2 Millionen Dollar und kein Gründer: Mein Jahr in einem geheimen Start-up-Kult
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2 Millionen Dollar und kein Gründer: Mein Jahr in einem geheimen Start-up-Kult

Der Aufstieg und Fall der Latitude Society ist ein Gleichnis des modernen Silicon Valley.
4.5.16

„Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?" Ich blinzelte. Ich kannte Justin nicht sonderlich gut. Doch ich wusste, dass er ein netter Kerl war, der wir ich irgendwo in der Nähe von San Francisco wohnte. Ich hatte ihn kennengelernt, da er eine kleine Kreativagentur leitete, ich hingegen arbeitete als Autorin und Digital Media Consultant.

„Ich denke schon", antwortete ich vorsichtig auf seine Frage. Justin schaute mich fragend an, so als hätte ich nicht die richtige Antwort gegeben. „Natürlich kann ich das", sagte ich also etwas bestimmter.

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Er erzählte mir, dass er mir schon seit Wochen ein Geschenk hatte geben wollen, und dass er sich dafür entschieden hatte, nachdem er einen meiner Artikel gelesen hatte. „Du musst mir aber versprechen, dass du niemandem davon erzählst."

Ich nickte und Justin händigte mir eine weiße Plastikkarte mit einer Abfolge schwarzer Nullen darauf aus. Die Karte war in etwa so groß wie eine Kreditkarte und steckte in einer schwarzen Hülle, auf der in goldenen Lettern die Worte ABSOLUTE DISKRETION gedruckt waren. Außerdem war sie mit einem goldenen sechseckigen Symbol verziert.

Auf der Rückseite an der Stelle, wo normalerweise die Unterschrift des Besitzers steht, war in geschwungener, schwarzer Schrift zu lesen:„Sie sind dazu eingeladen, das San Francisco House of the Latitude zu besuchen." Darunter entdeckte ich eine Internetadresse und einen Code.

Die The Latitude Society Einladungskarte. Bild: Lydia Laurenson

„Was ist das?" fragte ich, doch Justin verriet mir nichts und lachte über meine Neugierde, als ich direkt mein Handy rausholte, um auf der genannten Website den Code einzutippen. Die Website war elegant und schlicht gehalten, schwarze Schrift auf grauem Hintergrund. Nachdem ich mich eingeloggt hatte, wurden mir zwei Definitionen für das Wort „Diskretion" angezeigt. Nach dem ich mich weitergeklickt hatte, landete ich schließlich bei den ein wenig einschüchternd wirkenden allgemeinen Geschäftsbedingungen—schließlich landete ich bei dem Teil, in dem man Termine vereinbaren konnte.

Justins Geschenk, die geheimnisvolle Website, der mysteriöse Termin—das ganze verwirrte und faszinierte mich gleichermaßen. Ich kam mir vor wie in einem Märchen, als hätte man mich für etwas ganz besonderes auserwählt. Ich fragte mich, was die Society aufbauen wollte, welches Geheimnis sie beschützte—aber auch, um wie viel Geld es hier wohl ging.

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Ich machte sofort einen Termin aus.

***

Nach der Terminvereinbarung erhielt ich von the Latitude folgende Email:

Der Termin gilt dir und dir allein. Der Besuch des Latitude House ist nicht für misstrauische Menschen oder ängstliche Seelen bestimmt. Dieses besondere Erlebnis ist denen vorbehalten, die mutig genug sind, einen Schritt in das Unbekannte zu wagen.

In der Nachricht war auch eine Adresse enthalten, außerdem wurde ich um Pünktlichkeit und erneut um Diskretion gebeten. Einige Wochen später stand ich vor einer grauen Tür in San Franciscos Mission District. Um mich herum verbrachten ganz normale Menschen einen Samstag wie jeden anderen—ich hingegen strengte mich an, bloß nicht aufzufallen. Neben dem Eingang befand sich ein Kartenleser, verziert mit dem gleichen sechseckigen Symbol wie die Kartenhülle. Ich zog also die Karte durch den Leser und prompt öffnete sich die Tür.

Ich stand einem mit poliertem Holz verbautem Kamin gegenüber, in dem sich eine elfenbeinfarbene Rutsche befand, die sich irgendwo im Dunkeln verlor. Der Kamin wurde von zwei roten, pulsierenden Lampen beleuchtet. Den Raum erfüllte ein leises Summen. Außerdem sah ich über mir noch eine Kamera und realisierte, dass ich beobachtet wurde.

Der Eingang durch den Kamin. Foto: Lydia Laurenson

Die roten Lichter begannen, schneller zu pulsieren und auch das Summen wurde lauter. Der Boden vibrierte unter meinen Füßen. Mein Herz raste. Ich stieg also in die Rutsche und fand mich nach kürzester Zeit in einem dunklen Empfangsraum mit drei Holztüren wieder.

Hinter einem Schalter mit Milchglas sah ich eine stille Silhouette. Über dem Schalter leuchtete in roten Neonfarben das Wort SHHHH. Ich vermutete, dass die Silhouette zu einer Puppe gehörte, doch sicher war ich mir nicht. Dann öffnete sich neben dem Schalter ein Schränkchen, in dem ich auf einem Zettel angewiesen wurde, meine Sachen darin zu lassen.

