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Politik

Auf einen Tee mit den Taliban

Chai wird nicht nur in hippen Berliner Cafés getrunken. Laut der Soldatin Emma Dutton hilft er auch bei Verhandlungen mit fundamentalistischen Rebellen in Afghanistan.

von Christobel Hastings
16 März 2016, 1:26pm

Emma Dutton with the pet cat on camp. Photo courtesy of Emma Dutton

Flight Lieutenant Emma Dutton steht auf Ungewöhnliches: Arthaus-Filme, Kampfsport und Tough-Mudder-Rennen mit Freunden. Oder eine Teestunde mit den Taliban.

Letzteres hat sie zumindest mit Mitte 20 gemacht, als sie auf verschiedenen kräftezehrenden Einsätzen auf einem Militärstützpunkt inmitten der Wüste Kandahars stationiert war. Bereits mit 23 sammelte Emma ihre ersten militärischen Erfahrungen als Engineering Officer in der britischen Luftwaffe. Ihr unterstanden 46 Männer und Frauen.

Nach dem Einmarsch der USA in Afghanistan hat sie bei fünf Einsätzen insgesamt sieben Jahre in dem kriegszerrütteten Land verbracht. Ein Einsatz als Ingenieurin, die anderen vier als Spezialistin für nachrichtendienstliche Aufgaben: In enger Zusammenarbeit mit den Afghanen hat sie Informationen gesammelt, die den Streitkräften der Alliierten und der Afghanen, aber auch der lokalen Bevölkerung das Leben gerettet haben. Für ihre Dienste erhielt sie im Mai 2015 einen Verdienstorden von der Queen höchstpersönlich: den „Member of the Most Excellent Order of the British Empire" (MBE).

Während ihrer militärischen Laufbahn hat sie sich mit Mitgliedern der Taliban unterhalten, der islamistisch-fundamentalistischen Bewegung, die große Teile Afghanistans unter Kontrolle hatte. Sie wollte so den NATO-Einsatz der ISAF-Truppen unterstützen und dieses unrechtmäßige Regime bekämpfen. Ihre Geschichte und ihre Erfahrungen werfen ein neues Licht auf den immer noch andauernden Krieg in Afghanistan abseits der üblichen Schlagzeilen in den Medien und der Reden der Politiker.

Hi Emma. Wie bist du zum Militär gekommen?
Ich wollte eigentlich nie zur Royal Air Force. Das war eher ein Zufall. Als ich 17 war, habe ich mich auf den letzten Drücker für ein Militärstipendium für mein Studium angemeldet. Das Leben beim Militär hat mich irgendwie gereizt und die Luftwaffe bot an, mich zu unterstützen, wenn ich mich zum Engineering Officer ausbilden ließ. An der Militärbasis in Cranwell habe ich dann am Auswahlverfahren teilgenommen, die Tests bestanden und so mein Stipendium erhalten. An der Uni ist man zwar wie ein normaler Student eingeschrieben, aber irgendwie auch ein Reservist: Man muss zu bestimmten Trainings und zu Expeditionen ins Ausland. Ich habe da tolle Sachen erlebt: Ich war Teil der ersten Hilfsmission nach der Tsunami-Katastrophe in Indien 2004, habe Tauchen und Fallschirmspringen gelernt und war auch einen Monat in Tansania, um dort ein Waisenhaus zu bauen. Nach dem Studium muss man dann eine bestimmte Anzahl an Jahren beim Militär dienen.

Meine Offiziersausbildung habe ich mit 21 begonnen, nach 18 Monaten hatte ich bei meinem ersten Einsatz eine 46-köpfige Staffel unter mir. Die meisten waren Männer, fast alle älter als ich. Bei meinem ersten Afghanistan-Einsatz hatte ich ein 15-köpfiges Team. Für eine 23-Jährige in ihrem ersten richtigen „Job" übernahm ich damals enorme Verantwortung und irgendwie hab ich es geschafft, den Karren nicht gegen die Wand zu fahren.

