FYI.

This story is over 5 years old.

Words

Missklang und Krach, Terror und Horror, Vinyl und pure Kakophonie

Das Duo Vinyl Terror & Horror bearbeitet Schallplatten auf atemberaubende Weise.
07 März 2014, 6:00pm

Du glaubst schon alles an DJing gesehen zu haben? Du wirst dich noch wundern! Das in Berlin arbeitende Duo Vinyl Terror & Horror zerlegt Schallplatten, fügt sie neu zusammen, spielt sie über- und untereinander ab und verändert so unsere Wahrnehmung von physischen wie klanglichen Musiken. Daniel Montesinos-Donaghy erklärt, wie die beiden dänischen Klangkünstlerinnen arbeiten—und warum man ihre Tonträger schon zerstören muss, um sie richtig hören zu können.

Links: Camilla Sørensens Multitonarm-Plattenspieler. Rechts: Greta Christensens mehretagiger Plattenspieler.
Installation zur XIII Biennial of Young Artist from Europe and the Mediterranean, Bari, Italien 2008

DJing wird heutzutage leicht als selbstverständlich angesehen. Musikaufnahmen einem gebannten Publikum vorzuspielen, mit dem Rhythmus zu jonglieren, zwischen unterschiedlichen Sounds Verbindungen herzustellen, sie zu kürzen oder zu verlängern, bis alles passt—eine künstlerische Interpretation von bereits aufgenommenem Material. In den Händen eines DJs blüht Musik in einem komplett neuen Kontext auf.

Camilla Sørensen und Greta Christensen—zusammen unter dem Namen Vinyl Terror & Horror aktiv—bewegen sich mit ihrer aggressiven Klangkunst in dieser Tradition. Ihre Auftritte beginnen mit dem Spielen einer einzelnen Platte, der sie langsam weitere Platten hinzufügen; entweder schwebend über dem ersten Plattenspieler oder von oben herabgelassen, wie bei einer Jukebox. Die Platten, die sie verwenden, sind abgenutzt und zerkratzt, aus verschiedenen Platten zusammengesetzt oder neu angepasst, inklusive einiger monströs aussehender Verzierungen wie Glasscherben. Was sie damit erschaffen, ist pure Kakophonie. Die Brutalität der Klanglandschaften wird zuweilen herausfordernd unterbrochen von besänftigenden Tönen: dem warmen Knistern eines Plattenspielers, Streicher-Arrangements, dem Wehklagen einer Sängerin. Dann, zurück zum Lärm.

Seit ihrem ersten Auftritt 2003 hat das Berliner Duo Platten herausgebracht (zuletzt Moviethemes 2010), in verschiedenen europäischen Kunstgalerien und auf Festivals wie Nordberg und Colour Out Of Space gespielt, einige Soundinstallationen ausgestellt und viele Leute mit ihren Auftritten irritiert. Sie haben jedoch kein Interesse, einem vorgegebenen kreativen Erbe zu folgen. Greta Christensen sagt: „Ich denke, wir folgen einer Tradition der Avantgarde, aber darüber denken wir nicht so viel nach." Danach gefragt, ob sie sich selbst als DJs sehen, sagt sie: „Wir haben bei allen möglichen Partys gespielt, aber dort machen wir nicht groß etwas anderes als sonst."

Sørensen und Christensen haben sich 2001 während ihres Bildhauerei-Studiums an der königlichen dänischen Kunstakademie kennen gelernt und beschlossen, zusammen an Klanglandschaften zu arbeiten. Nachdem sie ihre gemeinsame Liebe für Hammond-Orgeln entdeckten, entschieden sie jedoch, dass sie wenig daran interessiert sind, zu lernen wie man ein traditionelles Instrument spielt. Vinyl zu nutzen war praktisch, da man es leicht in den Second-Hand-Läden Kopenhagens bekommen konnte. Und gleichzeitig waren Vinyl als Objekte interessant. „Der Klang ist in einem sehr plastischen Sinne mit dem aufgenommenen Material verbunden, das sein eigenes Alter und seine eigene Geschichte hat", sagt Christensen. „Die Schallplatte ist ein Objekt, mit dem du sehr direkt arbeiten kannst und das du bearbeiten kannst. Wir machen daraus etwas Neues."

Auf ihren Umzug nach Berlin 2003 folgten die ersten Auftritte, dadurch sind sie auch durch Zufall zu ihrem Namen gekommen. „Auf einem Flyer für eine unserer Shows sahen wir eine Beschreibung dessen, was wir tun, unter unseren Namen: Vinyl Terror. Wir haben das Horror nur hinzugefügt, weil wir zu zweit sind—so konnte die eine der Terror und die andere der Horror sein", sagt Sørensen. Ich hake nach, wer denn der Terror und wer der Horror ist? Sie machen eine Pause und denken gründlich über ihre Antwort nach, bevor sie sich entscheiden, dass sie beide ein bisschen von beidem haben.

Die Arbeitsweise des Vinyl Terror & Horror-Projekts scheint zu sein, das Unangenehme beim Plattenhören zu Tage zu fördern, indem sie das Format in ein lebendiges Wrack verwandeln. Christensen gibt zu, dass all das einem narrativen Zwecks dient. „Das Projekt basiert auf Unglücken. Beim Sound geht es darum, Unglücke zu erschaffen." Zusammen mit Sørensen beschafft sie günstige Aufnahmen von Opern oder klassischer Musik und machte sich daran, ihre Form zum Zweck einer Geschichte zu verzerren.

