Was steckt eigentlich in deinem Ecstasy?

Um das herauszufinden, wurden für eine neue Studie mehr als 25.000 Pillenberichte unter die Lupe genommen.

|
22 April 2015, 7:50pm

Im Gegensatz zu der Packung Kekse, die du gestern Nacht verputzt hast, als du besoffen in deine Wohnung getorkelt bist, oder der Tiefkühlpizza vom Discounter, die bei dir den Status eines Grundnahrungsmittels erreicht hat, nachdem du bei Mama und Papa ausgezogen bist, bekommst du zu deinen Ecstasy-Pillen eher keine Zutatenliste gereicht. Wenn du dir also bei einer Party oder einem Festival eine dieser lustigen, kleinen, bunten Pillen oder vermeintliches MDMA einwirfst, dann weißt du eigentlich nie, wie hoch das Zeug dosiert ist, bzw. ob sich darin überhaupt das befindet, was du erwartest. Im Gegensatz zu Ecstasy hast du mit MDMA zwar den reinen Wirkstoff vor dir—also das Zeug, das auch in den Pillen für die ‚unglaublich gute Laune' sorgt—aber wie bei jeder illegalen Droge, die du irgendeinem fadenscheinigen Typen auf der Clubtoilette abkaufst, kannst du dir nie sicher sein, was für ein Pülverchen du dir am Ende eigentlich einverleibst.

Gerade auch deswegen kommen vor allem in den USA Todesfälle durch Drogenkonsum inzwischen mit einer traurigen Regelmäßigkeit vor. Beim New Yorker EDM Festival Electric Zoo 2013 gab es direkt zwei Tote durch Ecstasy, was dann auch zu einem frühzeitigen Abbruch des Festivals führte, und auch letztes Jahr starben wieder zwei Menschen—diesmal auf dem Electric Daisy Carnival Festival in Las Vegas. Durch unser Gespräch mit den Machern von What's in My Baggie haben wir gelernt, dass es sich bei einem großen Teil des vermeintlichen MDMAs, das auf amerikanischen Festivals kursiert, eigentlich um ganz andere Substanzen handelt.

Gerade in den Staaten stehen sich die Veranstalter oft selbst im Weg, wenn es um die Sicherheit der Festivalbesucher geht. Weil sie sich weigern, die Existenz derartiger Substanzen auf ihrer Veranstaltung anzuerkennen, verbieten sie Testkits. So nehmen sie den Besuchern die Möglichkeit, gefährliche oder gepanschte Substanzen zu erkennen und die persönlichen Risiken dementsprechend zu mindern. Einige der Mittel, die die Wirkung von MDMA imitieren, können in leicht höheren Dosen zu einem Kreislaufzusammenbruch oder sogar zum Tod führen. Das Electric Zoo Festival veröffentlichte letztes Jahr immerhin dieses bestimmt gut gemeinte, aber ziemlich verwirrende und am Ende viel-verspottete Aufklärungsvideo.

Weil nicht wenigen Ecstasy-Konsumenten ihre geistige und körperliche Gesundheit am Herzen liegt, haben sie die Analyse der Inhaltsstoffe ihrer Pillen selbst in die Hand genommen. Die beiden Webseiten PillReports und EcstasyData dienen dabei als wichtige Informationsplattformen [speziell für den deutschsprachigen Raum gibt es ebenfalls eine Fülle von Angeboten: zum Beispiel hier, hier oder hier]. Project Know, eine amerikanische Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die genaue Wirkung und Auswirkungen von Drogen weiter zu erforschen und Ressourcen und Informationen darüber bereitzustellen, hat gerade eine umfassende Studie veröffentlicht, in der die häufigsten Bestandteile von Ecstasypillen untersucht wurden. Dafür wurden Analysen von mehr als 25.000 Ecstasy-Proben zusammengetragen, die innerhalb der letzten zehn Jahre bei PillReports und EcstasyData erschienen waren. Deutschland wird zwar nicht aufgeführt, die niederländischen Zahlen geben uns aber Anhaltspunkte.

