Satire

Lieber Handball, du machst es einem nicht leicht, dein Fan zu sein

Wir sind Europameister. Doch Fußball ist und bleibt König, Football scheint dir das Wasser abzugraben und jetzt streamt noch ein Kreditinstitut die WM? Was läuft immer noch schief? Eine fast ernstgemeinte Analyse.
11.1.17
Foto: Imago

Das Jahr 2016 war ohne Zweifel das erfolgreichste Jahr für dich, den deutschen Handball, seit der Weltmeisterschaft 2007. Europameister mit einer Mannschaft aus echten Typen, die man im Fußball so bitterlich vermisst. Dazu Bronze bei Olympia, man fühlt sich für die bitteren Jahre der verpassten Zwischenrunden und Spiele um Platz 7 belohnt. Es läuft also alles perfekt? Nein. Auf dem Weg zurück zur echten Volkssportart hast du noch einiges zu tun. Fußball ist und bleibt König, doch Football scheint dir das Wasser abzugraben und jetzt wird noch nicht mal die WM im Fernsehen gezeigt? Bei der Frage, warum der Fußball populärer ist, werden Zuschauerzahlen verglichen und Mitgliederstatistiken betrachtet, aber die entscheidenden Gründe wurden bisher nicht beachtet. Gott sei Dank haben wir das getan. Eine fast ernstgemeinte Analyse:

Die Klatschpappisierung der Mehrzweckhallen muss aufhören

Von Lemgo bis Flensburg, von Gummersbach bis Leipzig, überall puttet man die Hands in the Air und patscht debil den Klatschpappensirtaki. Selbst Menschen, die nicht an Verschwörungstheorien glauben, muss dieser einheitliche Sturm aus Scheißmusik, der da allwöchentlich durch die Mehrzweckhallen der Nation schallt, komisch vorkommen. Unten auf dem Parkett geben 14 testosterongeladene Schränke alles und aus den Hallenboxen dröhnt feinster Ballermann-Techno, also quasi wie im Bierkönig.

Akkurater wird's nicht mehr; Foto: Imago

Sicherlich gibt es auch beim Fußball eine respektable Menge an Fans, deren Musikgeschmack sich irgendwo im diabolischen Dreieck zwischen DJ Ötzi, Eiffel 65 und Max Giesinger befindet, beim Handball fallen diese aber weitaus mehr auf. In den Fußballstadien geben Gesänge den Ton an und diese sind—den Fanclub der Deutschen Nationalmannschaft mal ausgenommen—glücklicherweise nicht durchchoreografiert wie beim Let's Danceschen Showtanz.

Kein Königreich für einen Erfolgsfan

In deinem Aushängeschild, der Handball-Bundesliga, gewinnt dein über Jahrzehnte mit bajuwarischer Dominanz agierender THW aus Kiel auch nicht mehr jedes Spiel. Wie willst du da eine ernstzunehmende Masse an Erfolgsfans generieren? Selbst beim offiziellen Indikator für werbeträchtige Sportarten, dem Mateschitz-Index, schaust du in die Röhre. Fußball, Formel 1, Eishockey und sogar bei den Wildwasserkajaks gibt es eine rotbullige Dependance. Und bei dir? Nichts. Zudem bietest du einfach zu wenig verwertbaren Diskussionsstoff. Oliver Roggisch ließ sich nach Fouls lieber das halbe Gesicht wieder zusammentackern, anstatt theatralisch zu Boden zu gehen oder gar werneresk abzuheben.

Selbst in Sachen Korruption lässt es die FIFA in den letzten Jahren deutlich mehr krachen als dein Dachverband, die IHF. Für eine echte Weiterentwicklung brauchst du definitiv mehr Vorhersehbarkeit, Theatralik und doch—bitteschön—mal wieder einen handfesten Verbandsskandal.

TV Wars—Eine neue Hoffnung

Nur in Sachen Übertragungsrechte machst du dem großen runden Leder echt noch was vor. Man stelle sich das mal beim Fußball vor: Bis kurz vor Beginn der WM waren keine TV-Rechte vergeben und jetzt macht es ein Kreditinstitut. Immerhin. Die Handball-Fans sind erleichtert, der Sponsor feiert mit Recht seinen Werbecoup und die TV-Sender stehen blöd da. Na gut, da haben wir einen der angesprochenen Großsponsoren. Aber muss man jetzt einheitlich Applaus klatschen und dem Werbepartner für diese organisatorische Leistung danken? Kann so überhaupt eine sportlich neutrale Berichterstattung gewährleistet werden oder steht am Ende nicht doch immer der Werbezweck im Raum? Und beschweren sich unzufriedene Zuschauer, in Anbetracht der Übertragung durch eine Bank, jetzt eigentlich mit „…UND DAFÜR ZAHLE ICH KONTOFÜHRUNGSGEBÜHREN?!!!!!???" Lieber Handball, du machst es einem manchmal nicht leicht, dein Fan zu sein.