En vogue trotz schmalen Budgets – so funktioniert's

"Ich besitze vielleicht noch keinen Ausweis oder Papiere, aber mit meiner Kleidung sage ich: 'Das bin ich, Abdoullaye!'"
29.5.17

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie 'Neue Nachbarn', in der junge Geflüchtete aus ganz Europa Gastautoren auf VICE.com sind. Lies hier das Editorial dazu.

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Abdoullaye ist 17 Jahre alt und stammt von der Elfenbeinküste. Derzeit lebt er in einem Flüchtlingszentrum im italienischen Palermo.

Meiner Meinung nach benötigt jeder Tagesabschnitt ein eigenes Outfit. Deswegen ziehe ich mich auch mindestens dreimal täglich um. Vormittags trage ich einen auffälligen, bunten Anzug – beispielsweise eine grüne Hose mit weissen Jackett. Nachmittags steht dann etwas Verspieltes auf dem Programm, etwa ein Beret in Verbindung mit einer Camouflage-Jacke. Und Abends ist schliesslich ein richtiger, zusammenpassender Anzug an der Reihe. Hüte und Fliegen gehen als Accessoires übrigens immer.

Zwei Mitarbeitern des sizilianischen Flüchtlingszentrums, wo ich lebe, ist meine Leidenschaft für Mode aufgefallen und eines Nachmittags fragten sie mich, ob ich für ein Shooting in meinen eigenen Klamotten bereitstehen würde. Das war natürlich nichts Professionelles, aber ich hatte trotzdem richtig viel Spass. Und mir wurde dabei bewusst, dass ich Model werden will.

Ein smartes und gepflegtes Äusseres ist meiner Meinung nach der beste Weg, sich vorzustellen. Im Umfeld meines vorübergehenden Zuhauses erkennt man mich sofort. Ich bekomme auch immer Komplimente. Die Leute sind nett zu mir und nennen mich "beddu" – das sizilianische Wort für "hübsch". Das kommt jedoch nicht von alleine. Nein, dahinter steckt harte Arbeit und Durchhaltevermögen. Denn wenn du dich trotz schmalen Budgets modisch kleiden willst, dann musst du ein paar Regeln beachten.

Alle Fotos: Francesco Faraci

Zuallererst solltest du wissen, wo es günstige, qualitativ hochwertige und stylishe Klamotten gibt. Noch wichtiger ist es allerdings, sich selbst zügeln zu können und sich nicht zu Impulskäufen verleiten zu lassen. Auf nette Art und Weise zu handeln, ist ein Muss. Du kannst dein Wunschobjekt auch gerne erstmal liegen lassen und genau darüber nachdenken, ob es sein Geld wirklich wert ist. Halte ausserdem immer nach Alternativen Ausschau.

Ich bin stolz auf meine Garderobe. Für mich ist sie etwas Besonderes, denn ich bin erst 17 und besitze nicht viel Geld. Daraus habe ich unter diesen Umständen das Beste gemacht. Die meisten meiner Klamotten habe ich hier auf dem beliebten Ballarò-Markt mitten in Palermo gekauft. Dort findet man richtig viel Second-Hand- und Vintage-Kleidung und ich nehme für wenig Geld immer irgendetwas Cooles mit nach Hause. Einmal habe ich zum Beispiel einen wunderschönen Dreiteiler für fünf Euro entdeckt. So wächst meine Garderobe immer weiter.

Meine Fashion-Leidenschaft entwickelte sich, als ich meiner Mutter bei der Arbeit zugeschaut habe. Sie leitet in meiner Heimat, der Elfenbeinküste, eine kleine Färberei. Ich liebte damals die ganzen Farben und ich stehe auch heute noch total darauf, bunte Kleidung zu tragen. Für mich ist das Kombinieren von bunten Farben eine Kunst. Je mehr bunte Farben, Formen und Styles in meiner Garderobe, desto mehr und schönere Kunst kann ich mit meiner Kleidung erschaffen. Die dritte Regel lautet deshalb: Du musst lernen, deine Kleidungsstücke so zusammenzustellen, dass dein Outfit grösser wird als die blosse Summe der Teile.

Ich bin ein aufmerksamer Beobachter. Trotzdem hole ich mir meine Inspiration nicht von einer bestimmten Quelle. Ich folge zum Beispiel keinen Models und lese auch keine Fashion-Magazine oder -Websites. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich da anfangen sollte. Ich bin ja noch nicht so lange in Europa und in meiner Heimat gibt es sowas nicht. Mir liegt Mode einfach irgendwie im Blut.

Mir geht es aber nicht nur um die Ästhetik oder um Macht. Mein Fokus liegt darauf, hervorragend auszusehen, mein Umfeld zu respektieren und selbst respektiert zu werden. Bei Style und Eleganz ist es nämlich genauso wichtig, wie man auftritt. Wenn man sich gut kleidet und selbstbewusst wirkt, wird einem viel mehr Respekt entgegengebracht.

Genau das versuche ich auch immer, meinen Freunden zu erklären. Sie fragen mich oft, was sie anziehen sollen und welche Kleidungsstücke zusammenpassen. Ich helfe gerne und deshalb ist es auch kein Problem für mich, meine Klamotten auszuleihen – so lange ich sie wiederbekomme. Meine Garderobe ist mir nämlich extrem wichtig. Deshalb darf nichts abhanden kommen. Um dich modisch zu kleiden, müssen dir deine Klamotten sehr am Herzen liegen. Ansonsten musst du dir immer wieder neue Sachen kaufen.

Ich würde liebend gerne eine Zeit lang als Model arbeiten. Ich mag es, vor der Kamera zu stehen. Als wir die Fotos für diesen Artikel schossen, habe ich bewusst den Ballarò-Markt als Location ausgesucht. Dort kenne ich viele Händler und alle sind total nett. Das war sowieso eine der ersten Sachen, die ich über Sizilien gelernt habe: Die Menschen hier sind offenherzig und freundlich.

Beim Shooting wollten einige Leute mitmachen: Ladenbesitzer haben die Rollläden nach oben gezogen, Händler haben mir Klamotten geliehen und Kartenspieler sowie die Maler vor Palermos Kathedrale haben sich als Statisten zur Verfügung gestellt. Ich hatte unglaublich viel Spass und meiner Meinung nach sind die Bilder richtig gut geworden. Sobald ich meine Papiere habe, will ich nach Mailand ziehen. Dort befinden sich viele Modelagenturen, von denen mich eine hoffentlich unter Vertrag nimmt.

Wenn du als Migrant auf deine Dokumente wartest, dann hast du viel freie Zeit, in der du nicht wirklich etwas machen kannst. Nur warten. Du darfst dich nicht zu sehr in dieser Zeit verlieren. Wenn du nämlich davon ausgehst, ein Niemand zu sein, dann wird es dir auch schnell egal, was du tust. Und so gerätst du auf die schiefe Bahn.

Deswegen will ich mit meiner Kleidung meine Persönlichkeit ausdrücken. Ich besitze vielleicht noch keinen Ausweis oder Papiere, aber mit meinem Style sage ich: "Das bin ich, Abdoullaye!" Somit sind wir auch bei der fünften Regel des modischen Bewusstseins mit schmalem Budget angekommen: Mach es vor allem für dich selbst.

Unterschreibe hier die Petition des UNHCR, die Regierungen dazu aufruft, eine sichere Zukunft für alle Flüchtlinge zu garantieren.

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