Wenn man sich die regionale Verteilung anschaut, fällt vor allem auf, dass in Kanada sehr wenig MDMA im Umlauf ist, wohingegen in Australien und Großbritannien die meisten Pillen mit PMA (oder PMMA) auftauchen—also der Substanz, die mit den jüngsten Ecstasy-Todesfällen in Verbindung gebracht wird. PMA entfaltet in geringen Dosen zwar eine ähnliche, wenn auch schwächere Wirkung wie MDMA, führt bei höherer Dosierung aber zu einem gefährlichen Anstieg der Körpertemperatur und der Herzfrequenz. PMA taucht allerdings relativ selten auf—tatsächlich in weniger als einem Prozent der untersuchten Proben: Die Substanz wurde nur in drei von 3.400 Proben auf PillReports und in ca. 100 von 23.500 auf EcstasyData entdeckt.

Wir haben uns mit Jon Millward unterhalten—dem freiberuflicher Journalisten, unter dessen Leitung diese Studie entstand und der auch die Daten erhoben und zusammengetragen hat—um mehr Details über sein Vorgehen und darüber zu erfahren, welche Substanzen sich Ende eigentlich in unseren Ecstasy-Pillen befinden. Den vollständigen Bericht, Jagged Little Pill, kannst du hier lesen.

Welche Informationen sind in diesen Bericht mit eingeflossen?
Jon Millward: Der Bericht basiert auf zwei Datenbanken für Ecstasytabletten. Eine davon, PillReports, wird von den Usern selber geführt, entweder indem sie die Pillen ausprobieren oder Testkits verwenden. Die andere ist etwas offizieller und verlässlicher, weil sie auf tatsächlichen Laborberichten basiert—das ist EcstasyData. Insgesamt haben wir so die Ergebnisse von über 25.000 Berichten zusammengetragen.

Wie geht man denn mit einer von Nutzern geführten Datenbank wie PillReports um? Ein paar der Pillen dort sind zwar mit Testkits analysiert worden, aber vieles einfach nur nach Gefühl. Wie akkurat schätzt du diese Berichte ein?
Das ist tatsächlich eine der interessanten Sachen, die ich herausgefunden habe. Eine Menge dieser Berichte basieren ausschließlich auf Selbstversuchen—andere ausschließlich auf Tests—manche auch auf beiden. PillReports ist so etwas wie der Mittelwert aus mehreren tausend Berichten—man bekommt dort eine ungefähre Vorstellung davon, in welche Richtung eine bestimmte Pille geht, aber natürlich sind die Ergebnisse nicht chemisch fundiert. Das sieht man auch daran, wie die Nutzer dort die Inhalte auflisten—es werden zwar Substanzen wie MDMA oder MDxx—eine andere MDMA-ähnliche Substanz—aufgelistet, aber nie Koffein oder andere aktive Zusätze.

Es gibt aber durchaus Anzeichen dafür, dass es alles in die richtige Richtung weist—also dass die Leute die Hauptwirkstoffe korrekt identifizieren. Die Anzahl der Pillen auf PillReports, in denen von den Nutzern MDMA vermutet wird, deckt sich ziemlich genau mit dem Anteil der MDMA-enthaltenden Pillen auf EcstasyData, der in etwa ein Drittel ist. Ich würde also sagen, dass die Berichte dort verlässlicher sind, als man es von einer Seite mit fast ausschließlich subjektiven Erfahrungsberichten erwarten würde. Diese Menschen da sind fast schon Feinschmecker. Ich war wirklich erstaunt, wie genau ihre Analysen waren. Die machen sich—fast wie ein Sommelier—Gedanken über die Textur, darüber wie lange es dauert, bis die Wirkung einsetzt und so weiter.

