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Der sozialistische Fanclub, der den US-Fußball vor Neonazis bewahrt hat

Der Empire Supporters Club beherbergte Anarchisten, Skins oder Sozialisten gleichermaßen. Sie lebten Akzeptanz und Offenheit vor—außer bei Neonazis. Diese beförderten sie gewaltsam aus dem Stadion. Auf einen Dank der MLS warten die Fans noch heute.

von Leander Schaerlaeckens
01 Dezember 2015, 10:25am

Roger Gaess/Courtesy Holly Duthrie

Als am Sonntag die New York Red Bulls zum Conference-Final-Rückspiel gegen Columbus Crew gebeten haben, war im Stadion von Neonazis glücklicherweise nichts zu sehen. Auch Anarchisten, Skins oder Sozialisten haben mit Ausnahme weniger nicht auf sich aufmerksam gemacht. Mit anderen Worten: Der Club hat sich gehörig verändert, seitdem er unter dem Namen New York/New Jersey MetroStars 1996 in seine allererste Saison gegangen ist.

Der Empire Supporters Club (ESC) hat schon alles gesehen—Umbenennungen seines Vereins, neue Besitzer, ein neues Stadion. Und natürlich Jahr für Jahr dieselbe Enttäuschung, sobald es in die Playoffs ging (auch dieses Jahr sollte es nicht zum Einzug in die Finals reichen). Am Sonntag hat man mit aller Kehlkraft seine Mannschaft nach vorne gepeitscht, gesungen, geschrien, für eine Atmosphäre gesorgt, die genauso ohrenbetäubend war wie vor knapp 20 Jahren im alten Giants Stadium. Trotzdem erinnerte nur wenig an die Gründungstage des ESC, als viele Mitglieder bekennende sozialistische und anarchistische Aktivisten waren, deren Hauptaugenmerk darauf gerichtet war, neben der Anfeuerung ihrer Mannschaft Faschisten und Rechtsextreme—wenn nötig auch unter Anwendung von Gewalt—vom Stadion fernzuhalten.

Kevin McAllister—der den ESC im Jahr 1995 gegründet hat—glaubt, dass sich linksgerichtete Gruppen aus New York für den neu gegründeten Verein interessierten, weil das zu der Zeit auch in Europa—dem Vorbild aller US-Fußballbemühungen—ein häufig zu beobachtendes Phänomen war. „Es war vielen Leuten wichtig, dass sie auch in einem Fußballverein mitmischen", erinnert er sich.

Bis die MetroStars auf der Bildfläche erschienen, war in New York von einer Fußballkultur nichts (mehr) zu sehen. Cosmos—der Verein, bei dem Beckenbauer gleich zweimal für insgesamt vier Jahre gekickt hatte—war seit über einem Jahrzehnt Geschichte. Und die New York Centaurs, die ab 1995 in der A-League—dem Vorläufer der MLS—antraten, sollte es nur ein Jahr lang geben. Deren Ultras, die „New York City Firm", wurden von einem Anarchisten namens Tommy Miles gegründet und lockten schnell auch Mitglieder der „Red and Anarchist Skin Heads" (RASH)—einer antirassistischen Antifa-Skin-Gruppierung, die einige Jahre zuvor aus der New Yorker Punkszene entstanden war—an.

„Viele von ihnen waren Anglophile, die mit der Fußballkultur in England und Schottland gut vertraut waren", erzählt McAllister über die „Firm". „Es waren ihre Verbindungen nach Großbritannien und zu linksgerichteten Bewegungen, die sie zu Centaurs-Spielen brachten. Das war gleichzeitig auch die Geburtsstunde für den ESC."

Der ESC mit einem Banner der NYC Firm bei einem Auswärtsspiel im Jahr 2000. Foto: Roger Gaess

McAllister gründete den ESC als eine Art Dachorganisation für verschiedene MetroStars-Fangruppen. Man nahm auch die „Firm" mit auf, nachdem ihre Centaurs sich erst mit einem anderen Verein zusammengeschlossen hatten und dann aufgelöst worden waren. Das sollte auch den politischen Ton für die Gründungsjahre vorgeben. Denn die RASH-Mitglieder waren gewillt, die MetroStars zu einem linksgerichteten Verein zu machen. Ein Wort noch zur Namenswahl: ESC deswegen, weil die MetroStars ursprünglich auf den Namen Empire Soccer Club getauft worden waren.