„Wir suchen uns dieses Material aus, um damit auf atmosphärische Weise eine Geschichte zu erzählen. Es ist fast wie die Arbeit an einem Soundtrack für einen Film. Außer, dass wir alles durch die Musik repräsentiert wissen möchten. Du hörst den Unterschied, wenn eine Nadel auf einer bestimmte Platte aufsetzt und du siehst, warum es so klingt. Einige der Klänge sind ziemlich erschreckend. Aber das macht nunmal Sinn wenn man sich die Platten ansieht."

Die Kreationen von Sørensen und Christensen sind verrückt und es ist faszinierend, sie in Bewegung zu sehen—wie ihr Vimeo-Kanal beweist. Sie glauben jedoch, dass es noch Potential gibt, das Ganze noch abgefahrener zu gestalten. „Wir haben Bilder von Kornkreisen benutzt", sagt Christensen über ihre jüngste Arbeit. „Die haben oftmals diese kreisförmigen, geometrischen Formen. Wir benutzen dieses Muster und übertragen es in einen musikalischen Kontext. Natürlich gibt es keine physische Verbindung [zu Kornkreisen], aber es gibt eine visuelle."

Sørensen bezieht sich auf ihre vielleicht bekannteste Mutation, eine Platte der BBC mit Feldaufnahmen, die den Titel „Off Beat Sound Effects" trägt und die sie mit Glasscherben modifiziert haben. „Auf dem Cover ist ein Bild von zerbrechendem Glas abgebildet. Wir haben dann eine Glasplatte, die exakt das gleiche Format hatte, mit einem Hammer zerschlagen und Teile der Schallplatte mit Glas ausgetauscht." Manche Künstler und Labels lassen Neuauflagen oder Farbvariationen von ihren Platten pressen—Vinyl Terror & Horror gehen einen Schritt weiter und vermischen Schallplatten mit ziemlich fremdartigem Material.

Den Ansatz, keine Gefangenen zu machen, nehmen Sørensen und Christensen sehr Ernst. Wenn ihnen eine Frage gestellt wird, lassen sie diese erst einmal wirken, bevor sie sie prägnant beantworten, unterstützt von plastischen Referenzen und formalen Verweisen. Auf die Frage, ob sie als witzig angesehen werden wollen, antworten sie mit einem schnellen „Nein". Sie zeigen gegenüber Schallplatten vielleicht keine Liebe im herkömmlichen Sinne, aber sie sind respektvoll gegenüber der Arbeit der Künstler, die sie in ihre Performance mit einbeziehen. „Es ist ein schmaler Grat, wie man die Musik anderer Leute nutzt", erzählt mir Christensen.

„Nicht nur aufgrund von Urheberrechtsfragen, sondern auch, weil du mit der Arbeit anderer Leute respektvoll umgehen willst." Der atmosphärische Einfluss der Klangschnipsel ist das, was die beiden Däninnen interessiert, nicht ihre Erkennbarkeit. „Wir nehmen keine berühmten Samples, bei denen die Leute sagen: „Oh, das ist ein Sample von Michael Jackson!" Um sich selbst zu schützen, arbeiten sie hart daran, die Überreste der Musik, die sie verwenden, zu „tarnen", indem sie mehrere Musikstücke übereinanderlegen.

Vinyl Terror & Horro live – Greta Christensen, Camilla Sørensen (Foto rechts)
Foto: © Krzystzof Miękus / Laznia CCA

Die Arbeitsaspekte Horror und Terror stehen bei Sørensen und Christensen offensichtlich im Vordergrund, aber der Respekt und die Bewunderung für die Form des Vinyl werden ebenfalls deutlich. Der Missklang ihres Krachs scheint mitzuteilen, dass selbst ausrangierte Platten noch ein anderes Leben haben können, so chaotisch es auch sein mag. Es ist eine Huldigung des Vinyl-Formats. Sie sehen sich vielleicht nicht als DJs oder als Erben der Avantgarde-Geschichte der DJ-Kultur, aber sie tragen auf jeden Fall ihren Teil dazu bei, dass Vinyl am Leben bleibt. Gleichzeitig teilen mir die beiden aber mit, dass sie damit nicht auf die zunehmende Digitalisierung der Musik reagieren.

„Wir sind nicht dagegen, aber wir messen dem Analogen einen großen Wert bei", sagt Christensen. Interessanterweise haben die beiden bezüglich ihrer eigenen Hörgewohnheiten unterschiedliche Sichtweisen. Christensen hält hartnäckig am Analogen fest („wenn es jemand in schlechter Auflösung als MP3 hören will, tja … dann ist das seine Sache"), während Sørensen ihren Laptop bevorzugt ("Ich weiß, dass es ein komprimiertes Format ist, aber ich habe kein Problem damit."). Sie sind sich jedoch beide einig, dass du das neue Album von Vinyl Terror & Horror—wenn du kannst—auf Vinyl kaufen solltest; und nicht zögern solltest, es zu zerschneiden. „Es wäre cool, aber das machen nicht viele Leute", gesteht Christensen. Sogar nachdem sie eine Picture-Disc herausgebracht haben, bei der man die Platte zerschneiden musste, um das Bild richtig zusammenzusetzen. „Wenn einem die Platte dafür zu schade ist, funktioniert es nicht!" Für Schallplattensammler klingt das wohl tatsächlich wie das Horrorszenario.

Die aktuelle Installation „In the Spotlight" von Vinyl Terror & Horror wird noch bis zum 23. März im GI Holtegaard, Kopenhagen gezeigt.

Folgt Daniel auf Twitter: @danielmondon

**

Folgt THUMP auf Facebook.