Food

Armut auf dem Silbertablett

Zu Gast bei Verwandten in Pakistan wird mir die Kluft zwischen Arm und Reich buchstäblich auf dem Silbertablett serviert. Denn während sich in der Küche miserabel bezahlte Jugendliche bei glühender Hitze als Köche verdingen, herrscht im klimatisierten...

von Javaria Akbar
24 Juli 2014, 4:00pm

Photo by Javaria Akbar.

Ich befand mich in Karachi nach einem opulenten Abendessen gerade auf dem Heimweg, als ich auf der Straße einen Obdachlosen ohne Arme und Beine sah. Plötzlich habe ich mich geschämt. Hungrig, hilflos und einsam robbte er sich irgendwie die Straße runter. Wahrscheinlich war auch er auf dem Heimweg, wohin auch immer dieser ihn führen sollte. Ich konnte nicht anders, als mich auf dem Rest des Weges wie ein Fresssack zu fühlen, und zwar wie ein Fresssack mit reichlich Schuldgefühlen.

Doch in Pakistan, wie im Großteil der sogenannten Dritten Welt, gehören solche Szenen zum Alltag. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist massiv und springt dir überall ins Auge—sei es auf der Straße oder in den eigenen vier Wänden.

Auf dieser langen Reise kam ich bei ein paar Bekannten unter, die einen Privatkoch haben. Um sich Hausangestellte leisten zu können, müssen Pakistanis aber nicht besonders reich sein. Billige Arbeitskraft findest du an jeder Ecke. Die Mehrzahl der Hausbediensteten ist bettelarm, kann weder lesen noch schreiben und wird von ihren Arbeitgebern oft schlecht behandelt.

Auf meinen Pakistan-Reisen habe ich viele dieser Privatköche kennengelernt. Einige waren noch Teenager. Andere waren unwesentlich älter, kamen zum Teil aus Bangladesch und haben mit ihren Löhnen ihre zurückgelassenen Frauen und Familien versorgt. Während sie bei glühender Hitze für Großfamilien eindrucksvolle Gerichte aus einfachen Zutaten hervorzauberten, rann ihnen der Schweiß von der Stirn und nasse Stellen wurden auf ihren Salwar Kamiz sichtbar.

Photo by Javaria Akbar.

Köche in einem Outdoor-Lokal beim Zerkleinern von naan.

Die Familie saß derweil in einem klimatisierten Raum oder genoss den angenehmen Luftzug eines leistungsstarken Deckenventilators. Auch ich kam schon in den Genuss des Privilegs, keinen Finger rühren zu müssen. Einmal aß ich in Karachi zu Mittag und der Koch legte ein heißes Fladenbrot auf meinen Teller. Ich hatte kaum die Hälfte davon gegessen, da kam er schon mit einem neuen an. Das mittlerweile kalte, angeknabberte Fladenbrot behielt er für sich und verschlang es im Schneidersitz auf dem schmutzigen Küchenboden. Aber zuvor hatte er noch den Abwasch zu erledigen. Teller und Glas durfte er nicht mit dem Besteck der anderen aufbewahren. Außerdem war es ihm strikt untersagt, das Geschirr der Familie mitzubenutzen.

Die Köche essen meist die Reste von den Gerichten, die sie am selben Tag zubereitet haben, was oftmals auch Hühnchen, Gemüse und Reis bedeuten kann, wenn sie das Glück haben, bei großzügigen Familien unterzukommen. Auf Heimaturlaub essen sie in ihren Dörfern dann wieder nur das, was die Familie selbst anbaut und sich leisten kann. Ein typisches Gericht beinhaltet Fladenbrot mit Jogurt, rohen Zwiebeln und Chilis. Manchmal schlachten sie auch ein Huhn, das dann als Grundlage für eine äußerst wässrige Brühe herhalten muss, die sie mit vielen anderen teilen.

