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Unterwegs mit Giegling in New York

Das mysteriöse Label aus Weimar ist gerade auf Welttournee – die USA standen noch vor Deutschland auf dem Plan, also waren wir schon mal da.

von Jesse Weiss
16 Februar 2017, 10:10am

Header: Foto von Foster Mickley

Es ist immer ein besonderes Gefühl, wenn du eine Platte von Giegling in deinen Händen hältst. Seit seinen bescheidenen Anfängen ist das Weimarer Label buchstäblich explodiert. 2006 begann alles mit einer House-Party, aus der wurde ein Club und schließlich das Label. Trotz des immensen Erfolgs umgibt alles, was sie tun, noch immer die Aura des Persönlichen und Eigenwilligen. Giegling-Künstler halten sich bedeckt und meiden die Medien. Der wohl bekannteste Produzent des Labels, Traumprinz (AKA DJ Metatron, AKA Prince of Denmark), der den besten Track 2016 geschrieben hat und alles, was er berührt, mit seiner euphorischen Melancholie verzaubert, spielt nur alle Jubeljahre mal ein Set (oder sagt dann doch im letzten Moment ab) und kaum jemand weiß, wie er aussieht. Die mit handgemalten Covern verzierten 12"s des Labels sind in der Regel innerhalb weniger Tage ausverkauft. Wen du keins mehr erwischt, musst du für ein Second-Hand-Exemplar schon mal tief in die Tasche greifen.

Foto von Foster Mickley

Ich war ganz aus dem Häuschen, als Giegling Anfang dieses Jahres seine Planet Giegling-Welttournee bekanntgab. Geplant sind mehrere Termine mit Konzerten, Clubnächten und Kunstinstallationen im Februar und März in Europa, den USA und Asien – inklusive Pop-Up-Recordstore mit 12"s, die es nur auf der Tour gibt. Angekündigt ist das ganze Unterfangen als der Versuch eines Gesamtkunstwerks – ein synergetisches Konzept, das sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Abende zieht. Die US-Shows am letzten Wochenende wurden von der New Yorker Techno-Institution The Bunker veranstaltet und versprachen gleich drei Erfahrungen: Freitagabend gab es eine Ausstellung und eine gemeinschaftliche Ambientperformance des Giegling-Ensembles im Knockdown Center, Samstagabend eine Clubnacht mit verschiedenen Live- und DJ-Sets im Good Room und Sonntagnachmittag stieg die Closingparty, während die Crew ihre Werke im Knockdown wieder abbaute.

Foto von Foster Mickley

Als ich Freitagabend in dem Konzertsaal in Queens ankam, war die Beton- und Stahl-Struktur der alten Türenfabrik kaum wiederzuerkennen. Es gab Fotografie, Malerei, Skulpturen und Multimediainstallationen zu sehen. Keine der Arbeiten hatte einen Titel oder einen Urheber. Ich fragte die Leute von Label, wer die Werke gemacht hat und ob etwas davon davor schon ausgestellt worden war. Ihre Antwort lautete, dass derartige Informationen dem Sinn und Zweck ihres Projekts widersprechen würden.

Eindeutig war hingegen das Faible der Giegling-Crew für silbernes Lametta. Zum ersten Mal sah ich es zwischen Boden und Decke an den Stützbalken im Hauptraum des Knockdown hängen. Die sich durchkreuzenden Girlanden waren so locker im Raum gespannt, dass sie sich problemlos im Luftzug bewegten. Im gedämmten Licht des Raums sorgten sie für ein angenehmes Funkeln und erinnerten mich an eine geschredderte Discokugel. Die enigmatische Präsenz des Lamettas erfüllte mich mit Staunen und Ruhe. enz erföedderte Disden Balken, leicht genug um sich im Luftzug zu bewegen. In dem duneschen Bodüllte mich mit Staunen und Ruhe.

Das gleiche Lametta war auch auf einigen der Schwarz-Weiß-Polaroids zu sehen, die im selben Raum an der Wand hingen – auf den Fotos waren die silbergirlanden allerdings an der Decke befestigt, genau so wie es auch am nächsten Abend der Fall sein sollte. Vielleicht war es bloß ein Überbleibsel einer alten Party oder ein Symbol für etwas ganz anderes, aber als die Köpfe der DJs am Samstag in der Kanzel des Good Rooms an den baumelnden Fransen entlangstreiften, reflektierten und brachen das Metall auf geradezu magische Weise das Licht.

