Forscher lüften das Geheimnis um Ketamin als bestes Antidepressivum der Welt

Wir wissen jetzt, wieso Ketamin so spektakulär gut gegen schwere Depressionen wirkt.

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06 Mai 2016, 2:04pm

Bild: Wikimedia Commons | Psychonaught | CC0

16 Prozent der Weltbevölkerung, so schätzt man, leiden unter schweren Depressionen. Unbehandelt treiben sie die Menschen, die in ihrem Bann stehen, in die Verzweiflung und oft sogar in den Selbstmord.

Wieso können wir eine so gigantische Volkskrankheit immer noch nicht besser therapieren? Nun, das Problem an herkömmlichen Medikamenten ist zunächst mal ihre langsame Wirksamkeit: SSRIs, oder selektive Serontonin-Wiederaufnahmehemmer (die die Konzentration des Botenstoffes Serotonin im synaptischen Spalt erhöhen sollen) wirken häufig erst nach einer quälend langen Zeit von drei bis acht Wochen—und bei weitem nicht bei jedem. So probieren sich Patienten unter Qualen monate- oder jahrelang durch verschiedene Mittel in Hoffnung auf Besserung—und werden immer wieder enttäuscht. Dass sich das in einer depressiven Phase unerträglich anfühlt, ist leider noch nicht alles. Die meisten SSRI-Medikamente kommen nämlich auch mit einem langen Rattenschwanz an fiesen Nebenwirkungen daher, die von Übelkeit über Erektionsstörungen und Gewichtszunahme so ziemlich jeden Aspekt des Lebens weiter unangenehm gestalten.

Doch ausgerechnet eine verspulte Partydroge wurde jüngst als spektakulärer Hoffnungsschimmer auf diesem Gebiet wiederentdeckt. Tierärzte benutzen sie, um Pferde auszuknocken, Clubgänger, um sich ins K-Hole zu befördern. „Die Ansprechrate ist unglaublich. Die Droge ist zu 75 Prozent effektiv, was bedeutet, dass es drei Viertel meiner Patienten gut geht. Nichts in der gesamten Medizin kann mit solchen Zahlen aufwarten", sagte der Arzt Enrique Abreau aus Portland zu Beginn des Jahres der Washington Post. Der Effekt von Ketamin auf Patienten mit schwerer Depression ist nicht nur unglaublich wirksam, sondern auch unglaublich schnell: Die Symptome verschwinden binnen Stunden durch die unkonventionelle Therapie, die nun immer mehr Kliniken in den USA testen—weil sie Leben retten kann.

„Die gesamte Zunft ist plötzlich an Ketamin interessiert"

Was die Ärzte aber bislang nicht wussten, ist, wieso gerade Ketamin so gut als Antidepressivum wirkt. Nun aber scheint des Rätsels Lösung gefunden: Nicht Ketamin selbst erledigt den Job so hervorragend, sondern ein Abbauprodukt, das entsteht, wenn der Körper das Mittel in seine Moleküle zerlegt.

Ein Ketamin-High würde sich bei einer exklusiven Einnahme dieses Stoffes nicht einstellen—und das sind richtig gute Nachrichten für viele Patienten, die nicht unbedingt Lust haben, bei einer regelmäßigen Verabreichung zwischen Einkauf und Parkplatzsuche durch Raum und Zeit zu schweben oder sich beim Abendessen spontan von ihrem Körper loszulösen.

Experten nennen es den größten wissenschaftlichen Durchbruch auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit in einem halben Jahrhundert.

Neuropharmakologen und Chemiker um Todd Gould an der University of Maryland School of Medicine in Baltimore fanden in einer klinischen Studie an Mäusen heraus, dass der Körper Ketamin nach der Verabreichung in verschiedene Moleküle zerlegt. Verabreicht man depressiven Mäusen eins dieser Moleküle mit dem griffigen Namen (2R,6R)-Hydroxynorketamin ((2R,6R)-HNK), beginnen sie sofort wieder, nach einer versteckten Wasserplattform zu suchen, trinken lieber Softdrinks als Wasser und bemühen sich, einem Schock auszuweichen. Kurzum, sie haben wieder Antrieb und können genießen.

Selbst bei einer 40-fach erhöhten Dosis als Antidepressivum verhielten sich die Mäuse noch normal, schreibt das interdisziplinäre Team in Nature. Es scheint bisher, als würde das Abbauprodukt von Ketamin ohne Nebenwirkungen oder Suchtpotential auskommen. Mäuse, die sich mit einem kleinen Hebel Keta selbst verabreichen konnten (und davon in früheren Experimenten auch gern Gebrauch machten), zeigten nach der Einnahme des Moleküls kein gesteigertes Verlangen, sich eine Extraportion des Produkts einzupfeifen.

Ketamin—gleichermaßen beliebt als Anästhetikum bei Kinder-Operationen und als dissoziative Droge auf Raves—steht schon länger im Verdacht, einen unglaublichen Effekt bei der Behandlung schwerer Depressionen zu haben. „Experten nennen es den größten wissenschaftlichen Durchbruch auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit in einem halben Jahrhundert", schreibt die Washington Post.

Waren die Resultate auch noch so vielversprechend, hatten alle bisherigen Keta-Studien zudem einen Haken, die sie wissenschaftlich angreifbar machte: Zu geringe Stichprobengröße, um zu einer repräsentativen Aussage zu gelangen. Die große, vielzitierte Studie von Gould und Kollegen hat den ersten Schritt getan, um das zu ändern.

„Die gesamte Zunft ist plötzlich an Ketamin interessiert", so Gould. „Es macht mit Patienten etwas andere als jedes andere uns verfügbare Medikament." Gould und sein Team bereiten nun klinische Studien an Menschen vor, um zu verstehen, wie das Abbauprodukt wirkt und ob die spektakulären Ergebnisse sich von Mäusen auf Menschen übertragen lassen. Sollte sich das bewahrheiten, können 16 Prozent der Weltbevölkerung wieder hoffen.