US-Präsident

Sprechen wir ein paar Minuten über dieses Foto von Trump

Ein milliardenschwerer US-Präsident mit einem lumpigen Schreibblock? Come on!
20.1.17

Es ist wieder an der Zeit, ein Foto genau die Lupe zu nehmen. Heute ist ein alter Bekannter an der Reihe.

Kurz zum Kontext: Diesen Tweet hat der nächste US-Präsident Donald Trump vorgestern abgesetzt. Ich gehe stark davon aus, dass er damit zwei primäre und ein sekundäres Ziel verfolgt:

1.) Er will seiner ellenlangen Liste an per Twitter verbreiteter Propaganda, mit der wir in den kommenden vier bis acht Jahren rechnen können, einen geschmeidigen Anstrich verpassen.

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2.) Er will den neuen, offiziellen "#Inauguration"-Emoji-Hashtag einführen. Donald Trump verwendet jedoch nie Hashtags (ich glaube, dass er einfach nicht weiß, wie er bei seinem Smartphone die Sonderzeichen aufruft). Und da der Tweet grammatikalisch in Ordnung sowie allgemein recht normal wirkt, bedeutet das wohl, dass die Nachricht von einem seiner Mitarbeiter geschrieben, genehmigt und hochgeladen wurde.*1

3.) Er will der Welt mitteilen, dass er wirklich an seiner Rede arbeitet. Als ob! Ich habe früher, als ich eigentlich Hausaufgaben machen sollte, genau die gleiche Haltung eingenommen, wenn meine Eltern nachschauten, ob ich nicht doch Sonic 2 auf dem Sega Megadrive spiele (was ich natürlich getan habe). Bei drohender Gefahr habe ich immer den Controller weggeworfen und GENAU DIESE Pose am Schreibtisch gemacht. Mit Schreibblock und allem. Eins zu eins!

Die eigentliche Frage, die wir uns alle stellen, lautet jedoch: Was zum Teufel geht in diesem Foto ab? Eine Menge! Deswegen lehnen wir uns jetzt zurück und lassen das Ganze auf uns wirken, wie es ein Genießer mit einem feinen Whiskey tut. Lass dich von mir in dieses Bild von Donald Trump entführen.

Wenn dieses Foto nicht bearbeitet wurde, dann fresse ich einen Besen

SIRI, VERSCHÖNERN!

Wenn du dir irgendein anderes Foto von Donald Trump anschaust, dann wirst du zum gleichen Schluss kommen wie ich: Seine Backen wurden weicher gemacht, seine Tränensäcke bis zur Unkenntlichkeit verschleiert und sein inzwischen berühmter Weiß-auf-Orange-Look farblich angepasst. Ich glaube nicht, dass sein Unterkinn am Computer retuschiert wurde, aber Trump hat jetzt wohl dieses "SHA-BANG!"-Ding drauf, das wir dank YouTube kennen. Seiner Frisur—und Donald Trumps Frisur ist an sich ja schon eine wandelndes Real-Life-Photoshop-Projekt; eine perfekte Illusion, die so nicht mal David Copperfield hinbekommen würde—hat man hier und da wohl noch ein paar Strähnen hinzugefügt. Nicht viele, aber immerhin ein paar.

Versteht mich nicht falsch, wenn ich 70 Jahre alt wäre, dann würde ich mein Presseteam ebenfalls anweisen, meine Fotos für Twitter hübscher zu machen. Aber wenn ich dazu noch ein Milliardär mit einer ganzen Pressearmee wäre, dann hätte ich auf jeden Fall den Wunsch, dass das Ganze auch ordentlich gemacht wird. In anderen Worten: Ein so unbeholfenes Retuschieren meines Gesichts würde ich garantiert nicht tolerieren.

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Ein Typ, der eine offensichtlich lustlose und unzureichende Fotobearbeitung abnickt, wird Amerika auf alle Fälle wieder groß machen.

Auf diesem verdammten Schreibblock steht kein einziges Wort

Woher ich so sicher weiß, dass Donald garantiert nichts auf die Seiten des Blocks geschrieben hat, obwohl man das eigentlich nicht sehen kann? Achtet auf seine Hände!

