Warum funktioniert Techno nur in Wien?
Rudis Brille

Warum funktioniert Techno nur in Wien?

Der Rückgang der Technokultur in Österreich beginnt am Land.
11.4.17

Sieht man sich in letzter Zeit die Programme der Clubs und Events außerhalb Wiens (OK, auch innerhalb) an, so bemerkt man, dass die klassischen Clubmusik-Spielarten Techno und House nur noch rudimentär darin vorkommen. Der grantelnde Technoveranstalter wird damit bald ebenso Geschichte sein wie viele Partys und Eventbrands, die heute ohnehin nur mehr in Erinnerungen als ewige Highlights vorkommen. Pressure oder Danube Rave beispielsweise.

Abseits der Hauptstadt verkommen diese Urformen der elektronischen Clubmusik zur Randerscheinung. Es dominieren hier, neben dem allgegenwärtigen Drum'n'Bass, Psytrance, HipHop, Proggy und Hardstyle sowie Hardtechno. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und werden am besten von Bianca Vesely, der Grand Dame aus Salzburg und derzeitigen Bookerin der Kantine Salzburg beschrieben: "Wir müssen wirtschaftlich denken. In meinem Herzen ist Techno immer die Nummer Eins, aber in den meisten Fällen geht sich eine rentable Veranstaltung nicht mehr aus – mit ganz wenigen Ausnahmen. Die Acts sind einfach viel zu teuer, ein 0815-Techno-Act kostet bereits 1500 Euro und garantiert in Salzburg kein volles Haus. Bei Drum'n'Bass hingegen ist das alles viel entspannter: Wir können kalkulieren, die Leute sind noch motiviert und kommen, sobald ein halbwegs bekannter DJ bei uns spielt. Davon können wir beim Techno nur mehr träumen."

"Das Image des Nachtlebens in Österreich ist in den letzten Jahren ohnehin rapide in den Keller gesunken."

Und so kommt, was unweigerlich kommen musste. Die vermeintlich starken Clubmusik-Zugpferde bröckeln und die schnellen harten Genres rücken nach – auch, weil fast nur mehr "Jugend" ausgeht und ältere Leute vermehrt zu Hause bleiben. Dieses Phänomen macht auch vor Wien nicht halt, wo es ja andauernd heißt, das Publikum sei viel zu jung und man könne nicht mehr fortgehen.

Sieht man von wenigen Ausnahmen ab, geht es beim Partymachen schon lange nicht mehr um Musik. Wer einen Partner gefunden hat und sei es nur ein Lebensabschnittspartner, verschwindet auf Jahre und geht plötzlich wandern und bergsteigen. Das Image des Nachtlebens in Österreich ist in den letzten Jahren ohnehin rapide in den Keller gesunken.

Schillernde Highlights, wie man sie früher vielleicht auf Ibiza noch erleben durfte, bleiben küstennahen Festivals oder einigen Clubs in Berlin oder London vorbehalten. Oder es gibt einmal im Jahr eine Wiedervereinigungsparty von Kruder & Dorfmeister, wo sich selbst die Generation Ü40 wieder in den Anzug wirft. Ansonsten wird das Feld weitestgehend der U20 Jugend mit all den neuen Phänomenen überlassen. Sucht man nach Gründen dafür, könnte man hier fündig werden:

Das Fehlen der öffentlichen Akzeptanz für elektronische Musik

Außerhalb Wiens und seinen kleinen geförderten Biotopen herrscht sehr begrenzter Wille, Festivals mit elektronischem Schwerpunkt zu fördern. Es gibt das Spring in Graz und das Donaufestival mit hohem künstlerischem Anspruch, danach herrscht gähnende Leere.

