Popkultur

Ein Psychopath erklärt uns, wie wir am besten mit Zurückweisung klarkommen

Dr. James Fallon schafft es, die Schmerzen einer Abfuhr gar nicht an sich rankommen zu lassen. Wir haben ihn gefragt, ob und wie man das lernen kann.
7.2.17
Foto: bereitgestellt von Dr. James Fallon

Vor Kurzem hatte ich ein Date mit einer hübschen und klugen jungen Frau. Sie lachte zwar über alle meine Witze, antwortete danach aber nie wieder auf meine Nachrichten. Dabei dachte ich nach der Verabredung, dass ich alles richtig gemacht hatte. Damit lag ich wohl falsch. Wer weiß, was in dem Kopf der Dame wirklich vorging.

Zurückweisung ist scheiße. Wenn das Telefon nicht klingelt, die Einladung ausbleibt oder du aus einer Gruppe ausgeschlossen wirst, fühlst du dich automatisch schlecht oder verletzt. Das trifft jedoch nicht auf alle Menschen zu. Psychopathen ist es nämlich egal, was andere Leute denken. Deswegen habe ich auch einen solchen Menschen nach Rat gefragt.

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Dr. James Fallon arbeitet als Neurowissenschaftler an der University of California. 2006 beschäftigte er sich mit den Hirnstrukturen von Serienmördern und fand dabei heraus, dass sein eigenes Gehirn in dieses Profil passte. Sein soziales Umfeld hatte dies schon lange vermutet.

Als ich davon las, wusste ich sofort, meinen perfekten Ansprechpartner gefunden zu haben. James gilt als "sozial eingestellter" Psychopath. In anderen Worten: Er ist empathisch genug, um verheiratet zu sein und Freunde zu haben, aber die uns allen bekannten Sorgen und Schmerzen sind ihm fremd. Wie schafft es James also, Zurückweisung gar nicht erst an sich ranzulassen? Und kann ich das ebenfalls erlernen?


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VICE: Hi James. Wie fühlt sich Zurückweisung für dich an?
Dr. James Fallon: Völlig OK. Laut meinen beiden Psychiatern ist mein größtes Problem, dass mir alles egal ist. Und das stimmt auch.

Warum ist dir alles egal?
Ich weiß eben, dass ich alles tun kann und immer etwas Besseres kommen wird. Einen Großteil macht auch meine extreme Selbstsicherheit aus.

Als Wissenschaftler dreht sich mein ganzes Leben um Wahrscheinlichkeiten und Prozentzahlen. Wenn ich zum Beispiel denke, dass die Chancen 20 zu 1 gegen mich stehen, dann überlege ich mir 20 verschiedene Ansätze, um wirklich das zu bekommen, was ich will. Damit trainiere ich gleichzeitig meine Erwartungshaltung. Wenn die Chancen 20 zu 1 stehen und ich es nur einmal versuche, dann kann ich auch nicht sauer sein, wenn es nicht klappt.

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Meine Studenten sollen genauso denken. Ich sage ihnen immer: "In Bezug auf Erfolg und Scheitern gibt es drei Optionen: die Sachen, die immer klappen, die Sachen mit mittlerem Risiko und die Sachen mit großem Risiko aber auch hohem Ertrag." Meiner Meinung nach sollte man das ganze Leben so angehen.

Eine sehr nüchterne Denkweise. Du bist dafür aber auch anfälliger, oder?
Das stimmt. Eine der Schlüsselregionen des Gehirns für Sorgen und Angst ist der mittlere cinguläre Kortex. Zwar ist nicht ganz sicher, ob dieser Hirnteil auch bei Zurückweisungen aktiv wird, aber ich gehe stark davon aus. In Versuchen ist dieser Bereich des Gehirns bei mir nämlich "abgeschaltet".

Dein Gehirn ist also gar nicht in der Lage, Zurückweisung zu fühlen?
Ja. Oder sagen wir es so: Ich fühle viel weniger Zurückweisung als der Durchschnitt. Meine Schaltkreise laufen auf Sparflamme. Das ist wohl genetisch bedingt. Und in Sachen Genetik bei dieser Gehirnregion ist noch nicht viel bekannt. Bei Menschen mit sehr aktivem cingulärem Kortex ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung allerdings keine Seltenheit. Diese Menschen fühlen sich die ganze Zeit verletzt und zurückgewiesen.

Kann man diesen Bereich des Gehirns manipulieren?
Letztes Jahr hat eine Studie gezeigt, dass eine Droge diesen Hirnteil abschaltet. Bei einem Experiment mit Krebspatienten, die Angst vor dem Tod und der Leere danach hatten, ging diese Angst nach der Einnahme von Psilocybin weg.

Psilocybin wie bei Magic Mushrooms?
Genau. Der Studie zufolge hilft Psilocybin gegen viele Arten von psychischen Schmerzen. Ich glaube, dass das Psychedelikum dann auch gegen das negative Gefühl einer sozialen Abweisung wirkt.

Ich denke mal, dass ein gesundes Selbstbewusstsein eine realistischere Lösung darstellt. Wie hast du deine überschäumende Selbstsicherheit entwickelt?
Wenn ich etwas will, dann bekomme ich es auch fast immer. Bei mir beruht das Ganze also auf meinen Erfahrungen. Als Kind hatte ich noch nicht das Gefühl, alles schaffen zu können. Das kam erst im Teenageralter und wurde durch mein damaliges gutes Aussehen, meine Sportlichkeit, meinen witzigen Charakter und meine Klugheit begünstigt. Ich konnte quasi alle Puzzlestücke zusammensetzen und meinen Willen durchsetzen.

Hast du noch einen letzten Ratschlag für die Leser dieses Artikels?
Ich frage mich bei Zurückweisung und Abfuhren immer, warum das jetzt passiert ist – und nie, warum ich es nicht wert war. Habe ich auf die falsche Person abgezielt? Oder bin ich die Sache falsch angegangen? Es gibt immer eine bessere Herangehensweise. Und man muss erkennen können, wann man auf das falsche Pferd setzt. Mehr gibt es da nicht zu sagen. Wenn ich abgewiesen werden, dann verschwende ich gar keine Zeit mit negativen Gedanken, sondern mache mich sofort an die Lösung des Problems.

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