Shhhh. Foto: Lydia Laurenson

Als ich nun in dem Wartezimmer stand, dachte ich an den Tag zurück, an dem ich von Justin die Karte erhalten hatte. Ich hatte gefragt: „Wie lange wird es dauern? Werde ich am nächsten Tag meine Termine wahrnehmen können?" Doch er hatte nur mit den Achseln gezuckt und gelächelt. Jetzt fragte ich mich, ob ich gleich geknebelt, in einen Van geschmissen und entführt werden würde. Wie gut kannte ich Justin? Nicht sehr gut. Und ich hatte keine Ahnung, wer diesen Ort hatte erbauen lassen.

Plötzlich hatte ich Angst, war aber auch wie beflügelt. Ich atmete tief ein und aus—und legte dann sowohl mein Handy als auch mein Portemonnaie in den Schrank. Die Silhouette hinter dem Schalter schien mich regungslos zu beobachten.

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Als ich den Schrank schloss, knarrte eine der Türen. Die beiden anderen waren verschlossen, also öffnete ich die dritte und stieg in einen dunklen Tunnel. Ich musste mich auf allen Vieren durch den schmalen, sich windenden Tunnel fortbewegen und erreichte schließlich eine klitzekleine Bibliothek, in der ich nicht stehen konnte. So schaute ich mich also in dem kleinen Raum um, der von oben bis unten mit identisch aussehenden Büchern gefüllt war, alle mit grauem Rücken, The Latitude in schwarzer Schrift und dem unverwechselbaren goldenen Symbol.

Die Bibliothek. Foto: Lydia Laurenson

Vor mir lag auf einem niedrigen Lesepult eines der grau gebundenen Bücher. Ich öffnete es und blätterte durch die Seiten, doch sie waren alle leer. Dann leuchteten die Seiten hell auf, und eine Frauenstimme begann zu erzählen:

„Es gab einmal eine Insel und inmitten der Insel befand sich ein Dorf. An der Küste war ein Hafen…"

Ihre Worte erschienen in Kalligraphie auf der aufgeschlagenen Seite, und daneben zeichnete sich ein Bild von besagter Küste ab und veränderte sich mit foranschreitender Geschichte.

Das war das erste Mal, dass ich mit einem echten Social Network Rätsel konfrontiert war, und ich war sofort besessen davon.

Ich war nicht entführt worden, doch mein erstes Abenteuer führte mich mit seinen vielen rätselhaften Nachrichten und dem sechseckigen Symbol zu Fuß durch die Straßen von San Francisco und durch den gesamten Mission District. Nachdem die Frauenstimme die Fabel zuende erzählt hatte, zog ich weitere Bücher aus dem Regal, doch alle waren leer— bis auf ein identisches Inhaltsverzeichnis auf der jeweils ersten Seite, das mit den folgenden Einträgen begann:

A Ghost Train … AZURE 5305

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Abraxoids (or Abraxas Stones) … AZURE 4280

Absolute Discretion … INDIGO 1937

Absolute Zero … ONYX 4887

Abydos … OPAL 0121

Administration of Sympathetic Resonance … FERN 5457

Aerodamnation … ONYX 6062

Die Minuten verflogen, während ich angestrengt über das Inhaltsverzeichnis grübelte. Manche Namen erkannte ich, aber die meisten waren mir neu.

Schließlich flüsterte eine körperlose Stimme: „Lydia, du musst weitergehen." Ich blickte hoch und sah, dass ich auch hier von einer Kamera beobachtet wurde.

Von der Bibliothek aus gelangte ich in einen Salon mit gedimmtem Licht, dunklen Sofas und antiken schwarz-weiß Fotos. Auf einem Couchtisch stand ein Messing-Schädel. An einer Eckbar standen eine Flasche Likör und ein Glas, das bereits mit Eis gefüllt war. Ich nahm das Glas in die Hand; das Eis war frisch. Jemand war also nur wenige Momente vor mir hier gewesen und hatte das Eis für mich vorbereitet. Der Gedanke, dass ich beobachtet, ja getestet und bewertet wurde, ließ mich erschaudern. Und doch kam ich mir gleichzeitig sehr willkommen und verstanden vor.

Auf einem Beistelltisch stand ein altmodisches, schwarzes Telefon. Ich nahm den Hörer ab und eine Nachricht voll von kryptischen Hinweisen wurde abgespielt. Ich holte mein Handy und Portemonnaie aus einem Schließfach, setzte mich, und wartete, aber ohne etwas zu trinken. Da ich aus der Bibliothek herausgebeten worden war, ging ich davon aus, dass jemand hinter mir hinein gegangen war. Als diese Person in den Salon kam, überzeugte ich sie davon, mit mir zusammenzuarbeiten. Unterwegs trafen wir auf eine weitere Frau. Ich versuchte, alles über ihre Kontaktinformationen herauszufinden, erfuhr, von wem sie zur Society eingeladen worden waren und begann, vor meinem inneren Auge die Mitglieder miteinander zu verknüpfen.

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Normalerweise fällt es mir schwer, Rätsel zu lösen. Doch dieses war eine neue Art Rätsel. Ich wollte unbedingt herausfinden, wer noch Mitglied in der Latitude Society war, wie die innere Hierarchie aussah und wie ich diejenigen finden konnte, die die Society gegründet hatten.

Das war das erste Mal, dass ich mit einem echten Social Network Rätsel konfrontiert war, und ich war sofort besessen davon.

Zum Schluss landete unsere kleine Truppe in einem Raum voller Arcade-Spielen. Während wir spielten, erschien eine Vision, die uns in einer mysteriösen Rede ein Codewort nannte. Dieses führte uns zu der Latitude Website, auf der wir nach dem Log-In ein Forum entdeckten, in dem alle Teilnehmer Decknamen benutzten. Manche der Namen kamen mir von diversen Kunstprojekten aus der Bay Area bekannt vor, Justins Spitzname war beispielsweise Dr. Professor. Ich wählte den Namen Noisemaker.

