Anzeige
Tech

Der Egoshooter „IS Defense“ ist Game-gewordener Hass auf den Islam

„Sorry, aber ich glaube nicht an die positiven Absichten der meisten dieser ‚Flüchtlinge‘.“

von Emanuel Maiberg
20 April 2016, 6:50am

Bild: Destructive Creations

Die Game-Entwickler von Destructive Creations, die in Vergangenheit bereits das umstrittene Spiel „Hatred" herausgebracht haben, sind zurück. Das neueste Spiel des polnischen Studios nennt sich „IS Defense" und Ziel des Spielers ist es, die Küsten Europas vor der einfallenden Armee des sogenannten Islamischen Staats zu beschützen.

In der fiktiven Geschichte des Spiels erlangt der IS immer mehr Macht und breitet sich über den Mittleren Osten und Nordafrika weiter aus, bis er kurz davor ist, mit seiner riesigen Armee in Europa einzufallen. Offensichtlich sieht die Verteidigungsstrategie der NATO vor, die drohende Invasion zu verhindern, indem sie an den sensiblen europäischen Landeplätzen einzelne Scharfschützen mit Maschinengewehren stationiert.

Auf mich allein gestellt stehe ich hinter meinem Maschinengewehr und verteidige die westliche Welt vor den nahenden wilden Horden, indem ich wie verrückt ziele und klicke. An der Küste landen Boote, von denen ganze Scharen schwer bewaffneter IS-Kämpfer mit Sprengstoffwesten in meine Richtung stürmen, doch ich schieße sie alle schnell ab, bevor sie mir zu nahe kommen.

IS Defense beinhaltet ein einfaches Upgrad-System, mit dem ich die Feuerkraft meines Gewehrs oder schlicht meine Gesundheit erhöhen oder auch Luftangriffe anfordern könnte, doch das Spiel und die Regeln sind so idiotensicher, dass ich das nicht mal brauche. Es erinnert an das alte Apple II Game Sabotage, in dem der Spieler Fallschirmjäger abknallen musste, oder an Beach Head für den Commodore 64, mit dem Unterschied, dass IS Defense von der bildgewaltigen Unreal Game Engine wiedergegeben wird. Außerdem wurde bereits vor der gestrigen Veröffentlichung sehr viel über das Spiel diskutiert.

Es ist an sich schon merkwürdig genug, dass das banale, stupide Videospiel eine real existierende aktive Terrororganisation als Kanonenfutter nutzt. Normalerweise werden in Videospielen fiktive Charaktere herangezogen, um zu vermeiden, dass sich von den echten Tätern betroffene Menschen angegriffen fühlen, und wenn in einem Videospiel eine Terrororganisation doch mal beim Namen genannt wird, ist das schon eine große Sache. Man denke nur an das Spiel Medal of Honor von 2010 zurück, in dem explizit die Taliban auftauchten, und dessen Verkauf deswegen in Militärstützpunkten untersagt war.

Was mich dann noch mehr beunruhigt, sind die Informationen über den Entwickler von IS Defense.

Seit geraumer Zeit versucht Destructive Creations, sich auf dem Games-Markt zum Entwickler der Schocker-Spiele schlechthin zu etablieren. Wirklich besorgniserregend dabei ist, dass die Entwickler in der Vergangenheit bereits mit Gruppierungen in Verbindung gebracht wurden, die bekanntermaßen fremdenfeindliche Ansichten vertreten, wie sie in IS Defense manifestiert werden.

Kurz nach der Ankündigung des Videospiels Hatred deckte das Gaming-Magazin Polygon auf, dass der CEO von Destructive Creations, Jarosław Zieliński, auf Facebook die Seite einer Gruppe namens Polska Liga Obrony (zu deutsch: Polnische Verteidigungsliga) geliked hatte. Diese Gruppe hatte Vorschläge für eine Änderung der polnischen Verfassung vorgelegt, um das Land vor dem „radikalen Islam" zu schützen. Außerdem beobachtet die Polska Liga Obrony mit Argusaugen die Unterbringung von Flüchtlingen in Polen und bietet ihren MitgliedernSchussübungen an, wie in dem folgenden Video zu sehen ist.


„Nur weil ich die Facebook-Seite der ‚polnischen Verteidigungsliga' geliked hatte, die eindeutig anti-islamisch, aber nicht nationalistisch ist, wurde ich beschuldigt", teilte mir Zieliński per E-Mail mit. „Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Klar haben manche von uns ziemlich rechte politische Ansichten, aber diese basieren alle auf logischem Denken und nicht auf von Hass erfülltem Fanatismus. Das gilt auch für mich. Und ich verstehe immer noch nicht, was zum Teufel falsch am Nationalismus ist? Leute verwechseln diesen Begriff und setzen ihn mit Nazismus, Faschismus und Chauvinismus gleich. Es gibt nichts Verwerfliches daran, Patriot zu sein und sich um sein Land und seine Kultur zu kümmern."

Das Spiel IS Defense postuliert es zwar nicht direkt, doch zwischen den Zeilen wird deutlich, dass diese ganz bestimmte Sorte Ausländer ein Übel ist und mit extremen Vorurteilen behandelt werden sollten. Wie Donald Trump und nationalistische Parteien in ganz Europa macht IS Defense Flüchtlinge für die Verbrechen verantwortlich, die von denen begangen wurden, vor denen sie fliehen.

Von Jaroslaw Zielinskis Facebook-Seite.Bild: Facebook.