Foto von Erez Avissar

Als das wohl auffälligste Feature an beiden Abenden leuchtete mir das Lametta den Weg und half mir, die ganzen anderen kleinen Dinge zu entdecken: Fotos auf Hochglanzpapier, Gemälde eingedeckt in türkisfarbenem Glitter und aufblasbare Wackelfiguren, die still und seidig schimmernd vor sich hinwogten. Die Musik des Konzert hatte ihren eigenen Glanz: gebrochene Klaviertöne, sommerliche Field Recordings, flutende Flächen und triumphierende Melodien.

Die Musik am Freitag war ein Mischung aus Live-Interpretationen weniger dancefloor-orientierten Giegling-Materials. Nach einem kurzen Noise-Set eines unangekündigten Giegling-Mitglieds neben einer flackernden Neonröhre und einem wunderschönen Live-Tape-Loop-Set von Birds & Tapes nahm das "Ensemble" seine Plätze an einem langen Tisch mit wunderschönen Blumenarrangements ein – eine Art Techno-Version des Letzten Abendmals, wenn du so willst.

Foto von Foster Mickley

Giegling-Mitbegründer Konstantin saß in der Mitte an einen DJ-Mixer neben Kettenkarussel, Edward, ATEQ und Vril, die dann gemeinsam ein introvertiertes Set mit beeindruckender Atmosphäre spielten – typisch für den Sound des Labels stimmungstechnisch irgendwo zwischen Beerdigung und Euphorie. Während die Künstler konzentriert auf ihre Laptopbildschirme blickten, machte es sich das Publikum auf dem Betonboden bequem und blickte verträumt an die pink und blau angestrahlte Decke. Auch wenn das Set sehr atmosphärisch war, war es nicht ganz beatlos. Die Musik von Vril, bekannt für seinen dubbigen Techno, erklang wuchtig aus den Lautsprechern, während die DJs rhythmisch mit ihren Köpfen zur Musik wackelten und ein zufriedenes Grinsen im Gesicht hatten. Der mutierte Tagtraum "Torus XXXII" durfte natürlich nicht fehlen, genau so wenig wie "Otolith". Für einen Freitagabend war es an der Bar auffällig ruhig. Die Menschen waren eindeutig hier, um sich von der Musik mitreißen zu lassen.

Am nächsten Abend tat Giegling im Good Room dann das, was Giegling am besten kann, und schmiss eine verdammt gute Party. Ich schaffte es in dieser Nacht kaum, den Mainfloor zu verlassen, wo ATEQ ein mörderisch-basslastiges Live-Set ablieferte. Fast von Anfang bis Ende ging es im 4/4-Puls voran, in den der Künstler immer wieder prägnante Minimal-Sounds einstreute und so ziemlich jede Abwandlung einer donnernden Kick-Drum zum Besten gab. Gegen 1:30 Uhr übernahm Konstantin mit einem DJ-Set und wärmte sich mit einem Mix aus dubbigen und deepen Techno-Tracks auf. Man meinte darin den Widerhall einiger der stärksten Momente von Prince of Denmarks epochaler LP-Box  8 zu spüren – ihre rollenden Kick-Drums, den Sub-Bass und die sehr sparsam eingesetzten Melodien.

Sein Set war so verführerisch, wie Techno nur sein kann – niemals unheimlich, übers Ziel hinaus oder paranoid. Als die Uhr dann langsam auf die 3 zuging, haute Konstantin plötzlich "The Stich-Up" von Objekt raus und erwischte damit die Tanzenden kalt, die nach über einer Stunde beständiger und schmeichelnder Kick-Drum-Sounds vollkommen unvorbereitet auf derartige Harsh-Nosie-Breakdowns waren. Er machte sich nichts aus den verwirrten Blicken, sondern amüsierte sich mit seinen Freunden hinter der Kanzel über die geglückte Irritation.

Foto von Erez Avissar

Konstantins kleiner Einschub war eine Erinnerung daran, nicht alles zu ernst zu nehmen und zu lange an einem Ort zu bleiben. Außerdem holte er den Dancefloor aus der Hypnose, die er als DJ bis dahin aufgebaut hatte. Plötzlich waren alle vereint in einem Moment des akuten Gewahrwerdens und Bewusstseins. Augenblicke wie diese erinnern dich daran, dass die Realität vielleicht nicht so schön ist, Planet Giegling dir aber eine kurze Verschnaufpause bieten kann. Wenn alles andere hässlich ist, scheint die Schönheit umso stärker durch.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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