Eskalation und Ausverkauf

Hannes Hagen vom Conrad Sohm – einem der Aushängeschilder für moderne Clubmusik in Vorarlberg – meint auf die Frage, ob Techno und House stark zurückgegangen seien: "Die Jugend will Eskalation." Das sei im Techno eben nicht mehr so gegeben. Außerdem würden die jungen technoaffinen Menschen aus Vorarlberg scharenweise in die Großstädte abwandern.
Differenzierter sieht dies Mike Vinyl, der Grand­sei­g­neur der elektronischen Musik aus Steyr/Oberösterreich (Vinylauslese): "Techno und House erleben einen Wandel in den letzten Jahren. Speziell bei Jüngeren ist es nicht mehr so in, Techno zu hören und sich einer Sache/Gruppe zugehörig zu fühlen. Davon, dass Techno als vollwertige Szene gesehen wird, sind wir vielerorts weit entfernt. Hinzu kommt laut David Sachon, dem Programmchef des Q West, dass die örtliche Technoszene überaltert sei: "Es kommt wenig Nachwuchs dazu, gerade in Tirol." Es sind vereinzelt kleine Gruppen und Studenten oder Hipster, die dort hingehen, weil's irgendein cooler Kollege gesagt hat. Geld verdienen lässt sich damit sowieso nicht."

Wenn nicht anders angegeben: Fotos von Isabella Khom

Drum'n'Bass verdrängt Techno

Einstige große Elektronikfestivals wurden zu reinen Drum'n'Bass- und Breakfestivals umgepolt. So zum Beispiel das Urban Art Forms zum Nu Forms. Der Jugend wird suggeriert, Drum'n'Bass ist das coole Ding und Techno etwas für Opis – ähnliches passierte mit dem Beatpatrol. Dabei ist Drum'n'Bass verhältnismäßig (auf die Anzahl der Events bezogen) hierzulande stärker als im Mutterland UK. Andy Brunner von der Ruhestörung (stärkstes Drum'n'Bass-Kollektiv in Westösterreich) meint auf die Frage, ob der Eindruck stimme, dass zur Zeit alles außer Techno im Westen gut laufe: "Das ist nicht nur Eindruck, sondern Tatsache! Wir haben uns ja selbst die Zähne daran ausgebissen – obwohl wir Teil der vorhandenen Szene und alterstechnisch die richtige Zielgruppe wären (22 bis 30 Jahre). Keiner traut sich mehr, etwas zu machen, weil alles floppt. Natürlich gibt's Clubs wie das Cubique in Innsbruck, die genug im Angebot haben. Aber laufen tut da bei weitem nicht alles. Sogar ideologisch getriebene Lokal-Projekte werden im Keim erstickt, weil es einfach zu wenig Zielgruppe gibt und zu viel Ge-hate. Techno-Szene gibt's im Endeffekt keine."

Keine Nachhaltigkeit

In vielen Ländern gibt es sie, die Kultbrands, die über Jahrzehnte funktionieren. Sonar, ADE, Fusion, Burning Man, Exit und noch 100 weitere. Zu Österreich wird dem Techno-Liebhaber nicht viel einfallen. Vielleicht erinnern sich noch ein paar ans gute, alte Gazometer. Nachhaltigkeit? Fehlanzeige! Hier haben einst erfolgreiche österreichische Großveranstalter total den Absprung verpasst. Mike Vinyl meint dazu etwa: "Viele vertreten heutzutage die Meinung, dass es nicht mehr im Trend ist, Teil von etwas zu sein. Dem möchte ich widersprechen. Es mag schon stimmen, dass sich jemand nur noch bedingt über einen längeren Zeitraum/viele Jahre an eine Szene bindet, aber der Grundgedanke, ein Teil von etwas zu sein, spricht speziell junge Leute nach wie vor sehr stark an und ist wichtig für deren Entwicklung. Junge Leute suchen förmlich nach einem Anschluss, welcher zumindest eine kleine Revolution inkludiert und diese bei Bedarf auch zulässt. Techno ist im Laufe der Jahre sehr austauschbar geworden und einem viel zu starken Ausverkauf zum Opfer gefallen. Von einem Szene-Empfinden kann man meist nicht mehr sprechen."

"Drum'n'Bass sehe ich jetzt österreichweit als Trend, der leider gerade wie eine Zitrone ausgepresst wird."