Nachdem ich wieder nach Hause kam machte ich mich sofort daran, herauszukriegen, wie ich die mysteriösen Gründer der Society treffen könnte. Die wenigen Leute, die ich aus der Society kannte, wussten selbst nicht viel, oder reagierten verschlossen, wenn ich nach Details fragte. Über Google erfuhr ich lediglich, dass das Projekt von Nonchalance entwickelt worden war, einem Unternehmen, das zuvor schon das immersive Spielerlebnis the Jejune Institute entwickelt hatte.

Im Forum bekam ich auch einiges mit, und selbstverständlich versuchte ich, so viel wie möglich aus Justin—Dr. Professor— herauszuquetschen. Er erklärte mir, dass er mein ascendant war, und ich als diejenige, die von ihm die Einladung erhalten habe sein descendant war. Er war mir in der Society um einige Schritte voraus, und er hatte bereits viele Informationen gesammelt. Aber als Antwort auf meine hartnäckigsten Fragen entgegnete er nur: „Bist du sicher, dass du die Antworten von mir willst? Willst du es nicht lieber selbst herausfinden?"

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Neben dem Forum gab es auf der Latitude Website auch einen Online-Shop, in dem man Artikel wie T-Shirts mit dem Aufdruck ABSOLUTE DISKRETION kaufen konnte. Die Ironie daran gefiel mir und ich bestellte direkt ein Shirt. Außerdem konnte man auch Einladungskarten für je 25 Dollar kaufen—Karten wie die, die ich von Justin bekommen hatte, jede mit einem anderen Code. Ich kaufte mehrere der Karten, verschenkte aber vorerst nur eine davon.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja selbst noch nicht genau, wo ich da hereingeraten war und wusste nicht, was passieren würde, wenn ich andere einlud. Doch ich wollte es unbedingt herausfinden.

***

Als ersten Schritt meiner Ermittlungen begann ich also, mein ABSOLUTE DISKRETION T-Shirt überall zu tragen. Es half mir, andere Latitude Mitglieder außerhalb der Society zu erkennen. Ich postete sogar auf Instagram ein Bild davon, halb in freudiger Erwartung, halb bangend. Brach ich vielleicht gerade damit die Regeln? Was genau waren überhaupt die Regeln?

Eines Tages traf ich mich dann mit einem Künstler zum Mittagessen. Als er mein Shirt sah, lachte er und nannte ein Codewort der Society. Ich fragte ihn daraufhin vorsichtig nach Details. Er zuckte mit den Schultern. „Ah, die Latitude Society", sagte er, und zum ersten Mal wurden ein paar Namen genannt, die hinter der ganzen Sache stehen könnten. „Jeff Hull", sagte er, und „Kate Meler. Du weißt schon, diese Leute halt." Ich tat so, als wüsste ich bestens, wovon er sprach, und prägte mir die Namen ein, als wären sie mein kostbarster Schatz.

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Einige Monate, nachdem ich der Society beigetreten war, wurden über das Forum persönliche Treffen der Teilnehmer verabredet. Meistens gingen wir etwas essen oder trinken, doch schon bald entwickelten sich gewisse Traditionen. Nach ein paar Monaten führte dann auch die Society Veranstaltungen ein. Die erste Art Veranstaltung war die sogenannte Praxis: ein feierliches Zusammenkommen in dem Salon mit dem Messing-Schädel.

Der Messingschädel. Foto: Lydia Laurenson

Die Praxis wurde immer von einem leitenden Mitglied der Society eröffnet, das die Fabel aus dem leuchtenden Buch nacherzählte:

„Es gab einmal eine Insel und inmitten der Insel befand sich ein Dorf. An der Küste war ein Hafen…"

Der Erzähler gehörte zur Geschäfts-Gilde, einer Gruppe von Freiwilligen, die die Veranstaltungen der Society organisierten. Jedes dieser Mitglieder erzählte je nach Stimmung eine abgeänderte Version der Fabel. Somit sah die Praxis jedes Mal anders aus, aber es war immer sehr kreativ und feierlich. Die erste Praxis, der ich beiwohnte, wurde von einer rothaarigen, jungen Frau mit sanfter Stimme geleitet. Ich vermutete, dass sie Kat Meler war.

Im Laufe zahlreicher Ausflüge, Parties und Praxis Veranstaltungen baute ich mir langsam einen Freundeskreis innerhalb der Society auf; Darunter waren Künstler, Gamer und andere im positiven Sinne Verrückte, aus denen die Society bestand. Wir tauschten Gerüchte darüber aus, wie die Society aufgebaut war und versuchten, mehr Rätsel zu lösen.

„Durch das Eintreten in den Salon hatte man das Gefühl, eine Zeitreise in eine andere Welt unternommen zu haben."

„Die Teilnehmer waren immer pünktlich und sehr konzentriert", erzählte mir Anthony Rocco, der auch zur Geschäfts-Gilde gehörte und viele Praxis-Veranstaltungen leitete. „Den Leuten war es sehr wichtig, zu allen Treffen zu erscheinen, und sie waren immer voll dabei. Ich fühlte mich als Teil einer großen, dynamischen Untergrund-Gemeinschaft."

