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those were the days

Ein wehmütiges Farewell an den Anglo-Italian Cup

Der Drittligist Swindon gewann 1969 den League Cup, durfte aber nicht am Europacup teilnehmen. Als „Entschädigung" wurde ein Duell mit dem AS Rom organisiert. Die Geburtsstunde eines Traditionsturniers mit verrücktem Punktemodus.

von Jim Weeks
18 März 2016, 6:35pm

Sollte man AS Rom und Swindon Town jemals in einem Atemzug nennen? Wohl kaum, schließlich hat Swindon 28 Mal den „weltberühmten" Wiltshire Premier Shield gewinnen können, während auf das Konto der Römer gerade mal drei mickrige Serie-A-Titel und neun Coppa-Italia-Siege gehen.

Doch Spaß beiseite. Denn trotz aller Gegensätze gibt es etwas, das die ungleichen Vereine miteinander verbindet: Beide konnten einst den sogenannten Anglo-Italian Cup für sich entscheiden.

Den was? Ja, es gab ihn tatsächlich, den Anglo-Italian Cup (oder Torneo Anglo-Italiano auf Italienisch). Der mittlerweile ausgestorbene englisch-italienische Pokalwettbewerb fand erstmalig 1970 statt. Doch eigentlich begann alles mit zwei Spielen zwischen Swindon und der Roma ein Jahr zuvor. Und ganz eigentlich schon 1967. Aber eins nach dem anderen.

1967 schlugen die damals (und heute eigentlich auch) unbedeutenden Queens Park Rangers den Favoriten West Brom im League-Cup-Finale. Das hätte eigentlich die Qualifikation für den Messestädte-Pokal, den Vorgänger des UEFA-Pokals, bedeutet. Doch zur damaligen Zeit durften nur erstklassige Mannschaften an dem Wettbewerb teilnehmen, weswegen die Rangers leer ausgingen.

Dasselbe Problem wiederholte sich 1969. Im Endspiel des League Cups verlor Arsenal mit 1:3 gegen den drittklassigen Verein Swindon Town. Dieses Mal dachte man sich eine Alternativlösung aus. Um den unglücklichen Underdog irgendwie zu entschädigen, wurde ein Duell über Hin- und Rückspiel zwischen Swindon und dem Coppa-Italia-Sieger AS Rom organisiert. Und das konnte das englische Team erneut entgegen aller Erwartungen für sich entscheiden, und zwar überdeutlich. Nach beiden Spielen hieß es 5:2 für den krassen Außenseiter. Im heimischen County Ground konnte man die Roma sogar mit 4:0 vom Platz fegen. Bei den Italienern spielte übrigens ein gewisser Fabio Capello—der spätere Trainer der englischen Nationalmannschaft—mit. Der gute Fabio hätte die Klatsche als schlechtes Omen für ein Engagement bei den Three Lions verstehen sollen.

Die beiden Spiele kamen so gut bei den Fans an—und das Ergebnis war so überraschend—, dass sie zur Gründung des Anglo-Italian Cup führten. Zwischen 1970 und 1996 gab es dieses eigentümliche Turnier mit einigen Unterbrechungen und in verschiedenen Ausführungen fast jedes Jahr. Bis vor fast genau 20 Jahren Schluss war.

Eine der größten Attraktionen im Fußball ist seine unfassbare Einfachheit. Doch das sahen die Organisatoren des Anglo-Italian Cup (leider) etwas anders. Für die erste Ausgabe wurden die Teams in drei Gruppen à vier Mannschaften (jeweils zwei italienische und zwei englische) gesteckt. Dann spielte man gegen seine Gruppengegner—aber nur gegen die aus dem jeweils anderen Land—im Hin- und Rückspiel. Für einen Sieg gab es zwei Punkte, für ein Unentschieden und für jedes geschossene Tor jeweils einen. Anhand dieser kruden Punkteverteilung wurden eine italienische und eine englische „Tabelle" ausgerechnet, die beiden Gewinner traten im großen Finale gegeneinander an.

Im allerersten Finale standen sich Napoli und—wer sonst?—Swindon gegenüber. Gespielt wurde im Stadio San Paolo in Neapel, jedoch nicht über 90 Minuten. Schuld daran war das, was auch 26 Jahre später maßgeblich zur endgültigen Auflösung des Turniers beitragen sollte: Fan-Ausschreitungen. Denn als der Underdog von der Insel in der 60. Minute das 3:0 schoss, rasteten die Napoli-Fans komplett aus. Es flogen Steine und Flaschen. Eine traf sogar den Linienrichter. Das Spiel wurde abgebrochen und Swindon zum Sieger erklärt.

Trotz des unrühmlichen Endes wurde das Format beibehalten. 1971 schlug Blackpool Bologna mit 2:1, ein Jahr später konnte Rom seine Ehre wiederherstellen, indem man Blackpool mit 3:1 besiegte. 1973 holte Newcastle mit seinem 2:1-Sieg gegen Fiorentina den Pott zurück auf die Insel.

Foto: Footysphere

Doch mittlerweile war das Interesse an dem eigentümlichen Turnier deutlich gesunken. Darum gab es 1974 keine weitere Ausgabe. 1976 wurde es doch wieder ins Leben gerufen, dieses Mal aber als semiprofessionelles Turnier. Darum hießen die ersten Finalgegner nach Wiedereinführung auch Monza (besser bekannt für seine Formel-1-Rennstrecke) und Wimbledon (besser bekannt für seine Tennisanlage). In den folgenden zehn Jahren sollten die italienischen Mannschaften bis auf das Jahr 1979 stets die Oberhand behalten. Mittlerweile hatte man auch den Turniermodus dergestalt verändert, dass im Finale zwei Mannschaften aus demselben Land gegeneinander antreten konnten. Genau das war zwischen 1983 und 1986 der Fall, als ausschließlich italienische Mannschaften im Endspiel standen und das Wort Anglo in Anglo-Italian Cup eigentlich hinfällig wurde. Anschließend wurde das Turnier erneut eingemottet.

Doch was schon einmal wiederauferstanden ist, konnte das natürlich auch ein zweites Mal wuppen. 1992 war es dann so weit. Geholfen hat dabei die Tatsache, dass die englischen Mannschaften nach der Sperre im Zuge der Katastrophe von Heysel wieder am Europapokal teilnehmen durften. Das machte den Full Members Cup—der als Ersatzveranstaltung für englische Erst- und Zweitligisten ins Leben gerufen worden war—für Liverpool und Co. logischerweise hinfällig. Nur die Zweitligisten hatten jetzt eine mögliche Trophäe weniger, darum hat man sie einfach im Anglo-Italian Cup antreten lassen.

Das Ganze ging einige Jahre gut, bis dann 1996 endgültig—also endgültig—Schluss war. Die beiden Ligen konnten sich nicht mehr auf einen Termin für die Spiele einigen. Außerdem war es wieder vermehrt zu Ausschreitungen gekommen.

Und was macht den Abschied jetzt wehmütig? Die bloße Tatsache, dass man damals für die Kleinen im Fußball einen eigenen Wettbewerb geschaffen hat. In Zeiten von kapitalismusgesteuerten, neoliberalen Super-League-Hirngespinsten klingt das fast schon nach paradiesischen Zuständen.