Die Angst vor ganzen Schiffsladungen bewaffneter IS-Kämpfer, die an den europäischen Küsten ankommen, scheint zunächst vollkommen absurd, und doch ist uns die Symbolik merkwürdig vertraut. In IS Defense wird eine ganz klare Verbindung zu realen Orten gezogen, an denen Flüchtlinge europäischen Boden betreten. Statt Griechenland oder Lampedusa hat man sich hier für Sizilien, Spanien und Kroatien entschieden, die interessanterweise als „Level" des Games fungieren. Bei den dort ankommenden Menschen handelt es sich jedoch um unbewaffnete Flüchtlinge—für IS Defense wurden diese aber mal eben zu den Terroristen umgestaltet, die sich Fremdenhasser generell unter dem Begriff „Flüchtlinge" vorstellen.

Zieliński zögerte nicht, uns seine folgende Analyse vorzustellen.

„Der IS hat vor einigen Jahren gesagt, dass er seine Mitglieder mit den so genannten ‚Flüchtlingen' nach Europa schmuggeln würde, und das tut er auch, das wissen wir doch alle. Das ist das Erste.", so Zielinski. „Zweitens, sorry, aber ich glaube nicht an die positiven Absichten der meisten dieser ‚Flüchtlinge'. Die meisten sind faul und kommen doch nur nach Europa, um sich hier vom Sozialstaat finanzieren zu lassen, nicht um sich ihr Geld auf ehrliche Weise zu verdienen. Natürlich gibt es unter ihnen auch gute Menschen, die einfach nur ein besseres Leben führen wollen, und gegen die habe ich rein gar nichts. Aber sie gehören unter den Massen zu der deutlichen Minderheit. Drittens liegt es den muslimischen Immigranten kein bisschen daran, sich der europäischen Kultur anzupassen und es bringt nichts, mich davon überzeugen zu wollen, dass es anders ist. Ich glaube, dass die meisten der Europäer genau wissen, dass es zu nichts Gutem führt, so vielen Flüchtlingen Unterkunft zu gewähren. Man muss also gar nichts dämonisieren, das haben sie bereits ganz alleine geschafft."

Endzeit-Stimmung auf Ubisofts Servern: The Division legt Stotter-Start hin

„Auch die Muslime müssen wir nicht dämonisieren, es reicht völlig aus, sich mal ihre heilige Schrift reinzuziehen, dann werden euch einige Dinge klar. Und glaubt bloß nicht der Leier nach dem Motto ‚es kommt auf die Interpretation an', das ist kompletter Schwachsinn."

Da haben wir's also. Nach dieser Erklärung kann IS Defense wohl kaum als etwas anderes als islamfeindlich angesehen werden. Und seit gestern ist das Game für Spieler weltweit auf Steam erhältlich. Valve sagte dazu, dass Steam eine offene Plattform sei und dass auch Hatred damals ohne Einschränkungen vertrieben wurde.

Rami Ismail, der die Hälfte des niederländischen Game-Studios Vlambeer (Nuclear Throne, Ridiculous Fishing) ausmacht, und der auf der letzten Game Developers Conference einen Vortrag über die Darstellung von Muslimen in Videospielen gehalten hat, schien nicht ganz so beunruhigt über IS Defense.

„Natürlich arbeitet das Spiel Ängsten und bestehenden Stereotypen in die Hände, die reale Leute betreffen, doch der offen und klar deklarierte Feind ist der IS, was wiederum bedeutet, dass der Begriff ‚Muslim' in der Beschreibung der Feinde gar nicht auftaucht", so Ismail in einer E-Mail an Motherboard. „Es mag komisch klingen, aber für mich ist das Spiel damit vielen anderen aktuellen Ego-Shootern um einiges voraus, in denen scheinbar davon ausgegangen wird, dass jeder, der im Mittleren Osten lebt, nur existiert, um den ‚heldenhaften' Amerikaner anzugreifen, selbst wenn es sich um eine amerikanische Invasion eines souveränen Staats handelt."

Gamer wüten, weil dieses Spiel sie dazu zwingen kann, als Frau weiterzuspielen

Tatsächlich ist der unangenehmste Aspekt an IS Defense, dass das Spiel seine Islamfeindlichkeit nur ein wenig krasser darstellt als extrem erfolgreiche Spiele wie Call of Duty. Hatred ging ebenso nur ein wenig krasser mit sinnlosem, willkürlichem Töten um als die meisten anderen Spiele, und ich vermute, dass genau das der Grund ist, weshalb Spielkritiker das Game damals so schnell verurteilt haben. Destructive Creations stellt andere Videospiele bloß, da es lediglich Dinge stärker betont, die in vielen anderen Spielen längst stattfinden und als völlig normal angenommen werden.

„Ich glaube, dass es in vielerlei Hinsicht keine ‚kontroverse' oder ‚mutige' Art ist, ein Spiel zu machen—es ist ein bereits fest bestehendes Genre, und es ist die wohl am meisten akzeptierte politische Perspektive, die man für ein Videospiel wählen kann", sagte Ismail. „Es ist ein typisch westliches, anscheinend aus rein westlicher Perspektive gespieltes, auf der westlichen Games-Geschichte basierendes und auf den Ängsten der westlichen Entwickler aufbauendes Spiel."


„Wenn mir an IS Defense irgendetwas besonders auffällt, ist es eher, dass es ziemlich beeindruckend aussieht."

Tagged:
Tech
Motherboard
Islam
IS
Steam
hatred
PC
Kultur
flüchtlinge
Muslime
egoshooter
Rami Ismail
Destructive Creations
motherboard show
islamophobie
is defense