Greg Gioia, der bei vielen Veranstaltungen hinter der Bar arbeitete, sagte „Durch das Eintreten in den Salon hatte man das Gefühl, eine Zeitreise in eine andere Welt unternommen zu haben, die kaum etwas mit der über ihr liegenden Stadt zu tun hatte."

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Bald fühlte ich mich endlich bereit dazu, andere Leute einzuladen. Es gab keine Kriterien, nach denen die descendants ausgesucht werden sollten, außer dass sie „ähnlichen Herzens und Verstandes" sein sollten, doch das war auch schon alles. Ich ging langsam vor, da ich nicht sicher war, wer für die Society gut sein würde, außerdem waren die Einladungen nicht gerade billig. Der Preis wurde auf 32 Dollar angehoben, es wurde also langsam zu einem teuren Hobby. Trotzdem lud ich pro Monat mindestens zwei Personen ein.

Die Vergabe der Einladungen war auch eine meiner Lieblingstätigkeiten während meiner Mitgliedschaft bei Latitude. Jeder reagierte anders darauf. Einige meiner descendants wurden ebenfalls begeisterte Mitglieder. Andere wiederum gingen ein Mal hin, hatten ihr Abenteuer und kehrten nicht mehr zum House of the Latitude zurück. Und noch andere aktivierten nicht einmal ihre Karten. Scheinbar waren sie „zu beschäftigt".

Auch andere Mitglieder konnten dieses Phänomen nicht nachvollziehen—wie kam es, dass einige, wie wir, fast magisch von der Society angezogen wurden, und andere hingegen nicht mal die Einladung wahrnahmen?

„Wir alle suchten nach einem tieferen Sinn, und hatten das Gefühl, genau das durch die Treffen in der Society gefunden zu haben", sagte Thomas Lotze, ein Mitglied Mitte dreißig, der in einem großen Unternehmen tätig ist, das die Zahlungsabwicklung kleiner und großer Firmen vereinfacht und übernimmt. „Man konnte sich die Zeit nehmen, über Ideen nachzudenken. Im Alltag kommt das oft viel zu kurz. Das Gefühl freudiger Erwartung war sehr stark und definierte für mich, was diese Gruppe eigentlich war und weswegen sie so wichtig war."

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Obwohl ich nicht genau sagen kann, warum mich die Latitude so in ihren Bann zog, war ich definitiv süchtig danach. Während des Jahres bei der Society verliebte ich mich unsterblich und bekam einen Traumjob in einem Medien-Startup—und doch verpasste ich kein einziges Treffen.

Nach einer Menge gelöster Rätsel und verteilter Einladungen war es dann endlich so weit: Ich erhielt eine Einladung von Kat Meler höchstpersönlich. Sie lud mich zur Geschäfts-Gilde ein und bat mir an, zusammen mit Jeff Hull—dem Gründer von Nonchalance—eine Praxis zu veranstalten.

***

Aber was genau ist eigentlich ein soziales Netzwerk? Ist es eine Gemeinschaft, ein Zeitgeist, ein Kunstwerk?

Heutzutage werden durch das Internet menschliche Beziehungen neu definiert, genutzt und zu Geld gemacht. Und je stärker die digitalen Medien wachsen, desto mehr wird die Entwicklung sozialer Netzwerke von sogenannten Best Practices bestimmt. Hier ist eine der Social Media Best Practices: Wenn neue soziale Netzwerke eingeführt werden, sollten sie exklusiv sein, selbst wenn sie später verbreitet werden sollen.

Ein Grund,warum Start-Ups ihren Benutzerkreis zu Beginn begrenzen ist, dass das Produkt zunächst in einer kleineren Gruppe getestet werden soll, um sicherzustellen, dass es gut ankommt, bevor man die logistische Belastung von Millionen von Nutzern auf sich nimmt. Ein weiterer Grund ist die Zielgruppe. Natürlich ist es um einiges einfacher, einen kleinen, bekannten Markt anzusprechen, als direkt die gesamte Weltbevölkerung anzuvisieren. Ein dritter Grund ist, den Nutzern das Gefühl zu vermitteln, dass sie etwas besonderes sind.

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All das ist wichtig, da die Latitude Society nunmal von dem gewinnorientierten Startup Nonchalance entwickelt wurde.

Der Gründer, Jeff Hull, startete Nonchalance in den frühen 2000ern, und unter seinen Mitarbeitern fanden sich schon damals Kat Meler und viele andere Künstler sowie Community-Builder und Techniker. Das Startkapital hatte Jeff von seinem Vater, Blair Hull, geerbt, der 1999 für 531 Millionen Dollar eine Handelsfirma an Goldman Sachs verkauft hatte.

Obwohl Jeff in der Society nicht sehr aktiv war, war bekannt, dass er hoffte, die Latitude Society könnte sich demnächst finanziell selbst tragen. Doch dieses Vorhaben war angesichts des aufwendigen technischen Designs, der benötigten Arbeitskraft und großen Räume, inklusive zahlreicher gemieteter Standorte in San Francisco, von Beginn an ein sehr hoch angelegtes Ziel. Es hatte Jahre gedauert, bis die Society den Mitgliedern ihre Türen öffnen konnte, und Jeff hatte scheinbar zwei Millionen Dollar investiert. Würde es weiter nur beim Verkauf von T-Shirts und Einladungskarten bleiben, würde Jeff seine Ausgaben nie wieder reinbekommen.

Doch ein Hauptproblem, das die meisten Produkte im Bereich Social Media mit sich bringen, und das auch Nonchalance betraf, war die Strategie frei nach dem Motto: Erstmal wachsen. Wie die notwendigen Umsätze erzielt werden, kann auch noch später überlegt werden.

