Sex

Zu Besuch in einer Fabrik für männliche Sexpuppen

Die Erfinder des "Vajankles" stellen ab sofort fast lebensgroße, detailgetreue Sexpuppen für Frauen her. Wir haben ihnen einen Tag lang dabei zugesehen.

von Mitchell Sunderland
27 März 2016, 5:15pm

Photos by Amy Lombard

An der Rezeption eines kleinen Büros abseits von Downtown Los Angeles sitzt eine frauengleiche Figur an einem alten Desktop-PC; ihr Schreibtisch steht neben einem Regal, das vollgestopft ist mit Perücken und den detailgetreuen Abbildungen von Hintern. Obwohl sie auf den ersten Blick fast menschlich aussieht, ist sie in Wahrheit ein sogenannter Manikin, eine lebensgroße, anatomisch korrekte Sexpuppe, die dort am Eingang von Sinthetics platziert wurde—der Firma, die im letzten Sommer mit dem „Vajankle" für eine virale Sensation unter den Sexspielzeugliebhabern gesorgt hat.

„Das ist ein ziemlich teures Fickvergnügen", sagt Bronwen Keller, Inhaberin von Sinthetics.

Alle Fotos: Amy Lombard

Nachdem sie einige Jahre für Sinthetics gearbeitet haben, haben Bronwen und ihr Mann Matt die Firma im letzten Jahr gekauft. Sie sehen aus wie das perfekte Paar. Als ich im Büro ankomme, trinken sie gerade beide Arizona-Eistee und essen Sandwiches. Matt trägt Kargohosen und hat sein schütteres Haar zu einem Irokesen gestylt. Bronwen trägt eine glitzernde Strähne im Haar.

Sinthetics ist am besten bekannt für den Vajankle—ein Silikonfuß mit einer eingebauten Vagina im Knöchel. Bronwen zeigt mir einen, auf dem Ron Jeremy unterschrieben hat. Die Geschichte hinter dem viralen Hype ist ziemlich einfach, erklärt sie mir: Nachdem ihnen ein Kunde eine Anfrage für einen fickbaren Fuß geschickt hatte, produzierte Sinthetics einige Vajankle. Laut Bronwen hat ein User auf Reddit darüber geschrieben und dadurch eine virale Lawine losgetreten.

2016 möchte Sinthetics mit Sexpuppen für Frauen einen weiteren Coup landen. Zunächst haben die Kellers die männlichen Sexpuppen nur für schwule Kunden designt, so Bronwen. „Der Markt für homosexuelle Männer war eher unterrepräsentiert", erklärt sie. Dann hat eine Frau eine solche Puppe gekauft und Sinthetics entschied, den Mann aus Silikon speziell für Frauen herzustellen. Nun werden sie sehen, ob Frauen das Stigma, mit dem Sexpuppen behaftet sind, überwinden können. Das Risiko ist es ihnen wert. Aber sie widmen sich den Sexpuppen auch aus weitaus persönlicheren Gründen: „Dieses Projekt ist eine echte Leidenschaft", sagt Bronwen.

Matt gestaltet jede Sexpuppe nach den persönlichen Wünschen des Kunden. Wie die meisten Leute in der Sexindustrie hatte auch Matt eigentlich andere berufliche Pläne. Eigentlich ist er gelernter Industriedesigner. Fast zehn Jahre lang hat er in den „Halloween-Industrie" gearbeitet und dort lebensgroße Horrorfiguren entworfen—was er sehr gern gemacht hat. „Das war wirklich High-End", erklärt Matt. Doch dann, so sagt er, hätte sein Arbeitgeber angefangen, die Produktion nach China auszulagern und die Sachen an Wall-Mart zu verkaufen. Aus Matts handgemachten Kunstwerken wurde serienmäßig hergestellter Müll; also kündigte er.

Ein Freund empfahl ihn bei einer Firma, die Sexpuppen herstellte. Er nahm den Job an und verliebte sich in seine Arbeit—hochwertige, maßgeschneiderte Figuren zum Lieben und Ficken. „Wir hatten bereits Kunden, die sagten, die Puppen hätten ihr Leben gerettet", erzählt er. Einmal, so Matt, bekam ein Kunde die Diagnose einer unheilbaren Krankheit und kaufte sich eine Puppe für die letzten verbleibenden Monate seines Lebens. Heute, zehn Jahr später, lebt er immer noch. „Er hat noch eine weitere Puppe gekauft und möchte mit den beiden beerdigt werden", sagt Matt. „Manche Kunden kaufen sich eine Puppe, weil sie so allein sind oder Asperger haben", fügt Bronwen an.

Für sie war der Aspekt des Kundenservices der Grund, weshalb sie sich in ihren Job verliebt hat. „Mich haben die Leute interessiert", sagt Bronwen. Aufgeregt erzählt sie mir davon, dass Kunden Fotos von ihnen und ihren Sexpuppen machen und online Fotowettbewerbe organisieren. Angefangen hat sie damals mit dem Job, als Matt—damals noch ihr Freund—eine Sekretärin brauchte, um seine E-Mails zu beantworten. Jetzt führen die beiden das Geschäft gemeinsam.

Während meines Besuchs schwärmt Bronwen von Matts Können. Während wir durch das Büro laufen, lacht sie und zeigt mir einige Silikonmänner, an denen er gerade arbeitet. In einem grauen Raum mit Wänden aus Zement, der an eine Künstlervereinigung aus der Renaissance erinnert, hängen Sexpuppen an Ketten von der Decke. „Der eine ist ein Surfer", sagt sie und zeigt auf einen der Männer. „Er kriegt Sommersprossen." Sie streicht mit dem Finger über eine Vene auf einer der Figuren.