In dieselbe Kerbe schlägt auch David Sachon: "Die Drum'n'Bass-Szene in Tirol ist groß und kein Jugendphänomen. Unsere Gäste hören auch mit 25 bis 30 Jahren noch Drum'n'Bass. Natürlich boomt er jetzt gerade besonders. Daher muss auch einfach nicht so viel aufgewendet werden, wie etwa für Techno-Events."

Und für Thomas Tschermonegg (Audiotherapie) gilt, dass Graz schon immer eine Drum'n'Bass-Hauptstadt war: "Mit Strictly Beats haben wir ja auch eine der ersten Drum'n'Bass-Crews die wirklich große Acts nach Österreich gebracht hat. Klar ist Drum'n'Bass gerade bei den Jungen ein Trend, wird aber sicher auch von Älteren gehört und lässt sich nicht nur auf Kiddies reduzieren. Drum'n'Bass sehe ich jetzt österreichweit als Trend, der leider gerade wie eine Zitrone ausgepresst wird."

Geld

Die Gagen der einstigen Underground-Götter aus dem Techno (und House) sind in wahnwitzige Sphären gestiegen. Schuld daran ist die Globalisierung, jo eh, und die internationalen Agenturen, die einem nicht einmal mehr antworten, wenn das Angebot zu niedrig ist: "Was soll man machen, sie zahlen es woanders", meinte unlängst ein Agenturbetreiber, als ich ihn fragte, ob er verrückt sei. So kommt es, dass Österreich für Acts wie Solomun, Maceo Plex, Richie Hawtin oder Kölsch kein Thema mehr ist. Außer man hat einen "Investor".

Durch eben dieses Ausbeutungsschema schwenkt die Jugend um, sie ist eben noch nicht so starrsinnig in ihren Hörgewohnheiten. Sie will aber auch keine 15 bis 18 Euro Eintritt zahlen (was in der Schweiz oder im UK normal ist). Daher funktionieren Low Budget-Partys besser. Formate wie Heimlich suggerieren bei der studentischen Klientel eine neue Aufbruchsstimmung. Es geht nicht nur um den puren Kapitalismus, es wird dekoriert und alle haben sich lieb, so wie damals in der guten alten Zeit.

Drum'n'Bass und Psytrance verfahren ähnlich. Zudem mobilisieren sie die Jugend besser und holen sie früher ab. Ein 18-Jähriger aus Tirol oder Vorarlberg kann mit Techno nichts mehr anfangen, weil Techno auch alles geworden ist: Langsam, sphärisch, 120 bpm, melodiös. Danke, Beatport, das hast du gut gemacht! Jetzt ist alles Techno und gleichzeitig nichts. Die einen werden sagen: "Gut, dass sich die Spreu vom Weizen trennt." Für die "Laufkundschaft" und die jungen Leute ist Techno ein Allerweltsbegriff. Sie suchen ihr Heil in neuen, härteren Strömungen. Unter anderem in:

Goa, Proggy und Psytrance, Hardstyle und Minimal

Dort passiert wenigstens etwas am Dancefloor, es wird noch geravet, nicht mitgesungen. EDM gibt es ja eigentlich auch nicht mehr. Es wurden daraus Hardstyle und Minimal – also "Minimal Neu", so wie es einst "Deep House Neu" gab. Ein kotziger Einheitsbrei, der aber scheinbar spannender ist als die 388-Drumcode-Party mit DJ XY aus Buxtehude.

"Hardstyle und Hardcore greifen wir nicht mehr an", meint Bianca Vesely, "wenn es soweit kommen muss, dann sehen wir uns nicht mehr in der Szene". Bei Goa und Drum'n'Bass erkenne sie allerdings sehr wohl noch den Ursprungsgedanken von Underground und Freiheit.
Gut so, meint der Grantler, denn selbst in Wien scheint dieses Geschwür langsam größer zu werden, wie diverse (noch auf die Peripherie konzentrierte) rappelvolle Events der letzten Wochen drohend versprachen.

