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Shadow Warrior 2 ist das beste und dümmste Shooter-Spiel des Jahres zugleich

Das neue Spiel von Flying Wild Hog Games bietet erstklassigen Egoshooter-Spaß—daran kann auch die sprücheklopfende Hauptfigur nichts ändern.

von Emanuel Maiberg
18 Oktober 2016, 5:00am

Bild: Devolver

Sanftes Mondlicht fällt in einen von Kirschblüten eingerahmten Innenhof, erleuchtet Pagoden und Gegner, die wie die Kritzeleien eines 14-Jährigen wirken: Cyborg-Ninjas, Riesenspinnen und Raketen-werfende Mechs.

Ich springe hoch in die Luft und lande mitten im Geschehen, hacke mir mit einem elektrischen Katana den Weg frei und umkreise dann die verbleibenden Gegner—vielen von ihnen fehlen inzwischen Gliedmaße–während ich Munition, die für einen ganzen Weltkrieg reichen würde, auf sie abfeuere. Es ist eine einzige Melange aus Explosionen und Blut, bis auf einmal nichts mehr zum Abknallen übrig bleibt und der Innenhof sich in ein Schlaraffenland voller Upgrades verwandelt: Neue Waffen, neue Kräfte und andere Goodies, die das nächste Zusammentreffen zu einer noch chaotischeren und groteskeren Macht-Fantasie machen werden.

Shadow Warrior 2 ist eines der dämlichsten, aber gleichermaßen unterhaltsamsten Spiele, die ich dieses Jahr gespielt habe. Doom hat Anfang des Jahres bereits unter Beweis gestellt, dass es sich lohnt, das Egoshooter-Genre wieder auf seine Essenz zu konzentrieren: Volle Konzentration auf das Ballern und das ständige In-Bewegung-Bleiben durch eine blutige Ego-Shooter Welt. Ihr wollt eine Geschichte? Dann lest ein Buch. Wo die spannenden Rätsel bleiben? Nein, danke, ihr Nerds. Shadow Warrior 2 treibt diese Philosophie auf die Spitze. Es wirkt beinahe so, als ob die polnischen Entwickler von Flying Wild Hog Games es sich zur Aufgabe gemacht hätten, ein Spiel mit der größtmöglichen psychopathischen Fixierung aufs Schießen und Töten zu entwerfen—und obwohl das nicht gerade die kreativste Idee ist, haben sie diesen Plan knallhart durchgezogen.

Bild: Devolver

Das Ergebnis ist gewaltig. Alles in allem ist Doom trotzdem das bessere Spiel—eine gut durchdachte, perfekte Hommage an das kulturelle Phänomen, das Egoshooter-Spiele in den Neunziger Jahren zu dem machte, was sie sind. Jede Waffe und jeder Gegner in Doom greifen ineinander und formen zusammen den brutalen Rhythmus, der immer schneller wird, bis am Ende alles in die Luft fliegt. Es gibt nichts an dem Spiel auszusetzen. Shadow Warrior 2 arbeitet mit den gleichen Mitteln, und die Stellen, in denen es weniger gut durchdacht ist oder über weniger kreative Waffen und Gegner verfügt, macht es durch seine Größe und Bombastik wett.

Das Spiel hat in der Tat einiges zu bieten: Dutzende Waffen, die alle mit zusätzlichen Schuss- oder Feuereffekten aufgewertet werden können. Man kann die Spielfigur dank spezieller Kräfte 140 km/h rennen oder haushoch springen lassen. Es gibt eine ganze Reihe an Zaubersprüchen, mit denen man Gegner auf Pfählen aufspießen oder von Klippen stürzen kann.

Einen süchtig-machenden Vorteil bietet Shadow Warrior 2 durch den stetigen Fluss an Belohnungen, die wie bei Diablo oder Borderlands farbcodiert sind. Zum einen macht es Spaß, ununterbrochen Gegner zu zerstören. Außerdem bietet es einen zusätzlichen Reiz, die Goodies einzusammeln und ihre Wirkung im nächsten Kampf auszutesten.

Shadow Warrior 2 vereint somit alle Elemente, die die Gegner von Egoshootern hassen und Egoshooter-Fans lieben. Würde Shadow Warrior 2 sich einfach auf sinnlose Schießereien beschränken, würde ich es uneingeschränkt empfehlen.

Bild: Devolver

Aus unerklärlichen Gründen haben sich die Macher von Shadow Warrior 2 jedoch in den Kopf gesetzt, auch eine Art Geschichte erzählen zu wollen—haben dafür aber leider nicht die besten Voraussetzungen. Shadow Warrior 2 und Shadow Warrior aus dem Jahr 2013 sind Neuauflagen des Originals von 1997, ein Egoshooter ganz im Sinne vom bekennend belanglosen Duke Nukem 3D. Die Spiele sind sich sehr ähnlich, aber anstatt die Rolle des Zigarren rauchenden, frauenfeindlichen amerikanischen Dukes anzunehmen, schlüpfen Spieler in Shadow Warrior in die Rolle eines Ninjas namens Lo Wang.

Das größte Problem des Spiels ist vermutlich genau jene Hauptfigur: Ungefähr die Hälfte seiner Äußerungen sind schlechte Witze, die Lo Wang in einem künstlichen japanischen Akzent zum besten gibt—und der Ninja hat einfach viel zu viel zu sagen. Das beschränkt sich nicht nur auf coole Sprüche beim Dämonen-Köpfen, sondern auch auf ausführliche Dialog-Sequenzen zwischen den Missionen, die man glücklicherweise überspringen kann. Im besten Falle kann man das als große Zeitverschwendung bewerten, die leider all die Aspekte, die Shadow Warrior 2 zu einem großartigen Egoshooter machen, wieder zunichte macht.

Zum Glück kann man Wangs Kommentare sehr leicht ignorieren, was ich jedem empfehlen würde. Denn auch der sprücheklopfende Ninja kann nicht verhindern, dass es sich bei dem Game um eins der besten Shooter-Spiele des Jahres handelt, das für weniger als 40 Euro auf Steam, Xbox One und PlayStation 4 zu haben ist.