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Die proto-kybernetischen Kamikaze-Tauben von B. F. Skinner

In seinem Project Orcon entwickelte der Behaviorist B.F. Skinner im zweiten Weltkrieg Kamikaze-Tauben zur Steuerung von automatischen Raketen.

von Max Hoppenstedt
27 November 2013, 2:01pm

Ein Werk des Malers und Taubenliebhaber Anton van Dallen zu Skinners Forschung. (Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Künstlers). Bild: B.F. Skinner with Project Pigeon; Medium: Oil on canvas size: 48" X 64" ; Datum: 1986

Der Mensch sieht sich gerne als Krone der Schöpfung. Aber Tiere müssen nicht nur tagtäglich damit leben von uns als süß betätschelt zu werden, sie dienen auch oft genug als unerlässliche Mitentwickler und intelligente Vorbilder unseres technologischen Fortschritts. Und das gilt natürlich erst Recht für den Stoßtrupp des menschlichen Erfindergeists: militärische Forschung.

Vor knapp 60 Jahren waren Raketen noch keine computergestützten Killer-Waffen, und erst recht keine Drohnen-Systeme, die von einem Ledersessel am anderen Ende der Welt per Joystick gesteuert werden konnten. Und so griff die Militärforschung im zweiten Weltkrieg gerne auf die Fähigkeiten von Tieren zurück, insbesondere da sich die Wissenschaft gerade erst an der Schwelle der Entwicklung künstlicher Intelligenz befand, aber gleichzeitig präzise Raketensysteme für den See- und Luftkrieg benötigt wurden.

In den Raketen sitzend hatten die Kamikaze-Tauben einen Logenplatz auf ihr Ziel (hier kannst du das ganze Trainingsvideo sehen)

Während des zweiten Weltkriegs entwickelte der Verhaltensforscher und Psychologe B.F. Skinner die Idee Raketen von Tauben steuern zu lassen, die in dem Geschoss Platz nahmen. In Anlehnung an sein Konzept der „organic control" taufte der Harvard-Forscher sein Unternehmen Project Orcon.

Abgesehen von der absurden Vorstellungen einer Militärforschung, die sich auf Kamikaze-Tauben verlässt, klingt das ganze auch militär-strategisch nicht sonderlich vielversprechend. Tauben sind ja eher dafür bekannt zielsicher wieder nach Hause zu fliegen, was den Abschuss feindlicher Objekten durchaus verkompliziert.

Skinner jedoch glaubte als Erfinder und Verfechter des „radikalen Behaviorismus" daran, dass Verhalten vollständig durch äußere Einflüsse bedingt ist und dementsprechend auch steuerbar wäre. Mit dieser Überzeugung von der Verhaltensforschung als einer funktionalen naturwissenschaftlichen Disziplin, erforschte er Lerneffekte und experimentiert mit der Konditionierung von Tieren in den verschiedensten Versuchsanordnungen.

Tauben erwiesen sich dabei als äußerst strebsame Schüler. Ihr Gehirn kann visuelle Informationen dreimal schneller verarbeiten als der Mensch. Außerdem sind sie auch mit einem wohlerzogenen pädogogischen Gehorsam ausgestattet und reagieren auf Training.

Das Modell einer Skinner Box—bis heute ein wichtiges Grundwerkzeug des Behaviorismus.

Das Konzept von Project Orcon war einfach: die Tauben wurden vorne in einer Rakete platziert, und markierten durch das konstante Picken auf einen Bildschirm das Ziel der Rakete. Hinter dem Bildschirm waren Kontaktpunkte angebracht, die dann die Rakete bis zur Detonation in Richtung des Ziels steuerten.

Zu den möglichen ethischen Bedenken bei der Verwendung von Tieren als Kamikaze-Piloten sagte Skinner: „Die moralische Diskussion, ob es unser Recht ist niedere Organismen gegen ihren Willen zu Helden zu machen ist ein Luxus von Friedenszeiten. Ende der 1930er Jahre galt es sich größeren Fragen und Problemen zu stellen."