Zum Aufblühen der Sparten Goa/Psy und Drum'n'Bass meint etwa Mike Vinyl: "Goa und Drum'n'Bass befindet sich meines Erachtens nach, derzeit am Scheideweg und werden wie Techno zuvor immer mehr vom kommerziellen Clubbetrieb/Gedanken unterwandert. Beide Szenen machen aktuell dieselben Entwicklungen durch wie Techno. Dort, wo früher Techno stand, steht derzeit oftmals Goa und Drum'n'Bass. Wobei man beiden Szenen zu Gute halten muss, dass sie sich trotz des vorrückenden Ausverkaufs mehr szenetypische Merkmale erhalten konnten, die sie nach wie vor auszeichnen."

David Sachon fällt dazu ein interessanter Ansatz ein: "Die Tiroler sind Naturburschen und finden sich in der Nature & Spirit-Erfahrung, wie sie es von ihren Festivalbesuchen kennen, eher wieder." Blickt man auf die lange Tradition der Outdoor-Cosmic- und Psy-Veranstaltungen in Tirol, dann möchte man der These fast recht geben.

Mut

Vor allem außerhalb Wiens fehlt der Mut, etwas auf längere Zeit aufzubauen. So bleiben die älteren Leute weg und feiern lieber zu Hause. Man hat quasi nur mehr Clubs für Leute unter 25. In Holland, Belgien, der Schweiz oder auch in Ungarn tut sich hier wiederum viel mehr. Es gibt wesentlich mehr Festivals, Medien und Initiativen. Und auch mehr Wille seitens der Wirtschaft, diese zu supporten.

Raunzen und Aufgeben

In Österreich wird all dies raunzend und resignierend zur Kenntnis genommen. So wie vor 20 Jahren formieren sich nun hunderte Fahrgemeinschaften, wenn die Time Warp stattfindet oder Be My Lake oder Balaton – die Liste ginge noch weiter: Weil bei uns is ja nix. Der Rest resigniert und geht in die Bar.

Fazit

Fast alle Clubbetreiber würden einer leichten Umgewichtung zugunsten von Techno durchaus gewogen gegenüberstehen. Es sei eben alles eine Sinuskurve, ein Pendel, das ausschlägt. Für Hannes Hagen (Conrad Sohm) ist etwa klar, dass sich das wieder einmal ändern wird.
In Salzburg ist die Entwicklung ähnlich. Nach der Schließung des Felsenkellers herrscht im kleinen Experimentierfeld Funkstille. Und in Tirol gibt es zwar Bonanza und die Emma, aber ansonsten regiert Drum'n'Bass das heilige Land. Bleibt noch ein Blick nach Graz, wo das Phänomen existiert, dass die Leute "Alleshörer" sind, das heißt im Gegensatz zur Hauptstadt nicht panikartig einer Drum'n'Bass-Party ausweichen, ohne Geschwüre zu bekommen, obwohl man zu Hause eher andere Hörgewohnheiten hat.

Einen argen "Rückgang" will Thomas Tschermonegg nicht bemerken: "Bei uns in Graz hält es sich eher konstant beziehungsweise die Waage mit den Jahren zuvor. Aber auch in der Hauptstadt Wien selbst ist eine Neuaufteilung unübersehbar. Im Flex regiert seit Jahren Drum'n'Bass und auch Forelle und Sauna präsentieren starke Formate dieses Genres. Allerdings sucht sich die Jugend hier immer noch Freiräume und neue Möglichkeiten, wie die Unzahl an geplanten (und teils geheimen) Outdoorevents verrät. Dieser Schwung fehlt in den Bundesländern etwas.

Am Ende meinen dann alle Promotoren und Clubbetreiber (die ich gefragt habe) gebetsmühlenartig, dass sich das alles wieder ändern werde, man selbst sei ja in der großen Techno-Ära groß geworden. Für mich als alten Hasen jedenfalls kreisen die Geier merkbar über Techno und House als führende Clubmusik – vor allem außerhalb der Hauptstadt. Die juvenilen Hörer wird es freuen, bis sie alt werden. Und wir? Nehmen einen Zug an unserer Vapor-Pfeife in einer Bar im 7. Bezirk und denken an damals.

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