vogel

Die Färöer essen dicke Babyvögel

Im nördlichen Atlantik rund um die Färöer-Inseln schwimmen Baby-Eissturmvögel hilflos umher, weil sie zu schwer zum Fliegen sind. Dann fahren die Färöer mit ihren Booten aufs Meer hinaus, sammeln sie ein—und essen sie.

von Elise Coker
19 November 2014, 3:07pm

All photos by Ed Ou

Um die felsigen grünen Fjorde der Färöer-Inseln, einer Inselgruppe im nördlichen Atlantik zwischen Island, Norwegen und Schottland wächst nicht besonders viel. Die Einheimischen leben traditionell vom Fischen und Jagen von Seevögeln wie Papageientaucher, Tölpel, Lummen und Eissturmvögel.

Die jährliche Jagd nach Eissturmvögeln dauert eine Woche lang. Ende August fallen die Baby-Eissturmvögel aus ihren Nestern in den Fjorden, wo sie den ganzen Sommer leben, bis ihre Eltern keine Lust mehr haben, sie zu füttern und sie einfach von den Klippen ins Wasser stoßen.

searching

Martin Fløghamri at home with his daughter.

Wir verließen die Hauptstadt Tórshavn gemeinsam mit Høgni Mohr, um Eissturmvogel-Fischen zu gehen. Der färöische Journalist ist außerdem Jäger und versorgt so seine Frau und Kinder. Høgni und sein Schwiegervater nahmen uns mit zum Segeln nördlich der Färöer Inseln. Wir waren eigentlich ein paar Tage vor Saisonstart zu früh dran, aber er sagte, die Vögel seien bereits ein bisschen früher von den Fjorden ins Wasser gestoßen worden.

boat-man
caught-in-net-again

Caught-up Høgni Mohr catching a baby fulmar

Die kleinen Babyvögel sind zu schwer, um zu fliegen. Deshalb flattern sie eine Woche lang hilflos im Wasser herum, bis sie genug Gewicht verloren haben, um wegzufliegen. Genau in dieser Woche fahren die Färöer mit ihren Booten aufs Meer hinaus und sammeln die Babyvögel mit ihren Netzen ein.

Der einzige Verteidigungsmechanismus der kleinen Vögel ist es, dem Feind ins Gesicht zu kotzen (was denn sonst?). Das Erbrochene ist schleimig, neonorange und hat einen penetranten Fischgestank. Daher kommt auch der Gattungsname Fulmarus, der übersetzt so viel wie übelriechendes Maul heißt. Wenn andere Vögel das Zeug auf ihre Feder bekommen, verlieren sie dadurch ihre wasserabweisende Schicht und können sich nicht mehr warm halten.

Leider hat es auf Menschen keine besondere Nebenwirkung. Außer, dass sie angepisst werden.

Färöische Jäger wie Høgni holen die flugunfähigen Eissturmvögel problemlos aus dem Wasser—einer nach dem anderen. Dann töten sie sie mit verschiedenen Methoden. Egal, für welche sie sich entscheiden, mit allen brechen sie ihnen zuerst das Genick.

beheading
coffee-break

Die gängigste Methode ist es, ihnen zuerst ganz schnell mit den Händen den Kopf abzureißen, inklusive Magen. Diese Technik ist auf Färöisch als „magadraga" bekannt. Das Genick wir gebrochen und der Kopf abgerissen, ohne dabei die Speiseröhre zu beschädigen, alles mit einer einzigen Bewegung. Das braucht Übung.

Der Kopf wird dann wie eine Opfergabe zurück ins Meer geworfen.

Trotz ihrer jugendlichen Erscheinung gibt Høgni zu, dass ihre weichen Babyfedern ihn nicht vom leckeren Fleisch ablenken.

„Ich finde sie wirklich süß. Ich mag sie sehr gerne… aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich sie nicht töten sollte, weil ich sie trotzdem essen will."

dead-birds

Wie Høgni sagt, „Wenn ich keine Eissturmvögel essen würde, dann wären es halt eben Hühner oder anderes Fleisch. Was ist also der Unterschied? Ich weiß, was die Vögel für ein Leben hatten und ich habe sie eigenhändig getötet, es ist also nichts unklar oder verschleiert. Das gefällt mir. Es ist besser, ehrlich als unehrlich zu sein im Hinblick darauf, woher das Fleisch kommt, das man isst."

torching-part-one

Die Färöer essen schon so lange Vögel, wie sie die Inseln bevölkern. Ein durchschnittlicher Färöer mit einem recht kleinen Fischerboot kann zwischen 100 und 300 pro Tag fischen. Es ist ein langer und sehr monotoner Prozess. Die meisten Leute gehen nur für ihre eigenen Familien und den erweiterten Familienkreis auf Vogeljagd, die sie damit das ganze Jahr ernähren. Manche verkaufen auch ihre übrigen Vögel auf dem Fischmarkt bei den Docks in der Hauptstadt an die Stadtbewohner, die keine eigenen Fischerboote besitzen.

Wenn die Vögel eingesammelt sind, werden sie normalerweise zu einem Bootshaus gebracht, wo sie enthäutet oder gerupft werden. Das Rupfen erfordert etwas mehr Zeit und Geduld, aber dafür bleibt auch eine gut ein Zentimeter dicke Fettschicht auf dem Fleisch. Wenn die Federn gerupft sind, wird der Flaum mit einem Gasbrenner abgebrannt. Das verleiht dem Vogel einen besonderen Geschmack.

Die Vögel werden mit Salz und Pfeffer gewürzt und mitsamt der Haut im Backofen gebraten. Wenn sie ohne Haut zubereitet werden, werden sie gekocht und mit Sauce und Kartoffeln als Beilage serviert. Für unser gemeinsames Essen hat Høgni ein paar Kartoffeln in der Nähe geerntet.

plucked

Ein wichtiger Teil der färöischen Kultur ist es, einen Schnaps zu jedem Eissturmvogel-Festmahl zu trinken. Høgni glaubt daran, dass es vorbeugt, das ganze Fett wieder auszukotzen, was scheinbar gar nicht so ungewöhnlich ist.

gearing up

Die Eissturmvogel-Jagd spricht die ganze Bandbreite der menschlichen Emotionen an—sie ist zeitweise süß, eklig, witzig, schön, traurig, langweilig und appetitanregend.

Høgni hat ungefähr 30 Vögel für seine eigene Familie behalten, um das Jahr durchzustehen. Die weiteren 89 wurden für seine Verwandten und Nachbarn auf die Seite gelegt. Nach einem Tag jagen, rupfen, enthäuten, absengen, ausnehmen und putzen, kochte Høgni für uns Vögel mit Haut und Fett, die wir gemeinsam mit seiner Familie speisten. Sie schmeckten überhaupt nicht wie andere Vögel, die ich schon probiert habe. Sie schmeckten viel mehr wie ein extrem fetter Fisch. Sehr lecker.

Auf den Schnaps danach haben wir verzichtet, übergeben musste sich zum Glück trotzdem keiner.