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Die Geschichte des Synthesizers, der Pop für immer veränderte

Ohne ihn würden 80ies Pop, Chicago House, Rave und ja, selbst moderner HipHop und Indie, ganz anders klingen.
2.6.16

Foto: glacial23 (CC BY-SA 2.0). Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP UK erschienen.

John Foxx hatte einen—genau wie a-ha, Billy Idol, Berlin, Eurythmics und Yazoo. Nein, wir reden hier nicht von einem Haarsprayverbrauch, der gleich mehrere Ozonschichten zerstört hat, sondern von etwas Anderem, das ähnlich typisch für die 80er war: ein polyphoner Synthesizer. Und zwar genau jenes Instrument, das gerade in den letzten paar Jahren bei Indie- und Electro-Bands eine Art Revival erlebt hat. Wir reden vom Roland Juno-60. Ohne ihn wäre die Pop-Musik heute eine andere.

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Die Geräte sind momentan derartig beliebt, dass du dafür bei eBay schon mindestens einen Tausender hinblättern musst. Überleg mal, was du für Unmengen an sinnlosem Ramsch bei eBay dafür kaufen kannst! Aber anstatt einen Karton voller Stella Artois T-Shirts und einen Stapel alter MAD-Hefte irgendwo in deinem Zimmer unterbringen zu müssen, besitzt du jetzt einen Roland Juno-60—den heimlichen Held der elektronischen Musik. In einer Welt, die total besessen von allem Digitalen ist, gilt der Juno-60 als Relikt einer analogen Vergangenheit, das bis heute von Bands und Künstlern genutzt wird.

Bevor wir uns aber eingehend damit beschäftigen, warum das vielleicht so ist, gibt es erst mal eine kleine Geschichtsstunde:

Roland produzierte den Juno-60 Anfang der 80er für gerade einmal drei Jahre. Das Gerät wurde als kostengünstige Alternative zu anderen Analog-Synthesizern angepriesen, die damals auf dem Markt waren, und genau dieser Umstand machte das Gerät dann auch bei der breiten Masse so beliebt.

Roland lieferte sich damals mit dem Vorgängermodell—dem Juno-6—ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Korg Polysix. Korg sollte die Schlacht allerdings gewinnen. Und so musste Roland dagegenhalten.

Also ergänzten sie die Hardware um einen größeren Speicher und bessere Programmierungs-Werkzeuge—der Juno-60 war geboren. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen dem 6 und 60 war ein größerer RAM-Speicher, auf dem man 56 programmierte Sounds abspeichern konnte. Auch wenn sie quasi identisch sind—vorausgesetzt, dass du Keyboard spielen kannst—ist der warme Klang etwas, das digitale Synthesizer nicht hinbekommen. Es handelt sich quasi um ein handgemachtes Instrument, vollgestopft mit Kondensatoren, Widerständen und wirklich abgefahrenen Effekten.

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Da aber alles Gute irgendwann ein Ende hat, wurde die Produktion des Juno-60 Ende Februar 1984 eingestellt, um Platz für den Juno-106 zu machen.

30 Jahre später ist aus dem Instrument allerdings einer der beliebtesten Synthesizer für moderne Bands geworden, die es auf einen einzigartigen Analogsound abgesehen haben. Zu den Fans gehören alle von Oneohtrix Point Never über Nils Frahm bis hin zu Tyler, the Creator, von Animal Collective bis hin zu Neon Indian. Warum ist das Gerät bei Musikern so beliebt? Wir haben ein paar Menschen danach gefragt, was der Juno-60 für einen Stellenwert bei ihnen hat und wie sehr sie auf den Synthesizer angewiesen sind.

Joseph Mount, Frontmann und Songwriter von Metronomy, gehört zu denjenigen, die total von 80er Synths besessen sind. Bei ihm war es die bahnbrechende Synthband Late Of The Pier, die ihn auf das Gerät aufmerksam machte: „Wenn er für sie gut genug war, dann war er auch für uns gut genug." Bis vor Kurzem handelte es sich bei dem Instrument noch um einen vergleichsweise erschwinglichen Synthesizer und genau aus diesem Grund war die Verwendung des Junos auch so sinnvoll. Wodurch zeichnen sich jetzt aber die vermeintlich zeitlosen Qualitäten des Instruments aus?

