Wir erklären euch die politische Lage in Deutschland anhand von Karnevalswagen

Irgendwie besorgt, irgendwie erleichtert: Das ist Deutschland im Februar.

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27 Februar 2017, 2:22pm

Nein, beim Karneval geht es nicht nur darum, sich als Asterix zu verkleiden, richtig besoffen zu sein und dann zu schrecklicher Musik Sex mit jemandem in einer Clearasil-Flaschen-Verkleidung zu haben – obwohl das eigentlich schon völlig ausreichen müsste, um jeden zu überzeugen, wie richtig und wichtig diese Tradition ist.

Aber der Karneval hat noch mehr zu bieten: Er funktioniert nämlich auch als ein ziemlich gutes Barometer für die politische Stimmung im Land. Und zwar über die Karnevalswagen. Jedes Jahr liefern Köln, Düsseldorf, Mainz und andere Städte einen gnadenlosen Wettkampf um den scharfsinnigsten Kommentar zur aktuellen Lage (so scharfsinnig, wie ein tonnenschweres Pappmaché-Monstrum, das stundenlang durch die Stadt fährt, eben sein kann). Das Ergebnis: ein ziemlich guter Überblick darüber, was die Deutschen zur Zeit beschäftigt. Wir haben das für euch aufgedröselt:

Wo bleibt der Schulzzug?

Merkel als hilfloser, riesiger Marienkäfer auf dem Rücken, Schulz als Biene und Seehofer als Spinne. Ein Karnevalswagen, der die Situation der deutschen Spitzenpolitik im Moment ganz gut trifft. Merkel, nach zwölf Jahren Kanzlerschaft zwar sehr mächtig, aber nicht mehr besonders agil, gejagt von der flinken Biene Schulz. Seit Martin Schulz am 24. Januar von Noch-Parteichef Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat vorgeschlagen wurde, traten über 6.500 Menschen allein online der SPD bei, erzählt ein Sprecher gegenüber VICE. Schulz, ein Neuling in der Bundespolitik, ehemals Bürgermeister in der 40.000-Einwohner-Stadt Würselen in NRW, ab 1994 Mitglied des Europaparlaments, von 2012 bis 2017 dessen Präsident. Er will unter anderem die Homo-Ehe einführen, und dass Menschen länger Arbeitslosengeld und erst später Hartz IV bekommen – also eine Korrektur von Schröders Agenda 2010.

Auf Reddit dampfte der Schulzzug los, der mit hoher Energie ins Kanzleramt düsen soll. In den letzten Wochen ist er von Reddit – dort halb ironisch gestartet – weiter in die Realität gedüst. In der SPD grüßen sich die Parteimitglieder mittlerweile mit "Schu Schu", dem Geräusch des Schulzzugs. In den Umfragewerten des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap liegt die SPD Ende Februar erstmals seit 2006 vor der CDU. Um einen Schulzzug für den Karnevalsumzug zu bauen, hätte die Zeit aber wahrscheinlich gar nicht mehr gereicht. Für einen Karnevalswagen brauchen die Bühnenplastiker Tage bis Wochen, eine Menge Planung und Unmengen an Styropor. Für heute also bleibt Schulz in Köln die Biene:

Die Neonazi-Trolle auf dem Würzburger Umzug

Würzburg ist eine der wenigen Städte außerhalb des Rheinlands, die Karneval richtig ernst nehmen (auch wenn sie es hier "Fasching" nennen). Den Würzburger Faschingsumzug, der am Samstag durch die Stadt ging, haben deshalb wohl an die 100.000 Zuschauer gesehen.

Umso peinlicher, dass eine kleine Gruppe von Neonazis der Partei "Der III. Weg" es geschafft hat, sich in den Festzug zu schmuggeln. Bis auf einen mit Angela-Merkel-Maske hatten die Männer sich allesamt tiefschwarz geschminkt und riefen "Give me my money!", um rassistische Klischees gegen Flüchtlinge zu bedienen. Zwei von ihnen trugen außerdem ein Transparent mit der Aufschrift "Wir wissen genau abschieben wird uns keine Sau!". Weil der Festzug live im BR übertragen wurde, war die Aktion gute 30 Sekunden im Fernsehen zu sehen. Ob es dafür Konsequenzen geben wird, ist noch unklar, berichtet der Blog Würzburgerleben.

Aber hey, Rassismus hat auf dem Fasching irgendwie auch Tradition: Das zeigt zum Beispiel die Debatte in Niederbayern, wo die Veranstalter einer Benefiz-Gala für Afrika nicht so richtig verstehen, warum sie ihre Party auf einmal nicht mehr "Negerball" nennen sollen – schließlich heißt er da schon seit 40 Jahren so. Die gerade eingesetzte Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen, die jetzt zum ersten Mal Rassismus gegen schwarze Menschen in Deutschland untersuchen wird, wird alle Hände voll zu tun haben.

Trump als Vergewaltiger, Trump geköpft und alle wollen Trump-Perücken – überall Trump

Seit Wochen reißen die Leute den Perückenmachern die Kunststoff-Trump-Toupets aus den Händen. Drei der rund 35 Mitarbeiter in dem oberfränkischen Laden Festartikel Müller sind etwa permanent damit beschäftigt, güldene Strähnen auf die Hauben zu kleben.

Trump ist omnipräsent. Die einen haben Angst, dass unter ihm die Nato zerfällt und unsere gewohnte Weltordnung mit dem großen Bruder Amerika auseinanderfällt; die anderen schauen einfach lustige Videos mit ihm an.

Die Wagen zeigen Trump: als Vergewaltiger der Freiheit(sstatue); als Schulkind, neben dem niemand sitzen will, und als geköpften Mann. Da die Fehlentwicklungen in der internationalen Politik zurzeit besonders dramatisch seien, müssten auch die Wagen besonders "gepfeffert" ausfallen, sagte der Wagenbauer Jacques Tilly im WDR-Hörfunk. Warum Trumps erste Wochen Amtszeit uns um die Freiheit und Toleranz fürchten lassen, die wir für selbstverständlich hielten, schreiben wir und viele andere immer wieder.

Dass zwar die Wagen ein Zeichen gegen Trump setzen, viele Faschingsbesucher es aber offensichtlich lustig finden, mit Trump-Toupets zu saufen, zeigt vielleicht einen Teil des Problems.

Fazit

Letztes Jahr hatten vor allem zwei Themen die Karnevalswagen beherrscht: Terror und Flüchtlinge. Dieses Jahr ist das ziemlich vorbei: Bis auf die Neonazis, die immer noch ein bisschen hinterherhinken, interessiert sich eigentlich keiner mehr für das Thema Flüchtlinge.

Stattdessen beherrscht ein Thema diesen Karneval: Wer soll uns anführen? Die ganzen Trump-Wagen zeigen, dass niemand hierzulande Bock auf durchgedrehte Machos hat – der US-Präsident ist so ziemlich das abschreckendste Beispiel, das man sich ausdenken kann.

Und die zahlreichen Schulz-gegen-Merkel-Motive zeigen vor allem eins: Die Erleichterung, dass es dieses Mal wieder einen richtigen Wahlkampf geben wird. Bevor Schulz ins Rennen kam, hatten wir eigentlich nur die Wahl, ob wir uns von Merkel langweilen oder von der AfD trollen lassen. Schulz mischt die Show ein bisschen auf – und nicht nur auf dem Karneval ist man ihm dafür dankbar.

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