Man biegt einen Schreibblock nur so wie Donald Trump auf diesem Bild, wenn nichts draufsteht und man diese Tatsache vor dem US-amerikanischen Volk verheimlicht. Oder wenn man sich mitten in einer Prüfung befindet und niemanden abschreiben lassen will. Ich glaube nicht, dass Donald Trump hier gerade einen Multiple-Choice-Test schreibt, und deswegen trifft wohl die erste Option zu. Weitere Hinweise: Der baldige US-Präsident presst den Stift auf die genaue Mitte des Blocks, was vor ihm noch niemand gemacht hat; er befindet sich noch immer auf der ersten Seite, was nahelegt, dass es noch keine Rede gibt; und warum besitzt ein Milliardär eigentlich keinen verdammten Schreibblock, der in Leder eingebunden ist? Selbst ich habe so etwas und ich bin ein Niemand. Musste Donald Trump etwa irgendeinen Schreibtisch im Eingangsbereich vom Mar-A-Lago durchwühlen, um etwas zu finden, auf das er schreiben kann? Das mache ich nämlich immer, wenn ich in ein Meeting gerufen werde und befürchte, dort meine Kündigung zu erhalten. Dann schnappe ich mir irgendeinen Notizblock, um ein bisschen intellektueller und weniger arbeitsunfähig zu wirken.

Warum schreibt er seine Antrittsrede in einem Hamam?

Du kannst gerne versuchen, mich davon zu überzeugen, dass sich außerhalb des Bildausschnitts nicht drei extrem behaarte Typen in aufeinander abgestimmten pissgelben Handtüchern befinden, die gemeinsam im Dampfbad schwitzen. Glauben werde ich dir aber nicht. In diesem Raum befindet sich auch definitiv ein untersetzter Glatzkopf, der sich etwas übereifrig die Eier abtrocknet. Ich spreche hier von einem Eifer, als würde er sich die Dinger wegrubbeln wollen.

Bekommt man so eine gruselige Adlerstatue als verwunschenes Geschenk zum Wahlsieg, oder hatte er die schon vorher?

Ich habe noch keine Statue gesehen, die einen Mensch so böse angestarrt hat. Ich wusste noch nicht mal, dass Statuen überhaupt so böse werden können. Dieser Adler ist auf jeden Fall übelst angepisst.

Was steht auf der Fliese? Was will die Fliese?

Ich habe ein paar Latein-Nerds gefragt und soweit sich das sagen lässt, steht auf den Fliesen "PLVS VLTRA"—ja, das "R" sieht fast überall wie ein "P" aus, ich weiß, ich weiß. Das ist a) der Wahlspruch von Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Spanien, b) lateinisch für "immer weiter" und c) bezieht es sich auf die Weltherrschaftsambitionen, die die Europäer nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents hatten. Steht alles hier.

"Vielleicht interpretierst du da jetzt etwas viel rein. Das sind nur Fliesen." — Du.

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Das mag vielleicht stimmen. Aber sag mir das noch einmal in drei Jahren, wenn Mexiko in Flammen steht. Dann wollen wir doch mal sehen, wer hier irgendwelche Ego-Fliesen zu ernst nimmt.

Moment: Was ist ein "Winter White House"?

Weil wir so beschäftigt damit waren, Trumps weichgezeichneten Augen/Todesadler/Notizbuch-Meme-Qualitäten zu analyiseren, haben wir fast übersehen, dass er sein Florida-Domizil Mar-a-Lago das "Winter White House" nennt. So etwas gibt es nicht. Ja, die Person, die es erbaut hat, hatte anscheinend darauf gehofft, dass es eines Tages ein präsidialer Wintersitz wird, aber kein Präsident hat dieses Angebot jemals angenommen—und dann hat Donald Trump 1985 den Protzbau gekauft. Das Weiße Haus ist das "Winter White House". Ganz einfach. Also, irgendwie muss ich seinem Versuch schon etwas Anerkennung zollen, die Präsidentschaft zu einer Teilzeit-Ferienjob-Geschichte zu machen. Aber nein. Du musst für die nächsten vier Jahre jeden Tag Präsident sein. Das ist eine der Regeln. Du kannst nicht einfach irgendein anderes Haus zum Weißen Haus erklären, wenn es dir in dem anderen gerade zu kalt ist.

Ist das überhaupt sein Schreibtisch?

Alle Indizien sagen Nein! Aber wem gehört dann eigentlich dieser Terror-Adler?