Es gab jedoch auch unternehmensspezifische Probleme, wie beispielsweise Probleme mit dem ersten Nutzererlebnis—von Start-Ups auch First Time User Experience, kurz FTUE, genannt. Das Vorgehen der Society, nur Einladungen zu verteilen, kam eins zu eins aus dem Social Media-Handbuch. Es gestaltete sich aber als sehr schwierig, die FTUE zu koordinieren, da viele Teile davon an Orten stattfanden, die nicht direkt von Nonchalance kontrolliert wurden.

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So bekam ich regelmäßig von neuen descendants während ihres ersten Nutzererlebnisses Nachrichten, in denen sie von technischen Problemen berichteten. Türen ließen sich nicht öffnen, Teilnehmer waren verwirrt und wussten nicht weiter. Manche brachten ihr erstes Abenteuer in der Society deswegen nie zuende. Es kam also zu einigen Pannen, weil das Produkt einfach fehlerhaft und nicht vollständig durchdacht war.

Auch bei der Vergabe der Einladungen machten sich nicht alle Mitglieder so viele Gedanken wie zum Beispiel ich. Manche verteilten sie einfach an Fremde, die ihnen sympathisch erschienen, und hinterließen ihnen keine weiteren Informationen. Nonchalance versuchte, dieses Problem zu beheben, indem den ascendants Vorgaben darüber gemacht wurden, was sie den descendants sagen sollten. Als auch das nicht fruchtete, wurden schließlich die schwarzen Kartenhüllen mit genauen Anweisungen bedruckt, sodass niemand sie übersehen konnte.

Die neue Karte mit deutlicheren Anweisungen. Foto: Lydia Laurenson

Je mehr ich über die Unternehmenstätigkeiten von Nonchalance erfuhr und je mehr Zeit und Anstrengung ich darin investierte, desto neugieriger wurde ich. Sollte meine außergewöhnliche Society tatsächlich nichts weiter als eines von etlichen Start-Ups der Bay Area sein? Und falls ja, machte es das automatisch zu etwas leerem, sinnlosem?

Selbstverständlich gab es auch Kritiker des Konzepts der Society. Manche Leute empfanden die künstlich erzeugte geheimnisvolle Welt als Marketing-Gag, andere stuften die Society sogar als gefährlich ein. Rebecca Power, die damals CEO des Erlebnisstudios Quixote Games war, war eine der wortgewandtesten Kritikerinnen der Society. Die 26-Jährige erklärte mir per Email, warum sie ihre Mitgliedschaft relativ schnell wieder beendete.

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Hier eine Kurzfassung ihrer Nachricht:

Ich hatte meine Einladung von jemandem bekommen, den ich kannte. Nach meinem ersten Besuch schrieb er mir über Facebook, dass er mich bei meinem ersten Abenteuer beobachtet hatte. Damals machte mir das nichts weiter aus. Es zerstörte zwar das Geheimnisvolle am Erlebnis für mich, aber es gab ja auch noch andere Möglichkeiten, an dem Projekt teilzuhaben, ohne unmittelbar mit ihm in Kontakt zu kommen. Dann gab ein anderer Mitarbeiter meinem Freund eine Einladung und eröffnete ihm, dass ich schon seit einigen Wochen regelmäßig an dem Spiel teilnahm. Das tat unserer Beziehung nicht gerade gut. Und zu guter Letzt teilte einer der Mitarbeiter bei der ersten Praxis-Veranstaltung, bei der ich war, der gesamten Gruppe mit, wo ich arbeitete und verriet somit meine wahre Identität.

Daraufhin forderte ich, dass meine Mitgliedschaft beendet würde. Doch als ich die Society verließ, erreichten mich angedeutete Drohungen, dass ich es noch bereuen würde, wegzugehen oder darüber zu reden.
Freunde vertrauten mir nicht mehr, andere wiederum versuchten, mich darüber auszufragen, was ich wusste. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob dieses Verhalten durch Nonchalance bestärkt wurde, aber sie hätten es vorhersehen sollen. Dass Nonchalance nicht von Anfang an eine Vorgehensweisen hatte, um so eine Schwachstelle in ihrem Produkt zu erkennen und zu beheben, und auch keine Regelungen einführte, als dieses Verhalten eintrat, zeugt von Desinteresse gegenüber den eigenen Verbrauchern. In anderen Bereichen würde das reichen, um eine Sammelklage einzureichen.

Durch die Beteiligung an der Society wurden natürlich auch die Leben vieler Leute positiv beeinflusst, und ich habe nicht vor, das schlechtzureden. Aber meine eigene Erfahrung—die, in der ich Angst haben musste, eingeschüchtert wurde und unerfahrenen Menschen eine künstlich erzeugte Macht an die Hand gegeben wurde, die sie ganz klar missbrauchten—ist genauso echt und ebenso ein Produkt von Nonchalance.

Obwohl Rebeccas Geschichte nicht die einzige war, die mich vor der Society zu warnen versuchte, erlebte ich dort weiterhin tolle Abenteuer und wollte glauben, dass Nonchalance einen Weg finden würde, es besser zu machen. Und ich wollte dabei helfen.