Doch nicht alle Fans waren politisch aktiv, geschweige denn linksgerichtet, auch wenn eine sozialistisch geprägte Ideologie durchaus das Gros des locker zusammengeschlossenen Bundes an Anhängern prägte. „Wir waren ein bunter Haufen", schrieb mir Holly Duthie, eine der ersten ESC-Mitglieder, in einer E-Mail. „Wir hatten Skinheads, Marines, Latinos, polnische Hooligans, Familien mit Kindern, Ska- und Punk-Fans."

„Das, was uns miteinander verband, war unser Beschluss, die MetroStars und die Fanszene für Rassisten und Faschisten ungemütlich zu machen", erzählt mir Miles. „Der harte Kern unserer Gruppe hat sich dafür ausgesprochen, dass wir bei unseren Spielen keine Nazis zulassen würden."

Die ESC-Mitglieder hatten in Europa und Südamerika beobachtet, wie sich seit Mitte der 90er rechtsgesinnte Gruppierungen Fußballspiele als Plattform für fremdenfeindliche Parolen unter den Nagel gerissen hatten—dasselbe galt auch für bestimmte Mitglieder der New Yorker Punkrock-Szene. Darum war man gewarnt und entschlossen, Entwicklungen dieser Art in der neu gegründeten MLS—und vor allem im altehrwürdigen Giants Stadium—schon im Keim zu ersticken.

Frühe ESC-Fans in ihrem Block. Foto: Roger Gaess

Ihre Befürchtungen sollten sich schon im zweiten Heimspiel der MetroStars bestätigen, als eine Gruppe von Neonazis aus South Jersey aufkreuzte. „Den Leuten war klar, dass ein solches Aufeinandertreffen nur auf zwei verschiedene Arten ausgehen könnte", so Miles. „Am Ende haben wir sie nach draußen befördert." Der ESC hatte kein Problem damit, seine Prinzipien notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Und laut mehreren Augenzeugen wurden die Nazis im Zuge einer gewaltsamen Auseinandersetzung vertrieben.

Danach waren Neonazis kein wirkliches Problem mehr. „Sie kamen zwar ab und zu noch zu den Spielen", erzählt Pason, „aber nicht mehr als organisierte Gruppe." Es gab aber „einzelne Vorfälle", in denen kleinere Gruppen von Rechtsextremen zu den Spielen kamen, wo sie den Hitlergruß zeigten und rassistische Parolen sangen. Viele von ihnen waren laut Pason neu angekommene Einwanderer aus Russland und Polen. „Sie kamen zu den Spielen und verstanden nicht, warum sie hier keine Hakenkreuze tragen konnten. Also mussten wir ihnen gegenüber ein bisschen lauter werden."

Nicht dass sich der Verein oder die MLS jemals beim ESC für sein Engagement gegen Nazis bedankt hätte. Da überrascht es auch nicht, dass Jeff Bradley—Pressesprecher der MetroStars in ihrer ersten Saison—zugibt, dass er nichts von einer ausgeprägten politischen Ader beim ESC wusste, oder auch, dass auf den Tribünen ein moderner ideologischer Kampf ausgetragen wurde.

„Der Verein wusste nichts über uns", so McAllister. „Die haben sich überhaupt nicht um uns geschert. Ich glaube, die hielten uns eher für eine Kuriosität bzw. manchmal auch für einen Nervtöter."

Die MetroStars und das Giants Stadium waren aus ESC-Sicht überhaupt nicht auf die Ultra-Bewegung vorbereitet, weil man ein solches Fankonzept im amerikanischen Fußball zuvor nur selten gesehen hatte. Ihre Anhänger stießen regelmäßig mit der Stadion-Security zusammen und sangen Parolen wie „Fuck the shootout", weil man zu der Zeit für Spiele, die unentschieden endeten, sehr amerikanisch einen Sieger im Elfmeterschießen ermittelte (siehe das Penaltyschießen in der NHL). Am Anfang saßen inmitten von ESC-Mitgliedern auch noch Normalo-Fans, die sich darüber beschwerten, dass die Ultras die ganze Partie über standen. Der Verein musste nach ein paar Spielen einsehen, dass man für den ESC wohl einen eigenen Block brauchen würde.

