Warum Frühling die beschissenste Zeit ist, um auszugehen
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Warum Frühling die beschissenste Zeit ist, um auszugehen

"Ich will nicht sagen, dass ich noch nicht ein halbes Leben auf einem der Enzis verbracht habe, ich frage mich nur, warum ich es getan habe."
7.4.17

Header: Foto von der Autorin

Diese aktiven und unternehmungslustigen Menschen waren mir immer schon ein bisschen suspekt. Ich verteufle mich fast jedes Mal, wenn ich mir etwas mit Freunden ausmache. Denn das bedeutet, dass ich mein Zuhause verlassen muss. Ich hab nun mal diese freiwillige Agoraphobie, die vor allem durch meine Trägheit ausgelöst wird. Weshalb sich der Gedanke, raus zu müssen und mit Menschen zu interagieren, sowie Geld für überteuerte Spritzer auszugeben (die mich dann nicht mal betrunken genug machen), sich immer ein bisschen wie eine Strafe anfühlt (auch wenn ich meine Freunde eigentlich mag – eigentlich).

Hervorgerufen werden diese unguten Situationen dann meistens von der Sonne, der ich auch die alleinige Schuld an dieser Misere und den anderen gebe, die der Frühling noch so mit sich bringt. Denn ich merke es an mir selbst auch, wenn sie mich erreicht, diese Sonne, wie gut gelaunt ich dann plötzlich bin – und ich mag diesen Kontrollverlust nicht.

Ich hab sowieso das Gefühl, dass die meisten Leute mitunter auch von der Sonne geblendet werden. Nämlich von der wahren und düsteren Realität des Frühlings und dessen Grausamkeiten. Denn der Frühling tut dir nicht gut, glaube mir. Ich möchte dir jetzt auch erläutern, warum das so ist.

Die OpenAir-Penetration

Kaum hat es mal zwei Grad mehr als im Winter, finden sich immer wieder Gruppen von Veranstaltern, die irgendwo in der freien Luft eine "Demo" geben müssen. Bei diesen "Demos" wird meist laut Musik gehört und du kannst dir deinen weißen Spritzer flaschenweise selbst mitnehmen. Das hört sich doch gut an, denkst du dir jetzt, aber dieses "gut" existiert nur solange, bis sich deine Blase meldet. Und gerade für uns Frauen ist der Akt, bei dem die Blase während eines OpenAirs entleert werden muss, stets ein Gräuel. Weil: Grindige Dixie-Klos oder irgendwo in einem nackerten Busch (es ist ja erst Frühling), deinen (nackerten) Busch rauszulassen, um zu pischen, ist nicht so toll. Du musst auch als Frau etwa alle fünf Minuten pinkeln gehen und irgendwann gehen dir und allen anderen die Taschentücher aus – und mit ihnen auch deine Lebensfreude.

Viele OpenAirs sind auch gar nicht mehr so gut besucht, denn mit der Massenpenetration der gefühlt 1000 "Demo"-Veranstaltungen bleiben auch die Besucher aus. Niemand hat bei all dem Überfluss das Gefühl, noch etwas zu verpassen. Außerdem werden viele OpenAirs von der freundlichen Polizei aufgelöst.

Wir müssen alle wieder im MQ verenden

Ich will nicht sagen, dass ich noch nicht ein halbes Leben auf einem der Enzis verbracht habe, ich frage mich nur, warum ich es getan habe. Denn diese Enzis sind unbequem und ständig besetzt. Von einer Idylle im MuseumsQuartier kann man kaum sprechen. Sich hier um einen Platz zu raufen, hat genauso so viel Charme wie Pommes ohne Salz.

Hormone

Auf einmal sind alle Menschen attraktiv. Überraschenderweise auch die, die dir im Winter in einem Club oder in der U-Bahn nicht aufgefallen wären. Diese Frühlingshormone sind spürbar aktiv und schalten diverse Oberflächen-Selektoren in deinem Kopf einfach ab. Das mag ja einerseits ganz gut sein, denn oberflächlich zu sein, ist keine feine Eigenschaft. Aber da der Trieb-Motor auf Benzinsuche ist, verabschiedet sich somit auch oft der Verstand. Und wenn man sich dann nach dem näher Kennenlernen, so ganz ohne Hormon-Filter, wirklich näher kennenlernt, bereut man es erst recht, jemals seine vier Wände verlassen zu haben. Orte, an denen man während der Brunftzeit Alkohol bekommen kann, sind daher besser zu meiden.

Es ist wieder früher hell

Nein, ich möchte am Wochenende nicht daran erinnert werden, dass es so etwas wie ein echtes Leben mit Verpflichtungen gibt. Wenn du aber im Frühling um 6:00 Uhr Früh den Club verlässt und dir die Sonne ihre Pracht ins Gesicht schnalzt, passiert genau das.

Da das Tageslicht in seiner Funktion zudem äußerst erbarmungslos ist, wirst du deswegen auch gleich an den Pranger gestellt. Die anderen Fahrgäste in der Bim erkennen ganz genau, wer gerade aus dem Bett und wer aus dem Club kommt. Wenn man dabei nicht mehr betrunken genug ist, schämt man sich daher vielleicht etwas – und das an deinem Wochenende, an dem du doch abschalten solltest.

Du hast ein schlechtes Gewissen, wenn du deinen Rausch ausschlafen willst

Und das ganz automatisch. Man ist diesem Gefühl machtlos ausgesetzt. Da müssen erst wieder Spritzwein-Bilder auf Instagram herhalten, damit du wieder weißt, warum dein Bett besser ist als der Frühling und all seine boshaften Fallen. Du warst brav und hast dein Geld gespart, sowie deiner Leber eine kleine Pause gegönnt. Ebenso bist du einfach unabhängig genug, um einen ganzen Tag mit dir selbst zu verbringen – das schlechte Gewissen ist von nun an unbegründet.

Außerdem kann auch nicht jeder ein ambitionierter Freizeitmensch sein. Die Wirtschaft braucht auch scheue Menschen – dank deiner Netflix-Marathons kurbelst du bestimmt irgendwie die Wirtschaft an. Du bist ein guter Mensch und hast dir deine Bett-Session redlichst verdient.

Du merkst jetzt schon wie ungut deine Vorliebe zu schwarzer Kleidung ist

Wie kann die Sonne etwas Gutes sein, wenn sie der größte Feind von der schönsten Farbe ist? Im Frühling werden wir schon ganz deutlich daran erinnert, dass wir dazu verdonnert sind, im Sommer auch andere und hellere Farben zu tragen. Stell dir vor, du gehst mit einer weißen Hose in die Grelle Forelle. Wetten, dass sie nicht mehr weiß ist, wenn du nachhause gehst?

Niemand im Club glaubt dir, dass du eine Pollenallergie hast

Versuch erst gar nicht, dich für deine laufende Nase zu rechtfertigen. Es wird dir niemand glauben.

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