***

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Der Gründer von Nonachalance, Jeff Hull, ist ein Mann Mitte vierzig, mit kahlgeschorenem Kopf und schwarzem, gepflegten Bart. Die ersten Mal, als ich mit ihm gesprochen habe, habe ich nicht zu viele Fragen gestellt, weil ich nicht wie ein aufgeregtes kleines Schulmädchen rüberkommen wollte. Ich fühlte mich damals von der Möglichkeit geehrt, mit ihm zusammen eine neue Praxis auszudenken.

Zusammen mit einem dritten Society-Mitglied, Anthony Rocco, hatten wir ein Konzept erstellt, in dem die Teilnehmer gemeinschaftlich eine Geschichte erzählen oder ein Bild malen sollten. Als nun also zwölf neugierige Mitglieder in den Salon mit dem Messing-Schädel eintraten, führten wir erst das Eröffnungsritual durch und erklärten dann die Spielregeln.

Der Reihe nach bauten die Teilnehmer die Geschichte Satz für Satz aus, und das ganze Spiel dauerte circa eine Stunde. Als die anderen danach gegangen waren und wir aufräumten, kam Jeff zu uns und sagte: „Das war fantastisch."

Anthony und ich waren wie beflügelt.

***

Viele der Mitglieder waren besessen, ja fast verliebt in die Latitude Society. Doch was genau wollte Nonchalance aufbauen?

Eine vor kurzem auf Slideshare veröffentlichte Präsentation zeigt, wie Nonchalance das Projekt stemmen wollte. Folie 6 zeigt die Society in der Mitte eines Mengendiagramms, in dem sich drei Kreise befinden: „Peer to Peer Community", „Social Gaming" und „kulturelle Veranstaltungen".

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Auf Folie 7 steht: „Eine dynamische, medienübergreifende Markteinführung mit mehreren Einnahmequellen." Neben anderen Quellen werden auf der Folie auch der „Warenverkauf" und „Mitgliederservice" erwähnt.

Mitte des Jahres 2015 führte Nonchalance den „Mitgliederservice" ein, der in Wirklichkeit nichts weiter als eine Paywall war. Still und leise wurde von der Society verkündet, dass gewisse Aspekte der Mitgliedschaft—wie die Praxis-Veranstaltungen und andere Treffen—fortan nur noch Mitgliedern zustehen würden, die eine kostenpflichtige Mitgliedschaft eingehen würden. Wie nicht anders zu erwarten war, sorgte das innerhalb der Society für Meinungsverschiedenheiten.

Wie San Francisco selbst hatte sich die Society nicht so angefühlt, als sei sie nur den Reichen vorbehalten—bis sie das auf einmal war.

Doch in der Society selbst gab es ganz besondere Gründe für die Reaktion auf die Paywall. Viele von uns hatten der Society etliche Stunden ihrer Freizeit verschrieben, und nun aufgefordert zu werden, zu zahlen, erschien ihnen nicht fair. Außerdem waren die meisten von uns eher Durchschnittsverdiener. Klar gab es in der Society auch wohlhabendere Mitglieder, doch selbst für sie war der jährliche Mitgliedsbeitrag von mehreren Hundert Dollar sehr hoch, von den Sozialarbeitern und Künstlern unter uns mal ganz abgesehen. Die Paywall fühlte sich nicht nur unverhältnismäßig an, sie sorgte auch für eine Hierarchie des Reichtums. Statt sich wie vorher durch Kreativität und Einsatz hervorzutun, war nun das einzige entscheidende Element, ob man zahlte oder nicht.

Wir fragten uns auch, wie wir guten Gewissens weiterhin Einladungen verteilen sollten, wenn klar war, dass unsere descendants zahlen müssten? Das wäre, als würden wir Geschenke mit Preisschildern vergeben.

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Mittlerweile gibt es auch eine öffentliche Liste mit den Namen aller Mitarbeiter der Latitude Society. Als ich eingeladen wurde, war es schwierig, herauszufinden, wer angestellt war, das es noch keine Mitarbeiterliste gab. Die sichtbarste Mitarbeiterin war jedoch stets Kat Meler. Sie war eine Erlebnisdesignerin, und hatte beispielsweise Stunden damit verbracht, den Teppich in der kleinen Bibliothek mit Vetiveröl einzureiben, um dem Raum eine eigene Note zu verleihen. Sie hat alle Veranstaltungen organisiert und bekam somit nach der Einführung des Mitgliedsbeitrags auch die volle Breitseite der Kritik ab.

Obwohl es ihr nicht leicht fiel, war sie diejenige, die uns über die kostenpflichtige Mitgliedschaft aufklärte und betonte, dass Nonchalance das Geld wirklich brauchte.

Andere Mitarbeiter und auch Jeff unterstützen sie dabei und posteten viel im Forum und nahmen an Treffen teil. Die ganze Community tauschte Ideen darüber aus, wie man dazu beitragen könnte, dass die Society mehr Umsatz machen würde. Und Hunderte zahlten auch den Mitgliedsbeitrag.

Gleichzeitig kamen in dem Zeitraum merkwürdige Details ans Tageslicht. Ich erfuhr, dass Uriah Findley, ein langjährier Mitarbeiter, der schon vor Latitude bei Nonchalance mit dabei gewesen war, die Society verlassen hatte. Sein Gehen deutete auf große Veränderungen hin. Später erzählte er mir, dass er all die Jahre so etwas wie Jeffs Partner gewesen war, doch dass das Unternehmen nun eine ganz andere Richtung einschlug.

