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Intime Einblicke in das trostlose Alltagsleben digitaler Prostituierter

Fotogarf Arko Datto hat das gelangweilte Warten auf den nächsten Cybersex-Freier dokumentiert.

von Johannes Hausen
05 Juli 2015, 10:00am

Alle Bilder: Arko Datto

Die Digitalisierung hat auch dem Beruf des Sexarbeiters ein radikales Update verpasst. Inzwischen gibt es Apps, die Prostituierte nach dem Lieferando-Prinzip mit Freiern verbinden, Plattformen, die Frauen bequem Sugardaddy-Deals von Zuhause ermöglichen und Amateure, die auf ziemlich professionellem Niveau ihre eigenen Videos vermarkten.

Männer und Frauen, die sich prostituieren, sich also gegen Geld zur Schau stellen und sexuelle Handlungen vornehmen, müssen anno 2015 dank Webcams längst nicht mehr zwangsläufig den analogen Körperkontakt mit ihren Freiern über sich ergehen lassen. Gleichzeitig hat die Digitalisierung den Markt globalisiert und die Sexbranche für neue Konsumenten und Anbieter zugänglich gemacht.

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Der Fotograf Arko Datto interessiert sich auch dafür, wie diese Entwicklung für mehr Vielfalt jenseits der traditionellen Rollenbilder sorgen könnte: „Die Demokratisierung des Internets hat frühere Ideale der Pornographie untergraben. Wunderschöne Frauen und muskulöse Testosteronbolzen sind nicht mehr die Norm. Der Markt würdigt immer mehr Personen, die keinen in Schönheitsideale gemeißelten Körper besitzen", erklärt er Motherboard per Email.

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Und so verdingen sich mittlerweile Menschen aller Art in allen Ecken der Welt als digitale Prostituierte. Mehr als eine Webcam und einen leistungsfähigen Internetanschluss braucht es nun mal nicht, um das Reich des Cybersex zu betreten. Ein „verstecktes Reich, das paradoxerweise gleichzeitig für jeden frei zugänglich ist", erklärt Datto.

Der in Indien lebende Fotograf ist selbst von der heimischen Couch aus in diese „entmenschlichte" virtuelle Welt eingetaucht und hat Momente im trostlosen Alltag der Protagonisten der Cybersex-Industrie festgehalten.

„Ich interessiere mich für Genres der Fotografie, in denen es keine Interaktion zwischen Fotograf und Fotografiertem gibt. In denen die Bilder 'rein' bleiben und das Modell sich nicht bewusst ist, dass es fotografiert wird. Hier [in der Fotoreihe Cybersex] sind sich die Fotografierten dessen auf eine hyper-reale Art bewusst, denn es gibt für sie die Möglichkeit, fotografiert zu werden."

Für seine Fotoserie Crossings arbeitete Datto mit speziell ausgesuchten Google Maps Bildern, um die Gigantomanie und Brutalität von Dubais Baustellen zu entlarven.

Datto hatte für seine Bilderreihe ausschließlich auf frei zugängliche Live-Webcams zurückgegriffen, die rund um die Uhr laufen, damit die Sexarbeiter neue Kunden akquirieren können. Auf die Frage ob es in Ordnung sei, die Abgebildeten für seine Bilder zu benutzen, antwortet Datto, dass sie sich seiner Meinung nach darüber im Klaren waren, öffentlich zu sein oder auch fotografiert werden zu können.

Datto machte nun also Screenshots von Webcam-Bildern und zeigt die digitalen Prostituierten, wie sie sichtlich gelangweilt die Zeit totschlagen und auf neue Kundschaft warten.

Ob ihm bei seinen semi-heimlichen Beobachtungen etwas aufgefallen sei? „Viele Dinge. Die Einrichtung und Architektur der Zimmer erregte meine Aufmerksamkeit. Viele waren Sexrooms, aber andere sahen einfach aus wie ganz normale Wohnzimmer.

Mir fiel dieses Rollenspiel auf, das die Welt etwas Glauben machen wollte. Fast alle Emotionen waren künstlich, aber hin und wieder sah man echte, greifbare Gefühle. Viele Leute sahen gelangweilt, müde und erschöpft aus... andere erledigten vor laufenden Kameras ganz normale Alltagsdinge.

Nach einer gewissen Zeit war die Kamera für sie einfach ein weiterer Gegenstand in ihrem Leben geworden. Ich sah, wie junge Pärchen ihre Hausaufgaben machten, andere redeten über ernste Themen, dann wieder gab es Leute, die ein Schläfchen hielten."

Und vielleicht ist es auch gerade diese Normalität der Protagonisten, die den Reiz einer Livecam ausmacht, und gar nicht so sehr die beliebige sexuelle Handlung, die man hier per Kreditkarte ordern kann.

Wie Datto uns erzählt, hatte er jedenfalls den Eindruck, dass nicht wenige Cybersexarbeiter ziemlich viel Zeit damit verbringen, auf neue Kunden zu warten. Wie viele und was für Menschen ihnen dabei zuschauen, wissen sie nicht.