Für B.F. Skinner waren die Tauben wichtige Versuchsobjekte für die Erforschung der von ihm entdeckten positiven und negativen Verstärkung. Dafür steckte er sie in die Skinner Box, die bis heute eine wesentliche konzeptionelle Grundlage der Verhaltensforschung darstellt.

In der schönen neuen Welt der Betriebspsychologie leben Skinners Idee übrigens in Belohnungssystemen für Arbeiter und in industriellen Incentive-Programmen zum Antreiben der Belegschaft bis heute weiter.

Skinner brachte seinen Tauben auch Tischtennis bei.

Tauben wurden für das Project Orcon erstmals 1941 in einem Experiment an der Universität von Minnesota getestet. Doch Skinner sollte viel Überzeugungskraft benötigen, um die Mitarbeiter von Forschungsinstituten dazu zu bringen, die nationale Sicherheit dem Geschick von Tauben zu überantworten. Später merkte er hierzu einmal an: „Wir realisierten, dass es einfacher war eine Taube zu kontrollieren, als einen Physiker der in einem Wissenschaftskommitee arbeitete."

Nachdem aber schließlich doch ein weitreichender Fördervertrag mit der amerikanischen Forschungskoordinierungsstelle Office of Scientific Research and Development abgeschlossen wurde, konnten Skinner und sein Team im Dezember 1943 schließlich fundierte Forschungsergebnisse und ihr Raketenmodell präsentieren. Am MIT stellte einer der Kontrollwissenschaftler enthusiastisch fest: „Dies ist besser als jedes Radar."

Ein weiterer großer Vorteil von Tauben war, dass sie sich bereits im Kriegseinsatz bewährt hatten und in großen wohltrainierten Mengen zur Verfügung standen. Schon im Stellungskampf des ersten Weltkriegs wurden ganze mobile Bataillone an der Front eingesetzt und dienten zur militärischen Kommunikation zwischen den verschiedenen Stellungen.

Aber auch zu Spionagezwecken und zur Aufklärung kamen Tauben zum Einsatz. Es gibt sogar zahlreiche Heldengeschichten von Tauben, die Soldatenleben gerettet haben sollen.

Sicherlich zu ihrer großen Freude wurden die Tiere dann anschließend mit Medaillien ausgezeichnet und durften nach dem Krieg auch noch als Circusattraktionen durch das Land touren. Die Taubenzüchter selbst wurden im Krieg schnell in die Hierarchien des Heeres eingegliedert und nahmen wichtige Positionen in den Operationen des Stellungskrieges ein.

Skinners Project Orcon jedoch sollte niemals im wirklichen Kampfeinsatz erprobt werden. Auch wenn die Demonstrationen vor renommierten Wissenschaftlern stets einwandfrei verliefen und die Tauben artig demonstrierten, wie sie eine Rakete aufs Ziel lenken könnten, wurde das Projekt taubengesteuerter Präzisionswaffen schließlich abgelehnt.

B.F. Skinner spekulierte, dass der Haupgrund hierfür die Konzentration auf ein anderes Projekt war, welches 1945 über Hiroshima präsentiert wurde und den Bedarf an präzisen Waffensystemen fürs Erste zu eliminieren schien.

Skinner glaubte auch Jahre später noch an die Stärken und Prinzipien der Verhaltensforschung. Nach dem amtlichen Ende des Project Orcon schrieb er den Science-Fiction Roman Walden Two, der die Utopie einer perfekten von Ingenieuren arrangierten und organisierten Gesellschaft beschrieb.

Mit dem kontroversen halb-fiktionalen und halb-prophetischen Text, der auch die Existenz eines freien Willens leugnete und stattdessen vollständig auf Konditionierung setzte, bewies Skinner erneut sein tiefes Vertrauen in die Potentiale des angewandter Behaviorismus: „Ich glaube immer noch daran, dass ein weitreichendes verhaltenstechnoligisches Konzept, gestützt auf exakte Studien, einen nachhaltigen Beitrag für eine Welt leisten wird, in der gar keine präzisionsgesteuerte Raketen mehr nötig sind."