Was können wir also von diesem Trump-Foto ableiten? Erstens: Der Typ braucht einen besseren Airbrush-Künstler. Zweitens: Es wird Zeit für einen eigenen Tisch. Drittens: Bessere Schreibutensilien wären ebenfalls angebracht. Viertens: Jemand muss sich wirklich mal mit diesem Typen hinsetzen und ihm beibringen, wie man mit einem Computer schreibt. Das ist nämlich eine wesentlich effektivere Methode zum Schreiben einer Antrittsrede. Fünftens: Dieser Mann—ein Mann, der mich gerade per Twitter versucht hat, davon zu überzeugen, dass er durchaus einen Schreibtisch besitzt und daran regelmäßig in seinen Notizblock schreibt, vergeblich—ist der mächtigste Man der Welt. Michael Flatley wird eine tattrigen Riverdance zu seiner Amtseinführung tanzen. Vergiss den Sekt nicht. Dann können wir auf das Ende der Welt anstoßen.


1) Ich denke oft über eine Sache nach. Genauer gesagt vergleiche ich DJTs Tweets mit meinen eigenen. Ich würde sagen, dass mir in einem von 100 Tweets, die ich schreibe, ein haarsträubender Tipp- oder Zeichensetzungsfehler unterläuft (damit sind nicht meine gewollten stilistischen Fehler, wie z.B. fehlende Punkte am Ende eines Satzes oder ein "u" anstelle eines "you", gemeint). Das ist keine besonders spektakuläre Fehlerquote, finde ich. Denn sind wir mal ehrlich: Eine Quote von einem Fehler auf 100 Gedankengänge, die ich in einen Tweet verwandle, sollte eigentlich dem Durchschnitt entsprechen. Doch bei Donald Trump—ab Freitag der neue Anführer der freien Welt—wird die Fehlerquote bei geschätzten 95 Prozent liegen. Denn die Tweets, die er selbst schreibt, sind ein einziges Trauerspiel. Nicht ohne Grund hat ihm sein eigenes Wahlkampfteam vor dem Gang zu den Urnen den Zugang zu Twitter gesperrt.

Diesem Mann traut also das eigene Lager nicht zu, einen Tweet zu verfassen. Gleichzeitig geben wir ihm die Gold Codes, also den Zugang zum US-amerikanischen Nuklearwaffenarsenal. Ich meine, das ist schon OK so. Ich persönlich bin seit Jahren bereit zu sterben. Aber für den Rest—Menschen mit einem Ziel, Menschen mit Ambitionen, Menschen mit Potenzial und einem Grund zum Weiterleben—tut es mir wirklich leid. Ich wäre an eurer Stelle ziemlich wütend darüber, dass uns der Kerl so unaufhaltsam in den Abgrund treibt. †

†) Haha, wow: Allein für diese Fußnote wird es ordentlich Feedback hageln. Viele Kritiker werden an dieser Stelle behaupten: "Aber Donald Trump ist verdammt nochmal 70 Jahre alt! Du erwartest von ihm, dass er mit der Technik und Sprache der Jugend umgehen kann? Come on, Mister! Hast du jemals gesehen, dass deine Oma einen VHS-Rekorder bedienen konnte? Nein, also! Aber dann soll sie bitteschön in der Lage sein, einen Tweet zu versenden? Willst du, dass deine Oma einen Tweet versendet? Nein! Also lass den alten Mann in Ruhe!" Und ich muss in der Tat zugeben, dass ich nicht will, dass eine Person, die nicht mal einen VHS-Rekorder bedienen kann, auf Twitter ihr Unwesen treibt. Noch würde ich wollen, dass dieselbe Person für mindestens vier Jahre—vielleicht sogar acht—als Präsident im Weißen Haus sitzt. Das ist aber nur meine persönliche Meinung! Ich habe einfach nur den Eindruck, dass Donald Trump ohne die Hilfe von Ivanka nicht mal sein Handy aufladen könnte. Und aus diesem Grund—und echt aus keinem anderen!—sollte er nicht der mächtigste Mann der zivilisierten Welt sein! ‡

‡) Gleichzeitig will ich festhalten: Sollte Donald Trump eine Reihe von Herausforderungen meistern—sagen wir beispielweise, dass er innerhalb von einer Stunde eigenständig eine ganze Folge von "Match of the Day" auf VHS aufnimmt; erfolgreich eine Tastatur per USB-Anschluss mit einem Laptop verbindet; und sich genau ein Uber-Fahrzeug nach Hause bestellt—, würde ich alles, was ich zuvor gesagt habe, zurücknehmen und ihn bis an mein Lebensende unterstützen. Warum? Weil ich genau weiß, dass er dazu nicht imstande ist.

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