Die Venen sehen ziemlich realistisch aus; Matt verwendet dafür Gipsabgüsse von Penissen und Füßen und verbringt Stunden damit, die menschliche Anatomie zu studieren. Einmal, erinnert sich Bronwen, hatte er Schwierigkeiten damit, die exakte Distanz zwischen Hodensack und Damm darzustellen. „Matt ist ziemlich zwanghaft", sagt sie. „Er sieht nur die Fehler." Er hat massenhaft Bücher gewälzt, aber nirgendwo war die genaue Distanz beschrieben, also ging es in einen Sexshop, zog ein Pornoheft aus dem Regal und fand das perfekte Vorbild.

Die Penisse kommen von den Kunden und Kundinnen. Bronwen mailt potenziellen Kunden kleine kugel- oder herzförmige Silikonproben, damit sie sich vorstellen können, wie es sich anfühlen wird, die Sexpuppe zu vögeln. „Das lässt sich in einer E-Mail einfach nicht beschreiben", sagt Bronwen. Einige Kunden haben nach Sexpuppen mit kleinen Penissen gefragt, jedoch durfte Matt bisher leider von keinem nicht so gut ausgestatteten Herren einen Abdruck anfertigen.

„Wir sind auf der Suche nach kleineren Dingern", sagt Bronwen.

Das Paar hat ihr Produkt an die weiblichen Bedürfnisse angepasst. Matt fertigt Männer aus Silikon für schwule Kunden, die bis zu 50 Kilo wiegen und 1,75 Meter groß sind, aber Bronwen sagt, weibliche Kunden benötigten kleinere Puppen. „Stell dir einen sehr großen Mann vor, den du tragen und sauber machen musst", sagt sie. „Ein schreckliches Stigma (das Sexpuppen anhaftet) ... Niemand würde seine Freundin anrufen, um sie zu fragen, ob sie ihr helfen kann, ihr Puppe irgendwo hinzutragen."

Während zudem viele Leute der Meinung sind, bei den Produkten von Sinthetics und anderen ähnlichen Firmen handle es sich um unheimliche Sexpuppen für glatzköpfige, fette Männer, bestehen Matt und Bronwen darauf, dass die Leute tatsächlich eine richtige Beziehung zu ihren Puppen aufbauen. Um dieses negative Image etwas aufzupolieren, nennt Sinthetics seine Produkte im Marketing nicht mehr Sexpuppen sondern „Manikins".

Matt sagt, er sei nicht sicher, ob die Sexpuppen bei Frauen genauso gut ankommen wie bei homo- und heterosexuellen Männern, aber bisher hat sich jedes Risiko am Ende ausgezahlt: Matt hätte zum Beispiels auch niemals erwartet, dass der Vajankle ein solcher Verkaufsschlager wird. In ihrem Büro sehe ich unzählige Behälter voller Penisse, bereit an einen Manikin angebracht zu werden.

„Wir verkaufen eine Menge Schwänze", sagt Bronwen.

Die Penisse gibt es in verschiedenen Formen und Farben. Bronwen hält eine große Tüte voller riesiger Penisse hoch und erzählt, dass einer davon nach Matts Schwanz modelliert wurde. Welcher verrät sie aber nicht.

„Damit es noch realistischer wirkt", sagt Matt, hat er spezielle Bälle gestaltet, die in den Hodensack eingesetzt werden, sodass die Kunden den Hoden auch drücken können. Er hat jedoch noch keine Möglichkeit gefunden, um die Vorhaut realistisch nachzustellen, sodass sie vor und zurück über den Schaft gleiten kann. Er merkt hierzu aber auch an, dass es generell schwierig ist, Penisse nachzustellen. Wenn Matt einen Abdruck von einem Penis macht, muss das Model eine Erektion haben—fast eine Stunde lang. Schon das ist fast unmöglich, aber wenn man zudem noch bedenkt, dass der Silikon kalt ist, es im Raum aber ziemlich heiß ist, dann braucht man schon einen echten Marathonläufer.

Wie ein Künstler im antiken Griechenland arbeitet Matt in einem separaten, ganz in weiß gehaltenen Raum stundenlang daran, die männlichen Puppen für die Kundinnen mit der Airbrushpistole zu bemalen. Um ihnen ein „markantes" Aussehen zu verleihen, muss er mehrere Farbschichten aufsprühen, sagt er. An den Wochenenden näht dann ein Mädchen stundenlang händisch die Körperbehaarung an die Puppen. Wie sich herausgestellt hat, sind die männlichen Puppen aufgrund ihrer stärkeren Körperbehaarung wesentlich aufwendiger herzustellen als die weiblichen.

Matt hat aus dem Herstellungsprozess eine echte Wissenschaft gemacht, trotzdem arbeiten er und seine drei Mitarbeiter daran, die Produktion der Silikonfiguren, die bis zu sechs Monate dauern kann, zu beschleunigen. Bronwen sieht die Zeit, die notwendig ist, um die Sexpuppen herzustellen, als Beweis dafür, wie hochwertig ihr Produkt ist. „Viele dieser mittelpreisigen Hersteller denken, sie wären High-End, was witzig ist, weil sie es nicht sind", sagt Bronwen und Matt stimmt ihr zu.

„Die sind Hersteller", sagt er. „Wir sind Künstler."