Emma Dutton vor dem Tower auf dem Landeplatz von Camp Bastion in Afghanistan. Foto mit freundlicher Genehmigung von Emma Dutton

Wie bist du von der Arbeit als Ingenieurin zu einem nachrichtendienstlichen Job gekommen?
Bei einem Afghanistan-Einsatz war ich als Engineering Officer dabei und das hat mir wirklich Spaß gemacht. Zum Glück hatte ich eine für meinen Dienstgrad interessante Funktion zugeteilt bekommen. Nach dem Einsatz wusste ich, dass ich ein neues Ziel brauchte. Ich wollte in einer spezifischeren Funktion arbeiten und die Möglichkeit, durch gezielte Informationsbeschaffung Leben zu retten, klang vielversprechend. Meine Zeit als Engineering Officer war wirklich toll und ich hatte das Gefühl, einen Beitrag leisten zu können, aber ich konnte nicht wirklich das Leben der Menschen verändern. Afghanistan hat mich seit jeher fasziniert, seine reichhaltige Kultur und Geschichte. Außerdem mochte ich es schon immer, Menschen zuzuhören und mit ihnen richtig in Kontakt zu treten, also hab ich mich für diese neue Position entschieden. Im Juni 2010 hab ich mich für das Auswahlverfahren angemeldet, im September das Training abgeschlossen und im Januar 2011 war ich in meiner neuer Rolle in Afghanistan.

Einige der Personen, die ich befragt habe, haben noch nie eine Frau gesehen, die nicht komplett verhüllt war, außer vielleicht ihre Mutter oder ihre Schwestern. Schon gar nicht eine westliche Frau.

Wie war der Kontakt mit den Taliban?
Das war natürlich etwas Neues, so als Frau. Einige der Personen, die ich befragt habe, haben noch nie eine Frau gesehen, die nicht komplett verhüllt war, außer vielleicht ihre Mutter oder ihre Schwestern. Schon gar nicht eine westliche Frau. Ich glaube, für sie waren Frauen wie ich eine Art „drittes Geschlecht": Wir waren weder Männer, noch Frauen, sondern irgendwas dazwischen. Außerdem wussten sie, dass wir gebildet waren. Dafür haben sie uns respektiert. Mein Geschlecht war also ein Vorteil, denn dadurch hatten sie andere Erwartungen. Das konnte man sich in den Gesprächen zunutze machen.

Durch die Gespräche mit den Taliban konnte ich Beziehungen zu Menschen aufbauen—manchmal über Monate hinweg—, die komplett ideologisch indoktriniert waren, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Wenn man eine Verbindung zu Menschen aufbauen will, beginnt man mit grundlegenden Ritualen und man versucht, der Person ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Dann kann man dazu übergehen, verschiedene Einstellungen oder Ansichten zu diskutieren und ihr Verhalten zu beeinflussen.

Jeder Afghane, mit dem du sprichst, ist irgendwie vom Krieg betroffen, körperlich oder anders. Aufgrund der Kriegstraumata und -tragödien hat das Land ein großes Problem mit psychischen Störungen.

Das einleitende Ritual bei den Afghanen ist eine Tasse Chai und Small-Talk. Die Kunst dabei ist es, eine gute Atmosphäre zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und die Beziehungsleiter hinaufzuklettern, sodass sie am Ende Informationen preisgeben. Dabei sollte man aber direkte Fragen vermeiden, die das Gegenüber einschüchtern oder verärgern könnten. Die eigene Persönlichkeit und bestimmte Beeinflussungstechniken (die ich mit meinen Kollegen bei AIT jetzt an andere vermittle) sind hier entscheidend. Man konnte sehen, welchen Einfluss unsere Informationen hatten, denn am Ende konnten wir so Großbritannien, die Alliierten und auch die Zivilbevölkerung schützen. Das ist schon eine große Sache.

Viele der Afghanen, mit denen ich gesprochen habe, waren aktive Aufständische und verantwortlich für den Tod von Zivilisten und ISAF-Soldaten. Teilweise waren das die klügsten, witzigsten und freundlichsten Leute, die ich in meinem Leben je getroffen habe. Ihre Geschichten waren manchmal echt tragisch: Sie hatten keine richtige Chance im Leben bekommen oder wurden gezwungen oder erpresst, diese Gräueltaten zu verüben. Einige von ihnen kannten nur eine bestimmte Art des Islam. Andere wurden misshandelt oder haben die Madrasa eigentlich nie verlassen. Für einige war es etwas vollkommen Neues, dass sich jemand für sie interessiert hat. Es ist schon interessant zu sehen, was passiert, wenn man durch Konversation eine Bindung aufbaut.

