Anzeige
kloppomania

Der Hype um King Klopp

Jürgen Klopp wird in Liverpool schon jetzt wie der neue Messias gefeiert. Doch genau diese Kloppomania, samt der immensen Erwartungshaltung bei den Fans, könnte schon bald zu seinem schwersten Gegner werden.

von Benedikt Niessen
12 Oktober 2015, 12:15pm

Imago/Sportimage

Während sich einige Deutsche noch als Weltmeister selbst auf die Schulter klopfen und voller Hingabe die eingerahmte „Wir sind Papst"-Bild-Titelseite im Wohnzimmer entstauben, rastet aktuell ganz England—ach was, eigentlich das ganze Internet—wegen eines Jungen aus dem Schwarzwald aus. Jürgen Klopp, den die meisten Menschen nur noch als „The Normal One" kennen, sorgt für einen Hype irgendwo zwischen dem Serienfinale von Breaking Bad und dem königlichen Kind von William und Kate.

Obwohl King Klopp erst seit einigen Tagen in der Stadt ist, warten die Menschen aus Liverpool auf diese heilige Erlösung schon länger als neun Monate oder fünf lächerliche Staffeln. Es scheint fast so, als ob Jürgen Klopp nur für diesen Job geschaffen wurde. Sein grandioser Aufstieg in Mainz und sein glorreiches Wunderwerk in Dortmund wirken wie biedere Randnotizen vor dem eigentlichen Aufstieg zum Himmel.

Klopp ist omnipräsent. Die englischen Medien übertreffen sich mit Superlativen und Beweihräucherung für den 48-Jährigen. Es ist von einem „historischen Tag an der Anfield" die Rede. „Glorreiche Zeiten" und „Vollgas-Fußball" soll der Messias den Reds bringen. Der Guardian spricht gar von einer „Modernisierungskraft" für die Premier League „vom Schlag von Arsène Wenger". Und all das, was wir im letzten Jahrzehnt von Klopp mühsam sammeln durften, wird auf der Insel gerade wild übersetzt, um alle Leser mit wirklich jedem Detail vollzuscheißen. Seine Transfers, seine Zitate, seine Jubelsprünge—Listenjournalismus von seiner besten Seite. Klopp scheint als Regenmann die vernieselte Insel mit seinem unwiderstehlichen Charisma zu unterwerfen.

Neben diversen Livetickern, die bis heute stetig Informationen über The Normal One ausspucken, huldigen auch Ex-Profis und die Fanschar der Reds dem Retter aller Retter. So sollen allein 35.000 Menschen für Klopp auf einem roten Punkt geglotzt haben und seinen Privatjet auf dem Weg nach Liverpool gestalkt haben. Ganz abgesehen davon, dass gefühlt jeder Mensch in ganz Liverpool mit „Klopp of the Kop" schon ein Selfie gemacht hat. Für die Medien ein Zeichen, dass Klopp ein Mann des Volkes ist.

Interviews, Videos, ein eigenes Hashtag—der Hype um King Klopp wurde vor allem von den cleveren Mediengurus des FC Liverpool initiiert. Die Presse verbreitete das Material des Vereins und verkündete die vorgefertigte frohe Botschaft. Die Tinte auf seinem Vertrag war noch nicht ganz trocken und Klopps neuer Name, „The Normal One", war gerade erst geschaffen, schon konnten die Fans des FC Liverpool Tassen, Shirts oder Wimpel von Klopp im Onlineshop kaufen. Der Retter Jürgen und das Prinzip Hoffnung—die gescholtenen Fans der Reds und auch die Journalisten nahmen es vom Verein dankbar an. Und genau da liegt das Problem.

Klopp kann dem Kult um seine Person kaum gerecht werden. Seine Sympathiewerte auf der Insel kommen schon jetzt an die von Kim Jong Un in Nordkorea heran, dabei spielte Klopps Mannschaft noch keine einzige Spielminute. Der FC Liverpool lechzt nach neuen Titeln und nach einer Bedeutung in der Fußballwelt, die der Tradition des Vereins gerecht wird. Trotz der eher dürftigen sportlichen Auftritte in den letzten Jahren ist der Verein laut Wirtschaftsmagazin Forbes immer noch auf dem achten Platz der wertvollsten Vereine der Welt. Ob die Millionen Fans in Asien und Australien oder die lokalen Medien, die Erwartungshaltung ist riesig.

Klopp ruhte nur vier Monate und wird es extrem schwer haben, in England Fuß zu fassen. Sein Schritt ist bestimmt wohlüberlegt, doch ist er ziemlich kurzfristig. Er kommt in eine neue Liga und übernimmt eine fremde Mannschaft mitten in einer noch jungen Saison. Sein Englisch scheint zwar wesentlich verbessert, doch muss er sich im dialektreichen Norden Englands noch akklimatisieren. Doch gerade seine rhetorischen und sprachlichen Fähigkeiten sind schon jetzt gefragt. Davon lebt Klopp wie fast kein anderer Trainer im Umgang mit Spielern und Medien. Aber was ist, wenn der lockere Kloppo mal verliert oder der Motivator mal verzweifelt?

Durch seinen fulminanten Einstieg in England und seine charmante Art kann Klopp seinem Hype kaum gerecht werden. Auch er weiß, dass er Zeit braucht und die Stimmungslage schnell umschwenken kann. Auch die englischen Fans und Medien werden irgendwann den Klopp kennenlernen, der nach Niederlagen auf Reporterfragen genervt reagiert oder den vierten Offiziellen im Eifer des Gefechts anschreit. Die englische Medienlandschaft ist hart. Die Vereine kapseln sich total ab und sind praktisch nur an den Spieltagen für die Medien erreichbar. Läuft es schlecht, wird die öffentliche Meinung von den Redaktionen englischer Medienhäuser bestimmt. Die sind anders als in Deutschland knüppelhart, plakativ und hauen auch mal Halbwahrheiten heraus.

ManU-Legende Peter Schmeichel hielt Klopp schon mal seinen ersten Fehler vor, weil der bei seiner Vorstellung sagte, dass er in vier Jahren mindestens einen Titel holen wolle: „Erster Fehler? Andere haben dasselbe Versprechen gemacht. Es ist nicht so einfach, Herr Klopp." Der richtige Hype—ob negativ oder positiv—wird erst am nächsten Wochenendende beginnen, denn die Zukunft eines Trainers wird von Punkten und Tabellenplätzen entschieden.

Folgt Benedikt bei Twitter: @BeneNie