssen, ansonsten verspielen wir die Möglichkeit, die deutsche kulinarische Identität zu etwas Einzigartigem zu machen.

Kebabistan Konak Izmir

Konak Izmir

Bereust du die Markthalle Neun? Ich bin einfach dankbar dafür. Ohne das hätten wir uns nicht weiterentwickelt, denn das ist ein Prozess, eine Reise. Es ist einfach toll, dass man hier Kimchi-Tacos und Ramen-Burger bekommt, das war ein Anreiz für die Leute, etwas offener zu sein, auch für Essen, das sie sonst nicht bestellen würden. Also das bereue ich nicht.

Was plant ihr mit Souk Berlin? Das wird eine Markthalle, wo die Esskultur der Immigranten zelebriert werden soll—Einwanderer, die seit Jahrzehnten hier sind und Neuankömmlinge, Geflüchtete. Wir wollen, dass das Essen dieser Kulturen nicht mehr in die Schublade „Ethnic Food" gesteckt wird, die eher am unteren Ende der Skala angesiedelt ist: Asiatische Restaurants sind nur authentisch, wenn sie ein bisschen schmuddelig sind—solche und andere Widersprüche haben einen schrecklichen rassistischen Beigeschmack. Aber eigentlich ist Essen das Mittel, um solche Grenzen zu überwinden, denn wir lieben es einfach die Welt durch Essen zu erkunden.

Kebabistan Crowd 3

Mit dem Event habt ihr ganz klar eine bestimmte Zielgruppe im Auge. Warum ist es so wichtig, sich an die türkisch-deutsche Community zu wenden? Wie die türkischen Einwanderer in Deutschland behandelt wurden, war ganz schön bescheuert, das muss wieder geradegebogen werden, gerade auch weil jetzt eine Million Neuankömmlige aus einem ähnlichen Teilder Welt kommen.Jetzt sind alle sehr offen und heißen sie willkommen, aber ich wette, sobald irgendjemand eine Moschee eröffnen will, wird sich der Diskurs verschieben.

Wie zeigt sich dieser bescheuerte Umgang heute? Wenn du in deinem Land aufwächst, deine Identität nicht voll ausleben kannst und dann irgendwann stolz sein kannst, auf deine Hautfarbe, wie deine Eltern aussehen und wie stark ihr Essen riecht, dann ist das ein Schritt vorwärts. Ich zum Beispiel sehe mich selbst als britisch-asiatisch, das macht mich stolz und damit fühle ich mich wohl. Das heißt für mich ungefähr, dass ich gern in Clubs gehe, HipHop und R'n'B höre, manchmal aber auch indische Musik aus den 70ern. Es heißt, dass ich kein Schwein und kein Rind esse, es trotzdem liebe, in Restaurants zu gehen. Es heißt, dass ich Vorbilder habe, die für mich sinnbildlich für das Britisch-Asiatische oder -Indische stehen. Und ich habe das Gefühl, dass die Türken in Deutschland der zweiten Generation so etwas nicht haben.

Kebabistan Crowd

Kannst du mir ein Beispiel dafür nennen? Ich kenne diesen Typen, der eines dieser Third-Wave-Cafés eröffnet hat, eines der ersten in Berlin, das Kaffee wirklich zur Kultur erhebt, und er ist Deutsch-Türke. Wir haben uns über den Vorteil der Expats unterhalten und darüber, dass er, nur weil er nicht in diese Kategorie gehört, nicht Teil dieser coolen Third-Wave-Café-Szene sein kann. Er fragte sich: „Warum schreibt kein Blog über meinen Laden? Alle denken, ich würde nur die anderen kopieren." Und ich kenne einen jungen türkisch-deutschen Restaurantbesitzer, der wirklich aufregende Sachen macht, sich aber nicht traut, zu sagen, dass ein Fleisch halal ist, weil er nicht in eine Schublade gesteckt werden will.

Das muss ziemlich frustrierend sein. Das ist nicht mein Berlin, wie ich es kenne. Für mich ist Berlin ein Ort, wo ich hinkomme und tue, worauf ich Lust habe. Und jeder meint nur: „Wow, echt toll. Diese britische Frau macht, was sie will." Ich habe ganz andere Erfahrungen, das gehört zu meiner Vergangenheit und darauf bin ich stolz.

Kebabistan Adana Kebab Grill

Wie passt Kebabistan da rein? Wir wollen mit der Veranstaltung die Welt der Foodies mit der der Einwanderer verbinden und zeigen, dass wir uns einfach für jedes Essen interessieren. Wir interessieren uns für die türkisch-deutsche Kultur. Wir werden damit keine Berge versetzen können, aber zumindest endlich eine Diskussion anregen, die es einfach nicht gibt, aber geben sollte.

Und wie kann man besser so einen Dialog starten als mit Essen… Es ist ein Trend, der in den 70er Jahren in Berlin entstanden ist und wir wollen ihn gebührend zelebrieren. Die Kebab-Kultur ist ein wichtiger Teil der Stadt und hat unglaublich viele politische und kulturelle Facetten. Und genau darum geht es bei Kebabistan: Wir wollen sowohl die alten Traditionen als auch die neuen Möglichkeiten zelebrieren. Uns interessiert, wie es die Kebab-Kultur aus Berlin in die verschiedensten Teile der Welt geschafft hat und wie die Kebab-Kultur des Nahen Ostens von Einwanderern aus der ganzen Welt interpretiert und verändert wird. Da gibt es sicherlich ein paar interessante Geschichten.

Was erhoffst du dir insgesamt davon? Wir hoffen, dass junge, türkisch-deutsche Menschen nicht irgendwann die nächste Döner-Burger-Pizza-Bude eröffnen, sondern vielleicht einen Laden, wo Kebab noch traditionell oder handwerklich gemacht wird. Die zweite Generation der Einwanderer soll endlich sagen können: „Wir sind verdammt noch mal großartig. Das ist unsere Identität und schaut sie euch an—sie ist wunderbar. Wollt ihr nicht Teil davon sein, etwas darüber lernen?

Vielen Dank für das Gespräch.