Tech

Robin-Hood-Hacker raubt Bank aus und schenkt Bitcoin kurdischen Anarchisten

Warum digitale Banküberfälle und Kreditkartenbetrug dem kurdischen Freiheitskampf nützen.
20.5.16
Bild: shutterstock

Der Hacker, der durch die Einbrüche bei den Spionagetech-Herstellern Gamma Group und HackingTeam bekannt wurde, hat erneut zugeschlagen. Phineas Fisher stahl Anfang Mai 10.000 Euro in Bitcoin und schickte sie in die autonome Region Rojava, die kurdische Kämpfer gegen den sogenannten IS verteidigen.

Der Hacker Phineas Fisher, der auch unter den Pseudonymen „Hack Back!" und „@GammaGroupPR" bekannt ist, erklärte, das Geld käme von einem Bankraub; allerdings ließ er im Dunkeln, um welches Finanzinstitut es sich handelte. Dem Blog Ars Technica sagte er, mit der Veröffentlichung des Namens wolle er noch etwas warten, da „noch weitere Beträge auf dem Weg seien." Und denjenigen, „die seinen nächsten Hack nicht erwarten können", ruft Phineas Fisher via Twitter dazu auf, es ihm gleichzutun: „Hack Back!"

Anzeige

Die Beute spendete der Hacker an die kurdische Selbstverwaltung in Rojava, um den Aufbau einer autonomen Kooperativ-Ökonomie zu unterstützen, die, laut Crowdfunding-Website, schon bald wirtschaftlich autark sowie ökologisch nachhaltig sein soll. Mit den Spenden sollen Planierraupen, Luftfilter und Düngemittel finanziert werden.

Tatsächlich listet die Website von Rojava Plan eine Spende von 10.000 Euro von „Hack Back!", und auch die Bitcoin-Adresse der Initiative verzeichnete am 5. Mai einen Zahlungseingang von 29,406 Bitcoins, was in etwa 10.000 Euro entspricht.

Bereits Mitte April erklärte Phineas Fisher in einer Art Hacker-Manifest, was ihn zu seinen Taten motiviert. Auch diesmal war seine antikapitalistische und anarchistische Überzeugung ausschlaggebend dafür, dass er die autonome Region in Rojava mit Geld unterstützen will:

„Sie befinden sich in einer unglaublich schwierigen Situation, mit dem IS auf der einen Seite und der Türkei, die sie angreift und wirtschaftlich isoliert, auf der anderen," so der Hacker gegenüber Ars Technica. „In einem Teil der Welt, auf den der Westen gerne als rückwärtsgewandtes Drecksloch herabschaut, bauen sie eine Gesellschaft auf, die „westliche" Werte wie Demokratie und Feminismus in einer Weise ernst nimmt, dass sich der Westen schämen müsste. Und all das, während sie den IS bekämpfen."

Phineas Fisher wolle durch seine Spende die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese bisher wenig beleuchtete Seite von Rojava lenken, das es bisher vornehmlich dann in internationale Medien schaffte, wenn der Artikel mit einem „heißen Chick mit Knarre" aufmachte. Stattdessen müsse die kurdische Selbstverwaltung als „revolutionäres" Projekt verstanden werden, vergleichbar mit dem Kampf der Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg, den koreanischen Shinmin-Autonomen oder der Zapatista-Bewegung in Mexiko.

Anzeige

Der Hacker, der nicht müde wird öffentlich zu betonen, dass die Hacks nicht seiner persönlichen Bereicherung dienen, sondern ausschließlich eine politische Dimension haben, gab vor einer Weile ein Handbuch für DIY-Hacker heraus, das Gleichgesinnte dazu animieren soll, dem digitalen Kampf gegen das System vom heimischen Laptop aus beizutreten. Hacking-Methoden seien eine weitere Front im Klassenkampf, erklärte Phineas Fisher gegenüber Motherboard. Es sei an der Zeit, „mit den neuen Formen des Kampfes einen Schritt nach vorne zu machen."

Auch die Begründung für seinen Angriff auf das Firmennetzwerk des „Hacking Team" im Juli 2015 lässt seine Tat wie eine Art Robin-Hood-Gedenkhack erscheinen: „Hacking ermöglicht es auch dem Außenseiter, zu kämpfen und zu gewinnen."

Ob Phineas Fisher als digitaler Robin von Loxley taugt, ist zumindest auf Reddit derzeit heftig umstritten. In einem Thread über seinen jüngsten Bank-Hack zerfällt die Reddit-Gemeinde ziemlich eindeutig in (wahre) Fans und (wahre) Hater, und erörtert in epischer Breite, ob es sich bei dem Anarcho-Hacker nun um einen „Held" oder ein „Stück Scheiße" handelt.

Interessanterweise entzündet sich der Rant mancher Redditors nicht etwa daran, dass Fisher seinen digitalen Banküberfall anpreist oder alle anderen dazu aufruft, es ihm gleichzutun (ganz bequem „vom Bett aus mit einem Laptop in den Händen"). Sondern daran, dass er auch „Carding", also Kreditkartenbetrug, als ethisch vertretbare Einkommensquelle für den antikapitalistischen Hacker von heute bewirbt. Obwohl beim Carding zunächst auch „normale Leute" die Opfer wären, würden in letzter Instanz nur die Banken die Zeche zahlen, da sie ihre Kunden bei Kartenbetrug entschädigen müssten.

Der User ShadeofIcarus wendet ein, dass die Rücküberweisung des gestohlenen Geldes eine Weile dauern kann und diese Zeit für die bestohlenen Menschen immer verloren sei: „Dafür gibt es keine Entschädigung." Und ein anderer wirft ein: „Die Robin-Hood-Parallele zerfällt in dem Augenblick, wo er seinen Carding-Kommentar abgibt und wie er das begründet."

In einem nachträglichen Edit seines Posts stellt Phineas Fisher klar, dass Carding nicht der „beste Weg ist, um Geld zu machen". Bankraub sei ohnehin die praktikablere Option.