Es ist schon beeindruckend, dass Menschen, die sich gerade eine unbekannte Droge eingeworfen haben, noch über genug Klarheit verfügen, so akkurat unterscheiden zu können.
Ja, das ist es. Ich würde aber sagen, dass es bei MDMA wahrscheinlich etwas einfacher ist, auf etwas zu achten als bei einigen anderen Drogen.

MDMA ist ja die Zutat, die man in der Regel gerne in einer Ecstasy-Pille hätte—wenn ich mir aber die prozentualen Anteile anschaue, dann sind die Chancen relativ gering—von den Niederlanden mal abgesehen—dass du bei deinem Einkauf auch wirklich nur MDMA bekommst. Was sind die anderen Bestandteile in Ecstasy?
Wenn du EcstasyData anschaust, wo etwas genauer aufgelistet wird, was sich alles in so einer Pille befindet, dann sieht man, dass etwa ein Drittel MDMA als alleinigen Wirkstoff enthalten. Als nächstes kommt dann Koffein, was aber nicht viel mehr als ein Streckmittel ist. Vielleicht wird es auch hinzugefügt, um die Wirkung etwas zu verändern, damit die User das Gefühl haben, dass sie mehr für ihr Geld bekommen als sonst. Und dann, als nächstes, findet man Amphetamine oder andere MDMA-ähnliche Substanzen wie MDA oder MDEA, bei denen viele Leute offen zugeben—vor allem bei PillReports—, dass sie keinen Unterschied zu normalem MDMA spüren.

Wie landet solches Zeug im Ecstasy? Wird das absichtlich gemacht oder sind das Fehler in der Herstellung?
In den allermeisten Fällen geschieht das mit Absicht. Manchmal passiert es im Herstellungsprozess und in wiederum anderen Fällen sind unerfahrene Chemiker daran schuld. Bei EcstasyData liest man öfter, dass die Zusammensetzung ein Nebenprodukt des Herstellungsprozesses sein könnte. In der Regel kann man aber davon ausgehen, dass es mit Absicht geschieht, da die Produzenten, wie in jedem anderen Geschäft, versuchen, die Herstellungskosten und die Qualität des Produkts auszubalancieren.

Sind Menschen denn schon tatsächlich an einer Überdosis reinen MDMAs gestorben?
In diesen ganzen Meldungen, die man dazu in den Nachrichten liest, werden die Umstände meistens komplett falsch dargestellt—vor allem in den Boulevardblättern. Es kommt tatsächlich sehr selten vor, dass jemand einzig und allein vom MDMA-Konsum stirbt. Vor ein oder zwei Jahren gab es diesen Fall, bei dem ein Typ ungefähr ein Dutzend Pillen genommen hatte—etwas, das man niemals und unter keinen Umständen machen würde—und daran gestorben ist. Meistens ist es aber so, dass jemand eine Pille nimmt, von der er hofft, dass sie MDMA enthält. Dann passiert aber innerhalb der nächsten 40 Minuten oder Stunde nichts und die Person nimmt die nächste, um die Dosis zu doppeln. Die Substanz, wegen der sie dann sterben, ist dann in der Regel PMA oder PMMA. Das ist zwar eine ungiftige Chemikalie, aber ihre Einnahme führt dazu, dass dein Körper überhitzt, deine Herzfrequenz ansteigt und so weiter. Dies kann dann zu einem Kreislaufzusammenbruch oder Tod durch Dehydration führen. MDMA ist in geringen Dosen also nicht sehr gefährlich—vor allem im Vergleich mit anderen Drogen. Und es ist auch eigentlich nie die Substanz, die die Menschen umbringt.

PMA oder PMMA ist aber schon gefährlich, oder? Was genau ist das?
PMA hat auch den Spitznamen "Dr. Death" und es imitiert bestimmte Wirkungen des MDMA. Es ist aber nicht sehr weit verbreitet. Auch das steht in dem Bericht.

Es sieht so aus, als wäre es in etwa einem halben Prozent aller Pillen enthalten.
Genau, es ist jetzt nicht so, als wäre das eine 50/50-Geschichte.