„Der erste, den wir gekauft haben, hat 400 Britische Pfund inklusive Flight-Case gekostet!", erklärt Joseph. „Ich fand das eigentlich ziemlich teuer, aber dann habe ich mir überlegt, dass allein das Flight-Case 80 bis 90 Pfund wert ist. Wir brauchten etwas, mit dem wir Touren konnten, das wandlungsfähig war und auf dem man Presets speichern konnte. Der Juno-60 war die einzige vernünftige Option. Er ist immer noch ein großartiges Keyboard für tourende Bands, aber wirklich billig ist er heute nicht mehr. Ich kann mir vorstellen, dass wir auch ein paar Bands dazu gebracht haben, sich einen zu besorgen."

Joseph sagt weiter, dass in Bezug auf analoge Instrumente im Allgemeinen, „solche Synthesizer heute nicht mehr hergestellt werden." Und am Beispiel des neuen Metronomy-Albums, das im Juli erscheinen wird, erklärt Mount, wie viel sie dem Juno-60 schuldig sind:

„Er ist sehr wichtig. Auf dem neuen Album wollte ich unbedingt ein paar moderne Synthesizer verwenden—einfach um den Songs einen modernen Sound zu verpassen—, aber am Ende bin ich doch wieder bei den alten gelandet, inklusive dem Juno. Das hat mit ‚Raum' in einem Track zu tun—die neuen Synthesizer passen nie wirklich gut neben die ‚echten' Instrumente. Die alten fügen sich da viel besser ein. Du musst einfach nur eins der modernen Äquivalente ausprobieren, um zu merken, wie leer sie klingen. Dazu musst du auch kein Technikfreak oder Musiknerd sein: Mein Vater kann dir auch sagen, dass die analogen Geräte besser klingen. Die meisten Neuen sind nicht analog."

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Claire Harrison von The Sterling Roswell Band ist so etwas wie eine Synthesizer-Expertin. Sie hat schon alle möglichen Synthesizer und Keyboards in verschiedenen Bands gespielt und beschreibt den Juno-60 als „den 80ies Synthesizer." Der Juno spielte in ihren Augen auch eine wichtige Rolle dabei, den einzigartigen Sound des frühen Chicago-House zu prägen. „In den Dream-Sounds und musikalischen Texturen der polyphonen Klänge kann man sich unendlich verlieren!", begeistert sich Clair. „Blechbläser, Streichinstrumente, Orgeln, Bässe, ausdrucksstark, satt, Arpeggios, erdig … Er hat außerdem einen großartigen Einstellungsspeicher und einen einfachen und wunderschönen Arpeggiator. Er verfügt auch über die klassischen Roland-Analog-Hochpass- und Tiefpass-Filter, die diese warmen Texturen formen die man auch im Roland Jupiter 8 und Jupiter 6 findet. Der Sub-Oscilator und der analoge Chorus schicken dich außerdem mit minimalem Aufwand in den Pad-Himmel."

Warum ist der Roland Juno-60 also so beliebt bei Musikern—damals und heute?

„Er ist ein großartiger Synthesizer", sagt Claire. „Er ist einfach zu bedienen und programmieren und erzeugt diese unfassbar warmen, zeitlosen und kraftvollen Analogsounds. Ich habe Freunde, die noch immer ihr Modell haben, das sie fabrikneu in den 80ern gekauft haben und das noch immer tadellos funktioniert! Letztendlich ist quasi garantiert, dass du immer einen tollen Klang aus dem Gerät bekommst. Der Roland Juno-60 hat sich trotz all seiner Einschränkungen als zeitloses Instrument und klangliche Ausnahmeerscheinung bewiesen. Also ernsthaft, wer hat noch nicht zu The Cure getanzt und zu der Synthspur wie dem Text mitgesungen?"

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Kurz gesagt, Menschen wie Joseph Mount und Claire Harrison—und mit ihnen viele andere Musiker—lieben den Juno-60 für seine Einfachheit, Verlässlichkeit und seinen günstigen Preis. Auch wenn sich Technologie im ständigen Fortschritt befindet, so gibt es doch ein paar Dinge, die zeitlos bleiben. In einer zunehmend durchdigitalisierten Welt ist es am Ende ein Analogsynthesizer, der das Maß aller Dinge ist.

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