Ich habe mich jedes Mal schlecht gefühlt, wenn ich die Köche darum bat, mir etwas zu kochen. Zu Tee und Kaffee habe ich gänzlich nein gesagt—ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie dafür in die heiße Küche zurückzuschicken. Meine Verwandten haben sich da weniger Sorgen gemacht und zu jeder Zeit ihre verschiedensten Wünsche geäußert—und die Gäste gleichzeitig aufgefordert, es ihnen gleichzutun. Mein Schwager hat eines Tages den Gastgebern gegenüber erwähnt, dass ihm auf seinen Reisen in der Sindh-Region englische Schokolade fehlen würde. Noch am selben Abend lag eine Schokoladentafel der englischen Firma Cadbury vor ihm. Der Koch war auf eine zweistündige Tour zum nächsten Cadbury-Fachhändler geschickt worden.

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Ein jugendlicher Koch in einer für Peschawar typischen Küche beim Bratvorgang.

Das Hauspersonal kann von solch einem Luxus freilich nur träumen. Während mittelständische Pakistanis auswärts essen gehen, ihrer Vorliebe für Buttergebäck nachgehen, Eisdielen aufsuchen, Donuts futtern oder Kaffee schlürfen, sitzen ihre Köche zu Hause und müssen sich mit kalten Chapatis und rohen Zwiebeln begnügen. Ferner sind sie nicht durch arbeitsrechtliche Gesetze geschützt und haben keinerlei Anspruch auf einen Mindestlohn. Im Haushalt meiner erweiterten Familie arbeitete oft ein Jugendlicher, der in einem Zimmer untergebracht war, in das genau ein Einzelbett reinpasste. Er konnte weder lesen noch schreiben. Neben dem Küchendienst wurde von ihm auch erwartet, dass er das Badezimmer schrubbt, die Fenster putzt und manchmal auch noch auf die Kinder aufpasst. Und dabei war er noch ein Kind.

Andererseits weiß ich auch, dass meine Familie für Medikamente und Behandlungskosten aufkommt, wenn er krank wird. Sie haben ihm auch schon neue Schuhe und Kleidung gekauft. Gemeinsam haben sie in der Küche oft gelacht und viele Späße gemacht. Und sie halten ihn für so freundlich und verantwortungsvoll, dass sie ihm ihre Kinder anvertrauen.

Da der pakistanische Staat für die Armen keinerlei wirtschaftliche Vorsorge trifft, sind es oft die Arbeitgeber selbst, die das soziale Sicherungsnetz für ihre Angestellten darstellen. Meine Großmutter und ihre Schwestern haben beispielsweise den Kindern ihres Kochs die Schulausbildung bezahlt, und eines der Mädchen hat sogar einen Master-Titel erworben. Doch genau der wurde ihr ironischerweise zum Verhängnis: Sie hatte einen so hohen Bildungsgrad erreicht, dass ihre Eltern in der Dorfgemeinschaft keinen adäquaten Ehepartner für sie finden konnten, woraufhin sie an einer klinischen Depression erkrankte.

Genau solche Geschichten zeigen die ambivalente Funktion der Privilegierten in Pakistan auf. Einerseits fühlt es sich für mich als Besucher aus dem Westen komisch an, mich von jemandem bedienen zu lassen, der im Anschluss meine Essensreste auf einem separaten Teller hungrig verschlingen wird. Andererseits weiß ich auch, dass etliche Familien—so wie meine—Arbeitsplätze schaffen und, hoffentlich, für eine anständige Bezahlung und ordentliche Arbeitsbedingungen sorgen und auf diese Weise verhindern, dass dieselben Menschen auf der Straße betteln gehen müssen. Schließlich lässt Pakistans Regierung den armen Bevölkerungsschichten nur sehr wenig Hilfe zukommen und kommt ihrer gesellschaftlichen Verantwortung überhaupt nicht nach. Stattdessen sieht man dabei zu, wie von Armut geplagte Personen den Gesetzen der traditionellen Beschäftigung als Hausbedienstete unterstellt sind.

Als jemand, der nicht dort lebt, bin ich—im Gegensatz zu meiner Familie in Pakistan—nicht an die Sitten und Zustände dieses Landes gewöhnt. Und das ist auch gut so, weil ich mir auf diese Weise dauerhaft darüber bewusst bin, wie dankbar ich für jedes mir vorgesetzte Gericht zu sein habe.

Oberstes Foto: Javaria Akbar