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Schon bald tauchten auch Gerüchte auf, dass Jeff die Spiele und Erlebnisse vollständig auf die Ebene der Virtuellen Realität verschieben wolle. Auch hörten wir von einem Mitarbeiter, dass Jeff sich über die Mitglieder beschwert hatte. Sie hätten so ein wertvolles Geschenk von ihm erhalten und seien undankbar. Wieder jemand anderes berichtete, dass das Unternehmen nicht einmal eine Gewinn-und Verlustrechnung aufgestellt hatte. Wie sollte also ein Finanzplan ausgearbeitet worden sein, wenn sie nicht mal die grundlegendste Methode der Dokumentation ihrer Unternehmensfinanzen beherrschten? Die Mitglieder fragten sich angesichts der Tatsache, dass Jeff unglaublich reich war, ob er eigentlich realisierte, was er von ihnen verlangte. Wollte Jeff überhaupt Mitglieder in seiner Society haben, die nicht reich waren?

Später erfuhr ich zudem, dass Kat und ein weiterer langjähriger Mitarbeiter einige Monate nach der Einführung der kostenpflichtigen Mitgliedschaft ihre Kündigungen einreichten. Dann wurde ein Artikel über die Society veröffentlicht—und Jeff hatte ihn genehmigt. Es war die erste große Änderung unserer offiziellen Politik der Diskretion, was schon beunruhigend genug war. Da half es nicht, dass Jeff zudem zitiert wurde, wie er sich über die Mitglieder ausließ.

„Ich hasse sie, sie ist bescheuert", soll Jeff angeblich über eine Gemeinschaftsinitiative gesagt haben. Er fügte hinzu „ich würde liebend gern einige Leute rausschmeißen. Mein Team ist leider etwas freundlicher und hat mehr Mitgefühl als ich. Aber ich selbst würde gerne ein paar rauswerfen. Die Society ist einfach nicht für jeden."

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Die Mitglieder waren daraufhin natürlich ziemlich sauer und verletzt. Im Forum brodelte es.

Weniger als eine Woche, nachdem der Artikel erschienen war, legte Jeff die Website still. Die einzige Nachricht war, dass das San Francisco House of the Latitude geschlossen war. Das kam so plötzlich, dass ich zwei Bekannte anrufen musste, um ihnen Bescheid zu geben, dass ihre geheimnisvollen Treffen, die für einige Tage später geplant gewesen waren, nie stattfinden würden.

***

Die Society wurde am 28. September 2015 geschlossen. Ich arbeitete nun vollzeit und erfuhr davon am Telefon von Mr. Professor—Justin. Mein ascendant, mir immer einige Schritte voraus, war zum Leiter der Geschäfts-Gilde geworden und hatte auch an vielen internen Projekten mitgearbeitet. Als ich seinen Anruf entgegennahm, war ich ganz aufgeregt. Doch als ich hörte, was er mir zu sagen hatte, sank meine gute Laune so plötzlich, wie sie gekommen war.

„Hey, wir sollten heute Abend zusammen eine Praxis leiten, erinnerst du dich?", sagte Dr. Professor. „Ich habe aber gerade erfahren, dass Jeff die Society schließen wird."

Mein Magen zog sich zusammen, und doch überraschte mich diese Nachricht nicht. „Oh…,", brachte ich hervor. Ich stand auf und ging aus dem Büro heraus, sodass meine Kollegen nicht mithören würden.

„Was wollen wir jetzt tun?", fragte ich als ich draußen war.

„Ich weiß es nicht", antwortete er.

„Wer weiß sonst noch davon?"

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„Eigentlich kaum jemand", sagte er. „Du, ich, und die Mitarbeiter. Ehrlich gesagt würde ich es dir auch nicht sagen, wenn wir heute nicht zusammen die Praxis hätten machen sollen."

„Wann wird es so weit sein? Können wir heute Abend noch in das Gebäude, um die Praxis abzuhalten?"

„Ich weiß nichts genaueres. Was mich mehr beschäftigt ist, was wir den neuen Mitgliedern sagen werden", sagte Dr. Professor. „Sollten wir eine Willkommens-Praxis für die Neulinge machen, obwohl wir wissen, dass die Society schließen wird?"

Ich kaute vor Nervosität auf meiner Lippe rum. Das ist das letzte Mal, dass ich eine Praxis leiten kann, dachte ich mir. „Ja, das sollten wir", sagte ich.

„Wenn das so ist", sagte er, „werde ich in Erfahrung bringen, ob wir ins Gebäude kommen. Aber wir können nicht den normalen Willkommens-Ritus abhalten. Wir werden ihnen einfach erzählen, was es uns bedeutet hat."

***

Kurz nachdem Jeff die Latitude Society geschlossen hatte, postete er auf Facebook ein Update:

„Seit vier Jahren habe ich versucht, einen riesigen Stein bergauf zu rollen, und er wurde immer schwerer. Neben meiner Vaterrolle war dies mein kühnstes Unternehmen, und oben anzukommen bedeutete „Erfolg". Als vor kurzem meine Schultern begannen, unter dem Gewicht nachzugeben, und ich mich umschaute und sah, dass keine Besserung in Sicht war, entschied ich mich, das gesündeste zu tun, was ich tun konnte: Ich ließ los."

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Nachdem die Society geschlossen war, schrieb Jeff öffentlich über ihre Geschichte: „Es wird mir für immer ein Rätsel bleiben, wie ein Spiel, das entwickelt wurde, um gute Laune, Inspiration und Spaß zu verbreiten, für die am stärksten eingebundenen Personen so traumatisch enden konnte."

Ich habe versucht, Jeff über Facebook zu kontaktieren, doch er hatte unsere Freundschaft sowie seine Freundschaften mit anderen Society Mitgliedern beendet.