„Es war nicht so wie heute, wo sich viele Ligen mit ihren Ultrabewegungen brüsten", erzählt Miles. „Das Ganze sollte mehr was von einem Familien-Event haben. Die wussten nicht, was sie mit uns anfangen sollten." (Die Beziehung zwischen Verein und Fans hat sich seit der Übernahme durch Red Bull 2006 zwar erheblich verbessert, gleichzeitig haben viele ESC-Mitglieder aufgrund der Umbenennung und des massiven Rebrandings dem Verein den Rücken gekehrt.)

Der ESC-Fanblock heute. Foto: Jim O'Connor/USA TODAY Sports

Ihre anfangs noch geringen Mitgliederzahlen haben dem ESC natürlich nicht gerade geholfen. Vor allem auch deswegen, weil die Euphorie in der ersten MLS-Saison ausgesprochen groß war. Im Durchschnitt konnten die MetroStars fast 24.000 Zuschauer ins Stadion locken, beim Spiel gegen Los Angeles Galaxy kamen sogar 69.255 Menschen ins Giants Stadium. Im zweiten Jahr waren es im Schnitt nicht einmal mehr 17.000 Zuschauer, weswegen der mittlerweile angewachsene ESC deutlich mehr auf sich aufmerksam machen konnte.

Wenn die MetroStars in der MLS nur ein mittelmäßiges Team waren, so waren zumindest ihre Fans—allen voran der ESC—erste Sahne. Der hat sich reichlich vom europäischen und südamerikanischen Fußball inspirieren lassen und auch für Fangruppierungen anderer MLS-Teams ein Vorbild geschaffen. „Wir haben die Songs gesungen, die wir bei Auslandsreisen in Großbritannien, Italien, Spanien oder Argentinien gehört hatten", sagt Ben Poremski, ein weiteres Gründungsmitglied vom ESC.

„Wir hatten das Gefühl, dass wir die Liga in Sachen Support anführen würden", sagt Duthie. „Wir wirkten einfach viel organisierter als die meisten anderen Gruppen. Wir erstellten viele Banner und machte eine Menge Radau. Wir machten uns über die anderen Teams lustig, weil die kaum Fangruppen hatten. Ich glaube, in diesem Zusammenhang ist auch unser Schlachtruf You Suck, Asshole entstanden. Das war damals schon verdammt lustig. Mittlerweile ist es recht ausgelutscht, aber damals war es noch der Knüller."

„Die meisten von uns waren die ganze Zeit über besoffen", sagt Pason. „Keine Ahnung, ob der Begriff Hooligans auf uns zugetroffen hätte. Auf jeden Fall waren wir schon sehr laut und unangenehm. Wir wollten die gegnerischen Fans und Teams einschüchtern."

„Die Vorstellung, dass das Giants Stadium, die MetroStars oder die MLS uns etwas vorschreiben könnten, wirkte lächerlich. Ein Gefühl von absoluter Anarchie durchzog unseren Fanclub."

Fans der New York Red Bulls bei einem Playoff-Spiel. Foto: Noah K. Murray/USA TODAY Sports

Heutzutage ist vom politischen Unterton aber kaum mehr was übrig geblieben. Die meisten der ursprünglichen ESC-Anführer und -Mitglieder sind längst weitergezogen. Keine der im Artikel genannten Personen ist noch im Verein aktiv. Doch die offene Atmosphäre, die Mitte der 90er-Jahre bei den MetroStars kultiviert wurde, hat auch noch heute—bei Spielen von New York Red Bulls—Gültigkeit. „Worauf ich am stolzesten bin, ist die Tatsache, dass wir beim ESC eine von Akzeptanz und Offenheit bestimmte Mentalität geprägt haben", sagt McAllister. Auch Pason erinnert sich gerne zurück: „Wir wollten ein tolles Team haben, aber wir waren auch Aktivisten", sagt er. „Am Ende war der Klub scheiße, aber die Atmosphäre war echt super."