Für die Studie wurden Daten über einen Zeitraum von zehn Jahren gesammelt. Welche Entwicklungen hast du festgestellt?
Die auffälligsten Veränderungen haben sich innerhalb der verschiedenen Länder abgespielt. In Kanada enthielten die Pillen über die Jahre zum Beispiel immer mehr Speed und immer weniger MDMA. Wenn man sich die Kommentare auf PillReports so anschaut, dann schreiben die Nutzer immer wieder, dass sich aus irgendeinem Grund Speed in Kanada immer weiter durchsetzt.

Insgesamt war die Situation in den fünf Ländern, die wir uns angeschaut haben, aber ziemlich konsistent. In den Niederlanden scheint es schon immer mehr MDMA gegeben zu haben, in Kanada am wenigsten und die Länder in der Mitte—Großbritannien und Australien—wechseln öfter mal untereinander die Plätze in der Rangordnung.

Hast du eine Erklärung für die großen regionalen Unterschiede?
Am einfachsten lässt sich wohl die Situation in Holland erklären. Die Drogenkultur dort unterscheidet sich einfach maßgeblich von der in den anderen Ländern. Dort gibt es sogar Orte, zu denen du deine Substanzen bringen kannst, sie für ein oder zwei Wochen dort lässt und sie dann mit den Testergebnissen wieder abholst. Soweit ich weiß, gibt es das in keinem anderen Land.

Wir haben letztens jemanden interviewt, der eine Dokumentation über die Drogenkultur bei amerikanischen Musikfestivals gedreht hat. Er sagte uns, dass Testkits, obwohl sie durchaus nützlich zu sein scheinen, auf vielen Festivals streng verboten sind, weil allein schon ihre Duldung ein Anzeichen dafür sein könnte, dass man das Vorhandensein von Drogen auf dem eigenen Festival zugibt.
Was einfach komplett verrückt ist.

Wenn du jetzt von den ganzen Informationen ausgehst, die du gesammelt hast: Welche ist wohl die vielversprechendste Methode, um herauszufinden, was sich in deinen Pillen befindet, ohne ein Kit zu verwenden?
Sich definitiv an eine dieser Seiten zu wenden. Das sind die verlässlichsten Datenbanken auf diesem Gebiet—und, da sie regelmäßig erneuert werden, auch noch ziemlich aktuelle. Der Grund, warum es auf PillReports keine Berichte zu Pulvern gibt, ist der, dass Pillen anhand der Art, wie sie gepresst sind und wo sie auftauchen, über Merkmale verfügen, die es den Usern halbwegs verlässlich ermöglichen, zu erkennen, ob sie aus dem gleichen Batch stammen—was unglaublich nützlich sein kann. Wenn du also keine Möglichkeit hast, dir ein eigenes Testkit zu besorgen, dann schau auf diesen Seiten nach. Die sind laut Eigenbeschreibung auch genau zu diesem Zweck gemacht—es geht um Harm Reduction [Schadensminimierung]. Außerdem spielt es auch eine Rolle, woher du das Zeug bekommst. Ich will jetzt keine Empfehlung aussprechen, aber es ist wahrscheinlich sicherer, sich seine Drogen im Internet auf den entsprechenden Plattformen zu kaufen, als von irgendeiner Person—es sei denn, du kennst sie gut.

Kommt es eigentlich auch vor, dass man Placebos oder Pillen ohne irgendeinen Wirkstoff erhält?
Nein. Manchmal kommt es aber vor, dass jemand anstelle von MDMA Methylon oder ein anderes Amphetamin, das MDMA in seiner Wirkung ähnelt, konsumiert hat—und das viele Male—so dass diese Person, wenn sie dann echtes MDMA bekommt, der Meinung ist, dass damit irgendetwas nicht stimmt. Pillen, die wirklich gar keine aktiven Substanzen beinhalten, sind extrem selten.

Folgt Dan Ozzi bei Twitter—@danozzi

Folge THUMP auf Facebook und Instagram.