Hinter der Latitude Society stand eine Vision, doch als die Society wuchs, brauchte sie mehr als nur eine Vision—sie brauchte Aufmerksamkeit. Bei jedem Produkt beginnt man mit einem Prototyp, arbeitet mit den Nutzern daran und verbessert es. Kat Meler schätzte die Mitgliederzahl mir gegenüber auf 1.200 Leute, wovon 200-250 die Mitgliedsbeitrag zahlten.

Es braucht gewisse Eigenschaften, wenn man mit ein- bis zweitausend Nutzern an einem Produkt feilen möchte. Perfektionierung setzt Geduld und Fortschritt sowie Empathie und Demut voraus. Die Geschichte der Entstehung und des Niedergangs der Latitude Society ist ein Gleichnis der genialen und überschwinglichen Kultur der Bay Area und der Tatsache, wie schnell diese Kultur zebrechen und scheitern kann.

Bis heute frage ich mich, warum Jeff zu fast allen aus der Society, zu Mitarbeitern als auch zu Mitgliedern, den Kontakt abgebrochen hat. Vielleicht fühlte er sich von der Gemeinschaft zurückgewiesen. Oder er hatte das Gefühl, als Unternehmer oder als Künstler versagt zu haben.

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Obwohl einige Mitglieder über das jähe Ende der Society verärgert waren, sind die meisten vor allem dankbar für alles, was sie dort erlebt haben.

„Für mich war die Erfahrung war nur der Beginn von etwas wundervollem", erzählte mir Naomi Rifkin, eine 46-jährige Lehrerin aus Oakland. „So schlimm es für mich auch war, war es im Endeffekt gut, dass die Latitude geschlossen wurde. Ich habe realisiert, dass das, was Jeff für sich beanspruchen wollte, niemandem gehören kann—es ist eine gewisse Denkweise, die jeder für sich selbst pflegen und bewahren kann. Die Freundschaften, die ich mit gleichgesinnten Menschen geschlossen habe, sind das wertvollste, was ich je hatte."

Im Gegensatz zu Jeff, der scheinbar selbst nicht genau wusste, was er fühlte, wussten seine Angestellten ganz genau, wie ihnen zumute war. Da auch sie bis zur letzten Sekunde nichts von der Schließung wussten, standen sie plötzlich ohne Job da und konnten in ihrem Lebenslauf auch nicht besonders detailliert beschreiben, wo sie gearbeitet hatten, da sie an eine Geheimhaltungsvereinbarung gebunden waren.

***

An dem Abend, an dem die Society schließen sollte, versammelten sich etwa hundert Mitglieder in einer Bar, in der die ersten Treffen der Society stattgefunden hatten. Die Nachrichten überschlugen sich, die Leute konnten es nicht glauben, und niemand wusste genau, wann was passieren würde.

Ich hatte das Treffen verpasst, da ich mit Dr. Professor die letzte Praxis leitete. Es war merkwürdig. Es hatte ein Willkommensritual für die neuen Mitglieder werden sollen. Stattdessen wurde es zu einem Abschied.

Nach der Praxis ging ich in die kleine Bibliothek und wollte mir die Fabel ein letztes Mal anschauen. Ich begann, sie zu filmen. Zwei Minuten später hörte ich Dr. Professors Stimme hinter mir.

„Lydia, Lydia!" Er nannte mich bei meinem echten Namen.

„Nur noch eine Minute! Ich filme", antwortete ich.

„Nein!" schrie er, und zwängte sich zu mir in die Bibliothek. „Die Fabel wird nicht aufgeschrieben und niemals aufgenommen. Das gehört zu unseren Regeln!"

Ich schaute ihn an. „Das alles wird schon bald weg sein, und dann werden wir sie nie wieder zu Gesicht bekommen!"

„Ich bin gerade wirklich wütend auf dich", sagte Dr. Professor. „Die Society mag am Ende sein, aber die Regeln und Traditionen bedeuten immernoch etwas." Dann beruhigte er sich langsam. „Bitte. Ich kann nicht lange sauer auf dich sein, aber bitte tu das nicht."

Wir diskutierten noch fünf Minuten, und schlußendlich gab ich nach. Als ich aus der Bibliothek krabbelte, war ich den Tränen nahe. Doch eine Stunde später, als mein ascendant abgelenkt war und mich nicht mehr aufhalten konnte, kehrte ich zurück und nahm die Fabel zuende auf.

„Wir glaubten, die Latitude könnte den Menschen etwas geben, dass heutzutage fehlt."

Ich haderte mit mir selbst, ob ich sie in diesem Artikel veröffentichen sollte oder nicht, und fragte sowohl Kat Meler, Jeff Hull und Uriah Findley um ihre Meinung.

Jeff hatte nichts dagegen, Kate und Uriah bekräftigten mich sogar in der Entscheidung, dieses wichtige Element der Society anderen Menschen zugänglich zu machen.

Uriah fügte hinzu „Ich hoffe, dass die Menschen dadurch erkennen, dass wir etwas besonderes erschaffen wollten. Jetzt kommt es überall so rüber, als wäre es nur ums Geld gegangen. Doch wir gingen von der Annahme aus, dass die Latitude nur überleben könnte, wenn sie sich selbst tragen könnte. Wir glaubten, die Latitude könnte den Menschen etwas geben, dass heutzutage fehlt, und wir wollten, dass sie es mit anderen teilen könnten."

Hier ist das Video: