Der unheimliche Fall des Taxi-Killers

Eine junge Frau verschwindet nach einem Abend mit Freunden. Als die Polizei den Verdächtigen festnimmt, führt er sie zu zwei Leichen.

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27 März 2017, 4:15am

Es war Donnerstagvormittag, der 24. März 2011. Die 22-jährige Sian O'Callaghan galt seit fünf Tagen als vermisst. Polizeibeamte hatten gerade den Hauptverdächtigen, den Taxifahrer Christopher Halliwell, auf einem Supermarktparkplatz festgenommen. Halliwell weigerte sich jedoch zu reden. Ihnen lief die Zeit davon, also fasste Detective Sergeant Fulcher den Entschluss, zu "unorthodoxen Methoden" zu greifen. In Krimis verdeutlicht so ein Vorgehen die tief moralische Geisteshaltung des Ermittlers; die britische Polizeiaufsichtsbehörde sah das jedoch anders. Sie beschrieb Fulchers Methoden später als "katastrophalen" Bruch der Dienstvorschriften.

Als die Beamten Halliwell vom Ort der Festnahme zur Wache im englischen Swindon fuhren, meldete sich Fulcher und bat die Polizisten darum, den Verdächtigen stattdessen zum Barbury Castle zu bringen – einer abgelegenen antiken Festungsanlage. Um 12:11 Uhr trafen sich Fulcher, die Beamten und Halliwell auf dem windigen Gipfel der keltischen Wallburg. Der Ermittler führte den Verdächtigen 50 Meter von den Polizisten und ihren Dienstfahrzeugen weg. Ihre Unterhaltung wurde von der einzigen anderen anwesenden Person aufgezeichnet, einem zivilen Protokollanten:

Fulcher: "Werden Sie mir sagen, wo Sian ist?"
Halliwell: "Ich weiß nichts."
Fulcher: "Werden Sie mir zeigen, wo Sian ist? Wenn Sie uns sagen, wo Sian ist, dann passiert Folgendes: Egal, was man über Sie sagt, Sie werden das Richtige getan haben."
Halliwell: "Ich möchte auf die Wache."
Fulcher: "Sind Sie bereit, mir zu sagen, wo Sian ist?"
Halliwell: "Sie glauben, dass ich es war."
Fulcher: "Ich weiß, dass Sie es waren."
Halliwell: "Kann ich auf die Wache?"
Fulcher: "Sie können auf die Wache. Man wird Sie schlechtmachen. Wenn Sie mir sagen, wo Sian ist, dann hätten sie das Richtige getan."
Halliwell: "Ich möchte mit einem Anwalt sprechen."
Fulcher: "Sie haben hier die Gelegenheit zu sagen, wo Sian ist. In einer Stunde wird Ihr Name überall in der Zeitung stehen."
Halliwell: "Ich möchte mit einem Anwalt sprechen."
Fulcher: "Sie werden mit einem Anwalt sprechen. Ich gebe Ihnen hier die Gelegenheit, mir zu sagen wo Sian ist, bevor die Medien die Geschichte in die Hände bekommen. Sagen Sie mir, wo Sian ist."

Es folgen mehrere Minuten der Stille. Schließlich sagt Halliwell: "Haben Sie ein Auto? Fahren wir los."

Am Freitagabend davor war Sian O'Callaghan mit Freunden in Swindon ausgegangen. Die Gruppe landete schließlich im Club Suju. Am frühen Samstagmorgen machte sich Sian sich um 2:52 Uhr alleine auf den Heimweg. Sie hatte es nicht weit. Die Wohnung, in der sie mit ihrem Freund, Kevin Reape, lebte, war nur zehn Gehminuten entfernt.

Als sie um 3:24 Uhr immer noch nicht zu Hause angekommen war, schickte ihr Freund ihr eine SMS. Keine Antwort. Als Reape um 9:45 Uhr immer noch nichts von ihr gehört hatte, ging er zur Polizei und meldete seine Freundin als vermisst.

"Er hat mich immer wieder übers Töten befragt. Er sagte: 'Wie viele Menschen muss man umbringen, bis man ein Serienmörder wird?'"

Am Sonntag startete die Polizei einen öffentlichen Aufruf. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass sich O'Callaghans Handy um 3:24 Uhr, als es Reapes SMS empfing, im Savernake Forest befand – etwa 12 Kilometer außerhalb von Swindon. Für die Beamten war klar, dass sie die Strecke in dieser kurzen Zeit nur in einem Auto zurückgelegt haben konnte. Detective Fulcher wurde mit den Ermittlungen beauftragt. Er hoffte, O'Callaghan lebend zu finden.

Am Dienstag unterstützten etwa 400 Bürgerinnen und Bürger die Polizei bei der Durchsuchung des Savernake Forest. Am folgenden Tag gab die Polizei bekannt, dass eine weitere Analyse von O'Callaghans Handydaten mehrere "heiße Fährten" ergeben hätte, denen die Beamten jedoch lieber alleine nachgehen würden. Fulcher ließ in einer Bekanntmachung verlauten, dass die Ermittlungen schnell vorangehen und wichtige Befragungen durchgeführt werden würden. Einer der Befragten war der 47-jährige Taxifahrer Christopher Halliwell.

Halliwell galt schnell als Hauptverdächtiger, aber Fulcher "ließ ihn laufen". In der Hoffnung, dass Halliwell sie früher oder später zu O'Callaghan führt, beschatteten die Polizisten ihn rund um die Uhr. Dabei beobachteten sie, wie er in einer Drogerie genug Schmerzmittel kaufte, um sich umzubringen. Aufgrund des nun bestehenden Suizidrisikos entschieden sich die Beamten einzuschreiten. Als Halliwell um 11:05 Uhr einen Fahrgast auf besagtem Supermarktparkplatz einsammeln wollte, überwältigten ihn die Polizisten. Da er bei der Befragung vor Ort nichts sagen wollte, befahl Fulcher seinen Beamten, ihn zum Barbury Castle zu bringen, wo Fulcher sie später treffen würde.

Nach ihrer Unterhaltung auf dem Gipfel führte Halliwell den Kriminalbeamten zu einem Ort etwa 30 Kilometer weiter nördlich, nahe des Uffington White Horse – einem zwei- bis dreitausend Jahre altem Scharrbild. Halliwell konnte den genauen Ort nicht finden. Einige Stunden später fanden die Beamten O'Callaghans Leichnam.

Als Fulcher Halliwell mitteilte, dass er ihn nun an den Constable für die formale Festnahme wegen Mordes übergeben würde, sagte Halliwell zu ihm: "Du und ich, wir sollten uns kurz unterhalten."

Wieder entfernten sich Fulcher und Halliwell aus dem Hörbereich der Beamten und Fulcher gab Halliwell eine Zigarette. Halliwell fragte: "Willst du noch eine?"

Wieder zurück im Auto lotste Halliwell Fulcher und ein paar weitere Beamte zu einem Ort etwa 45 Minuten entfernt. Auf der Fahrt wurde Halliwell zunehmend emotional: "Normale Menschen laufen nicht rum und töten sich gegenseitig."

Schließlich erreichten sie einen Feldweg nahe Gloucestershire. Halliwell kletterte über eine Mauer auf ein Feld, zählte dort seine Schritte ab und blieb schließlich an einem Punkt stehen. Hier habe er vor sieben Jahren eine Prostituierte aus Swindon vergraben, sagte er. Einige Tage später fanden Beamte dort tatsächlich die Leiche von Becky Godden-Edwards. Man hatte sie im Dezember 2002 zum letzten Mal gesehen.

Die Polizei nahm Halliwell mit zurück auf die Wache. Dort wurde er abgefertigt und durfte schließlich mit einem Anwalt sprechen. Als Fulcher das nächste Mal bei einer formellen Befragung mit ihm sprach, lauteten Halliwells Antworten durchweg: "Kein Kommentar."

"Sein Lieblingsbuch war eins über die Moormorde mit einem Bild von Myra Hindley auf dem Cover."

Es war nicht Halliwells erster Konflikt mit dem Gesetz. 1964 geboren hatte er als junger Mann Hauseinbrüche verübt und dafür in den 80ern eine Haftstrafe abgesessen. Ernest Springer, sein damaliger Zellengenosse im Dartmoor Prison, behauptete, dass Halliwell bereits in dieser Zeit von der Idee besessen gewesen sei, ein Serienmörder zu werden.

Im Zuge der Sian-O'Callaghan-Ermittlungen wurde Springer von Beamten verhört, aber er sprach auch mit der britischen Boulevardzeitung Sun: "Er hat mich immer wieder übers Töten befragt. Er sagte: 'Wie viele Menschen muss man umbringen, bis man ein Serienmörder wird?' Er war einfach besessen davon. Er wollte, dass Leute stolz auf ihn sind oder eine ganze Gegend sich vor ihm fürchtet. Fragen Sie mich nicht warum, aber das wollte er sein. Er hat immer dieses True Detective-Magazin gelesen, das ist voll mit Geschichten über Morde. Sein Lieblingsbuch war eins über die Moormorde mit einem Bild von Myra Hindley auf dem Cover."

Wieder aus dem Gefängnis entlassen baute sich Halliwell ein normales Leben auf. Mit seiner Freundin und ihren drei Töchtern lebte er in einer Doppelhaushälfte in einem Vorort von Swindon. Er selbst hatte drei Kinder aus einer früheren Ehe. Sein Taxifahrerkollege Neil Barnett sagte gegenüber der Sun, Halliwell sei ein "richtig netter Kerl – ein aufrichtiger Kerl, ein ganz normaler Durchschnittstyp. Ich habe zwei Töchter [und] die hätte ich jederzeit bei ihm mitfahren lassen".

Am 31. Mai 2012 erschien Halliwell zur Anhörung vor Gericht. Obwohl er zuvor Fulcher gegenüber gestanden und die Polizei zu den Leichen geführt hatte, plädierte Halliwell im Mordfall Sian O'Callaghan auf unschuldig.

Bürger versuchen, den Gefangenentransport anzugreifen, in dem Christopher Halliwell den Swindon Magistrates Court verlässt | Foto: Ben Birchall | PA Archive | PA Images

Ein paar Monate vorher, im Januar, waren die Konsequenzen von Fulchers unorthodoxen Ermittlungsmethoden klar geworden. Richterin Laura Cox hatte Halliwells Geständnis als unzulässig erklärt, da Fulcher ihm nicht erlaubt hatte, einen Anwalt zu kontaktieren. Außerdem hätte er es versäumt, ihn über seine Rechte aufzuklären. Die Richterin nannte seine Verstöße gegen die Dienstvorschriften "weitreichend und nicht wieder gutzumachend."

Dank DNA-Spuren, die Halliwell schließlich eindeutig mit O'Callaghan in Verbindung brachten, trieb die Polizei den Fall weiter voran. Am 19. Oktober 2012 plädierte Halliwell vor dem Strafgerichtshof schließlich auf schuldig. Er wurde zu einer Haftstrafe von mindestens 25 Jahren verurteilt.

Als Resultat der richterlichen Entscheidung fiel der zweite Fall zum Mord von Becky Godden-Edwards in sich zusammen. Vier Jahre brauche die Polizei, um Halliwell ein zweites Mal wegen Mordes anklagen zu können. Am 9. Juni 2016 plädierte er wieder auf unschuldig, wurde drei Monate später aber schließlich vom Gericht zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. Halliwell wird also im Gefängnis sterben. Dieses seltene Urteil wurde seit seiner Einführung 1983 erst in etwa 100 Fällen ausgesprochen. Zu den Verurteilten gehören Joanna Dennehy, die Moormörder Ian Brady und Myra Hindley, sowie Peter Sutcliffe aka der Yorkshire Ripper.

Detective Steve Fulchers unorthodoxe Methoden bei der Befragung von Christopher Halliwell nennt man auch "nobel cause corruption", also einen Rechtsbruch aus edlen Motiven. Fulcher verteidigte sich damit, dass er in dem Glauben gehandelt habe, O'Callaghan wäre vielleicht noch lebendig und könnte demnach gerettet werden. Im Anschluss an Halliwells zweite Verurteilung 2016 sagte Fulcher in einem Statement: "Nach geltendem Gesetz wurde von mir erwartet, dass ich Halliwells Recht zu schweigen und auf einen Rechtsbeistand über Sian O'Callaghans Recht auf leben stelle. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass meine Handlungen, die es Halliwell erlaubt haben, mich zu den Leichen von Sian und Becky zu führen, die moralisch richtige Entscheidung waren."

Die unter dem Police and Criminal Evidence Act aufgeführten Dienstvorschriften sind allerdings dazu gemacht, alle Befragten, die mit der Polizei in Kontakt kommen, zu beschützen – insbesondere diejenigen, die besonders verletzlich oder beeinflussbar sind. Fulcher hatte Halliwell nie über seine Rechte aufgeklärt – nicht einmal dann, als klar war, dass er es eher mit einem Mörder als einem Entführer zu tun hat. Seine unorthodoxe Herangehensweise brachte auch beinahe beide Anklagen zu Fall. Fulcher wurde später für sein Fehlverhalten gemaßregelt und bekam eine schriftliche Warnung. Er zog sich aus dem Polizeidienst zurück und arbeitet nun als Sicherheitsberater in Somalia. Bald erscheint sein Buch zu diesem Fall, weswegen er auch nicht zu dem Thema interviewt werden wollte.

Fulcher und andere Kriminologen glauben, dass Halliwell wahrscheinlich wieder getötet hätte. Detective Sean Memory, der Hauptermittler im Godden-Edwards-Fall, sagte BBC Radio 4 letzten September: "Ich bin definitiv besorgt. Wir wissen, dass Becky 2002 gestorben ist und Sian 2011. Ich verstehe allerdings nicht, warum es da diese Lücke gibt und wie er von einem gutmütigen Taxifahrer, der verletzliche junge Frauen nach Hause fährt, in anderen Fällen zum Mörder wird."

Die Ermittler setzten sich eingehend mit Halliwells Vergangenheit und möglichen anderen Morden auseinander. Anfang März fand erst eine zehntägige forensische Untersuchung von Halliwells Haus in Swindon statt. Der Garten wurde umgegraben und mehrere Garagen durchsucht. Das Ergebnis: keine Gegenstände von "signifikantem Interesse".

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