Emma Dutton und ein Eurofighter-Typhoon-Jet bei einer Übung in Großbritannien. Foto mit freundlicher Genehmigung von Emma Dutton.

Welche Herausforderungen gab es bei deinen Gesprächen mit den Taliban?
Hier bei uns ist es so: Wenn jemand ein Verbrechen oder eine Straftat begeht und es dafür Beweise gibt und man demjenigen dann die Beweise logisch aufzeigt, dann verstehen die Leute das Problem. Die afghanische Kultur beruht auf Gastfreundschaft, Ehre und anderen, schwammigeren Konzepten. Da hilft dann keine Logik. Selbst wenn du weißt, dass dich jemand angelogen hat und du ihnen mit logisch nachvollziehbaren Argumenten wie Fingerabdrücken auf einem USBV oder DNA-Spuren oder einer Tatwaffe beweisen kannst, dass du die Wahrheit kennst, bringt das nichts.

Ich sehe drei Herausforderungen bei dem Thema. Zunächst einmal zu wenig Bildung (NICHT zu wenig Intelligenz). Dadurch kann es Stunden dauern, bis man ihnen so etwas Abstraktes wie die DNA erklärt hat. Zweitens: Logik ist nicht Teil der Kultur. Dadurch entsteht eine fatalistische Grundeinstellung und man sieht den Willen Gottes als einzige Grundlage für jede Handlung an. Drittens: die Psyche der männlichen Paschtunen. Für sie ist es unehrenhaft zu lügen. Selbst wenn du also weißt, dass sie gelogen haben, und sie das auch wissen, musst du ihnen andere Möglichkeiten geben, die Wahrheit zu sagen. Wenn du sie der Lüge bezichtigst, verlieren sie ihren Respekt für dich. Sie würden sowieso nie direkt eine Lüge zugeben und so nimmst du ihnen die Möglichkeit, das vielleicht noch über Umwege zu tun. Im Ergebnis verändert sich ihre Einstellung dann überhaupt nicht.

Hat deine Erfahrung beim deine Lebenseinstellung verändert?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das Leben einfach unfair ist. Oft ist es so, dass Menschen einfach schreckliche Dinge tun, nur weil sie zufällig in einem bestimmten Teil der Welt in eine bestimmte Familie, Kultur und in bestimmte Umstände hineingeboren wurden. Da gibt es kein Schwarz-Weiß-Denken, kein Gut und Böse. Einige der Taliban sind im Grunde vielleicht fürsorgliche Väter, die einfach nur ihre Familie unterstützen möchten und für ihre Kinder etwas zum Anziehen haben wollten. Unsere Aufgabe war es aber nicht, erzieherisch oder anklagend zu sein. Und schon gar nicht zu urteilen. Wir wollten zuhören und mit den Menschen reden und so durch den Aufbau von Beziehungen an lebensrettende Informationen kommen, die sie in ihren Köpfen versteckt hatten.

Insbesondere die Geschichten der afghanischen Frauen haben mich sehr mitgenommen, auch wenn ich nur ein paar von ihnen getroffen habe. Nur wenige Gruppen wurden in letzten 30 Jahren ähnlich schlecht behandelt. Afghanen unter 45 werden sich an nichts anderes als den Krieg erinnern. Die Zeichen des Krieges sind überall im Land sichtbar. Jeder Afghane, mit dem man spricht, ist irgendwie vom Krieg betroffen, körperlich oder anders. Aufgrund der Kriegstraumata und -tragödien hat das Land ein großes Problem mit psychischen Störungen. Das liegt nicht nur am letzten Afghanistan-Krieg, sondern auch daran, dass Afghanistan in den letzten Jahrzehnte, ja Jahrhunderten, immer wieder Schauplatz von Stellvertreterkriegen war.

Was hat dir deine Militärlaufbahn für die Zukunft gebracht?
Ich bin unglaublich belastbar geworden. Das hätte ich in der normalen Berufswelt nicht geschafft. Die Arbeitsmoral, Demut und Integrität beim Militär sind einzigartig. Jetzt fühle ich mich, als könnte mich nichts im Leben aufhalten. Meine Limits sind ganz anders gesteckt: Viele wurden nicht so wie ich gezwungen, an ihre Grenzen zu gehen bzw. kennen ihre Grenzen gar nicht. Ohne Zweifel: Meine Zeit beim Militär hat mein Leben nachhaltig beeinflusst und mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.